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Full text of "Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien; Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach den indischen Originalquellen, dargestellt von Richard Schmidt"

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in  2011  with  funding  from 

University  of  Toronto 


http://www.archive.org/details/fakireundfakirtOOschnn 


FAKIRE 


nnnnnnnnnnnnnnnn 


UND  nnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn 


nnnnnnnn 


FAKIRTUM 

IM  ALTEN  UND  MODERNEN 

INDIEN 


nnnnnnnnnnnnnnnnn 


Von  RICHARD  SCHMIDT 


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MIT  87  FARBIGEN 
ILLUSTRATIONEN 


Im  Verlage  von  Hermann  Barsdorf  in  Berlin  W.  30  erschien: 

LIEBE  UND  EHE  IM  ALTEN  UND 
MODERNEN  INDIEN,  o  l^^i,^!^,^,^: 

Von  RICHARD  SCHMIDT. 

Lexikon-Oktav.    571  Seiten.    Broschiert  Mk.  10.—.   Originalband  Mk.  11.60. 

INHALT: 
I.  PSYCHOLOGIE  DES  SEXUELLEN    IN  INDIEN.     IL  DIE  LIEBE  IN 
INDIEN.  III.  PHYSIOLOGIE  DES  SEXUALLEBENS  IN  INDIEN.  IV.  EHE 
UND  HOCHZEIT  IM  ALTEN  UND  MODERNEN  INDIEN.    V.  EMBRYO- 
LOGIE, SCHWANGERSCHAFT  UND  GEBURT.  VI.  DIE  PROSTITUTION. 

DAS 

KÄMASÜTRAM  DES  VÄTSYÄYANA 

DIE  INDISCHE  LIEBESKUNST  ^ 

NEBST   DEM  VOLLSTÄNDIGEN  KOMMENTARE  DES  YASODHARA. 

Aus  dem  Sanskrit  übersetzt  und  eingeleitet  von 

RICHARD  SCHMIDT. 

Dritte  verbesserte  Aufl.    500  Seiten.    Brosch.  Mk.  12. — ,  geb.  Mk.  14. — . 

Dasselbe:  Liebhaberausgabe  in  Quart,  nur  in  25  numerierten 
Exemplaren  gedruckt,  brosch.  M.  20. — ,  in  Pergt.  geb.  M,  30. — . 

INHALT: 
I.  ALLGEMEINER  TEIL.     IL  ÜBER  DEN  LIEBESGENUSS.  nnn 
III.  ÜBER  DEN  VERKEHR  MIT  MÄDCHEN.    IV.  ÜBER  DIE  VER- 
HEIRATETEN FRAUEN.     V.   ÜBER  DIE  FREMDEN  FRAUEN. 
VI.  ÜBER  DIE  HETÄREN.     VII.  DIE  UPANISAD  (GEHEIMLEHRE). 

Das  Kämasütram  ist -das  interessanteste  Werk  aus  der  ganzen  großen 
Sanskritliteratur  und  es  dürfte  kein  Erzeugnis  der  Weltliteratur  geben,  das 
so  wie  das  Kämasütram  den  engen  Rahmen  der  Indologie  sprengt  und  zu 
allen  Völkern,  auch  den  der  Rasse  nach  fremdesten,  seine  allen  verständliche 
Sprache  redet.  Es  führt  uns  den  Inder  in  aller  Intimität  der  Häuslichkeit  vor ; 
denn  der  Inder  war  von  jeher  gewöhnt,  auch  dd^s  Allzumenschliche  als  etwas 
ganz  natürliches  anzusehen,  dessen  man  sich  nicht  zu  schämen  braucht. 


Einband  -  Decken  zu  Schmidt,  Fakire  sind  k  Mk.  1. —  erhältlich. 
Jede  Buchhandlung  vermittelt  den  Bezug. 


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FAKIRE  UND  FAKIRTUM 

IM  ALTEN  UND  MODERNEN  INDIEN 


YOGA-LEHRE  und  YOGA-PRAXIS 

NACH  DEN  INDISCHEN  ORIGINALQUELLEN 


DARGESTELLT  VON 


RICHARD  SCHMIDT. 


MIT  87  ERSTMALIG  VERÖFFENTLICHTEN  REPRO- 
DUKTIONEN INDISCHER  ORIGINAL -AQUARELLE  IN 
FÜNFFARBIGEM   STEINDRUCK   UND  2  ABBILDUNGEN. 


BERLIN  W.  30.  1908. 

VERLAG  VON  HERMANN  BARSDORF. 


ALLE  RECHTE  VORBEHALTEN. 


Published  October  12,   1907 

Privilege  of  Copyright  in  the  United  States  reserved  under  the  Act  approved 

March  3,   1905  by  Hermann  Barsdorf 


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Druck  der  Spamerschen  Buchdruckerei  in  Leipzig. 


Vorrede. 

Vorliegendes  Buch  ist  in  Wahrheit  nichts  weiter  als  die 
Objektivation  des  Willens  meines  Verlegers.  Ich  persönlich 
stehe  dem  Fakirtum  in  Indien  und  seinen  Derivaten  in  Europa 
und  Amerika  so  ablehnend  wie  möglich  gegenüber,  und  nur  die 
Überzeugung,  hier  ein  besonders  rares  Kapitel  menschlicher 
Narrheit  vor  mir  zu  haben,  ließ  mich  auf  dies  Gebiet  mich  be- 
geben, um  wenigstens  die  größten  Tollkirschen  zu  pflücken. 
Liegt  es  an  der  Wunderlichkeit  der  Yogins,  daß  man  sich  so 
wenig  mit  ihnen  ernstlich  beschäftigt  hat?  Soeben  habe  ich  den 
ersten  Teil  von  Oltramares  Werk  über  die  indische  Theosophie 
zu  Gesicht  bekommen  (Annales  du  Musee  Guimet ;  Bibliotheque 
d'Etudes,  Tom.  XXIII),  die  erste  wissenschaftliche,  zusammen- 
fassende Arbeit  über  unsem  Gegenstand!  Sehen  wir  von  kurzen 
Darstellungen  in  Form  von  Einleitungen  zu  indischen  Text- 
ausgaben oder  zu  Übersetzungen  solcher  ab,  so  bleiben  nur  die 
Arbeiten  Garbes  und  das  recht  interessante  Werk  von  Oman, 
The  Mystics,  Ascetics  and  Saints  of  India.  A  Study  of  Sadhuism, 
with  an  Account  of  the  Yogis,  Sanyasis,  Bairagis,  and  other 
stränge  Hindu  Sectarians  .  .  .  London  1903.  Da  ich  gänzlich 
darauf  verzichten  mußte,  eigene  genauere  Untersuchungen  über 
den  Stoff  anzustellen,  und  nur  ein  für  das  den  rebus  Indicis 
femstehende  Publikum  berechnetes  Buch  schreiben  sollte,  habe 
ich  Omans  Ausführungen  oft  wortgetreu  übersetzt  und  bekenne 
gern,  ihm  sehr  viel  zu  verdanken;  und  da  ich  einmal  von  Ver- 
pflichtungen rede,  kann  ich  nicht  umhin,  auch  öffentlich  der 
großen  Liebenswürdigkeit  zu  gedenken,  mit  der  mich  Prof.  Dr. 
Garbe  unterstützt  hat.  Nur  so  ist  es  möglich  geworden,  meinem 
Buche  die  74  Abbildungen  (87  mit  den  Doppelbildern)  beizu- 
fügen, die  nach  den  in  seinem  Besitz  befindlichen,  ein  Unikum 
darstellenden  Originalillustrationen  zur  Gherandasamhitä,  einem 
Hauptwerke  über  die  Yogins,  reproduziert  sind.  In  Benares  1886 


—     IV     - 

von  ihm  erworben,  sind  diese  von  einem  Yogin  angefertigten 
Aquarelle,  die  hier  in  getreuem  Steindruck  vorliegen,  für  das 
Verständnis  des  Textes  von  großer  Wichtigkeit ;  ihre  Seltenheit 
aber  ist  nur  dazu  angetan,  ihren  Wert  noch  zu  erhöhen. 
Außerdem  verdanke  ich  Herrn  Prof.  Garbe  auch  noch  die  Be- 
nutzung von  Walters  grundlegender  Arbeit  über  den  Hathay- 
oga,  indem  er  mir  sein  Exemplar  dieses  gänzlich  vergriffenen 
Buches  für  längere  Zeit  zur  Verfügung  gestellt  hat. 

Meine  Hauptarbeit  und,  wenn  man  will,  mein  Verdienst 
besteht  in  der  Übersetzung  der  Gherandasamhitä  in  allen  ihren 
wichtigen  Stücken.  Nachdem  der  eben  genannte  Walter  die 
Hathayogapradlpikä  in  seiner  Dissertation  übertragen  hatte, 
schien  es  mir  förderlich  zu  sein,  dem  des  Sanskrit  unkundigen 
Leser  auch  einen  neuen  Text  zu  bieten,  der  gewiß  geeignet  ist, 
unsere  Kenntnis  vom  Wesen  des  Yoga  zu  vertiefen.  Ich  denke 
sicherlich  sehr  nüchtern  über  all  jene  Fakirkünste,  die  imstande 
sein  sollen,  dem  Adepten  übernatürliche  Kräfte  zu  verleihen, 
und  ich  sehe  in  den  allermeisten  Yogins  Tagediebe  und  Schwind- 
ler; aber  ich  verkenne  auch  durchaus  nicht,  daß  die  Yoga-Lehre 
und  Yoga-Praxis  die  Aufmerksamkeit  auch  noch  anderer  For- 
scher als  bloß  der  Sanskritisten  verdient.  In  so  bizarrer  Form 
auch  immer  jene  Weisheit  geboten  wird,  und  mit  wie  lächerlicher 
Prätension  ihre  Bekenner  sich  gehaben  mögen:  es  steckt  doch 
ein  Kern  darin,  um  dessentwillen  der  Erforscher  der  Geschichte 
des  Menschlichen  und  Allzumenschlichen  willig  die  harte  Nuß 
der  Verschrobenheit  knacken  wird.  Für  die  Geschichte  der 
Hypnose  z.  B.,  der  Autosuggestion  und  ähnlicher  modemer 
Praktiken  ist  die  Kenntnis  des  Yoga  unentbehrlich;  und  wer 
erkennt  nicht  in  so  manchen  Satzungen  der  Yogins  solche,  die 
unseren  Hygienikem  wieder  geläufig  sind?  So  vermag  selbst 
eine  so  abstruse  Lehre  wie  die  des  Yoga  die  interessantesten 
Streiflichter  auf  unsere  Zeit  zu  werfen;  ein  Nutzen,  den  ich  ganz 
besonders  betonen  möchte.  Wollen  moderne  Schwarmgeister 
ihre  Blöße  mit  altindischen  Lumpen  decken,  so  mag  ihnen  dies 
Vergnügen  gegönnt  sein.  Sie  beweisen  aber  damit,  daß  die 
indische  Gans  doch  noch  klüger  ist  als  sie,  die  es  bekanntlich 
versteht,  aus  einem  Gemisch  von  Milch  und  Wasser  die  Milch 
herauszufinden ! 


•—     V     — 

Als  neueste  Arbeit  über  die  Fakire  möchte  ich  in  diesem 
Zusammenhange  noch  die  beiden  Artikel  von  Gustav  Meyrink 
im  „März",  I,  8  und  i6  nennen,  weil  ihr  Verfasser  in  erfreuHcher 
Weise  gegen  den  Unfug  des  dermaligen  Okkultismus  Front  macht. 
Man  vergleiche  d^zu  seine  Bemerkung  p.  270,  es  sei  ,,ein  Kubik- 
kilometer  faules  Manna  in  Form  theosophischer  Litteratur  vom 
Himmel  gefallen";  oder  die  von  p.  271:  „Alle  AugenbHcke 
taucht  inner-  oder  außerhalb  der  theosophischen,  ,,talmi-rosen- 
kreuzerischen"  und  anderen  okkulten  Brüderschaften  ein  neuer 
Fatzke  auf  und  gibt  sich  für  einen  Initiierten  aus,  der  im  ,, Astral- 
reich" lesen  kann  und  Übungen  zum  Erwecken  magischer  Fähig- 
keiten zu  vergeben  hat.  Der  wahre  Guru,  der  gemeint  ist, 
kann  nun  aber  kein  gewöhnlicher  Mensch,  der  ißt,  trinkt  und 
verdaut  und  einen  Beruf  hat,  sein,  etwa  der  Herr  Emil  Kulike 
aus  Kyritz  an  der  Knatter  oder  sonstwer,  —  es  ist  darunter 
vielmehr  ein  ganz  anderer  zu  verstehen  ..."  Ohne  mich  nun 
näher  auf  Meyrinks  Ausführungen  einzulassen,  möchte  ich  doch 
ein  paar  Einzelheiten  zur  Sprache  bringen.  Die  auch  in  effigie 
vorgeführten  Inder  unserer  Zeit,  Bhäskaränanda  und  Rämakrsna 
Paramaharnsa  sind  gar  keine  Yogins,  sondern  gehören  dem 
vierten  Lebensstadium,  dem  Stande  der  Samnyäsins  an;  Mey- 
rink betont  selbst,  daß  der  erstere  den  Vedänta  studiert  habe, 
aber  nicht  den  Yoga.  Ob  M.  Sanskrit  versteht,  weiß  ich  nicht  — 
die  schlecht  transkribierten  Textstellen  ^)  Adicete  Veikountam 
Haris  und  Dioyavapour  gatwä  (statt  adhisete  Vaikuntham  Haris 
und  Yogavapur  gatvä)  sprechen  nicht  dafür  —  jedenfalls  hätte 
er  sich  aus  den  Übersetzungen  der  einschlägigen  Sanskritliteratur 
leicht  überzeugen  können,  daß  die  verschiedenen  Posituren,  Mudräs 
usw.  keineswegs  Wirkungen  sind,  wie  er  p.  271  meint,  sondern 
Bestandteile  eines  für  die  höheren  Stufen  unerläßlichen  Training. 

Auch  die  Berufung  auf  Jacolliot  ist  ein  Mißgriff:  dieser 
Mann  ist  längst  als  ,, notorischer  Schwindler"  anerkannt.  Aber 
wie  gesagt:  mir  gefällt  Meyrinks  Zorn  über  die  modernen  Aus- 
wüchse der  Theosophie  und  des  Okkultismus. 

Ignorabimus ! 

Halle-S.,  4.  September  1907.  Richard  Schmidt. 


1)  Nach  Jacolliot  zitiert,  daher  die  französische  Schreibweise! 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

Vorrede      III 

I.  Kapitel 

Askese  urxd  Asketentum 1 

IL  Kapitel 

Berühmte  Asketen      25 

III.   Kapitel 

Die  Wundertaten  der  Yogins 42 

IV.  Kapitel 

Berichte  über  die  Yogins  aus  Reisewerken 110 

1.  Taverniers  Bericht 111 

2.  Thevenots  Bericht 119 

3.  Sonnerats  Bericht 121 

4.  Bernier 124 

5.  Fryer 128 

V.  Kapitel 

Die  Philosophie  des  Yoga 146 

VI.  Kapitel 

Yoga-Praxis 162 

1.  Yama 177 

2.  Niyama  (,, Observanz")       178 

3.  Die  Posituren  (äsana)      185 

Die  Lehre  von  den  mudrä's      193 

4.  Pratyähära  (,, Konzentration") 208 

5.  Pränäyäma  („Anhalten  des  Atems") 209 

6.  Dhyäna  (,, Kontemplation")      221 

7.  Samädhi  („Versenkung") 223 


I.  Kapitel. 

Askese  und  Asketentum. 

,, Indien  ist  die  Heimat  des  Eremiten tums,  der  klassische 
Boden  der  Askese",  sagt  Haberland,  Der  Altindische  Geist, 
285.  ,,Was  im  Christentum  nur  als  sanfte  Mahnung,  als  abrupte 
Forderung  auftrat  (,, Liebet  eure  Feinde",  Matth.  5,  44,  ,,Das 
Fleisch  samt  den  Lüsten  und  Begierden  zu  kreuzigen",  Gal.  5, 24), 
das  war  in  Indien  ein  geschlossenes,  das  Ganze  des  Lebens  eng- 
umspannendes System  von  tief  empfundenen  Pflichten.  Nie 
und  nirgends  ist  ,,die  Kreuzigung  des  Fleisches",  ist  eigenes 
Wehe  so  sehr  zur  Triebfeder  menschlichen  Handelns  geworden, 
als  im  indischen  Leben,  wo  jeder  Brahmana,  ja  jeder  Arier  im 
Alter  seine  Familie  verlassen  sollte,  um  als  Einsiedler  im  Walde 
(vanaprastha)  immer  härteren  Kasteiungen  obzuliegen,  und 
gegen  Ende  seines  Lebens,  aller  Erdenbande  ledig,  als  Bettler 
(samnyäsin,  bhikshu)  nur  noch  zu  scheinen,  aber  eigentlich  nicht 
mehr  zu  sein;  wo  Scharen  von  Jünglingen  und  kraftvollen 
Männern,  lebenssatt,  mitten  im  Genüsse  des  Daseins,  oder  ehe 
sie  noch  gelebt,  Besitz  und  Erdenglück  dahinten  ließen,  um  in 
strenger  Entsagung  und  Abwendung  von  allem,  was  dem  natür- 
lichen Menschen  freundlich  und  wünschenswert  erscheint,  ein- 
sam der  Erlösung  nachzutrachten ;  wo  endlich  eine  wahre 
Bravour  der  Selbstpeinigung  sich  in  abenteuerlichster  Weise  ent- 
faltete und  selbst  in  dieser  Verzerrung  ein  Gegenstand  höchster 
Bewunderung  und  Nacheiferung  für  die  Menge  wurde.  Das  Ver- 
dienst der  Askese  war  einmal  in  den  Augen  des  indischen  Volkes 
ein  alles  überragendes;  man  glaubte  die  Büßer  im  Besitz  über- 
menschlicher Fähigkeiten;  man  versprach  sich  wunder  wieviel 

Schmidt,    Fakire  und  Fakirtum.  I 


—       2       — 

von  ihrem  Wohlwollen  und  Segen.  So  wurde  der  büßende  Ein- 
siedler ein  vielverehrter  und  vielbegehrter  Mann,  dessen  Rat 
und  Hilfe  das  Volk  weit  und  breit  in  Anspruch  nahm.  Die  große 
Ähnhchkeit  dieser  seiner  Stellung  mit  der  Bedeutung  des  christ- 
lichen Einsiedeis,  des  Bruder  Klausners  in  Wirkhchkeit  und 
Poesie  springt  in  die  Augen." 

Derselbe  Autor  sagt  weiterhin  (p.  333): 

,,Was  sonst  als  Märchenzug  und  (eingestandenerweise) 
wunderbares  Motiv  in  Erzählungen  auftritt,  finden  wir  nicht 
selten  in  indischen  Romanen  und  Novellen  als  nüchterne  Reali- 
tät, als  alltäglichen  Vorgang  aufgetischt.  König  und  Königin 
lustwandeln  im  Parke,  sehen  einen  Flamingo  im  Lotusdickicht 
ruhen,  haschen  und  fangen  ihn.  Da  spricht  der  Vogel  plötzlich 
mit  menschlicher  Stimme  und  verflucht  das  scherzende  Paar 
wegen  der  Störung  seiner  Büßer- Ruhe.  Ein  Flamingo,  der 
eigentlich  ein  Büßer,  ein  grauer  Schüler  der  Vedaweisheit  ist, 
das  ist  eine  starke  Zumutung  für  unsem  Verstand.  Die  Ver- 
rücktheit dieses  Gedankens  wird  sich  aber  mildem,  wenn  wir 
daran  erinnern,  daß  zur  Ausstattung  der  Büßer  auch  der  Besitz 
von  Wunderkräften,  die  Fähigkeit  des  Verschwindens  und 
Wiederauftauchens,  die  Fähigkeit,  das  eigene  Ich  zu  verwandeln 
oder  zu  vervielfältigen,  gehört.  Um  das  Behagen  der  Nach- 
mittagsruhe recht  gründlich  zu  genießen,  mehr  als  es  der 
Menschennatur  möglich  ist,  wandelt  sich  der  fromme  Mann 
in  einen  Flamingo  um,  als  welcher  sich's  im  schattigen  Lotus- 
dickicht allerdings  gar  süß  ruhen  mag.  Was  uns  manchmal 
spielend  durch  den  Kopf  geht,  am  Wasser:  ein  Fisch  in  der 
Flut  zu  sein,  im  Walde :  ein  Vöglein  in  den  Zweigen  —  das  rea- 
lisiert der  Inder,  phantastisch  und  pedantisch  zugleich.  —  Daß 
übrigens  in  besagtem  Flamingo  ein  Büßer  von  echtem  Schrot  und 
Korn  steckt,  verrät  sich  sogleich  dadurch,  daß  er  seinem  Belei- 
diger unverzüglich  flucht:  dies  ist  nämlich  Familienzug  der  in- 
dischen Büßer.  Bei  der  geringsten  Verletzung  ihrer  Person  oder 
der  ihnen  schuldigen  Ehrfurcht  usw.  geraten  sie  in  heiligen  Zorn 
und  schleudern  auf  den  ahnungslosen  Sünder  einen  Fluch,  der, 
gewöhnlich  raffiniert  ersonnen,  gerade  die  verwundbarste  Stelle 
trifft.  Darauf  obligater  Fußfall  des  Betroffenen  und  Milderung 
des  Fluches  durch  Beschränkung  der  Zeit  seiner  Wirksamkeit 


oder  Lösung  von  demselben  durch  Erkennungsringe,  Edelsteine 
und  dergleichen  mehr." 

Die  Fakire  der  modernen  Zeit,  die  Sädhus,  oder  wie  sie 
sonst  heißen  mögen,  sind  allzusehr  in  die  Augen  fallende  Ge- 
stalten, als  daß  sie  dem  aufmerksamen  Reisenden  entgehen 
könnten.  Ihre  äußeren  prononzierten  Absonderlichkeiten  haben 
auf  die  überall  und  nirgends  auftauchenden  modernen  Amateur- 
photographen eine  solche  Anziehungskraft  ausgeübt,  daß  deren 
Aufnahmen  und  ,,snapshots",  in  populären  illustrierten  Zeit- 
schriften wiedergegeben,  sie  dem  Okzident  wohlbekannt  ge- 
macht haben. 

Wo  immer  der  Tourist  in  Indien  heutigentags  wandern  mag, 
trifft  er  Sädhus  und  Fakire  in  der  Tracht  der  einen  oder  anderen 
der  vielen  vorhandenen  Sekten,  Orden  und  Brüderschaften.  Er 
begegnet  ihnen  auf  dem  lärmenden  Markte,  in  dem  stillen  Haine 
am  Flusse,  bei  fröhlichen  volkreichen  Festen,  auf  der  einsamen 
Hügelkette,  in  den  dichten  Wäldern,  wo  manche,  von  den 
wilden  Tieren  zerrissen,  elend  umkommen.  Unermüdliche  Wan- 
derer, verweilen  sie  gewöhnlich  nicht  lange  an  einer  Stelle, 
sondern  sind  immer  in  Bewegung,  wie  ihre  Verwandten,  die 
Zigeuner,  im  Westen  (Oman,  p.  3). 

Und  doch  versteht  man  diese  Sädhus,  die  dem  Europäer  so 
oft  vor  Augen  treten,  nur  selten,  mag  nun  der  Fremde  nur  zeit- 
weise oder  dauernd  im  Lande  weilen.  Von  dem  Glauben  und  den 
subtilen  philosophischen  Vorstellungen  dieser  Leute  weiß  der 
Fremde  in  der  Regel  nichts,  während  ihre  schlecht  gekleidete 
Gestalt,  ihr  allzuoft  groteskes  Aussehen  nur  Aversion  und  un- 
verständige Verachtung  hervorruft.  Die  indischen  Sädhus,  die 
häufig  ganz  nackt  gehen  und  über  und  über  mit  Asche  bestreut 
sind,  verfallen  unweigerlich  dem  belustigten  Widerwillen  der 
Europäer,  die  auf  jene  Asketen  als  auf  drollige  Burschen  oder 
Simpels  herabblicken. 

Der  Sädhu,  so  wie  wir  ihn  haben,  ist  keine  junge  Einführung, 
kein  moderner  Auswuchs,  sondern  hat  als  ein  wirkliches  ein- 
heimisches Gewächs  von  einer  Zeit  an  in  Indien  geblüht,  die 
Jahrhunderte  vor  der  Geburt  Christi  zurückliegt,  ja  selbst  vor 
der  Predigt  Buddhas  von  dem  achtfachen  Pfade,  der  zur  Er- 
leuchtung und  Erlösung  führt.  Alexander  der  Große  sah  und  be- 


—     4     — 

wunderte  auf  seinem  Zuge  durch  die  Ebenen  desPanjab  im  vierten 
Jahrhundert  V.  Chr.  die  indischen 5ä^Äws;  aber  schon  zu  seinerzeit 
war  der  Sädhuismus  eine  altersgraue  Einrichtung  (Oman,  p.  5). 
HinsichtHch  des  Alters  der  Askese  in  Indien  sind  denn  auch 
die  Berichte  in  griechischen  Quellen  von  größter  Bedeutung. 
Wir  finden  sie  bei  Lassen,  Indische  Altertumskunde  2  II,  712, 
wo  es  u.  a.  heißt:  ,, Sobald  er  (Alexander  der  Große)  ihnen  (den 
Büßern)  im  Lande  des  Taxiles  begegnete  und  erfahren  hatte, 
daß  sie,  wenn  dazu  aufgefordert,  zu  andern  zu  gehen  verwei- 
gerten, und  verlangten,  daß  diese  zu  ihnen  kommen  sollten, 
sandte  er  ihnen  den  Onesikritos  zu,  weil  er  sie  nicht  nötigen  wollte, 
etwas  ihren  einheimischen  Sitten  Widersprechendes  zu  tun  .  .  . 
Fünfzehn  von  ihnen  hielten  sich  20  Stadien  von  der  Hauptstadt 
des  Taxiles  entfernt  auf.  Mehrere  von  ihnen  waren  von  ihren 
Schülern  begleitet.  Sie  waren  nackt  und  nahmen  verschiedene 
Stellungen  ein.  Einer  stand  aufrecht  auf  der  Erde,  hielt  mit 
beiden  Händen  ein  etwa  3  Ellen  langes  Stück  Holz  und  stand 
bald  auf  dem  einen,  bald  auf  dem  andern  Fuße;  ein  andrer  saß; 
ein  dritter  lag  auf  der  Erde  mit  Steinen  auf  dem  Rücken,  dem 
Sonnenscheine  und  dem  Regen  sich  aussetzend.  Am  schwersten 
zu  ertragen  war  das  Stehen  auf  den  nackten  Füßen  auf  der  von 
der  glühenden  Sonne  erhitzten  Erde..." 

Die  Sädhus  gehören  mannigfachen  Sekten  an,  hegen  be- 
sondere Überzeugungen,  üben  sonderbare  Praktiken,  und  unter- 
werfen sich  in  vielen  Fällen  grausamer  Behandlung  und  phan- 
tastischer Zucht.  Sie  stammen  aus  allen  Ständen  und  aus  allen 
den  erblichen  Kasten,  in  welche  die  Gesellschaft  der  Hindus 
eingeteilt  ist.  Wir  finden  unter  ihnen  alle  Schattierungen  reli- 
giöser Überzeugung,  philosophischer  Spekulation  und  diäte- 
tischer Gewohnheiten  vom  Vegetarismus  bis  zum  empörenden 
Kannibalismus  der  famosen  Aghoris. 

Wiewohl  außerordentlich  zahlreich,  genießen  die  indischen 
Sädhus  doch  die  Achtung  und  selbst  die  abergläubische  Ver- 
ehrung der  breiten  Menge  ihrer  Landsleute,  die  da  glauben,  daß 
sie  oft,  wenn  nicht  immer,  im  Besitze  von  unbegrenzter  über- 
natürlicher Macht  zum  Guten  oder  Bösen  sind. 

Natürlich  sind  die  Inder  —  ebensogut  wie  die  Europäer  — 
ganz  richtig  davon  überzeugt,  daß  die  Kutte  nicht  den  Mönch 


—     5     — 

macht:  nach  dem  Sprichwort  ,,Gervi  kapron  se  jogl  nahm  hota"' 
{,,em  Yogin  wird  man  nicht  durch  das  Kleid"),  was  im  Hathayoga 
mit  folgenden  Worten  wiedergegeben  vdrd  (I,  66;  bei  Walter, 
p.  ii):  ,,Das  Tragen  eines  (besonderen)  Kleides  ist  kein  Mittel 
zur  Vollendung,  auch  nicht  das  Sprechen  über  den  Yoga;  die 
Übungen  allein  sind  das  Mittel  zur  Vollendung;  das  ist  ohne 
Zweifel  wahr."  Es  sind  in  ganz  Indien  Geschichtchen  im  Um- 
lauf, die  die  frommen  Asketen  in  Verruf  bringen  sollen;  aber 
sie  haben  den  Glauben  des  Volkes  an  die  Sädhus  um  keinen  Grad 
mehr  erschüttern  können,  als  die  Erzählungen  von  dem  geilen, 
unsittlichen  Auftreten  der  Mönche  im  Mittelalter  die  Stellung 
des  römischen  Klerus  schädigend  beeinflußt  haben  (Oman  6). 
So  eine  Geschichte  hat  uns  z.  B.  der  Kaschmirer  Somadeva  XV, 
30,  überliefert,  die  in  Hertels  Übersetzung  folgendermaßen 
lautet : 

,,Am  Ufer  der  Ganga  lebte  einst  ein  Einsiedler  und  be- 
obachtete einem  Gelübde  zufolge  unverbrüchliches  Schweigen. 
Er  nährte  sich  von  Bettelbrot,  und  eine  Menge  anderer  Bettel- 
mönche umgab  ihn  als  seine  Jünger.  Sein  Heim  war  eine  Tempel- 
klause. 

Eines  Tages,  als  er,  um  Nahrung  bittend,  an  die  Tür  eines 
Kaufmanns  klopfte,  kam  dessen  schöne  Tochter  heraus,  ihm 
die  Speise  zu  reichen;  und  dieses  Mädchen  war  so  wunderhold, 
daß  ihre  Anmut  alsbald  des  Mönches  Herz  bestrickte. 

Da  rief  der  Schurke:  ,,Wehe!  Wehe!",  so  laut,  daß  es  der 
Kaufmann  hören  mußte.  Dann  nahm  er  die  erbettelte  Gabe  und 
kehrte  nach  seiner  Klause  zurück. 

Der  Kaufmann  ging  ihm  nach  und  fragte  ihn  verwundert, 
als  sie  ohne  Zeugen  waren,  warum  er  heute  plötzlich  durch  jenen 
Ausruf  sein  Schweigen  gebrochen  habe.  Da  antwortete  ihm  der 
Bettelmönch:  ,,Böse  Zeichen  trägt  deine  Tochter  an  ihrem 
Leibe.  Ihre  Vermählung  würde  für  dich  nebst  Sohn  und  Gattin 
den  sicheren  Untergang  bedeuten.  Und  da  ich  sie  gesehen,  ward 
ich  sehr  betrübt,  denn  du  bist  mir  ergeben.  Darum  habe  ich 
mein  Schweigen  durch  jenen  Ausruf  gebrochen,  um  deinetwillen. 
Nun  aber  höre !  Nimm  heute,  wenn  es  Nacht  wird,  deine  Tochter 
und  lege  sie  in  eine  Kiste.  Auf  diese  stelle  ein  Licht  und  setze 
sie  in  der  Ganga  aus." 


In  seiner  Angst  versprach  der  Kaufmann,  zu  gehorchen, 
und  als  die  Nacht  gekommen,  tat  er  alles,  wie  ihm  geheißen. 
Denn  die  Furcht  beraubt  die  Leute  ihres  gesunden  Ver- 
standes. 

Währenddem  sagte  der  Mönch  zu  seinen  Schülern:  ,, Gehet 
hinab  an  die  Ganga,  so  werdet  ihr  eine  Kiste  schwimmen  sehen, 
mit  einem  Lichte  darauf.  Diese  bringet  herbei,  doch  so,  daß 
euch  niemand  gewahre.  Und  hütet  euch,  sie  zu  öffnen,  auch 
wenn  ihr  ein  Geräusch  in  ihr  vernehmen  solltet." 

Seine  Schüler  gehorchten  und  gingen.  Doch  waren  sie 
noch  nicht  an  den  Strom  gekommen,  als  von  ungefähr  ein 
Königssohn  an  dessen  Ufer  niederstieg.  Der  ward  auf  die  von 
dem  Kaufmann  ausgesetzte  Kiste  durch  den  Schein  des  Lichtes 
aufmerksam  und  ließ  sie  von  seinen  Dienern  schnell  ans  Land 
ziehen.  Neugierig,  befahl  er,  sie  zu  öffnen;  da  bot  sich  seinen 
Blicken  in  ihr  jenes  holde  Mädchen  dar,  und  alsobald  erkor  er 
es  zu  seiner  Gemahlin.  In  die  Kiste  ließ  er  dafür  einen  scheuß- 
lichen Affen  sperren  und  sie  mitsamt  dem  Lichte  wieder  in  die 
Ganga  bringen. 

Als  nun  der  Königssproß  mit  dem  erbeuteten  Juwel  ge- 
gangen war,  kamen  die  Schüler  des  Mönches  auf  ihrer  Suche 
an  diesen  Ort.  Sie  fanden  die  Kiste  und  trugen  sie  zu  ihrem 
erfreuten  Meister.  Dieser  sagte  zu  ihnen:  ,, Schaffet  sie  nur 
hinauf  in  die  obere  Zelle  und  lasset  mich  dann  allein.  Ich  habe 
eine  Beschwörung  vor.  Ihr  aber  leget  euch  unten  zur  Ruhe  und 
verharret  die  Nacht  im  Schweigen." 

Also  trugen  sie  die  Kiste  hinauf,  und  als  sie  ihn  allein  ge- 
lassen, öffnete  er  sie.  Denn  sein  Herz  sehnte  sich  nach  der  Kauf- 
mannstochter. 

Da  aber  sprang  ein  Affe  heraus  von  entsetzlicher  Gestalt 
und  stürmte  auf  ihn  ein.  Häßlich  war  er,  wie  die  fleischgewordene 
Ungezogenheit,  und  in  seiner  Wut  zerfetzte  er  mit  seinen  Zähnen 
des  Mönches  Nase  und  mit  den  Nägeln  seine  Ohren,  gerade  als 
hätte  er  das  Straf  recht  studiert. 

Gehörig  zugerichtet,  kam  der  Mönch  herunter.  Seine 
Schüler  konnten  sich  bei  seinem  Anblick  kaum  des  Lachens  er- 
wehren. Am  nächsten  Morgen  aber  war  die  Sache  schon  ruch- 
bar, und  alle  Leute  lachten  ihn  aus. 


Der  Kaufmann  hingegen  und  seine  Tochter  waren  froh; 
denn  das  Mädchen  hatte  einen  trefflichen  Gatten  gefunden." 
(Bunte  Geschichten  vom  Himalaja,  p.  6.) 

Die  Abtötung  des  ,, Fleisches"  hat  also  auch  in  Indien  seit 
alten  Zeiten  eine  bedeutende  Rolle  gespielt^),  und  eine  ebenso 
alte  wie  beliebte  Methode  ist  es  da,  unter  freiem  Himmel  in- 
mitten von  fünf  brennenden  Holzstößen  zu  sitzen.  Manch- 
mal brennen  nur  vier  Feuer,  während  die  Sonne  die  Stelle  des 
fünften  spielt,  und  zwar  nicht  übel,  wie  man  sich  leicht  denken 
kann,  wenn  man  sich  so  einen  wolkenlosen  Sommer  tag  in  der 
indischen  Ebene  vorstellt.  Kumärasamhhava  V,  20  sitzt  Umä 
zwischen  vier  Feuern  und  blickt  unverwandten  Auges  in  die 
Sonne;  und  zwar  sucau,  in  der  heißen  Jahreszeit!  Es  ist  also 
wohl  nicht  ganz  richtig,  wenn  Oman  p.  45  meint,  daß  dies 
Arrangement  ,,devoid  of  sincerity"  und  tatsächlich  nur  eine 
Schaustellung  sei;  die  Feuer  hätten  nichts  weiter  zu  bedeuten, 
dienten  aber  dem  sehr  praktischen  Zwecke,  den  Sädhu  kennt- 
lich zu  machen  und  Bewunderer  und  Klienten  anzulocken.  So 
allgemein  gesagt,  stimmt  das  denn  doch  nicht  ganz;  der  eben- 
genannten Umä  war  es  bitter  ernst,  wenn  sie  sich  von  irdischem 
und  himmlischem  Feuer  rösten  ließ!  —  Man  nennt  solche  As- 
keten panchadhunis. 

Manu  VI,  23  erwähnt  den  sog.  Pancatapas-Yogin,  der  sich 
während  der  heißesten  Monate  (April,  Mai  und  Juni)  zwischen 
vier  qualmenden  Feuern  aufhält  und  die  Sonne  über  seinem 
Haupte  als  fünftes  benutzt.  Nach  Mi  11,  British  India  I,  353, 
sah  man  noch  jüngst  einen  solchen  Heiligen,  der  zwischen  vier 
solchen  Feuern  auf  einem  Beine  stand  und  in  die  Sonne  starrte, 
während  die  Feuer  an  den  vier  Ecken  brannten.  Dann  legte 
er  sich  auf  den  Rücken,  die  Füße  in  die  Luft  gestreckt,  und  blieb 
drei  Stunden  in  dieser  Stellung,  um  sich  dann  mit  gekreuzten 
Beinen  hinzusetzen  und  sich  bis  zum  Abend  die  Sonne  auf  den 
Kopf  scheinen  zu  lassen  —  inmitten  der  vier  Feuer! 

Der  in  der  Sakuntala  VII,  197  (ed.  Pischel)  beschriebene 
Büßer,  in  dessen  Haarurwald  die  Vögel  ihre  Nester  bauten,  ist 
nicht  nur  die  Ausgeburt  dichterischer  Phantasie.  Mill,  British 
India  I,  355   (bei  Monier  Williams,  p.  95),   erzählt  von  einem 

1)  Oman,  45 — 51. 


—     8     — 

mohammedanischen  Reisenden,  der  tatsächHch  einen  Asketen 
in  Indien  bewegungslos,  das  Gesicht  der  Sonne  zugekehrt,  da- 
stehen sah.  Derselbe  Reisende,  der  Gelegenheit  hatte,  i6  Jahre 
später  denselben  Ort  wieder  aufzusuchen,  fand  denselben  Mann 
in  derselben  Stellung  wieder! 

In  der  eben  zitierten  Stelle  der  Sakuntalä  heißt  es  (nach 
Fritzes  Übersetzung) : 

König:  Wo  befindet  sich 

Maritschas  Andachtsstätte,  Matali? 

Matali   (mit  der  Hand  zeigend): 

Dort,  wo  so  unbeweglich  jener  Weise, 

Gleich  einem  Pfahle,  steht,  zur  Sonnenscheibe 

Gekehrt:  es  sank  sein  Körper  halb  in  einen 

Ameisenhaufen;  als  Brahmanenschnur 

Dient  ihm  die  Schlangenhaut;  ihn  peinigt  hart 

An  seinem  Hals  ein  Ring,  der  aus  den  Ranken 

Vertrockneter  Lianen  sich  gebildet; 

Er  trägt  die  Flechte,  die  zu  einem  Kranze 

Gebunden  ward  und  bis  zur  Schulter  reicht 

Und  angefüllt  mit  Vogelnestern  ist. 

Eine  andere  Weise,  den  Leib  zu  peinigen  und  abzutöten, 
ist  die,  auf  einem  Bett  mit  Nägeln  zu  sitzen  und  zu  schlafen. 
(Auch  die  Holzschuhe  mancher  Sädhus  starren  inwendig  von 
einem  dichten  Stutz  spitzer  Nägel.)  Die  beständige  Berührung 
der  spitzen  Erhöhungen  mit  dem  einen  oder  anderen  Teile  des 
meist  nackten  Körpers  verursacht  selbstverständUch  eine  Un- 
bequemlichkeit, doch  ist  es  nicht  unbedingt  nötig,  daß  sie  die 
Gesundheit  sehr  angreift.  Als  das  Vorbild  des  ,, Domenlagers" 
[kantakasayyä)  so  mancher  weltabgewandtei  Asketen  sieht 
Crooke  (Populär  Religion  I,  92)  das  ,, Pfeilbett"  [sarasayyä) 
des  Bhlsma,  eines  der  Helden  des  Mahähhärata  an,  der,  wie  er 
sagt,  den  heutigen  Hindus  besonders  wegen  der  tragischen  Um- 
stände bei  seinem  Tode  bekannt  ist.  Er  war  über  und  über  von 
den  Pfeilen  bedeckt,  die  Arjuna  auf  ihn  abgeschossen  hatte; 
und  als  er  so  von  seinem  Wagen  fiel,  hielten  ihn  die  Pfeile 
von  der  Erde  hoch,  so  daß  er  auf  einem  Lager  von  Wurf- 
geschossen ruhte. 

Täuschungen  und  Betrügereien  sind  nun  natürlich  auch 
im  Asketentum  nicht  ganz  unbekannt.    Ein  Indier,  der  freilich 


i#. 


—      9      — 

nicht  allzu  günstig  über  seine  büßenden  Landsleute  dachte, 
erzählte  Oman,  er  habe  herausbekommen,  daß  ein  Sädhu, 
dessen  Observanz  darin  bestand,  öffentlich  auf  Nägeln  zu  sitzen, 
schlauerweise  die  Vorsicht  gebraucht  hatte,  sein  Hinterteil  mit 
dünnem  Eisenblech  zu  schützen,  welches  so  kunstvoll  mit  un- 
regelmäßiger Oberfläche  gearbeitet  war,  die  meisten  Zuschauer 
zu  täuschen,  daß  sie  glaubten,  sein  Fleisch  sei  von  den  grau- 
samen Nägeln  narbig  geworden.  (Man  denkt  da  unwillkürlich 
an  jenen  Wallfahrer,  dem  als  Buße  eine  Wanderung  mit  Erbsen 
in  den  Schuhen  auferlegt  war:  er  kochte  die  Erbsen  vorher 
weich ! ) 

Die  //j^rasn-Büßer  stehen  tage-  oder  auch  wochenlang 
auf  eine  Stütze  gelehnt,  was  eine  pein volle  Ermüdung  und  Be- 
schwerde bedeutet,  wie  man  sich  leicht  vorstellen  kann.  Ge- 
legentlich stehen  sie  bei  dieser  Art  von  Selbstfolterung  nur  auf 
einem  Beine,  das  andere  haben  sie  hochgezogen. 

Eine  hervorragende  Stellung  unter  den  Praktiken  der  Asketen 
nimmt  das  Aufhängen  mit  dem  Kopfe  nach  unten  ein.  Manche 
Sädhus  nämlich  lassen  sich,  das  Haupt  abwärts,  vom  Aste  eines 
Baumes  oder  einem  passenden  Gestell  aus  vier  Stangen  eine 
halbe  Stunde  etwa  herabhängen.  Solche  Heilige  kennt  man  als 
ürdhvamukhl;  sie  sind  aber  außerordentlich  selten:  Oman  hat 
nur  einen  einzigen  Fall  davon  gesehen. 

Man  kennt  auch  noch  grausamere  Formen  freiwilliger  Folte- 
rung; so  z.  B.,  wenn  ein  Mann  seinen  Arm  an  irgend  eine  Stütze, 
einen  dünnen  Bambusstab  usw.,  so  anbindet,  daß  er  gerade  aus- 
gestreckt über  dem  Kopfe  gehalten  wird,  bis  schließlich  das  miß- 
handelte Ghed,  zusammengeschrumpft  und  erstarrt,  nicht  mehr 
in  seine  natürliche  Lage  heruntergebracht  werden  kann.  Werden 
beide  Arme  in  dieser  Weise  traktiert,  so  wird  der  Betreffende  ein 
hilfloser  Krüppel,  der  in  jeder  Beziehung  vollständig  von  der 
Gnade  seiner  Mitmenschen  abhängt.  Wer  eine  solche  Askese 
übt,  heißt  ein  ürdhvabähu. 

Etwas  Ähnliches  ist  es,  wenn  die  Hand  so  lange  geschlossen 
gehalten  wird,  bis  sie  gebrauchsunfähig  wird  und  die  Nägel  an 
den  krampfhaft  verzerrten,  atrophischen  Fingern  lang  wie  ge- 
krümmte Krallen  wachsen  oder  selbst  durch  das  Fleisch  hin- 
durch zwischen  dem  Mittelhandknochen  einen  Ausweg  finden. 


—       10      — 

Sich  lebend  begraben  lassen  oder,  wie  man  das  nennt, 
samädh  ausführen,  ist  eine  zwar  sehr  seltene,  aber  doch  wohl- 
bekannte Praktik  der  Hindu-Büßer.  Die  Dauer  der  Eingrabung 
beträgt  wenige  Tage  bis  zu  6  Wochen,  und  wenn  der  Begrabene 
die  festgesetzte  Zeit  aushält,  entsteigt  er  seinem  Grabe  als  ein 
unzweifelhafter  Heiliger,  als  Gegenstand  nationaler  Verehrung 
für  alle  Zeiten.  Die  dabei  in  Aussicht  stehenden  Vorteile  sind 
groß  genug,  die  ehrgeizigeren  Sädhus  in  Versuchung  zu  führen. 
Aber  die  Sache  ist  doch  vom  schwersten  Risiko  begleitet,  selbst 
wenn  sie  von  schlauen  und  hinterlistigen  Betrügern  zu  ihrem 
eigenen  Ruhme  und  Vorteil  unternommen  wird.  Monier  Wil- 
liams beschreibt  in  seinem  Buche:  Modem  India,  p.  50  ff.^), 
zwei  neuere  Fälle,  die  tödlich  endeten. 

Große  Mühsal  ist  mit  der  Bußübung  verbunden,  die  als  die 
Achtglieder-  oder  Stockweise  bekannt  ist  [astänga,  dandavat). 
Dabei  handelt  es  sich  um  die  Ausführung  einer  Pilgerfahrt  ver- 
mittelst von  acht  Körperteilen:  Stirn,  Brust,  Hände,  Knie  und 
Spann;  natürlich  eine  langsame  und  überaus  mühselige  Art, 
vorwärtszukommen.  Der  Pilger  bestimmt,  die  Strecke  bis  zum 
Orte,  den  er  besuchen  will  —  sei  es  nun  ein  Reliquienschrein 
oder  irgend  ein  berühmter  Wallfahrtsort  — ,  in  der  Weise  zurück- 
zulegen, daß  er  sich  in  voller  Länge  (,,wie  ein  Stock",  dandavat) 
auf  die  Erde  legt,  dann  vorwärts  kriecht,  bis  seine  Fersen  die 
Stelle  berühren,  wo  seine  Stirn  geruht  hat,  dann  sich  wieder 
niederwirft,  und  so  fort,  Wiederholung  auf  Wiederholung,  bis 
sein  Ziel  erreicht  ist.  Die  Ausführung  schmeckt  nach  großer 
Demut  und  beschränkt  sich  nicht  auf  kurze  Entfernungen. 
Oman  traf  einst  einen  jungen  Sädhu  zu  Burdwan  in  Bengalen, 
an  der  Haupt  Verkehrslinie  nach  Nordindien,  der  sich  in  dieser 
blutegelartigen  Weise  von  Juggernaut  nach  Benares  fort- 
bewegte, eine  Strecke  von  600  (englischen)  Meilen;  und  er  be- 
richtet von  Pilgern,  die  ihren  mühseligen  Weg  nach  den  heiligen 
Quellen  des  Ganges  im  ewigen  Schnee  des  Himälaya  auf  diese 
Weise  gleichsam  abmaßen,  indem  sie  Monate  und  selbst  Jahre 
brauchten,  eine  Reise  mit  geduldigem  Mute  fortzusetzen,  bei 
der  es  in  so  unwirtlichen  Gegenden  und  unter  den  auferlegten 
Bedingungen  unmöglich  eine  Vollendung  geben  kann. 

^)  Mir  leider  nicht  zugänglich. 


—     II     — 

Andere  wieder  erklimmen  den  mächtigen  Himälaya,  aber 
nicht  um  die  Quelle  des  Ganges  zu  besuchen,  sondern  um  den 
weit  entfernten  Himmel  zu  erreichen !  In  alten  Zeiten,  so  erzählt 
die  Sage,  reiste  König  Yudhisthira,  des  Lebens  und  seiner  Ent- 
täuschungen müde,  nach  dem  Berge  Meru,  erreichte  nach 
mancherlei  mühseligen  Wechselfällen  das  himmlische  Gebirge 
und  wurde  schheßlich  in  den  Himmel,  die  Stätte  der  Seligkeit, 
eingelassen.  Seitdem  hat  mancher  Sädhu  entschlossen  seine 
Schritte  nach  demselben  Ziele  gerichtet,  ist  allein  auf  dieselbe 
große  Reise  über  die  schroffsten  Berge  gegangen  —  und  ist  nicht 
zurückgekehrt. 

Fasten  ist  eine  zu  bekannte  Kasteiung,  als  daß  es  von  den 
Sädhus  unter  den  Mitteln,  den  Leib  abzutöten,  hätte  übersehen 
werden  können ;  und  Enthaltsamkeit  in  Verbindung  mit  Wachen 
und  Meditation  mußte,  übertrieben  angewendet,  in  vielen  Fällen 
zu  jenen  Halluzinationen  und  Ekstasen  einer  geschwächten 
Konstitution  führen,  die  in  der  Geschichte  des  Christentums 
ebenso  bekannt  ist  wie  in  derjenigen  anderer  Religionen. 

Nichts  Ungewöhnliches  sind  die  Gelübde  des  Schweigens. 
Der  schweigend  dasitzende  Büßer  ist  eine  uralte  Erscheinung  in 
der  indischen  Literatur,  und  die  Erzählungen,  wie  so  ein  stiller 
Mann,  der  im  Märchen  nicht  immer  ein  Asket  ist,  zum  Sprechen 
gebracht  wird,  sind  oft  recht  drastisch. 

Pischel  hat  ZDMG  LVIII,  p.  363  ff.  unter  dem  Titel  „Gut- 
mann und  Gutweib  in  Indien"  Parallelstellen  zu  Goethes  gleich- 
namigem Gedichte  gesammelt,  in  denen  die  Pointe  immer 
darauf  hinausläuft,  eine  infolge  einer  Wette  schweigend  da- 
sitzende Person  zum  Bruch  ihres  Schweigens  zu  bringen.  So 
geraten  einmal  vier  Narren  in  Streit  darüber,  wem  von  ihnen 
der  Segen  eines  Heiligen  gegolten  habe,  dem  sie  begegnet  sind. 
Dem  Dümmsten,  lautet  dessen  Entscheidung.  Jeder  will  nun 
der  Dümmste  sein  und  erzählt  zum  Bew^eise  dessen  eine  Ge- 
schichte. Über  den  dritten  heißt  es:  ,,Der  dritte  Narr  lag  einmal 
mit  seiner  Frau  im  Bette.  Da  beschlossen  sie  nach  seinem  Vor- 
schlag, daß  derjenige,  der  zuerst  spräche,  zehn  süße  Kuchen  dem 
andern  geben  müsse.  Als  sie  so  still  lagen,  kam  ein  Dieb  in  das 
Haus  und  nahm  alles,  was  zu  stehlen  war.  Als  der  Dieb  schon 
auf  das  Untergewand  der  Frau  seine  Hand  legte,  sprach  die  Frau 


—       12       — 

den  Mann  an:  ,Was?  Wirst  du  auch  jetzt  ruhig  zuschauen?' 
Da  verlangte  der  Mann  die  versprochenen  zehn  Kuchen,  weil  sie 
zuerst  das  Schweigen  gebrochen  hatte." 

Bei  Dubois  (Pischel,  p.  367)  sagt  der  Brahmane  Anantaya 
zu  seiner  jungen  Frau  einst  beim  Schlafengehen,  die  Frauen 
seien  Schwätzerinnen.  Sie  antwortete  ihm,  sie  kenne  auch 
Männer,  die  ebenso  geschwätzig  seien  wie  die  Frauen.  Der 
Brahmane  fühlte  sich  dadurch  getroffen.  Sie  wetteten,  wer 
zuerst  sprechen  werde,  und  bestimmten  als  Gewinn  der  Wette 
ein  Betelblatt.  Darauf  schliefen  sie  ein,  ohne  ein  Wort  zu 
sprechen.  Als  sie  am  nächsten  Tage  sich  nicht  außer  dem  Hause 
zeigten,  und  auf  Rufen  und  Pochen  die  Tür  nicht  öffneten  und 
keine  Antwort  gaben,  ließen  die  Leute  die  Tür  durch  einen 
Zimmermann  erbrechen,  weil  sie  glaubten,  das  Ehepaar  sei 
während  der  Nacht  plötzlich  gestorben. 

Nach  Öffnung  der  Tür  fand  man  Mann  und  Frau  mit  ge- 
kreuzten Beinen  vollkommen  gesund  dasitzen,  aber  der  Sprache 
beraubt.  Alle  Mittel,  sie  zum  Sprechen  zu  bringen,  blieben  ver- 
geblich, so  daß  man  an  eine  Verhexung  glaubte.  Die  Eltern  des 
Mannes  ließen  einen  berühmten  Zauberer  kommen,  der  das  Ehe- 
paar für  einen  hohen  Preis  zu  entzaubern  versprach.  Als  er  sich 
dazu  anschickte,  erklärte  ein  befreundeter  Brahmane,  es  handle 
sich  nur  um  eine  natürliche  Krankheit,  die  er  ohne  Kosten  heilen 
wolle.  Er  machte  ein  Goldstäbchen  an  einem  Kohlenfeuer  heiß 
und  stieß  es  dem  Manne  in  die  Fußsohlen,  unter  die  Ellbogen, 
in  die  Herzgrube  und  schließlich  in  den  Scheitel  des  Kopfes. 
Der  Mann  ertrug  die  Schmerzen,  ohne  einen  Laut  von  sich  zu 
geben.  Als  aber  der  Brahmane  das  glühende  Goldstäbchen  an 
die  Fußsohlen  der  Frau  brachte,  zog  sie  schnell  das  Bein  zurück 
und  rief:  ,, Genug,  genug !"  Sie  erklärte  sich  für  besiegt  und  reichte 
dem  Manne  das  Betelblatt,  der  nun  seine  Behauptung  bestätigt 
fand,  daß  die  Frauen  Schwätzerinnen  seien. 

Eine  ähnliche  Geschichte  steht  1.  c,  p.  368. 

Die  Frau  eines  Bettlers  hat  fünf  Stück  einer  bestimmten 
Sorte  von  Reiskuchen  (muffies)  gebacken.  Da  ihnen  der  Ge- 
danke, daß  die  Hälfte  von  fünf  zweieinhalb  ist,  nicht  kommt, 
geraten  sie  bei  der  Teilung  in  Streit.  Sie  einigen  sich  schließlich 
dahin,  daß  sie  sich  schlafend  stellen  wollen,  und  daß  der,  der 


—     13     — 

zuerst  ein  Auge  öffnet  oder  spricht,  zwei  Kuchen,  der  andere 
drei  Kuchen  bekommen  soll.  Als  sie  3  Tage  lang  nicht  im  Dorfe 
erschienen  waren  und  die  Haustür  sich  als  von  innen  verriegelt 
erwies,  stiegen  zwei  Dorfpolizisten  durch  das  Dach  ins  Haus 
und  fanden  Mann  und  Frau  scheinbar  tot  daliegen.  Auf  Kosten 
der  Gemeinde  wurden  sie  nach  dem  Verbrennungsplatz  geschafft 
und  auf  zwei  Scheiterhaufen  gelegt,  die  man  in  Brand  steckte. 
Als  das  Feuer  seine  Beine  erreichte,  hielt  der  Bettler  es  doch  für 
ratsam,  die  Wette  aufzugeben.  Während  die  Dorfbewohner  fort- 
fuhren, die  Totengebräuche  zu  vollziehen,  rief  er  plötzlich:  ,,Ich 
bin  mit  zwei  Kuchen  zufrieden,"  und  vom  andern  Scheiter- 
haufen antwortete  die  Frau:  ,,Ich  habe  die  Wette  gewonnen; 
gib  mir  die  drei!"  Entsetzt  liefen  die  Bauern  davon,  weil  sie 
glaubten,  die  Toten  kämen  als  böse  Geister  wieder.  Nur  ein 
beherzter  Mann  hielt  stand  und  erfuhr  schließlich  von  den 
Bettlern  die  Geschichte. 

Daß  sich  die  Asketen  bisweilen  mit  eisernen  Ketten  von 
bedeutendem  Gewicht  behängen,  ist  eine  Erscheinung,  die  wohl 
den  mohammedanischen  Büßern  eigentümlich  ist;  wenigstens 
kennt  Oman  (p.  48)  nur  einen  einzigen  derartigen  Fall,  wo  sich 
ein  Mohammedaner  mit  ungefähr  500  Pfund  Ketten  beladen 
hatte. 

Endlich  kommt  auch  Selbstverstümmelung  in  grausiger 
Form  vor.  So  hatte  ein  Sädhu  gehandelt,  dem  sein  Weib  nach- 
lief und  in  einer  großen  Versammlung  von  Asketen  den  Rat  gab, 
mit  ihr  nachHause  zurückzukehren,  so  daß  diese  es  hören  konnten. 
Einige  unter  ihnen  machten  höhnische  Bemerkungen  über  den 
neuen  Sädhu  und  seine  Lage,  was  ihn  in  solche  Wut  versetzte, 
daß  er  ein  scharfes  Messer  ergriff  und  sich  eine  gefährliche 
Hämorrhagie  beibrachte.  Solche  Fälle  sind  durchaus  nicht  un- 
gewöhnlich und  kommen  bekanntlich  auch  bei  Anhängern 
anderer  Religionen  häufig  genug  vor. 

Es  ist  nun  etwas  allgemein  Menschliches,  Allzumenschliches, 
wenn  auch  in  Indien  die  Frömmigkeit,  d.  h.  die  Scheinheiligkeit, 
gelegentlich  als  etwas  ganz  Lukratives  befunden  worden  ist. 
Zu  gewissen  Zeiten,  sagt  Oman  (p.  49),  besonders  im  Monat 
April,  beobachten  viele  Leute  aus  den  unteren  Kasten  zeitweise 
die  Observanz  der  Asketensekten,  und  so  kann  man  dann  sehen, 


—     14     — 

wie  sie  sich  munter  Selbstpeinigungen  grausiger  Art  unterziehen, 
indem  sie  z.  B.  dicke  metallene  Speile  durch  die  Zunge,  die 
Wangen  oder  die  Haut  der  Arme,  des  Halses  und  der  Seiten 
stechen,  über  brennende  Holzkohle  schreiten  und  sich  auf 
Dornen  wälzen.  Unter  den  Beweggründen,  die  man  ganz  all- 
gemein diesen  niedrigstehenden  Büßern  auf  Zeit  zuschreibt,  ist 
die  Befriedigung  der  Eitelkeit  und  der  Wunsch  nach  pekuniärem 
Gewinn,  den  ihnen  diese  Vorführungen  gewöhnlich  einbringen; 
aber  es  kann  kein  Zweifel  sein,  daß  viele  von  ihnen  auf  andere, 
und  zwar  weniger  augenscheinliche  Belohnungen  für  ihre  selbst- 
verursachten Leiden  hoffen  und  danach  ausschauen. 

Nicht  allen  Leuten  ist  es  gegeben,  sich  freiwillig  den  aufs 
höchste  eindringlichen  Kasteiungen  zu  unterziehen;  und  so 
finden  wir  denn,  wie  zu  erwarten  ist,  daß  man  sich  vielfach  auch 
mit  einer  geringeren  Sorte  von  Askese  abgibt,  um  die  Aufmerk- 
samkeit der  Leute  zu  erwecken  und  vielleicht  einen  pekuniären 
Gewinn  herauszuschlagen.  So  sah  Oman  bei  einem  religiösen 
Feste  einen  Büßer,  einen  dicken,  mächtigen  Burschen,  der  ein 
starkes  Lattengestell  errichtet  hatte,  um  einen  ungeheuren 
irdenen  jar  (Topf)  zu  tragen,  der  im  Boden  ein  Loch  hatte,  aus 
dem  Wasser  herauslaufen  konnte.  Rundherum  standen  min- 
destens 25  große  Töpfe  mit  Wasser,  um  den  jar  wieder  zu  füllen, 
wenn  er  im  Gebrauch  war.  Unter  dem  jar  pflegte  der  Sädhu 
während  der  Nacht  zu  sitzen,  und  zwar  besonders  in  den  Stunden 
nach  Mittemacht,  von  3  Uhr  etwa  bis  Tagesanbruch,  während 
ein  Wasserstrom  auf  seinen  Kopf  stürzte  und  über  seinen  Leib 
auf  die  Erde  floß.  Es  war  Winterszeit  und  zweifellos  eine  sehr 
kalte  Beschäftigung;  aber  der  Büßer  fand  seine  Belohnung  in 
der  befriedigten  Eitelkeit :  denn  in  den  Augen  seiner  zahlreichen 
Bewunderer  war  er  Siva  selbst  mit  der  vom  Himmel  auf  sein 
Haupt  fallenden  und  dann  auf  die  Erde  fließenden  Gangä,  um 
diese  zu  segnen  und  fruchtbar  zu  machen.  Einen  solchen  Büßer 
würde  man  mit  Hinsicht  auf  seine  besondere  Askese  den  ,, wasser- 
tragenden Asketen"  (jaladhara  tapasvin)  nennen. 

Es  gibt  auch  solche,  die  die  ganze  Nacht  im  Wasser  sitzen : 
sie  heißen  demgemäß  jaläsayin  (,,im  Wasser  ruhend").  In  die- 
selbe Kategorie  gehört  das  In-den-Mund-nehmen  und  angebliche 
Kauen  von  glühenden  Kohlen ;  oder  wenn  solche  untergeordneten 


—     15     — 

Asketen  behaupten,  nur  von  Weizenkleie  zu  leben,  andere  vor- 
geben, daß  ihr  Trinkwasser  unabänderlich  mit  Holzasche  ver- 
mischt sei.  In  das  Gebiet  närrischer  Diät  gehört  es,  wenn  ge- 
wisse Büßer  ohne  ersichtlichen  Grund  nur  Früchte  genießen  (die 
sog.  farari),  andere  von  Milch  allein  leben  (duddhähäri),  noch 
andere  ihre  Speisen  nie  salzen  (aluna). 

Ein  dunkle  Stelle  indischen  Asketentums  streift  Oman 
(p.  50),  wenn  er  darauf  hinweist,  daß  nicht  alle  ihre  Mittel,  die 
Aufmerksamkeit  auf  sich  zu  lenken,  so  unschuldig  und  ein- 
wandfrei sind,  wie  die  eben  geschilderten.  Es  ziehen  nämlich 
z.  B.  wollüstige  Burschen  umher,  die  da  affektieren,  ihre  ge- 
schlechtlichen Regungen  vermittelst  mechanischer  Vorrich- 
tungen, die  sie  nicht  verheimlichen,  einzuschränken.  Er  ver- 
weist dabei  auf  Wilson,  der  (Religious  Sects  of  the  Hindus, 
p.  151  =  p.  236  f.  der  Works,  Vol.  I)  von  der  Sekte  der  Kara- 
lingins  berichtet: 

,, These  are  vagabonds  of  little  credit;  except  sometimes 
amongst  the  most  ignorant  portions  of  the  Community,  they 
are  not  often  met  with :  they  go  naked,  and  to  mark  their  triumph 
over  sensual  desires,  affix  an  iron  ring  and  chain  on  the  male 
organ^):  they  are  professedly  worshippers  of  Siva." 

Das  Gegenteil  davon  sind  diejenigen  Büßer,  denen  es  heiliger 
Ernst  damit  ist,  den  Anfechtungen  des  Fleisches  wirksam  zu 
begegnen,  und  sich  zu  diesem  Ende  einer  grausamen  Behand- 
lung unterziehen,  die  gewisse  Nerven  und  Muskeln  vollständig 
zerstören.  Wir  lesen  darüber  bei  Dubois,  Hindu  Manners,  Cu- 
stoms,  and  Ceremonies,  Oxford  1897,  p.  527:  ,,Some  say  that 
the  Bairagis  owe  this  impotence  to  extreme  sobriety  in  eating 
and  drinking,  while  others  assert  that  it  is  the  result  of  the  use 
of  certain  drugs.  As  to  their  alleged  sobriety  it  is  a  mere  fable. 
Generally  speaking,  they  eat  all  kinds  of  meat  and  drink  all 
kinds  of  intoxicating  liquors  without  any  shame,  the  practice  of 
mokshasadhaka  and  their  status  as  Sannyasi  acquitting  them  of 


')  These  ascetics  were  the  persons  who  attracted  the  notice  of  the 
eariier  travellers.  especially  Bernier  and  Tavernier.  They  were  more 
numerous  then,  probably,  than  they  are  at  present,  and  this  appears  to  be 
the  case  of  the  mendicants  who  practiced  on  the  superstitious  admiration 
of  the  vulgär. 


—     i6     — 

all  blame  in  this  respect.  According  to  other  authorities,  the 
Bairagis  attain  this  condition  by  purely  mechanical  means,  that 
is,  they  attach  to  their  generative  organs  a  heavy  weight  which 
they  drag  about  until  the  power  of  muscles  and  nerves  is  com- 
pletely  destroyed." 

Die  indischen  Sekten  lassen  sich  zunächst  in  drei  große 
Gruppen  einteilen :  I.  Saivas,  Verehrer  des  Gottes  Siva.  IL  Säktas, 
Verehrer  der  sakti  (,,Energie"),  wie  sich  dieselbe  in  der  Göttin 
De  vi,  Durgä,  oder  wie  diese  Gemahlin  Sivas  sonst  noch  heißen 
mag,  darstellt.  III.  Vaisnavas,  Verehrer  des  Gottes  Visnu,  je 
nach  seiner  Inkarnation  als  Räma  oder  Krsna.  Diese  zerfallen 
wieder  in  eine  Menge  von  Unterarten.  So  zählt  Wilson  deren 
dreiundvierzig  auf,  während  nach  seiner  eigenen  Angabe  in 
indischen  Quellen  sechsundneunzig  genannt  werden !  Aber  auch 
diese  Zahl  drückt  noch  lange  nicht  die  wirkliche  Summe  aller 
gegenwärtig  vorhandenen  Sekten  aus,  von  denen  die  einen  mit 
Bewunderung,  die  anderen  mit  Schauder  erfüllen.  Aber  natür- 
lich finden  sich  in  allen  anderen  Religionssystemen  genau  die- 
selben Verhältnisse  wieder  wie  in  Indien ;  das  Christentum  keines- 
wegs ausgenommen:  gab  es  doch  hier  vom  apostolischen  Zeit- 
alter an  schon  Häretiker,  ja,  es  entstanden  schon  sehr  früh  Sekten, 
die  von  der  christlichen  Moral  nicht  viel  wissen  wollten,  man 
denke  an  die  Antinomisten !  Während  aber  das  Christentum 
solche  Auswüchse  mit  Zuhilfenahme  des  weltlichen  Armes  ab- 
schnitt —  Gnostiker,  Manichäer,  Nestorianer,  Albigenser,  Hus- 
siten  usw.  — ,  konnten  sich  in  Indien  die  mannigfachsten  Sekten 
ganz  nach  Herzenslust  bilden  und  oft  zu  bedeutender  Größe  und 
Macht  entfalten. 

Die  Saivas  zerfallen  in  die  folgenden  7  Unterarten:  i.  Sarn- 
nyäsins,  2.  Dandins,  3.  Paramahamsas,  4.  Brahmacärins  (diese 
vier  sind  Anhänger  des  Reformators  des  Brahmanismus,  des 
Samkaräcärya  aus  dem  8.  bis  9.  Jahrhundert  p.  C),  5.  Lingaiten, 
6.  Aghori,   die  sich  von  Menschenfleisch  nähren^),   7.  Yogins. 

Die  Vaisnavas  haben  6  Abteilungen:  i.  die  Srivaisnavas, 
die  Anhänger  des  Rämänuja,  des  Propheten  des  neuen  Visnu- 
dienstes,  um  1150  A.  D.;  2.  die  Mädhavas,  die  Anhänger  des 

1)  Es  gibt  darunter  auch  weibliche  Exemplare,  die  ihren  männüchen 
Genossen  an  Unfläterei  und  Schamlosigkeit  nicht  nachstehen. 


m 


—     i;     — 

Mädhaväcärya,  eines  kanaresischen  Brahmanen,  geboren  1199 
A.  D. ;  3.  die  Rämänandins,  die  Anhänger  des  Rämänanda,  der 
im  13.   oder  14.   Jahrhundert  in  Benares  lebte;  4.  die  Kabir 
Panthis,  die  Anhänger  des  Kabir,  eines  Schülers  von  Rämänanda ; 
5.  die  Vallabhäcäryas,  die  Anhänger  des  gleichnamigen  Meisters, 
der  1479  zu  Benares  geboren  wurde,  und  6.  die  Anhänger  des 
Caitanya,  eines  vornehmen  Brahmanen  aus  Nadya,  1484 — 1527. 
Die  Anhänger  des  Nänak  endlich,  die  Sikhs,  zerfallen  in 
die  3  Unterarten  der  Udäsi,  Nirmali  und  Nihang  oder  Akali. 
Was  die  Yogins  anlangt,  so  hat  man  sich  ja  seit  alten  Zeiten 
daran  gewöhnt,  in  ihnen  den  Typus  und  Hauptrepräsentanten 
der  indischen  Asketen  zu  sehen ;  sie  haben  in  Europa  und  selbst 
in  dem  so  überaus  geschäftsmäßig  praktischen  Amerika  beson- 
dere Aufmerksamkeit  erregt  und  hier  als  der  höchste  Ausdruck 
indischen    Geistes,     indischen    Transzendentalismus    geradezu 
Schule  gemacht.    Folgen:  eine  absonderliche  Literatur,  Grün- 
dung närrischer  Vereine,  Veranstaltungen  von  allerlei  Hokus- 
pokus; in  Summa:  modernster  Schwindel,  der  mit  unverstandenen 
oder  unverständlichen  Begriffen  hantiert.   Alle  indische  Gelehr- 
samkeit, und  nicht  zum  mindesten  die  indische  Philosophie,  ist 
so  tiefgründig,  daß  selbst  jahrelanges  Studium  der  Originale 
immer  noch  Rätsel  findet,  deren  Lösung  nicht  glücken  will.   Wie 
weit  müssen  also  nicht  jene  populären  Schriften  davon  entfernt 
sein,  ihre  Quelle  auszuschöpfen,  mit  denen  moderne  Schwarm- 
geister in  ihren  und  ihrer  Leser  Köpfen  eine  heillose  Verwirrung 
anrichten ! 

Item,  wenn  auch  ,, Yogin"  zunächst  nichts  weiter  bedeuten 
kann,  als  einen  Mann,  der  sich  mit  den  im  Yoga-System  gelehrten 
Wahrheiten,  Lehrsätzen  und  Praktiken  befaßt,  so  muß  doch 
beachtet  werden,  daß  nicht  alle  Yogins  die  Yoga-Praktiken  aus- 
üben, und  anderseits  die  letzteren  keineswegs  auf  die  professio- 
nellen Yogins  beschränkt  sind.  Der  Gedanke,  die  Vereinigung 
der  individuellen  Seele  mit  der  Weltseele  durch  Meditation 
herbeizuführen  und  diese  durch  mechanische  Mittel  zu  unter- 
stützen, ist  so  allgemein  anerkannt  in  Indien,  daß  auch  die  An- 
gehörigen anderer  Sekten  so  gut  wie  Laien  mit  dem  Yoga- 
Apparate  seit  alten  Zeiten  vertraut  gewesen  sind.  Ebenso  sind 
ja  auch  die  übernatürlichen  Kräfte,  die  die  "^'ogins  für  sich  in 

Schmidt      Faki  re  und   Fakirtum.  2 


-      i8     — 

Anspruch  nehmen,  auch  von  anderen  indischen  HeiUgen  rekla- 
miert worden! 

Die^)  Sädhu  genannten  Asketen  führen  das  bequeme,  ver- 
antwortungsfreie Leben  des  Bettlers  und  haben  in  ihrem  Kalender 
sehr  genau  und  eingehend  alle  Feste  und  Feierlichkeiten  ver- 
zeichnet, so  daß  sie  auf  ihren  weit  abführenden  Wanderungen 
immer  rechtzeitig  in  all  den  Ortschaften  eintreffen,  die  sie  auf 
ihrer  gewöhnlichen  jährlichen  Runde  berühren. 

Die  vorwiegende,  wenn  auch  nicht  die  ausschließliche  Farbe 
ihrer  Gewandung  ist  das  bekannte  Braungelb,  die  Lieblingsfarbe 
der  indischen  Bettelmönche,  soweit  sich  diese  überhaupt  um 
Kleidung  kümmern:  es  gibt  ja  da  eine  Sekte,  die  sich  nach  der 
Mangelhaftigkeit  ihres  Anzuges  digamhara  (,, himmelbekleidet") 
nennt!  Meist  verschmähen  ja  diese  Heiligen,  leidenschaftslos  wie 
sie  sind  oder  doch  wenigstens  sein  sollten,  allen  Putz  und  be- 
decken sich  mit  den  dürftigsten  Lumpen.  Die  Haut  beschmieren 
sie  —  sei  es  zum  Schutze  gegen  die  Sonnenstrahlen,  sei  es  zur 
Abwehr  der  Insekten  oder,  wie  andere  wollen,  zur  Verscheu- 
chung der  Dämonen  2)  —  gewöhnlich  über  und  über  mit  Aschen- 
pulver, welches  manche  Asketen  mit  der  größten  Sorgfalt  zu- 
bereiten, indem  sie  es  wiederholt  durch  zusammengefaltetes 
Seidentuch  sieben,  bis  es  so  fein  wie  irgend  ein  Toilettepuder  wird. 

Außerdem  haben  diese  Heiligen  —  gemeinsam  übrigens  mit 
allen  Brahmanen  —  das  sog.  tüaka,  das  Sektenzeichen,  auf  der 
Stirn  bis  zur  Nase,  weiß  oder  farbig,  wozu  einige  auch  noch 
Symbole  auf  Brust  und  Armen  tragen.  Man  könnte  die  tilakas 
mit  unseren  ,, Schönheitspflästerchen"  vergleichen,  wenn  sie 
eben  nicht  den  Zweck  hätten,  als  Erkennungszeichen  der  ein- 
zelnen Sekten  zu  dienen.  So  trägt  der  eine  Sädhu  auf  seiner 
Stirn  das  triphala,  drei  Linien,  die  etwa  von  der  Vereinigungs- 
stelle der  Augenbrauen  aufwärts  gezogen  werden;  und  zwar  die 
mittlere  rot,  die  beiden  äußeren  weiß:  das  Sektenzeichen  der 
Ramats.  Die  rote  Linie  wird  mit  roli,  einem  Präparate  aus 
Curcumae  und  Leim,  gemalt,  die  weißen  mit  gopichandana, 
einem  kalkhaltigen  Ton,  den  man  aus  Dwarka  aus  einem  Teiche 
holt,   in  welchem  sich  nach  der   Krishna-Legende  die  zarten 

1)  Oman,   36  ff. 

2)  Crooke,  Populär  Rel.,  29/30. 


—     19     — 

gopls  (Hirtinnen)  in  der  Verzweiflung  über  die  Nachricht  vom 
Tode  ihres  Liebhabers,  des  göttHchen  Krishna,  stürzten.  —  Die 
dreifachen  Linien  des  triphala  sind  nicht  ohne  tiefe  Bedeutung, 
indem  sie  die  Embleme  der  drei  Götter  der  Hindu-Trias  sind: 
die  Mittellinie  bedeutet  Visnu,  die  rechte  und  linke  Siva  resp. 
Brahman. 

Wenn  anstatt  der  roten  Linie  in  dem  triphala  auf  der  Stirn 
des  Sädhu  eine  mit  Holzkohle  von  einem  Näräyana  dargebrachten 
Opfer  gemalte  schwarze  erscheint,  so  gehört  er  zu  der  besonderen 
Sekte  der  Mädhavächäris. 

Das  tripundra  hingegen,  drei  auf  der  Stirn  querlaufende, 
mit  heiliger  Asche  (vibhüti)  gezeichnete  Linien,  kennzeichnet  die 
sivaitischen  Anhänger  des  Samkara. 

Die  Kaulas  bekunden  ihren  Kult  gewöhnlich  damit,  daß 
sie  ihre  Stirn  mit  in  öl  aufgelöster  Mennige  bemalen. 

Die  Dakshinächäris  haben  im  allgemeinen  ein  ürdhvapundra, 
einen  senkrechten  Strich  inmitten  der  Stirn,  wobei  das  Farb- 
material entweder  eine  Paste  von  Sandelholz  oder  eine  Lösung 
von  Holzkohle  von  einem  hom-Fenev  in  Ghee  (zerlassener 
Butter)  ist. 

Eine  ausführliche  Beschreibung  der  Sektenzeichen  hat  Fra 
Paolino  in  seinem  Reisewerke  geliefert,  wo  es  p.  342  ff.  der 
Ausgabe  Berlin  1798  heißt: 

Es  gehört  mit  zu  dem  Aberglauben  und  den  Religions- 
gebräuchen der  Indier,  daß  sie  sich  gewisse  hieroglyphische 
Zeichen  auf  die  Stirn  oder  auf  die  Brust  malen,  wodurch  sie  ent- 
weder ihre  besondere  Verehrung  einer  gewissen  Gottheit  oder 
ihre  Anhänglichkeit  für  eine  gewisse  philosophische  Sekte  an 
den  Tag  legen.  Wer  den  geheimen  Sinn  dieser  Unterscheidungs- 
zeichen versteht,  der  kann,  wenn  er  irgend  einen  indischen  Heiden 
erblickt,  sogleich  errathen,  zu  welcher  Rehgion  oder  Schule  sich 
derselbe  bekennt.  Es  wird  daher  dem  Leser  hoffentlich  nicht 
unangenehm  seyn,  sie  auf  dem  beigefügten  Kupfer  abgebildet 
und  hier  erklärt  zu  sehen. 

L  Trischula,  der  Dreizack,  welchen  der  Schiva,  Rudra  oder 
Mahadeva  in  der  Hand  hält,  und  welcher  ein  Symbol  seiner 
Macht  über  Himmel,  Erde  und  Hölle  ist.  Deshalb  nennen  ihn 
die  Indier  Schuli,  den  Dreizackträger.  Auch  wird  ihm  der  Nähme 


—      20      — 

Tripurandaya  beigelegt,  d.  i.  der  Gott,  welcher  die  drei  Welten 
durchdringt  und  regiert.  Das  Symbol  dieser  drei  Welten  sind 
drei  Berge,  Tripura  genannt. 

II.  Dies  Zeichen  heit  Schula,  und  soll  enfalls  den  Dreizack  vor- 
stellen. Die  Schivaniten  mahlen  sich  dasselbe,  wie  auch  das  obige, 
mit  weißer  Erde  sowohl  auf  die  Stirn  als  auf  die  Brust.  Einige 
nennen  es  Tirunama,  d.  i.  den  allerheiligsten  Nahmen  Gottes. 

III.  Ciakschu  oder  Trkanna,  das  heilige  Auge  des  Schiva. 
Dieser  Gott  hat  deren  drei,  und  das  eine,  womit  er  alles  wahr- 
nimmt, steht  mitten  auf  seiner  Stirn.  Deswegen  wird  er  auch 
Trilocena,  der  dreiäugige  Gott,  genannt.  Die  Schivaniten  mahlen 
sich  dies  Auge  auf  die  Stirn. 

IV.  Aghni  oder  Ti,  das  Feuer,  welches  die  Schivaniten  als 
ein  Symbol  des  Schiva  oder  der  Sonne  verehren.  Sie  tragen  dies 
Zeichen  sowohl  auf  der  Stirn,  als  auf  der  Brust.  Die  pyramiden- 
förmigen Tempel  der  Indier  bedeuten,  daß  sie  der  Sonne  oder 
dem  Feuer  gewidmet  sind. 

V.  Tirumanna,  die  heilige  Erde.  Dies  Zeichen  wird  mit 
gelber,  rother  oder  weißer  Farbe  sowohl  auf  die  Stirn  als  auf 
die  Brust  gemahlt,  und  zu  Jagarnat,  am  Ganges,  Caveri,  zu  Cangi- 
puram,  und  überhaupt  an  jedem  heiligen  Orte,  getragen.  Die 
Seitenstriche  sind  weiß  oder  gelb,  der  mittlere  aber  ist  allemal 
roth.  Dies  Zeichen  bedeutet  die  Meddhra,  d.  i.  die  Gebär- 
mutter der  Bhaväni,  von  welcher  alles,  was  ist,  erzeugt  wurde. 
Die  Schivaniten  und  Vischnuviten  pflegen  sich  dessen  sehr 
häufig  zu  bedienen. 

VI.  Tripundara,  d.  i.  der  Zierath  von  drei  Streifen.  Sie 
werden  mit  Sandelholz  und  Asche  gemahlt,  und  bedeuten  die 
Bhavani  (die  Göttin  der  Natur),  nebst  ihren  drei  Söhnen,  dem 
Brahma,  Vischnu  und  Schiva,  Erde,  Wasser  und  Feuer.  Einige 
sind  der  Meinung,  dies  Zeichen  stelle  eigentlich  den  Vischnu  vor, 
wie  er  zur  Zeit  der  Schöpfung  auf  dem  Wasser  schwamm. 

VII.  Das  Tripundara  mit  dem  Puttu.  Es  hat  eben  die  Be- 
deutung wie  das  vorhergehende,  und  wird  mit  Asche  gemacht. 
Diese  beiden  Zeichen  sind  unter  den  Indiern  sehr  gewöhnlich. 

VIII.  Der  Lingam  oder  Phallus  des  Schiva:  ein  Symbol  der 
Zeugungskraft  der  Sonne.  Einige  tragen  ihn  am  Halse;  Andere 
mahlen  ihn  auf  den  Arm,  noch  Andere  auf  die  Stirn. 


—       21       — 

IX.  Pädiciandra,  der  halbe  Mond,  welcher  mit  gelber  Farbe 
an  die  Stirn  gemahlt  wird.  Er  ist  ein  Zeichen  der  Schivaniten, 
welche  die  Sonne  und  den  Mond  anbeten,  und  das  Symbol  für 
die  Ischäni  und  Parvadi,  die  Beherrscherin  der  Gebirge,  das 
Bergweib,  d.  i.  den  Mond. 

X.  Pädiciandra  mit  dem  Puttu,  welches  dieselbe  Bedeu- 
tung hat. 

XI.  Pattavardhana,  d.  i.  der  Zuwachs,  das  Gedeihen.  Dies 
Zeichen  ist  der  Zierath  des  Priesterstandes,  und  wird  mit  gelber 
Farbe  gemahlt.  Es  soll  die  viereckige  Grube  vorstellen,  worin 
das  Homa  oder  Yaga  verbrannt  wird. 

XII.  Vidavardhana,  der  Segen,  das  Hausglück;  ein  Zeichen, 
welches  mit  Kuhmist,  dem  Symbol  des  Überflusses,  gemacht 
wird.  Die  Vischnuviten,  d.  i.  die  Anbeter  des  Wassers  und  der 
Erde,  pflegen  sich  desselben  vorzüglich  zu  bedienen. 

XIII.  Gobura,  der  Thurm.  Ebenfalls  ein  Zeichen,  welches 
mit  gelber  Farbe  gemahlt  wird.  Es  ist  der  Ischi  oder  Lakschmi 
gewidmet,  und  bezieht  sich  hauptsächlich  auf  das  Gedeihen  der 
Viehheerden.  Die  erwähnte  Göttin  trägt  einen  solchen  Thurm 
auf  dem  Haupte,  wie  ehedem  die  Cybele. 

XIV.  Villa,  der  Bogen.  Er  istdemSchriräma,  d.i.  dem  jungen 
Bacchus  (dem  Symbol  der  Sonne)  gewidmet,  welcher  damit  den 
König  der  Nacht,  den  Anführer  der  Ungeheuer  und  Riesen,  Nah- 
mensRävana,  bekämpfte.  Er  soll,  der  Tradition  zufolge,  ein  König 
in  Ceilan  gewesen  seyn,  ist  aber  eigentlich  der  Pluto  der  Indier. 

XV.  Tamara  ila  oder  Padma  ila,  der  Blumenkelch,  nebst 
einem  Blatte  der  Nymphäa.  Es  wird  mit  gelber  Farbe  gemahlt, 
für  welche  die  Indier  eine  besondere  Vorliebe  haben,  und  be- 
deutet das  Wasser,  woraus  durch  die  Mitwirkung  der  Sonne  alles 
erschaffen  wurde  und  noch  jetzt  entsteht. 

XVI.  Munghi-ila,  ein  einzelnes  Blatt  der  Nymphäa,  welches 
in  verkehrter  Lage  unter  Wasser  steckt.  Es  ist  ebenfalls,  wie 
das  vorhergehende,  ein  Zeichen  der  Vischnuviten,  und  hat  die- 
selbe Bedeutung. 

XVII.  Tamaramotta,  die  Zwiebel  der  Nymphäa;  wird  mit 
gelber  Farbe  gemahlt,  und  bedeutet  eben  dasselbe. 

XVIII.  Puttu,  d.  i.  das  Farbezeichen.  Es  ist  entweder  roth 
oder  weiß,  oder  schwarz.    In  der  Mitte  ist  ein  rohes  Reißkorn 


—      22       — 

befindlich,  welches  der  Lakschmi,  der  Göttin  der  Feldfrüchte, 
und  besonders  des  Getreides,  gewidmet  ist. 

XIX.  Ciacra,  das  Rad  des  Vischnu,  welches  er  immer  herum- 
dreht, und  wodurch  er  die  Welt  regiert.  Die  Vischnu viten  legen 
demselben  eine  Menge  wunderbarer  Kräfte  und  Eigenschaften 
bei.  Die  ältesten  Indischen  Könige  bedienten  sich  dieses  Rades 
anstatt  des  Zepters,  und  wurden  daher  Ciacravartti  genannt, 
d.  i.  Leute,  welche  das  Rad  regieren.  Die  Tibetaner  haben  diesen 
uralten  Gebrauch  bis  auf  den  heutigen  Tag  beibehalten,  und 
tragen  bei  ihren  öffentlichen  Processionen,  Festen  und  anderen 
Feierlichkeiten  ein  Rad  mit  herum.  Dies  Zeichen  charakterisirt 
besonders  die  Vischnuviten.  Einige  halten  es  für  ein  Symbol  der 
Sonne,  und  ich  stimme  ihnen  bei,  weil  auch  diese  von  den  Indiern 
als  die  Regier erin  des  Weltalls  verehrt  wird. 

Das  Haar  tragen  die  Sädhus'^)  entweder  geflochten  und 
gewickelt  auf  dem  vorderen  Teile  des  Kopfes,  oder  sie  haben  ihre 
Flechten  lose  und  zottig.  Diejenigen,  welche  ihr  Haar  sorg- 
fältig aufgesteckt  auf  dem  Kopfe  tragen,  heißen  ohne  Rücksicht 
auf  ihre  Sekte  jhuttadarees;  diejenigen,  die  ihr  Haar  in  Un- 
ordnung um  das  Gesicht  flattern  lassen,  bhoureeahs.  Letztere 
Mode  ist  bei  einer  großen  Menge  von  Mönchen  beliebt,  die  sich 
damit  offenbar  ein  abschreckendes  Ansehen  geben  wollen; 
wenigstens  weiß  Crooke  (Populär  Religion  and  Folk-lore  of 
Northern  India  I,  239)  zu  berichten,  daß  der  Ausdruck  „sein 
Haar  gegen  jemand  wachsen  lassen"  eine  Drohung  enthält,  die 
sehr  ernst  genommen  wird.  ,,For  the  same  reason  ascetics  wear 
their  hair  loose  and  keep  it  uncut,  as  Samson  did." 

Die  meisten  Sädhus  tragen  eine  Schnur  von  Kügelchen  um 
den  Nacken  oder  haben  ,, Rosenkränze"  in  den  Händen.  Auf 
Grund  des  Stoffes,  aus  dem  die  Gebetsschnur  gemacht  ist, 
kann  man  gewöhnlich  leicht  die  Anhänger  Visnus  und  Sivas 
unterscheiden,  indem  sie  entweder  Kügelchen  aus  heiligem  Ba- 
silienholz  (Ocymum  sanctum)  oder  die  rauhen  Beeren  des 
rudräksa-Baumes  (Elaeocarpus  ganitrus)  vorziehen.  Wenn  sie 
zwei  Halsketten  aus  Basilienholz  tragen,  gehören  sie  der  Sekte 
der  Swami  Narayanis  an,  die  Krsna-Visnu  und  seine  Geliebte 
Rädhä  anbeten. 

1)   Oman,  p.  39. 


—     23     — 

Bezüglich  des  Rosenkranzes  oder,  wenn  wir  den  in- 
dischen Ausdruck  {japamälä)  wörtHch  genau  wiedergeben  wollen, 
des  Gebetskranzes  ist  zu  sagen,  daß  der  des  Siva-Aiiheievs  nach 
Monier  Williams  (Modem  India  —  Art:  Indian  Rosaries) i) 
aus  32  oder  64  rudräksa-Beeren,  der  des  Visnuiten  aus  108  Kügel- 
chen  des  Basilienholzes  besteht.  Oman  fügt  aber  die  Bemer- 
kung hinzu  (p.  40),  daß  er  auch  Rosenkränze  aus  108  rudräksa- 
Beeren  gesehen  habe,  die  Regel  also  keine  streng  beobachtete 
sein  könne. 

Zu  diesen  Attributen  kommen  nun  manchmal  noch  phallische 
Embleme,  die  an  Wollfäden  vom  Halse  herabhängen  oder  an  den 
Armen  befestigt  sind.  An  ihre  Stelle  treten  bisweilen  kleine 
Glöckchen,  große  Ohrringe,  Armbänder  von  Eisen,  Messing  oder 
Kupfer.  Halsketten  aus  kleinen  Steinen  glänzen  am  Halse,  ge- 
legentlich findet  man  auch  das  Haar  verziert  mit  metallenem 
Zierat,  der  ,, goldenen  Fliege"  (svarna  mäksh);  wieder  einer  hat 
eine  Muschelschale  an  sein  Handgelenk  gesteckt,  noch  ein  anderer 
trägt  verschiedene  seltsame  Figuren  und  Devisen,  gemalt  oder 
auch  eingebrannt,  an  den  Armen. 

Da  die  Asketen  auf  die  Genüsse  dieser  Welt  verzichtet 
haben,  ist  auch  ihr  Besitz  auf  das  Allernötigste  beschränkt.  Als 
wandernde  Bettler  hängen  sie  von  der  Mildtätigkeit  der  Leute 
ab,  was  ihre  tägliche  Nahrung  anlangt ;  und  da  sie  oft  im  Laufe 
ihrer  jährlichen  Touren  weite  Entfernungen  zurücklegen,  haben 
die  allermeisten  von  ihnen  den  Besitz  einer  Almosenschale  und 
eines  Wasserkruges  als  nötig  erkannt.  Manchmal  bestehen  diese 
nur  aus  einer  Kokosnußschale  oder  einer  Flaschengurke,  wobei 
sich  die  Schale  in  vielen  Fällen,  wenn  man  näher  hinsieht,  als 
mit  Deckel,  Henkel  und  Tülle  versehen  erweist;  und  auch  die 
Flaschengurke  zeigt  Spuren  von  Vervollkommnung,  indem  sie 
zum  bequemeren  Tragen  zu  einer  handlichen  Form  zurecht- 
geschnitten  wird.  Auch  Nachbildungen  der  Flaschengurke  in 
Messing  sind  nicht  ungewöhnlich. 

Endlich  gehören  noch  zum  Aufzug  der  Asketen  Kinn-  und 
Armstützen  aus  starken  Stäben,  bekannt  unter  dem  Namen 
bairaguns,  die  dazu  dienen,  die  verschiedenen  Stellungen  zu  er- 
leichtern, die  der  Asket  bei  seinen  Versenkungen  einnimmt.  Daß 

1)  Siehe  Anm,  Anh.  p.  10. 


—      24      — 

diese  und  ähnliche  Geräte  der  Büßer,  z.  B.  die  eisernen  Feuer- 
zangen, die  sich  unter  der  Habe  der  meisten  von  ihnen  befinden, 
oft  in  schreckenerregender  Größe  benutzt  werden,  hat  seinen 
guten  Grund:  die  wandernden  Mönche  erwehren  sich  damit  oft 
der  Raubtiere,  denen  zu  begegnen  sie  naturgemäß  öfter  Gelegen- 
heit haben  als  ihre  seßhaften  Brüder. 

Eine  große  Rolle  spielen  nun  im  Leben  dieser  Leute  die 
Narkotika;  eine  größere,  als  die  meisten  ahnen.  So  haben  denn 
die  charas-KsLUchev  unter  ihnen  natürlich  ihre  chülums  (Pfeifen) 
um  sich  herum  stehen  und  liegen,  und  die  hhang-Trmkex  werden 
selbst  auf  der  Pilgerfahrt  keinen  Steinmörser  und  hölzerne 
Mörserkeule  zu  schwer  zu  transportieren  finden.  Es  ist  ganz 
sicher,  daß  diese  und  andere  Rauschmittel  für  die  Halluzinationen 
der  Yogins  hervorragend  verantwortlich  sind.  ,,A  great  number 
of  Hindu  modern  saints  live  in  a  state  of  perpetual  intoxication, 
and  call  this  stupefaction,  which  arises  from  smoking  intoxi- 
cating  herbs,  fixing  the  mind  on  God^'  (Ward,  Hindus,  p.  283). 

Auf  meiner  Reise  von  Kaschmir  nach  Labore,  erzählt  Erich 
von  Schönberg  (Patmakhanda  I,  237),  machte  man  mich  in 
Barramulla  auf  einen  Sikh-Fakir  aufmerksam,  der  hier  ein  ge- 
wisses Ansehen  genoß,  und  da  ich  nichts  Besseres  zu  tun  hatte, 
so  besuchte  ich  ihn.  Ich  fand  denselben  in  einem  sehr  unansehn- 
lichen Räume,  der  halb  dem  Berge  abgewonnen  und  halb  unter 
Dach  gebracht  war.  Der  Mann,  in  seinem  Äußern  zwar  etwas 
ungewöhnlich,  mit  langem  Haar  und  Bart,  wie  alle  diese  Fakire 
dies  als  eines  der  einfachsten  Mittel  finden,  um  die  Aufmerksam- 
keit anderer  auf  sich  zu  ziehen,  was  eine  der  ersten  Grundregeln 
ihres  Erwerbszweiges  und  ihrer  Karriere  ist,  war  übrigens  eine 
mir  ganz  angenehme  Erscheinung,  und  waren  \viv  bald  so  weit 
vertraut,  um  uns  gegenseitig  mit  Freundlichkeit  zu  betrachten. 
Der  Mann  zeigte  einen  sehr  gesunden  Verstand  und  scharfe  Auf- 
fassung und  war,  mit  einem  Worte,  ein  asiatischer  Philosoph; 
er  verdiente  wenigstens  diesen  Namen  mit  ebenso  vielem  Rechte, 
als  mancher  Europäer  den  eines  Gelehrten.  Einer  seiner,  mir  als 
unangenehme  Schwäche,  ihm  als  ein  Teil  seiner  Pflicht  er- 
scheinenden Gebräuche  war  das  starke  Hanfrauchen  oder 
Bhang- Rauchen,  was  er  trieb,  und  dabei  hatte  er  es  zum  Über- 
flusse im  Opiumessen  so  weit  gebracht,  ein  Stück  von  der  Größe 


—      25       — 

einer  halben  Dattel  ohne  weiteres  zu  verzehren,  und  versicherte 
er,  er  könne  ohne  jeden  Schaden  das  Doppelte  tun,  wenn  ich  mich 
entschließen  wolle  ihm  dergleichen  zu  geben,  was  er  mit  Dank 
anerkennen  werde.  Unsere  Unterhaltung  hatte  in  seinem 
nüchternen  Zustande  stattgefunden,  und  fürchte  ich,  daß  er  eine 
halbe  Stunde  später  einen  weit  weniger  günstigen  Eindruck  auf 
mich  gemacht  haben  dürfte.  Ich  verhehlte  ihm  dies  auch  nicht, 
doch  erwiderte  er,  dies  gehöre  zu  seinen  Obliegenheiten,  denen 
er  sich  nicht  entziehen  könne,  indem  er  dermalen  selbst  so  weit 
daran  gewöhnt  sei,  daß  er  sich  unwohl  fühle,  wenn  er  den  Genuß 
des  Opiums  unterließe. 


2.  Kapitel. 

Berühmte  Asketen. 

Asketentum  findet  man  in  allen  Religionssystemen  als  den 
gebräuchlichsten  Ausdruck  der  Selbsterniedrigung  vor  der  Gott- 
heit, um  sie  gnädig  zu  stimmen.  Daher  in  Zeiten  nationalen  Un- 
glücks die  Erscheinung,  daß  allgemeine,  im  größten  Maßstabe 
unternommene  Wallfahrten  und  Bittgänge  stattfinden  —  man 
denke  an  die  mittelalterlichen  Flagellanten  — ,  die  die  Form  der 
Manie  annehmen  können.  In  Indien  gilt  den  Theologen  und 
Philosophen  Askese  als  ein  Mittel,  die  Leidenschaften  zu  zügeln, 
und  dadurch  die  Erkenntnis  Brahmans  oder  sonst  eine  Erkennt- 
nis zu  erlangen,  die  Erlösung  vom  Samsära,  dem  Geburtenkreis- 
lauf, bringt,  mag  sie  nun  Nirväna,  Vereinigung  mit  Brahman 
oder  wie  immer  heißen.  Der  Boden  für  derartige  Anschauungen 
war  ja  in  Indien  unter  dem  jahrhundertelangen  Einfluß  phy- 
sischer, politischer  und  sozialer  Verhältnisse  aufs  beste  vorbereitet 
worden :  die  große  Masse  des  Volkes  war  untätig,  Stagnation  war 
sein  Los,  so  daß  düstere  religiöse  Spekulationen  und  pessi- 
mistische Anschauungen  schnell  Platz  griffen.  Uralt  ist  denn 
auch  in  Indien  neben  dem  Kastensystem  die  Einteilung  der 
Lebenszeit  in  die  vier  ,, Stadien"  {äsrama),  derzufolge  der  junge 
Brahmane  zunächst  dem  Studium  obliegt,  dann  als  Hausherr 


—      26      — 

auf  die  Gründung  einer  Familie  bedacht  ist,  um  sich  im  dritten 
Lebensabschnitt  als  vanaprastha  mit  seiner  Frau  zusammen  oder 
ohne  sie  in  den  Wald  zurückzuziehen,  wo  er  nur  von  den  von 
selbst  gewachsenen  Früchten  der  Erde  lebt  und  durchaus  auf 
alles  verzichtet,  was  das  Produkt  der  Menschenhand  ist.  Das 
vierte  und  letzte  Stadium  endhch  ist  das  des  Bettlers :  Verzicht- 
leistung auf  alle  weltlichen  Freuden  ist  seine  Signatur. 

Aber  nicht  nur  weltmüde  Fromme  befassen  sich  mit  den 
Übungen  der  Askese:  auch  Kriegshelden  wie  Räma  und  Arjuna 
sind  damit  vertraut,  und  selbst  die  himmlischen  Götter  ver- 
schmähen es  nicht,  sich  zu  kasteien,  wenn  es  gilt,  einen  Wunsch 
zu  erreichen,  dessen  Erfüllung  anders  nicht  glücken  will.  Wem 
fällt  da  nicht  die  büßende  ,, Tochter  des  Bergesfürsten"  ein, 
Pärvatl,  die  mit  ihrer  Askese  die  Neigung  Sivas  zu  gewinnen 
trachtet?  Sie  sitzt  inmitten  von  vier  Feuern,  trotzdem  es  Sommer 
ist,  und  blickt  unverwandt  in  die  Sonne  —  anderer  Kraftproben 
nicht  zu  gedenken!  ,,According  to  Hindu  theory,"  sagt  Monier 
Williams,  Indian  Epic  Poetry  p.  4,  ,,the  Performance  of 
penances  was  like  making  deposits  in  the  bank  of  heaven.  By 
degrees  an  enormous  credit  was  accumulated  which  enabled  the 
depositor  to  draw  to  the  amount  of  his  savings,  without  fear 
of  his  drafts  being  refused  payment.  The  power  gained  in  this 
way  by  weak  mortals  was  so  enormous,  that  gods  as  well  as 
men  were  equally  at  the  mercy  of  these  all  but  omnipotent 
ascetics,  and  it  is  remarkable  that  even  the  gods  are  described 
as  engaging  in  penances  and  austerities,  in  order,  it  may  be  pre- 
sumed,  not  to  be  outdone  by  human  beings.  Siva  was  so  engaged 
when  the  god  of  love  shot  an  arrow  at  him." 

Dem  Kenner  der  indischen  Literatur  wohlbekannt  sind  die 
Legenden  und  Geschichten,  die  von  Göttern  und  Halbgöttern, 
Helden  und  gewöhnlichen  Sterblichen  erzählt  werden,  um  die 
märchenhafte  Kraft  der  Askese  zu  veranschaulichen.  Sie  ist  ein 
sehr  beliebtes  und  natürlich  mit  Erfolg  gekröntes  Mittel  gegen 
Kinderlosigkeit  {Mahähhärata,  Ädiparvan  CCXVH);  besonders 
aber  dient  sie  zur  Erlangung  von  übernatürlicher  Kraft.  In  dem- 
selben Epos  wird  von  zwei  D^i^ya-Brüdem  erzählt,  die  eine 
Reihe  schwerer  Kasteiungen  auf  sich  nehmen,  mit  der  aus- 
gesprochenen Absicht,  die  drei  Welten  zu  erobern.   Sie  kleideten 


—      27      — 

sich  in  Bastgewänder,  trugen  ihr  Haar  geflochten,  beschmierten 
sich  vom  Kopf  bis  zu  den  Füßen  mit  Staub  und  unterwarfen  sich 
in  der  Einsamkeit  den  größten  Qualen  von  Hunger  und  Durst. 
Sie  standen  jahrelang  auf  den  Zehen,  die  Arme  hochgerichtet  und 
die  Augen  weit  geöffnet.  Aber  noch  nicht  zufrieden  mit  diesen 
schmerzhaften  Peinigungen,  schnitten  sie  sich  in  ihrem  Eifer 
Stücke  von  ihrem  eigenen  Fleische  ab  und  warfen  sie  ins  Feuer. 
Das  Vindhya-Gebirge,  auf  dem  diese  entschlossenen  Asketen 
Platz  genommen  hatten,  wurde  erhitzt  von  der  Glut  ihrer 
Kasteiungen,  und  die  Götter,  die  ihre  Taten  sahen  und  vor  den 
möglichen  Folgen  zitterten,  versuchten  alles,  was  in  ihren  Kräften 
stand,  jene  von  der  strikten  Beobachtung  ihres  Gelübdes  ab- 
zubringen. Sie  stellten  sie  auf  die  Probe  mit  dem  Anerbieten 
allen  möglichen  köstlichen  Besitzes  und  der  schönsten  Mädchen, 
aber  vergebens.  Dann  versuchten  es  die  Himmlischen  mit  Blend- 
werkszauber, indem  sie  die  Asketen  glauben  machten,  daß  deren 
Schwestern,  Mütter,  Frauen  und  andere  Verwandte  mit  zer- 
zaustem Haar,  die  Schmucksachen  und  Kleider  abgerissen, 
voller  Entsetzen,  von  einem  Dämon,  mit  einer  Lanze  in  der 
Hand,  verfolgt  und  niedergeschlagen,  zu  ihnen  geflohen  kämen ; 
und  es  schien,  daß  diese  Frauen  um  Hilfe  riefen  und  den  Bei- 
stand jener  beiden  Brüder  anflehten.  Aber  selbst  diese  auf- 
regende Szene  häuslichen  Ungemaches  vermochte  die  Asketen 
nicht  von  ihrer  Beharrlichkeit  abzubringen,  und  Brahman  selbst 
sah  sich  schließlich  genötigt,  ihnen  sehr  umfangreiche  Macht  und 
Vorrechte  einzuräumen,  einschließlich  der  Gabe,  daß  nur  einer 
von  des  anderen  Hand  sollte  getötet  werden  können.  Als  diese 
erfolggekrönten  Büßer  nach  Hause  zurückkehrten,  legten  sie 
köstliche  Kleider  an,  trugen  wertvolle  Schmucksachen,  ließen 
den  Mond  jede  Nacht  über  ihrer  Stadt  aufgehen  und  lebten 
jahraus,  jahrein  in  ununterbrochenen  Festen  und  jeglicher  Art 
von  Vergnügungen.    (Ädiparvan  CCXI;  bei  Oman,  p.  20.) 

Sehr  häufig  benutzten  die  Heiligen  ihre  Macht  in  nichts 
weniger  denn  frommer  Gesinnung,  und  es  macht  ganz  entschieden 
einen  recht  schlechten  Eindruck,  wenn  man  z.  B.  in  der  Suka- 
saptati  (textus  simplicior,  p.  2,  textus  omatior,  p.  11,  meiner  Über- 
setzung) von  einem  solchen  Manne  liest,  daß  er  einen  Reiher 
mit  dem  Blick  seiner  Augen  zu  Asche  verbrannte,  bloß  weil  der 


—       28       — 

Kot  des  armen  Vogels  den  heiligen  Mann  beschmutzt  hatte! 
Das  Urbild  des  empfindlichen  Büßers  ist  in  dieser  Hinsicht 
Durväsas,  von  dem  ungezählte  Jähzomsausbrüche  erzählt 
werden.  Man  vergleiche  als  bekanntestes  Beispiel  sein  Be- 
nehmen gegen  Sakuntalä  (p.  76  der  Übersetzung  von  Fritze). 
Fortwährend  liest  man,  wie  so  ein  Heiliger  aus  der  geringfügig- 
sten Veranlassung  wütend  wird  und  das  meist  recht  wenig 
schuldige  Opfer  seiner  galligen  Laune  verflucht;  eine  Tatsache 
übrigens,  die  den  Hochmut  dieser  Sorte  von  Brahmanen  aufs 
trefflichste  beleuchtet. 

Um  seine  Vorfahren  zu  rächen,  unterzog  sich  der  Heilige 
Urva  den  härtesten  Kasteiungen,  um  alle  Geschöpfe  auf  Erden 
zu  vernichten.  Das  Feuer  seines  Zornes  war  so  glühend,  daß  es 
nur  mit  Mühe  im  Ozean  untergebracht  werden  konnte! 

Die  Prinzessin  Ambä  von  Benares  vollzog  die  grausigsten 
Bußübungen  viele  Jahre  hindurch,  um  Bhisma  zu  vernichten. 
Der  Gott  Mahädeva  sagte  ihr  gnadenvoll  zu,  daß  sie  in  der 
nächsten  Existenz  ein  stolzer  Krieger  werden  sollte,  der  den 
verhaßten  Bhisma  vernichten  würde.  Daraufhin  ließ  das  Mäd- 
chen Holz  aus  dem  Walde  holen,  errichtete  einen  großen  Scheiter- 
haufen am  Ufer  der  Jumna  und  stürzte  sich,  nachdem  sie  ihn 
in  Brand  gesteckt  hatte,  in  die  Flammen  mit  den  Worten:  ,,Ich 
tue  das  um  Bhismas  Vernichtung  willen."  Natürlich  blieb  die 
erwartete  Wirkung  nicht  aus. 

Aus  dem  zweiten  großen  Epos  der  Inder,  dem  Rämäyana, 
sind  ebenfalls  genug  Beispiele  von  übernatürlichen,  durch  As- 
kese erlangten  Kräften  und  Vorrechten  bekannt.  So  hatte  der 
zehnköpfige  Herr  der  Räksasas,  Rävana,  durch  lange,  mühe- 
volle Bußübungen  bei  Brahman  das  Gnadengeschenk  durch- 
gesetzt, daß  kein  Gott  noch  Halbgott  fähig  sein  sollte,  ihm  das 
Leben  zu  nehmen.  Gedeckt  durch  diese  Bestimmung  des 
Schöpfers,  wurde  der  zehnköpfige  Räksasa  der  Schrecken  der 
Welt.  Da  er  aber  in  seinem  Dünkel  unterlassen  hatte,  sich  auch 
gegen  Menschen  feien  zu  lassen,  so  machte  sich  der  Gott  Visnu 
diese  Vergeßlichkeit  zunutze,  kam  als  Räma  zur  Welt  und  tötete 
nach  wundersamen  Abenteuern  jenen  König  der  Dämonen. 

Ein  anderer  Dämon,  Virädha  mit  Namen,  hatte  durch  seine 
Bußübungen  die  Gabe  empfangen,  gegen  jede  Art  von  Waffen 


0^ 


—      29      — 

gefeit  zu  sein.  Er  empfing  sein  Schicksal  aus  der  Hand  Rämas, 
der  ihn  ohne  Waffen,  nur  mit  seinen  Fäusten,  besiegte  und  in 
eine  tiefe  Höhle  schleuderte. 

Im  Sivafuräna  finden  wir  die  Erzählung  vom  Dämon 
Täraka,  der  sich  freiwillig  elf  verschiedenen  Arten  von  Selbst- 
abtötung  unterzog,  von  denen  sich  eine  jede  über  einen  Zeit- 
raum von  100  Jahren  erstreckte.  Darüber  wurden  Indra  und 
die  geringeren  Götter  so  bestürzt,  daß  sie  sich  an  Brahman 
wandten,  er  möchte  die  schrecklichen  Bußübungen  jenes  As- 
keten verhindern.  Das  höchste  Wesen  mußte  aber  zugeben,  daß 
es  solchen  Kasteiungen  nicht  widerstehen  könnte,  sondern  sie  be- 
lohnen müßte.  Brahman  sagte  ihnen  jedoch,  daß,  wenn  er 
Täraka  den  Wunsch  erfüllt  hätte,  um  dessen t willen  dieser  so 
viel  Mühsal  auf  sich  genommen  hätte,  er  einen  Plan  entwickeln 
wollte,  um  endgültig  die  Anstrengungen  des  Dämons  unschäd- 
lich zu  machen.  Wonach  Täraka  trachtete,  war,  an  Stärke  ohne- 
gleichen zu  sein  und  von  niemandes  Hand  getötet  werden  zu 
können,  es  sei  denn  von  derjenigen  von  Sivas  Sohn.  Nachdem 
dieser  Wunsch  zugestanden  worden  war,  wie  es  nicht  anders  sein 
konnte,  tyrannisierte  der  Dämon  im  stolzen  Gefühl  seiner  Macht 
die  niederen  Götter  und  setzte  das  ganze  Weltall  in  Schrecken, 
da  er  sich  für  völlig  sicher  hielt;  denn  er  rechnete  fest  darauf, 
daß  Siva  niemals  Vater  eines  Sohnes  werden  würde.  Darin 
hatte  er  sich  allerdings  getäuscht,  wie  es  Kälidäsa  in  seinem  ly- 
rischen Epos  Kumärasambhava  anziehend  genug  geschildert  hat. 

Im  Visnupuräna  (I,  ii,  12)  wird  die  Geschichte  vom  König 
Uttänapäda  und  seinen  beiden  Frauen  erzählt,  deren  jede  ihm 
einen  Sohn  gebar.  Eines  Tages,  als  der  König  auf  seinem  Throne 
saß  und  das  Kind  seiner  Lieblingsgattin  auf  dem  Knie  schaukelte, 
versuchte  sein  anderer  Sohn,  Dhruva,  ein  Kind  von  5  Jahren, 
der  zufällig  zugegen  war,  natürlich  dasselbe  Vergnügen  zu  ge- 
nießen. Die  Lieblingskönigin,  Suruci,  die  dabei  stand,  belehrte 
den  Kleinen  recht  von  oben  herab  über  sein  ungehöriges  Ver- 
langen, indem  sie  ihm  sagte,  der  Thron  sei  der  geeignete  Platz 
für  ihren  Sohn,  aber  sicherlich  nicht  für  ihn.  Beschämt  und 
unwillig  begab  sich  der  kleine  Dhruva  in  die  Gemächer  seiner 
Mutter,  der  er  sein  kummervolles  Herz  ausschüttete.  Seine  be- 
trübte Mutter  suchte  ihn  zu  trösten  und  empfahl  ihm  —  echt 


-     30     - 

indisch  —  die  Übung  der  Geduld  und  die  Pflege  des  Geistes  der 
Zufriedenheit;  aber  Dhruva  war  zu  tief  gekränkt,  als  daß  er 
seiner  Mutter  wohlgemeinten  Rat  hätte  annehmen  können,  und 
rief,  wiewohl  er  noch  Kind  war:  ,, Mutter,  die  Worte,  die  du  zum 
Tröste  an  mich  gerichtet  hast,  finden  keinen  Platz  in  einem 
Herzen,  daß  durch  jenen  Schimpf  gebrochen  ist.  Ich  will  mich 
bemühen,  einen  so  hohen  Rang  einzunehmen,  daß  ich  von  der 
ganzen  Welt  verehrt  werden  soll.  Obgleich  ich  nicht  von  Suruci, 
dem  Liebling  des  Königs,  geboren  worden  bin,  sollst  du  doch 
meinen  Ruhm  sehen.  Mag  Uttama,  mein  Bruder,  den  Thron 
einnehmen,  den  mein  Vater  ihm  gegeben  hat :  ich  verlange  nach 
weiter  keinen  Ehren,  als  solchen,  die  meine  eigenen  Handlungen 
erringen  werden,  und  die  selbst  mein  Vater  nicht  genossen  hat." 
Indem  er  diese  Hoffnungen  hegte,  schlug  der  junge  Prinz,  auf 
der  Suche  nach  der  höchsten  Ehre  und  Ruhm,  einen  Weg  ein, 
von  dem  sich  ein  Kind  oder  Mann  in  Europa  bei  ähnlichem 
Anliegen  nichts  würde  träumen  lassen.  Dhruva,  der,  wie  gesagt, 
erst  5  Jahre  alt  war,  verließ  die  Stadt  und  begab  sich  in  ein  nahe- 
gelegenes Dickicht,  wo  er  sieben  Heilige  auf  Fellen  der  schwarzen 
Antilope  sitzen  sah.  Er  setzte  diesen  heiligen  Weisen  die  Um- 
stände, die  ihn  aus  seinem  königlichen  Heim  fortgetrieben 
hatten,  sowie  seinen  brennenden  Wunsch  nach  Erlangung  einer 
hohen  Stellung  auseinander  und  fragte  dann  respektvoll  um 
ihren  Rat.  Die  Heiligen  waren  so  freundlich,  dem  Kinde  zu- 
zuhören, ihm  die  Verehrung  Visnus  zu  empfehlen  und  es  zu 
unterweisen,  welchen  Weg  es  dabei  einschlagen  sollte.  ,, Prinz," 
sagten  die  Büßer,  ,,du  verdienst  zu  vernehmen,  wie  die  An- 
betung Visnus  von  denjenigen  vorgenommen  worden  ist,  die  sich 
seinem  Dienste  geweiht  haben.  Der  Geist  muß  zuerst  dahin 
gebracht  werden,  alle  äußeren  Eindrücke  aufzugeben,  und  dann 
muß  man  ihn  standhaft  auf  das  richten,  worin  die  Welt  besteht. 
Wer  seine  Gedanken  so  auf  einen  einzigen  Gegenstand  richtet, 
so  daß  sie  ganz  davon  erfüllt  sind  und  sein  Geist  unter  sicherer 
Kontrolle  ist,  der  muß  unverändert  das  Gebet  murmeln,  das 
wir  dir  vorsprechen  wollen:  ,0m,  Ruhm  sei  Väsudeva,  dessen 
Wesen  göttliche  Weisheit  und  dessen  Gestalt  unergründlich  oder 
als  Brahman,   Visnu  und  Siva  manifestiert  ist.'" 

Um  nun  sein  großes  Vorhaben  zur  Ausführung  zu  bringen, 


—     31     — 

zog  sich  der  kleine  Prinz  nach  einem  heiUgen  Platze  am  Ufer 
der  Jumna  zurück  und  befolgte  dort  sehr  sorgfältig  die  Lehren, 
die  er  von  den  Heiligen  empfangen  hatte,  mit  dem  erfreulichen 
Erfolge,  daß  Visnu  sich  seinem  Geiste  offenbarte.  Als  dies  ge- 
schah, war  sogar  die  Erde  selbst  nicht  imstande,  die  Last  des 
Miniaturasketen  zu  tragen.  Die  Himmlischen  gerieten  in  Be- 
stürzung und  versuchten  alle  Künste,  seine  Versenkung  zu 
stören  und  ihn  davon  abzulenken,  aber  alle  ihre  Anstrengungen 
blieben  unwirksam.  Noch  mehr  bestürzt  über  diesen  Mißerfolg, 
wandten  sich  die  Götter  an  Visnu  und  sagten  zu  ihm:  ,,Gott 
der  Götter,  Herrscher  der  Welt,  höchster,  unendlicher  Geist, 
wir  sind,  unglücklich  über  Dhruvas  Kasteiungen,  zu  dir  ge- 
kommen, um  Schutz  zu  erflehen.  Wie  der  Mond  auf  seiner  Bahn 
von  Tag  zu  Tag  wächst,  so  nähert  sich  dieser  Jüngling  unauf- 
hörlich infolge  seiner  Bußübungen  übernatürlicher  Macht.  Er- 
schreckt über  die  asketischen  Praktiken  von  Uttänapädas  Sohn, 
suchen  wir  Beistand  bei  dir.  Laß  die  Glut  seiner  Versenkung 
sich  abkühlen.  Wir  wissen  nicht,  nach  welchem  Grade  er  strebt, 
dem  Throne  Indras,  der  Herrschaft  über  die  Sonnen-  oder  Mond- 
sphäre, oder  der  Gebieterschaft  über  die  Reichen  oder  über  die 
Tiefe  der  Unterwelt.  Habe  Mitleiden  mit  uns,  Herr;  beseitige 
den  Kummer  aus  unserer  Brust  und  hindere  den  Sohn  Uttäna- 
pädas, in  seinen  Kasteiungen  fortzufahren." 

Um  die  Angst  der  Götter  zu  beheben  und  auch  um  des  all- 
gemeinen Besten  willen  kam  schließlich  Visnu  persönlich  auf 
die  Erde  und  gewährte  dem  kindlichen  Asketen  seinen  Wunsch, 
eine  erhabene  Stellung,  höher  als  alle  anderen,  einzunehmen,  die 
ihm  für  immer  gehören  sollte.  Dieses  ehrgeizige  Verlangen  wurde 
durch  Dhruvas  Versetzung  an  den  Himmel  als  Polarstem  erfüllt. 
(Oman,  p.  21  ff.) 

Eigentümlich  bleibt  es  hierbei,  daß  Brahman  nach  ewigen, 
umwandelbaren  Gesetzen  jedesmal  genötigt  ist,  den  Wunsch  zu 
gewähren,  um  dessen t willen  der  betreffende  Asket  sich  seinen 
Peinigungen  unterzieht.  Aber  Brahman  hat  selbst  in  der  Ge- 
stalt eines  Büßers  Tausende  von  Jahren  lang  auf  dem  Berge 
Gandhamädana  die  härtesten  Bußübungen  vollbracht,  um  die 
Oberhoheit  über  alle  Kreatur  zu  erlangen. 

Wir  weisen  nun  freilich  die  Möglichkeit  ab,  daß  man  durch 


—     32     — 

asketisches  Leben  irgend  welche  Kräfte  zum  Guten  oder  Bösen 
erwerben  könne :  für  die  Hindus  hat  aber  diese  Hoffnung  immer 
etwas  Bestechendes  gehabt.  Man  hat  in  Indien  allgemein  an 
die  Wirksamkeit  der  Kasteiungen  in  übernatürlichem  Sinne  ge- 
glaubt und  sich  mit  dem  Ruhme,  im  Besitze  von  Zauberkräften 
zu  sein,  gegenseitig  zu  überbieten  gesucht.  Ein  Musterbeispiel 
dafür  ist  die  Rivalität  zwischen  König  Visvämitra  und  dem 
Heiligen  Vasistha.  x\uf  einem  seiner  Jagdzüge  war  jener  sehr 
verschwenderisch  von  dem  Asketen  in  seiner  Einsiedelei  be- 
wirtet worden.  Da  der  König  merkte,  daß  der  Einsiedler  in- 
mitten der  Wildnis  so  ein  prächtiges  Fest  veranstalten  und  köst- 
liche Geschenke  obendrein  geben  konnte,  weil  er  der  glückliche 
Besitzer  einer  wunderbaren  ,, Wunschkuh"  war,  wurde  der 
König  neidisch  und  wünschte  das  Tier  für  nicht  weniger  als 
100  Millionen  Kühe,  ja  selbst  um  den  Preis  seines  ganzen  Reiches 
zu  kaufen.  Vasistha  indessen  weigerte  sich,  die  Wunschkuh 
überhaupt  herzugeben. 

Über  diese  unerwartete  Absage  war  Visvämitra  so  beleidigt, 
daß  er  beschloß,  seine  königliche  Macht  zu  zeigen  und  sich  den 
Gegenstand  seiner  Wünsche  mit  Gewalt  anzueignen.  Aber  er 
hatte  sich  verrechnet.  Die  Wunderkuh  weigerte  sich,  einen 
Schritt  zu  tun  und  schuf,  als  die  Diener  des  Königs  ihr  zusetzten, 
aus  ihrem  Schweiß,  Urin,  Kot  usw.  derartige  Scharen  von  ge- 
waltigen, bis  an  die  Zähne  bewaffneten  Kriegern,  daß  die  Armee 
des  Königs  vor  ihnen  nicht  bestehen  konnte.  In  der  Schlacht, 
die  nun  anhob,  stürzten  sich  hundert  Söhne  des  Königs  auf 
Vasistha,  wurden  aber  durch  einen  Hauch  aus  dem  Munde  des 
Heiligen  auf  einmal  zu  Asche  gebrannt.  Von  dem  Brahmanen 
geschlagen  und  gedemütigt,  versuchte  der  König  das  letzte 
Mittel,  was  ihm  noch  übrig  blieb,  und  beschloß  durch  Kastei- 
ungen übermenschliche  Kraft  zu  erwerben,  bloß  mit  der  Aus- 
sicht auf  den  Triumph  über  den  Brahmanen  Vasistha.  Zu  diesem 
Zwecke  verließ  er  sein  Reich,  begab  sich  nach  dem  Himälaya  und 
unterzog  sich  dort  eine  lange  Zeit  den  härtesten  Bußübungen. 
Die  Folge  war,  daß  ihm  der  ,, große  Gott",  Mahädeva,  erschien, 
ihn  mit  himmlischen  Waffen  beschenkte  und  ihn  im  Gebrauch 
dieser  schrecklichen  Zerstörungsinstrumente  unterwies.  Von 
Stolz  gehoben,  voll  Vertrauen  auf  seine  eben  erworbene  Kraft 


—     33     — 

und  nach  Rache  dürstend,  brach  Visvämitra  auf,  um  seinen  sieg- 
reichen Feind  zu  bestrafen.  Er  brannte  Vasisthas  Einsiedelei 
nieder  und  trieb  in  kopfloser  Flucht  alle  Bewohner  dieser  stillen 
Klause  hinweg.  Aber  der  Brahmane  selbst  konnte  nicht  einmal 
mit  den  Wunderwaffen  der  Götter  überwältigt  werden.  Ein 
Kampf  ward  ausgefochten,  und  es  zeigte  sich  noch  einmal  die 
unerreichbare  Überlegenheit  der  Priesterkaste,  selbst  im  Ge- 
brauche der  todbringenden  Kriegs waffen.  Visvämitra  wäre  nun 
vernichtet  worden;  aber  auf  die  dringendste  Verwendung  der 
Munis  hin  verschonte  der  siegreiche  Brahmane  seinen  unter- 
legenen Feind.  Durch  bittere  Erfahrung  belehrt,  sah  Visvämitra 
jetzt  ganz  klar,  daß  nur  die  Erlangung  der  Brahmanen würde  ihn 
mit  Vasistha  auf  gleiche  Stufe  stellen  konnte,  und  so  nahm  er 
noch  einmal  seine  Zuflucht  zu  jener  untrüglichen  Quelle  von 
Macht,  zur  Kasteiung.  Auf  Grund  von  tausend  Jahre  lang  be- 
triebener Askese  errang  er  einen  Platz  im  Himmel  der  könig- 
lichen Weisen,  war  aber  mit  diesem  Lohne  noch  nicht  zufrieden ; 
und  da  er  keinen  anderen  Weg  zur  Erreichung  seines  Zweckes 
sah,  erneuerte  und  verschärfte  er  seine  Kasteiungen,  die  aller- 
dings durch  mancherlei  Episoden  unterbrochen  wurden.  Die 
eine  davon  war  die  Versetzung  eines  gewissen  Trisanku  in  die 
himmlischen  Regionen  in  seiner  menschlichen  Gestalt,  der,  von 
der  Priesterschaft  gebannt,  Visvämitras  Hilfe  aufsuchte.  Diese 
Einführung  Trisankus  in  den  Himmel  war  ein  schlimmes  Ding, 
denn  die  Himmlischen  selbst  widersetzten  sich  ihr  tatkräftig, 
so  daß  sie  nicht  eher  durchgesetzt  werden  konnte,  als  bis  Visvä- 
mitra die  erstaunten  Götter  durch  die  Erschaffung  neuer  Sterne 
und  Sternbilder  in  Schrecken  versetzt  und  sogar  in  seiner  Wut 
gedroht  hatte,  einen  neuen  Indra  zu  schaffen  oder  die  Welt  über- 
haupt ohne  Indra  weiter  bestehen  zu  lassen.  In  der  Tat  begann 
der  meisterhafte  Büßer  wirklich,  neue  Götter  ins  Dasein  zu  rufen, 
als  die  Himmlischen  den  strittigen  Punkt  bewilligten  und  sich 
mit  ihm  einigten.  Nach  diesem  Kriege  mit  dem  Himmel  er- 
neuerte der  königliche  Asket  seine  Kasteiungen  weitere  tausend 
Jahre,  nach  deren  Ablauf  Brahman  ihm  verkündigte,  daß  er  den 
Rang  eines  Rsi  erlangt  habe.  Durchaus  nicht  mit  diesem  Lohne 
zufrieden,  fuhr  der  König  mit  seinen  Selbstpeinigungen  fort,  fiel 
aber  nach  kurzer  Zeit  in  die  Netze  einer  lieblichen  himmlischen 

Schmidt,  Fakire  und  Fakirtum.  3 


—     34     — 

Nymphe,  Menakä  mit  Namen,  die  von  den  Himmlischen  aus- 
drückhch  zu  dem  Zwecke  auf  die  Erde  gesandt  worden  war, 
um  Visvämitras  Aufmerksamkeit  auf  sich  zu  ziehen  und  seine 
Kasteiung  zu  stören.  Nachdem  der  König  seine  Selbstbeherr- 
schung wiedergewonnen  und  die  verführerische  Nymphe  freund- 
lich entlassen  hatte,  machte  er  einen  weiteren  Kursus  von  tausend- 
jähriger Askese  durch  und  empfing  nach  Ablauf  dieser  Zeit  von 
Brahman  die  Würde  eines  ,, großen  Rishi'\  Er  erfuhr  dabei  von 
dem  höchsten  Wesen,  daß  er  noch  nicht  diejenige  vollkommene 
Selbstzucht  erlangt  habe,  die  ihn  zu  der  erhabenen  Auszeichnung 
als  ,,Brahmarshi"  berechtigen  würde.  Daraufhin  stürzte  sich 
der  unermüdliche  König  in  eine  noch  härtere  Reihe  von  Kastei- 
ungen, wobei  er  sich  Hunderte  von  Jahren  hindurch  den  schmerz- 
haftesten körperlichen  Qualen  unterzog,  völliges  Schweigen  be- 
obachtete und  den  Atem  anhielt. 

Als  er  fortfuhr,  den  Atem  anzuhalten,  ging  zur  großen  Be- 
stürzung der  drei  Welten  Rauch  von  seinem  Haupte  aus.  Die 
Götter,  Heiligen  usw.  wandten  sich  darum  an  Brahman  und 
sagten:  ,,Der  große  Heilige  Visvämitra  ist  auf  verschiedene  Arten 
gefoppt  und  gereizt  worden,  aber  er  steigt  immer  höher  in  der 
Heihgkeit.  Wenn  sein  Wunsch  nicht  erfüllt  wird,  wird  er  kraft 
seiner  Bußübung  die  drei  Welten  zerstören.  Alle  Weltgegenden 
sind  verwirrt*  kein  Licht  scheint  mehr;  alle  Meere  sind  in  Auf- 
ruhr und  die  Berge  zerbröckeln,  die  Erde  bebt  und  der  Wind 
bläst  verwirrt.  Wir  können  nicht  gutsagen,  Brahman,  daß  die 
Menschheit  nicht  atheistisch  wird.  Ehe  sich  der  große,  ruhm- 
reiche Weise  von  jähzornigem  Temperament  entschließt,  alles 
zu  vernichten,  laß  ihn  besänftigt  werden." 

Demgemäß  näherten  sich  die  Götter,  Brahman  an  der 
Spitze,  dem  mächtigen  Asketen,  begrüßten  ihn  als  ,,Brah- 
marshi  '  und  sprachen  einen  Segen  über  ihn.  Der  König  aus  der 
KriegerkcLste  hatte  also  auf  diese  Weise,  nach  Tausenden  von 
Jahren  intensiver  Abtötung  und  strenger  Selbstzucht,  den  er- 
habenen Stand  der  Brahmanenschaft  erreicht.  Seine  Hoffnung 
allerdings,  über  Vasistha  zu  triumphieren,  was  doch  der  Antrieb 
zu  seinen  freiwillig  übernommenen  und  jahrtausendelang  fort- 
gesetzten Peinigungen  des  Leibes  und  der  Seele  gewesen  war, 
wurde  merkwürdigerweise  nicht  erfüllt.    Er  wurde  vielmehr  auf 


35 


Vermittlung  der  Götter  mit  seinem  noch  immer  unbesiegten 
Gegner  versöhnt.  (Oman,  p.  28ff.)  Die  hier  erwähnten  Legen- 
den hat  Johann  Jakob  Meyer  in  seiner  Gedichtsammlung 
,,Asanka",  p.  54  ff.  und  58  ff.,  sehr  schön  poetisch  bearbeitet. 
Das  sind  nun  freilich  uralte  Legenden,  mythologische  Er- 
zählungen, die  einer  überaus  weit  zurückliegenden  Zeit  an- 
gehören, und  man  möchte  wohl  glauben,  daß  die  alte  Welt  der 
Wunder,  die  darin  geschildert  ist,  für  die  Hindus  längst  zu 
existieren  aufgehört  hat.  Daß  dies  aber  keineswegs  der  Fall  ist, 
zeigt  u.  a.  eine  Wundergeschichte  aus  dem  Leben  des  Bäbä 
Nänak,  des  Gründers  der  modernen  Sekte  der  Sikhs,  der  von 
1469— 1539  A.  D.  lebte.  Während  einer  Rast  auf  einer  jener 
ausgedehnten  Wanderungen,  die  Bäbä  Nänak  auf  der  Suche 
nach  Weisheit  zu  unternehmen  pflegte,  ging  sein  treuer  Diener 
Mardanah  aus,  um  für  ihr  rauchiges  Feuer  Brennholz  zu  sammeln. 
Nicht  weit  von  ihrem  damahgen  Lagerplatz  lebten  sichtbarlich 
einige  von  jenen  vollendeten  Yogins,  die  als  Siddhas  bekannt 
sind;  und  sobald  Mardanah  eine  kleine  Menge  Brennholz  zu- 
sammen hatte,  kam  einer  dieser  Siddhas  herbei  und  nahm 
ihm  alles  mutwillig  weg.  Der  Früchte  seiner  Arbeit  beraubt, 
kehrte  Mardanah  zu  seinem  erhabenen  Meister  zurück  und  be- 
richtete, was  ihm  zugestoßen  war.  Ohne  ein  Anzeichen  von 
Ärger  holte  Nänak  sofort  aus  den  Falten  seines  wallenden  Ge- 
wandes einiges  Reisig  hervor,  und  mit  diesem  so  wunderbar  be- 
schafften Brennmaterial  zündete  Mardanah  das  Abendfeuer  an. 
Beschämt  und  ärgerlich,  erregten  die  Siddhas  einen  heftigen 
Sturm,  um  Nänaks  dhünl  auszulöschen;  aber  die  einzige  Wir- 
kung davon  war,  daß  er  ihr  eigenes  Reisig  wegwehte  und  ihre 
eigenen  Herde  verlöschte.  Trotz  ihrer  übernatürlichen  Kräfte 
waren  so  die  Siddhas  genötigt,  selber  umherzugehen,  um  für 
sich  selber  Holz  und  Feuer  zu  holen;  aber  da  Bäbä  Nänak  dem 
Genius  des  Feuers  befohlen  hatte,  ihnen  nicht  zu  helfen,  so  waren 
die  Siddhas  schließlich  gezwungen,  zu  Bäbä  zu  kommen  und  ihn 
demütig  zu  bitten,  ihr  Reisig  für  sie  anzuzünden.  Nänak  wollte 
jedoch  ihre  Bitte  nur  unter  der  Bedingung  erfüllen,  daß  Gorak- 
näth,  ihr  vielverehrtes  Haupt,  ihm  einen  seiner  Ohrringe  und 
einen  seiner  Holzschuhe  als  Zeichen  der  Anerkennung  seiner 
Minderwertigkeit  sende.     Um  Nänak  weiter  auf  die  Probe  zu 


-     36    - 

stellen,  forderten  die  Siddhas,  die  sich  über  ihre  Niederlage 
ärgerten,  ihn  auf,  ihnen  dann  und  wann  Milch  zu  geben.  Er 
tat  es  auf  der  Stelle,  indem  er  bloß  das  Wasser  in  einem  dicht 
dabei  gelegenen  Brunnen  sich  in  Milch  verwandeln  hieß.  Die 
Verwandlung  trat  ein,  gehorsam  dem  Winke  des  Heiligen,  wobei 
die  so  hervorgebrachte  Milch  auf  die  Oberfläche  heraufkam. 

Nänaks  nächstes  Wunder  in  diesem  Zusammenhange  war, 
daß  er  Wasser  vom  Ganges  herbeischaffte,  da  die  Siddhas  ihn 
gebeten  hatten,  sie  mit  frischem  Flußwasser  für  ihr  Morgenbad 
zu  versorgen.  Mardanah  wurde  mit  einem  Spaten  ausgesandt, 
um  eine  fortlaufende  Linie  von  dem  fernen  Flusse  her  zu  ziehen, 
mit  der  Anweisung,  auf  keinen  Fall  sich  umzusehen.  Wie  er  den 
Spaten  hinter  sich  entlangzog,  folgte  diesem  ein  Wasserstrom; 
als  er  sich  aber  der  Stelle  näherte,  wo  sein  Meister  seinen  Sitz 
hatte,  vergaß  er  in  der  Neugierde  seine  sonstige  Gehorsamkeit 
und  wandte  wie  Lots  Weib  den  Kopf,  um  über  seine  Schulter 
zu  sehen :  da  hörte  der  Strom,  der  so  weit  mitgeflossen  war,  auf, 
weiterzuströmen.  Die  Siddhas  sagten  prahlerisch:  ,, Jetzt  wollen 
wir  ihn  mit  unserer  eigenen  Kraft  weiterfließen  lassen";  aber 
ihre  Anstrengungen  waren  ganz  vergeblich. 

Ärgerlich  über  diese  Proben  von  Nänaks  Überlegenheit,  be- 
schlossen seine  Gegner  auf  eigne  Faust  einige  Wunder  zu  voll- 
bringen. Einige  von  den  Siddhas  begannen  umherzufliegen  oder 
ihre  Gazellenfelle  durch  die  Luft  schweben  zu  lassen  wie  ge- 
wöhnliche Bewohner  der  Lüfte. 

Ein  dünkelhafter  Siddha  wollte  auf  Feuerflammen  reiten, 
ein  anderer  auf  einem  Stück  von  einer  Steinmauer,  als  wenn  es 
ein  Pferderücken  wäre.  Nänaks  Gleichgültigkeit  bei  ihren  Vor- 
führungen außerordentlicher  Kräfte  brachten  diese  Thauma- 
turgen  gewaltig  in  Eifer,  und  sie  forderten  ihn  offen  auf,  etwas 
den  von  ihnen  vorgeführten  Wundem  Ähnliches  zu  vollbringen, 
und  wäre  es  auch  nur  um  seines  eigenen  Kredits  willen.  Aber 
Bäbä  Nänak  brachte  dagegen  vor,  daß  er  nur  ein  geringer  Mann 
sei  und  ihnen  nichts  Überraschendes  zu  zeigen  hätte,  mit  dem 
Bemerken,  er  würde  sie  finden,  wo  auch  immer  sie  wären,  wenn 
sie  sich  verstecken  wollten.  Die  Siddhas  nahmen  die  Heraus- 
forderung des  Meisters  zum  Versteckespiel  an.  Der  eine  von 
ihnen  flog  in  den  Himmel  hinauf  und  verbarg  sich  dort,  ein 


—     37     — 

anderer  suchte  einen  Schlupfwinkel  in  den  Schluchten  des  fernen 
Himalaja,  ein  dritter  verbarg  sich  in  den  Höhlungen  der  Erde; 
aber  Nänak  fand  sie  bald  einen  nach  dem  andern  und  zog  sie 
aus  ihren  Verstecken  an  den  Locken  heraus,  die  die  Scheitel  ihrer 
Häupter  zierten.  Nun  war  Nänak  an  der  Reihe,  sich  zu  ver- 
stecken, und  die  anderen  mußten  ihn  suchen.  Seine  Tätigkeit 
dabei  bestand  darin,  seine  körperliche  Hülle  in  ihre  ursprüng- 
lichen Bestandteile,  Feuer,  Luft,  Erde  und  Wasser,  aufzulösen, 
während  seine  Seele  mit  Gott  wiedervereint  war.  Die  Siddhas 
konnten  natürlich  den  zersetzten  Meister  nicht  finden;  aber  er 
hatte  ihnen  vor  seinem  Verschwinden  gesagt,  wie  sie  ihn  zur 
Rückkehr  bringen  könnten,  falls  sie,  wie  er  voraussah,  unfähig 
sein  sollten,  ihn  zu  entdecken.  Sie  sollten  eine  kleine  Spende 
am  Fuße  des  Baumes  darbringen,  an  dem  er  gewöhnlich  saß, 
und  Gott  um  die  Rückkehr  Nänaks  bitten,  wenn  er  wieder  er- 
scheinen wollte.  Völlig  unterlegen,  taten  sie  das,  und  Bäbä 
Nänak  kehrte  gnädiglich  zurück.    (Oman,  p.  31  ff.) 

Über  Nänak  besitzen  wir  außer  den  Originalurkunden  im 
Ädigranth,  der  Bibel  der  Sikhs,  eine  Darstellung  von  Trumpp 
(Nänak,  der  Stifter  der  Sikh-Religion,  München  1876),  der  wir 
folgendes  entnehmen: 

,, Nänak  lehrte,  es  gäbe  keine  Hindus  und  keine  Muselmänner. 
Das  brachte  ihn  in  den  Ruf  der  Verrücktheit.  Auf  das  Antreiben 
des  Käzi  berief  ihn  der  Naväb  Daulat  Khan  zu  sich,  um  ihn  über 
seine  Lehre  zu  vernehmen.  Es  war  gerade  die  Zeit  des  Mittags- 
gebets, und  der  Khan  lud  Nänak  ein,  ihn  in  die  Moschee  zu  be- 
gleiten. Der  Käzi  betete  vor;  Nänak  aber,  statt  andächtig  zu- 
zuhören, fing  zu  lachen  an.  Nach  dem  Gebet  beklagte  sich  der 
Käzi  über  Nänaks  unehrerbietige  Aufführung.  Darüber  von 
dem  Khan  zur  Rede  gestellt,  erwiderte  er:  er  habe  gelacht,  weil 
das  Gebet  des  Käzi  ein  nutzloses  gewesen  sei.  Aufgefordert,  sich 
näher  auszusprechen,  fuhr  er  fort :  der  Käzi  habe  in  seinem  Hofe, 
in  dem  ein  offener  Brunnen  sei,  ein  junges  Füllen  gelassen,  wäh- 
rend des  Betens  habe  er  immer  an  das  Füllen  gedacht,  es  möchte 
in  den  Brunnen  fallen.  Auf  dieses  hin  fiel  der  Käzi  zu  Nänaks 
Füßen  und  bekannte  die  volle  Wahrheit.  Dadurch  stieg  Nänak 
auf  einmal  in  der  Achtung  aller,  und  der  Khan  entließ  ihn  gnädigst, 
nachdem  er  ihm  noch   all  sein  Vermögen  angeboten    hatte." 


-     38     - 

(Trumpp,  Festrede,  p.  ii  f.)  In  Dilli  soll  er  einen  toten  Ele- 
fanten wieder  lebendig  gemacht  haben.  Als  aber  der  damalige 
Moghul,  der  davon  hörte,  Nänak  aufforderte,  den  Elefanten  zu 
töten  und  in  seiner  Gegenwart  wieder  lebendig  zu  machen,  lehnte 
er  dies  klugerweise  ab  (1.  c.  13). 

Auf  seiner  dritten  Reise  soll  er  die  sonst  giftigen  Früchte 
und  Blüten  des  Akk-Baumes  in  getrocknetem  Zustande  ohne 
Schaden  für  seine  Gesundheit  genossen  haben. 

Auf  der  vierten  Reise,  die  ihn  nach  Mekka  führte,  legte  er 
sich  dort  an  der  Kaabah  nieder  und  streckte  seine  Füße  zufällig 
gegen  diese.  Der  Käzi  Ruknuddln,  der  dies  bemerkte,  machte 
Nänak  Vorwürfe  wegen  dieser  Unehrerbietigkeit.  Nänak  er- 
widerte ihm:  Lege  meine  Füße  nach  der  Richtung,  wo  das  Haus 
Gottes  nicht  ist.  Der  Käzi  drehte  die  Füße  Nänaks  um,  aber 
wohin  er  sie  auch  drehte,  dahin  richtete  sich  auch  die  Kaabah. 
Auf  dieses  Wunder  hin  küßte  der  Käzi  Nänak  die  Füße  und  hatte 
eine  lange  Unterredung  mit  ihm,  in  der  er  selbstverständlich  den 
kürzeren  zog  (1.  c.  14). 

Als  er  sein  Ende  herannahen  fühlte,  sagten  die  Mohamme- 
daner, die  um  sein  Lager  herumstanden:  ,,Wir  wollen  ihn  be- 
graben;" die  Hindus  dagegen:  ,,Wir  wollen  seinen  Leichnam 
verbrennen."  Nänak  aber  befahl:  ,, Leget  Blumen  zu  meinen 
beiden  Seiten,  auf  die  rechte  die  der  Hindus  und  auf  die  linke 
die  der  Muselmänner.  Wenn  die  Blumen  der  Hindus  bis  morgen 
grün  bleiben,  so  sollen  sie  mich  verbrennen,  wenn  aber  die  der 
Muselmänner  grün  bleiben,  so  sollen  sie  mich  begraben."  Dann 
forderte  er  seine  Schüler  auf,  Strophen  zum  Lobe  Gottes  zu 
singen.  Als  die  Strophen  beendigt  waren,  zog  er  seine  Füße 
hinauf  und  schlief  ein.  Als  sie  das  Tuch,  womit  er  bedeckt  war, 
aufhoben,  war  nichts  darunter.  Die  Blumen  beider  Parteien 
blieben  grün,  und  so  nahmen  die  Hindus  und  Muselmänner  ihre 
Blumen  und  gingen  heim  (1.  c.  15,  16). 

Ein  bekannter  indischer  Polyhistor,  der  Jaina-Mönch 
Hemacandra,  hat  ebenfalls  in  dem  Rufe  gestanden,  überirdische 
Kräfte  zu  besitzen.  Bühler  hat  in  seiner  Monographie  über 
diesen  Mann  alles  darauf  Bezüghche  zusammengetragen.  (Über 
das  Leben  des  Jaina-Mönches  Hemachandra,  Wien  1889.) 

Als  Kumärapäla,  ein  Fürst  von  Gujarat,  sich  dem  Jaina- 


—     39     — 

Glauben  zuneigte,  riefen  die  Brahmanen  den  Räjäcärya  De- 
vabodhi  herbei.  Dieser  war  ein  großer  Yogin,  der  sich  die  Göttin 
Bhärati  untertänig  gemacht  hatte,  der  Zauberei  kundig  war  und 
die  Vergangenheit  und  die  Zukunft  kannte.  Nachdem  der  König 
gehört  hatte,  daß  Devabodhi  in  die  Nähe  von  Anhilväd  ge- 
kommen war,  empfing  er  ihn  mit  großen  Ehren  und  führte  ihn 
in  seinen  Palast.  Mit  den  Empfangsfeierlichkeiten  ging  der 
größte  Teil  des  Tages  vorüber.  Am  Nachmittag  verehrte  der 
König  ein  Bild  des  Säntinätha  in  Gegenwart  des  ganzen  Hofes. 
Da  ermahnte  ihn  Devabodhi,  von  dem  Jaina-Glauben  abzulassen. 
Als  Kumärapäla  den  letzteren  wegen  der  Ahimsä-Lehre'^)  pries 
und  den  Srauta  Dharma^)  we^en  Himsä  tadelte,  ließ  Devabodhi 
die  Götter  Brahman,  Vishnu  und  Siva,  sowie  die  sieben  Chau- 
lukya-Fürsten  Mülaräja  und  seine  Nachkommen  erscheinen,  die 
natürlich  für  die  Religion  des  Veda  sprachen.  Am  folgenden 
Morgen  überbot  Hemacandra  Devabodhis  Leistungen  noch  um 
ein  Bedeutendes.  Zuerst  ließ  er  sich  den  Sitz  wegziehen  und 
führte  das  bei  den  Yogins  angeblich  sehr  beliebte  Kunststück 
aus,  sich  freischwebend  in  der  Luft  zu  halten.  Dann  ließ  er  den 
ganzen  Olymp  der  Jainas  vor  dem  Könige  erscheinen  samt  allen 
Vorfahren  des  Königs,  welche  die  Jainas  anbeteten.  (Bühler, 
Hemacandra  83.) 

Hemacandra  hat  selbst  ein ,, Lehrbuch  des  Yoga"  {Yogasästra) 
verfaßt,  dessen  vier  erste  Kapitel  Windisch  ZDMG  XXVIII, 
p.  185  ff.,  mit  Übersetzung  herausgegeben  hat.  Aber  erst  die 
folgenden  Abschnitte  entsprechen  dem  Titel,  indem  sie  von  der 
eigentlichen  Yoga-Praxis  handeln.  Nachrichten  darüber  hat 
Bühler  a.  a.  O.  und  R.  G.  Bhandarkar,  Report  on  the 
Search  for  Sanskrit  Manuscripts  in  the  Bombay  Presidency 
during  the  year  1883 — 84,  Bombay  1887,  p.  iio  ff.,  gegeben. 

Von  den  vielen  Legenden,  die  über  Hemacandra  in  den  ein- 
schlägigen Sammlungen  im  Schwange  sind,  schildern  bei  weitem 
die  meisten  seine  übernatürlichen  Kräfte,  seine  Gabe  der  Pro- 
phezeiung, seine  Kenntnis  der  fernsten  Vergangenheit,  seine 
Macht  über  die  bösen  Geister  und  die  dem  Jaina-Glauben  feind- 
lichen brahmanischen  Gottheiten.    Im  Prahhävakacaritra  wird 

^)  Verbot  der  Schädigung  und  Tötung  lebender  Organismen. 
2)  Gesetze  des  Brahmanismus. 


—     40     — 

eine  Weissagung  Hemacandras  erwähnt,  welche  richtig  in  Er- 
füllung ging.  Der  König  von  Kalyänakataka,  heißt  es,  der  durch 
seine  Späher  erfahren  hatte,  daß  Kumärapäla  ein  Jaina  ge- 
worden und  machtlos  sei,  zog  mit  einem  großen  Heere  aus,  um 
Gujarät  zu  erobern.  Voll  Sorge  ging  Kumärapäla  zu  Hema- 
candra  und  fragte,  ob  er  diesem  Feinde  unterliegen  würde. 
Hemacandra  tröstete  ihn,  indem  er  sagte,  daß  die  Schutz- 
göttinnen der  Jaina-Lehre  über  Gujarät  wachten,  und  daß  der 
Feind  am  siebenten  Tage  sterben  würde.  Wirklich  brachten 
Kumärapälas  Spione  bald  darauf  die  Nachricht,  daß  die  Pro- 
phezeiung eingetroffen  sei. 

Einen  zweiten  Beweis  seiner  Sehergabe  lieferte  Hema- 
candra, indem  er  dem  Könige  seine  Geschichte  in  einem  früheren 
Leben  verkündigte. 

Er  hatte  auch  die  Fähigkeit  des  Femsehens.  Einst,  heißt 
es,  saß  Hemacandra  mit  dem  König  und  dem  Saiva-Asketen 
Devabodhi  zusammen  und  erklärte  die  heiligen  Schriften.  Plötz- 
lich hielt  er  inne  und  stieß  einen  lauten  Wehruf  aus.  Devabodhi 
rieb  sich  die  Hände  und  sagte:  ,,Es  macht  nichts."  Dann  wurde 
die  Erbauungsstunde  fortgesetzt.  Als  Hemacandra  geendigt 
hatte,  fragte  Kumärapäla,  was  er  mit  Devabodhi  gehabt  hätte. 
Da  antwortete  der  Mönch:  ,, König,  ich  sah,  daß  eine  Ratte  im 
Tempel  des  Candraprabha  zu  Devapattana  einen  Lampendocht 
wegschleppte  und  dadurch  eine  Feuersbrunst  entstand.  Deva- 
bodhi löschte  dieselbe,  indem  er  sich  die  Hände  rieb."  Darauf 
sandte  Kumärapäla  Boten  nach  Devapattana  und  fand,  daß 
Hemacandras  Angaben  richtig  waren.    (Bühler,  p.  47.) 

Durch  die  Kraft  seines  Yoga  heilte  er  auch  Ämrabhatta,  der 
bei  der  Wiederherstellung  des  Tempels  des  Suvrata  in  Broach 
mit  der  Saindhavi  Devi  in  Konflikt  geriet  und  krank  wurde. 
Desgleichen  reinigte  er  den  König  Kumärapäla  kraft  des  Yoga 
vom  Aussatz. 

Dieser  Fürst  hatte  gelobt,  um  das  sechste  Gelübde  der 
Jainas  zu  erfüllen,  während  der  Regenzeit  nie  seine  Hauptstadt 
zu  verlassen.  Da  erfuhr  er  durch  seine  Späher,  daß  der  Saka- 
Fürst  von  Garjana,  d.  h.  der  mohammedanische  Sultan  von 
Gazni,  sich  vorgenommen  hatte,  gerade  um  diese  Jahreszeit 
Gujarät  mit  Krieg  zu  überziehen.    Kumärapälas  Verlegenheit 


—     41      — 

war  groß.  Wenn  er  sein  Gelübde  halten  wollte,  konnte  er  sein 
Land  nicht  verteidigen.  Wenn  er  aber  seine  Herrscherpflichten 
erfüllen  wollte,  mußte  er  dem  Jaina-Glauben  untreu  werden. 
In  diesem  Dilemma  wendete  er  sich  an  Hemacandra,  der  ihn 
sofort  beruhigte  und  Hilfe  versprach.  Hemacandra  setzte  sich 
dann  in  die  Lotussitz-Positur  und  gab  sich  tiefer  Meditation  hin. 
Nach  einer  Weile  kam  ein  Palankin  durch  die  Luft  geflogen,  in 
dem  ein  schlafender  Mann  lag.  Dieser  Schläfer  war  der  Fürst 
von  Garjana,  den  Hemacandra  durch  die  Kraft  seines  Yoga- 
Zaubers  herbeigezogen  hatte.  Er  wurde  nur  wieder  freigelassen, 
nachdem  er  versprochen  hatte,  mit  Gujarät  Frieden  zu  halten 
und  in  seinen  Staaten  die  Schonung  aller  lebenden  Wesen 
während  sechs  Monaten  zu  gebieten. 

Eine  zweite  Erzählung  (bei  Jinamandana)  schreibt  Hema- 
candra eine  noch  größere  Macht  zu.  Einst  hatte  er  mit  Deva- 
bodhi  einen  Streit,  ob  es  Vollmondstag  oder  Neumondstag  sei. 
Er  selbst  hatte  die  erstere  Behauptung  aufgestellt,  die  aber 
irrig  war,  und  wurde  deshalb  von  Devabodhi  verspottet.  Trotz- 
dem erklärte  er  sich  nicht  für  besiegt,  sondern  versicherte,  daß 
der  Abend  die  Richtigkeit  seiner  Ansicht  beweisen  werde.  Als 
die  Sonne  unterging,  bestieg  Kumärapäla  mit  Devabodhi  und 
seinen  Baronen  den  Söller  des  Palastes,  um  zu  sehen,  ob  der 
Mond  aufgehen  würde,  und  entsendete  zur  Vorsicht  noch  Boten 
auf  einem  schnellen  Dromedare  nach  Osten.  Wirklich  ging  der 
Vollmond  im  Osten  auf,  schien  die  ganze  Nacht  hindurch  und 
ging  am  folgenden  Morgen  im  Westen  unter.  Die  königlichen 
Boten,  welche  weit  in  das  Land  hineingeritten  waren,  berich- 
teten bei  ihrer  Rückkehr,  daß  sie  dasselbe  beobachtet  hatten. 
Es  war  also  nicht  ein  Blendwerk,  das  die  Augen  des  Königs 
getäuscht  hatte,  sondern  ein  wirkliches  Wunder,  das  Hema- 
candra mit  Hilfe  eines  dienstbaren  Gottes  vollbrachte. 

Der  König  selbst  durfte  sich  übrigens  auch  eines  hübschen 
Erfolges  seiner  Frömmigkeit  rühmen.  Wir  lesen  bei  Bühl  er, 
p.  48,  daß  bei  dem  Abschreiben  der  zahlreichen  Werke  des 
Hemacandra  die  Palmblätter  ausgingen  und  keine  Hoffnung  vor- 
handen war,  ,,daß  bald  ein  neuer  Vorrat  aus  dem  Auslande  im- 
portiert würde.  Kumärapäla  war  tief  betrübt,  daß  die  Tätigkeit 
seines  Lehrers  unterbrochen  wurde.    Er  ging  in  seinen  Garten, 


—     42     — 

wo  viele  gewöhnliche  Palmbäume  standen,  verehrte  dieselben  mit 
wohlriechenden  Substanzen  und  Blumen,  legte  mit  Perlen  und 
Rubinen  verzierte  goldene  Ketten  um  ihre  Stämme  und  betete, 
daß  sie  sich  in  Sritäla-Bäume  verwandeln  möchten^).  Am  fol- 
genden Morgen  meldeten  die  Gärtner,  daß  des  Königs  Wunsch 
erfüllt  sei.  Die  Überbringer  der  frohen  Nachricht  wurden 
reich  belohnt  und   die  Schreiber   arbeiteten   munter  weiter". 


3.  Kapitel. 

Die  Wundertaten  der  Yogins. 

Wenn  die  mystische  Vereinigung  mit  der  Weltseele  erfolgt 
ist,  sagt  H.  H.  Wilson  (Sketch  of  the  Religious  Sects  of  the 
Hindus,  p.  131),  ist  der  Yogin  an  seinem  lebendigen  Leibe  von 
der  Fessel  materieller  Belästigung  befreit  und  erlangt  völlige 
Herrschaft  über  alle  weltliche  Substanz.  Er  kann  sich  leichter 
machen  als  die  leichtesten  Substanzen,  schwerer  als  die  schwer- 
sten ;  er  kann  so  ungeheuer  groß  und  so  klein  werden,  wie  es  ihm 
gefällt;  er  kann  jeden  Raum  durchmessen,  jeden  toten  Körper 
dadurch  beleben,  daß  er  seinen  Geist  aus  seinem  eigenen  Gehäuse 
auf  ihn  überträgt;  er  kann  sich  unsichtbar  machen,  alle  Gegen- 
stände erlangen,  in  gleicher  Weise  mit  der  Vergangenheit,  Gegen- 
wart und  Zukunft  bekannt  werden,  und  wird  schließlich  mit  Siva 
vereint,  d.  h.,  ist  davon  erlöst,  auf  Erden  wiedergeboren  zu 
werden.  Die  übermenschlichen  Fähigkeiten  werden  in  verschie- 
denen Graden  erworben,  je  nach  der  größeren  oder  geringeren  Voll- 
endung, mit  der  die  einleitenden  Prozesse  ausgeführt  worden  sind. 
—  SvamiVivekananda  sagt  dasselbe  kürzer  mit  den  Worten 
(Räja-yoga,  p.  11):  ,,The  Yogi  proposes  to  himself  no  less  a  task 
than  to  master  the  whole  universe,  to  control  the  whole  of  nature.' 

Neben  denjenigen  Heiligen  und  Propheten,  die  Visionen 
haben,  in  ,,trance"  und  Katalepsie  verfallen  und  an  Hysterie 

1)  Bühler  sagt  in  der  Anmerkung  104,  daß  mit  den  gewöhnlichen  Palm- 
bäumen die  im  westlichen  Indien  häufige  Phoenix  silvestris  gemeint  sein  werde ; 
mit  den  ^ritälas  die  in  Gujarät  selteneren  Exemplare  des  Bcrassus  flabelli- 
formis. 


—     43     — 

leiden,  in  welchem  Zustande  sie  dann  von  den  Göttern  in  höchst- 
eigener Person  aufgesucht  werden  und  stets  ein  andächtiges 
Publikum  haben  —  neben  diesen  neurotischen  Heiligen  stehen 
diejenigen  Sädhus,  denen  der  Glaube  der  Hindus  Zauberkräfte 
zuschreibt,  mögen  sie  nun  zum  Guten  oder  Bösen  benutzt  werden. 
Es  ist  überflüssig,  darauf  hinzuweisen,  daß  dieselbe  Erscheinung 
überall  und  zu  allen  Zeiten  zu  beobachten  gewesen  ist.  Nur 
sehen  wir  in  Indien  die  erfreuliche  Tatsache,  daß  die  —  sit  venia 
verbo  —  Kirche^)  nicht  gegen  solche  Wundertäter  mit  Feuer 
und  Schwert  gewütet  hat;  im  Gegenteil:  der  Mantel  der  Kirche 
hat  sich  dort  als  dehnbar  genug  erwiesen,  um  auch  die  Zauberer 
zu  decken  (Oman,  p.  53).  Die  Brahmanen,  die  doch  wohl  an- 
erkanntermaßen die  schlauesten  aller  Priester  gewesen  sind,  be- 
sitzen ja  als  viertes  heiliges  Buch  den  ,,Veda  der  Zauberer", 
Atharvaveda,  mit  dem  sie  selber  die  Rolle  der  obersten  Zauberer 
übernahmen;  und  so  konnte  Bloomfield  in  der  Einleitung  zu 
seiner  Übersetzung  des  Atharvaveda  (Sacred  Books  of  the  East, 
Vol.  XLH)  sagen:  ,, Selbst  die  Zauberei  ist  ein  Bestandteil  der 
Hindu-Religion;  sie  hat  die  heiligsten  vedischen  Riten  durch- 
drungen und  sich  mit  ihnen  innig  vermischt;  der  breite  Strom 
der  Volksreh gion  und  des  Aberglaubens  hat  sich  durch  zahl- 
lose Kanäle  in  die  höhere  Religion  einfiltriert,  die  von  den 
Brahmanen  vorgestellt  wird,  und  man  kann  annehmen,  daß 
einerseits  diese  Priester  gar  nicht  imstande  waren,  ihren 
eigenen  religiösen  Glauben  von  der  Masse  von  Volksglauben  zu 
reinigen,  von  der  er  umgeben  war,  wie  es  anderseits  durchaus 
wahrscheinlich  ist,  daß  das  gar  nicht  in  ihrem  Interesse  ge- 
wesen wäre." 

Natürlich  erfreut  sich  ja  der  Atharvaveda  nicht  derselben 
hohen  Wertschätzung  wie  die  drei  anderen  Veden,  die  recht 
eigentlich  der  Priesterschaft  angehören ;  auch  ist  er  der  Zeit  der 
Abfassung  nach  der  jüngere  —  womit  nicht  gesagt  werden  soll, 
daß  nun  auch  sein  Inhalt  immer  sekundär  sein  muß  — ,  aber  die 
Zauberei,  das  Wundertun  ist  eine  ganz  alte  Geschichte  in 
Indien:  die  Literatur  wimmelt  von  einschlägigen  Erzählungen! 

Das  Kämasütram  nimmt  Bezug  auf  ,, Beschwörungen"  und 
„Behexungen",  welche  beiden  Begriffe  so  definiert  werden,  daß 

1)  Eine  ,, Kirche"  in  unserem  Sinne  hat  es  in  Indien  nie  gegeben. 


—     44     - 

diese  in  der  Zufügung,  jene  in  der  Abwendung  von  Schädigungen 
aller  Art  bestehen.  Es  kennt  auch  eine  magische  Augensalbe, 
die  unsichtbar  macht  —  das  Rezept  steht  auf  p.  380  der  III.  Auf- 
lage meiner  Übersetzung  1)  — ,  ein  Mittel,  das  auch  sonst  zu  finden 
ist:  in  dem  von  Tawney  übersetzten  Kathäkosa  wird  eine 
Prinzessin  durch  eine  Zaubersalbe  in  eine  Katze  verwandelt 
(p.  130) ;  ebenda  benutzt  man  eine  weiße  Augensalbe,  durch  die 
Menschen  in  Kamele  umgestaltet  werden,  und  eine  schwarze, 
durch  die  sie  wieder  in  Menschengestalt  erscheinen  (p.  135).  In 
Dandins  Dasakumäracaritam  erkennt  einer  der  Helden  ver- 
mittelst einer  Zaubersalbe  ,,die  unter  verschiedene  Schätze  ver- 
ratenden Bäumen  vergrabenen,  mit  Gut  gefüllten  Töpfe"  (Über- 
setzung von  J.  J.  Meyer,  p.  174);  ebenda  bewirkt  ein  Gaukler 
bei  allen  Zuschauern  Verblendung,  indem  er  sich  in  beide  Augen 
eine  Zaubersalbe  streicht  (p.  193).  Ihre  Rolle  übernehmen 
manchmal  Mundkügelchen.  So  verwandelt  sich  in  einem  be- 
kannten Märchen  (bei  Meyer,  p.  83)  damit  ein  Brahmane  in 
einen  ,,verhotzelten  Brahmanengreis",  mit  einem  anderen  seinen 
Schüler  in  ein  reizendes  Mädchen.  Sobald  dieser  letztere  das 
Kügelchen  wdeder  aus  dem  }.Iunde  herausnimmt,  wird  er  zum 
Jüngling  zurück  verwandelt. 

Im  Jätaka  Nr.  48  ist  von  einem  Brahmanen  die  Rede,  der 
im  Besitze  des  Zauberspruches  ,,Vedabbha"  ist.  Sobald  die 
richtige  Konstellation  eingetreten  w^ar,  was  allerdings  nur  alle 
Jahre  einmal  der  Fall  war,  brauchte  er  bloß  den  Zauberspruch 
zu  murmeln  und  gen  Himmel  zu  schauen,  um  einen  Regen  von 
sieben  Arten  Edelsteinen  herabströmen  zu  sehen. 

In  Dandins  Roman  (p.  316  der  Meyerschen  Übers  tzung) 
trifft  Mantragupta  einen  Zauberer,  dessen  Leib  mit  flimmernden 
Menschenknochenstückchen  als  Schmuck  bedeckt  war,  der  sich 
mit  dem  Staub  von  den  völlig  verzehrten  Kohlen  feuerverbrannter 
Scheiter  (d.  i.  mit  Asche)  bemalt  hatte,  der  Flechten  trug,  an- 
zusehen wie  die  Blitzranke,  und  der  in  ein  Feuer,  das  ein  Räk- 
shasa  (Zerstörer,  verschlingender  Unhold)  war  für  die  Finsternis 
des  Waldbezirks,  und  dessen  Flamme  durch  die  Verzehrung  des 
augenblicks  ergriffenen  verschiedenen  Brennholzes  emporhüpfte 

1)  Die  dritte  Auflage  des  Kämasütram  erschien  1907  gleichfalls  im 
Verlage  von  Herrn.   Barsdorf  in  Berlin. 


-     45     — 

—  mit  der  linken  Hand  unaufhörlich  knitternden  und  knattern- 
den Sesam,  weißen  Senf  usw.  hineinstreute.  Vor  ihm  stand  mit 
gefalteten  Händen  und  mit  den  Worten:  ,,Gib  deinen  Befehl; 
womit  kann  ich  dir  dienen?"  der  Diener.  Und  von  dem  überaus 
Niedriggesinnten  ward  ihm  befohlen:  ,,Geh,  bring  Kardanas, 
des  Kaiingakönigs,  Tochter,  die  Kanakalekhä,  aus  dem  Mädchen- 
harem hierher!"  —  Der  tat  also.  Darauf  packte  der  Zauberer 
sie,  die  in  gewaltigem  Schreck,  mit  tränenrauher  Stimme  und 
sehnsuchterfaßtem  Herzen :  ,,Weh,  Vater!  Weh,  Mutter!"  schrie, 
an  ihren  dichten  Haaren,  auf  denen  der  um  den  Scheitel  getragene 
Kranz  zerknüllt  und  welk  und  das  Band  zerrissen  war,  und  machte 
Anstalten,  ihr  mit  einem  an  einem  Stein  geschärften  Schwerte 
den  Kopf  abzuhauen.  Wuppdich,  riß  ich  das  Messer  aus  seiner 
Hand  an  mich,  hieb  ihm  damit  den  Kopf  ab,  mit  dem  dichten 
Flechtennetz  daran,  und  steckte  selbigen  in  eine  Spalte  im  Stamme 
eines  nahebei  stehenden  morschen  Baumes  ..." 

Ebenso  böse  endet  die  Beschwörung,  die  der  Zauberer  in 
der  Märchensammlung  ,, Fünfundzwanzig  Geschichten  eines 
Leichendämon"  [Vetälapancavimsatikä)  ausführt. 

Der  Inhalt  dieses  in  Indien  sehr  beliebten  Geschichten- 
buches ist  kurz  der:  Im  Südlande  liegt  eine  Stadt  namens 
Pratisthäna;  dort  herrschte  König  Vikramasena.  Eines  Tages 
kam  von  irgendwoher  ein  Yogin  namens  Säntisila  herbei ;  der 
trat  mit  einer  Frucht  in  der  Hand  in  den  Audienzsaal  und  hän- 
digte dem  König  die  Frucht  ein.  Dieser  ließ  ihm  einen  Platz 
anweisen  und  Betel  geben.  Der  Yogin  verweilte  einen  Augen- 
blick und  ging  dann  seiner  Wege.  Auf  diese  Weise  erschien  er 
täglich  und  schenkte  dem  Könige  eine  Frucht.  Einstmals  nun 
fiel  eine  solche  dem  König  aus  der  Hand ;  ein  Affe  zerbrach  sie, 
und  siehe,  da  rollte  ein  Juwel  heraus  auf  die  Erde,  durch  dessen 
Glanz  ein  helles  Leuchten  entstand,  so  daß  alle  Leute  in  Er- 
staunen gerieten.  Auch  der  König  war  verwundert  und  sagte 
zu  dem  Yogin:  ,,Wozu  hast  du  mir  dies  kostbare  Kleinod  ge- 
bracht?" —  Jener  antwortete:  ,, Großkönig,  höre!  Es  heißt  ja 
im  Lehrbuche:  ,Den  König,  den  Arzt,  den  Lehrer,  den  Stern- 
deuter, den  Sohn  und  den  Freund  soll  man  nicht  mit  leeren 
Händen  besuchen;  und  zwar  deute  man  mit  der  Gabe  auf  die 
Gegengabe  hin!'   Ich  habe  dir  zwölf  Jahre  lang  viele  solche  in 


-     46     - 

Früchten    versteckte   Juwelen   geschenkt."  —  Als   der   König 
diese  seine  Worte  gehört  hatte,  ließ  er  den  Schatzmeister  holen 
und  sagte  zu  ihm :  ,, Schatzmeister,  bringe  einmal  alle  die  Früchte 
her,  die  mir  dieser  Mönch  gegeben  hat  und  die  du  in  die  Schatz- 
kammer getan  hast."  Jener  brachte  sie  auf  des  Königs  Wort  her- 
bei: dieser  ließ  sie  jede  einzeln  aufbrechen  und  sah,  daß  sie  alle- 
samt mit  Juwelen  gefüllt  waren.    Da  ward  der  König  angesichts 
der  Menge  Juwelen  frohen  Herzens  und  sagte:   ,,Ei  Mönch,  zu 
welchem  Zwecke  hast  du  mir  diese  vielen  wertvollen  Juwelen  alle 
gebracht?    Ich  bin  nicht  imstande,  den  Preis  auch  nur  eines 
Juweles  zu  bezahlen;  was  verlangst  du  also  sonst  dafür?  Sage 
an!"  —  Der  Yogin  sprach:    ,,Auch  die   unbedeutendste  Ange- 
legenheit eines  Fürsten  soll  man  nicht  in  der  Gesellschaft  vor 
anderen  zur  Sprache  bringen:  so  hat  Brhaspati  gelehrt.    Einen 
Siddha-Zauber,  Arznei,  Tugend,  Schande  im  Hause,  fleischlichen 
Umgang,  schlechtes  Mahl,  schlechten  Ruf  und  eine  schwache 
Seite  soll  der  Verständige  nicht  ausposaunen.   Eine  Beratung,  die 
sechs  Ohren  hören,  wird  verraten ;  eine  Beratung,  die  vier  Ohren 
hören,  steht  fest;  hinter  eine  Beratung  aber,  die  zwei  Ohren 
hören,  kommt  selbst  Brahman  nicht.   Ein  Rat  wird  abgehalten, 
nachdem  man  auf  den  Rücken  eines  Berges  gestiegen  ist,  oder 
auf  der  Zinne  des  Palastes  unter  vier  Augen,  im  Walde,  an 
menschenleerer  Stätte.    Majestät,  unter  vier  Augen  will  ich  es 
dir  mitteilen."  —  Da  hieß  der  König  die  Leute  hinausgehen, 
worauf  der  Yogin  sprach:  ,, Majestät,  ich  will  am  kommenden 
Vierzehnten  bei  abnehmendem  Monde  am  Ufer  der  Godä  auf 
einem  großen   Leichenfelde  einen  Zauber  vollbringen.     Wenn 
dieser  gelungen  ist,  werden  mir  die  acht  großen  Kräfte  zuteil 
werden,  als  da  sind:  die  Kraft,  sich  unendlich  klein  und  unend- 
lich groß,  unendlich  leicht  und  unendlich  schwer  zu  machen, 
überall   hinzudringen,    vollkommene   Willensfreiheit,    Allmacht 
und  Allherrlichkeit.    Ein  Mann  aber  voller  Entschlossenheit  ist 
der  Gehüfe;  denn  ein  Unentschlossener  macht  einen  Zauber, 
auch  wenn  er  zu  Ende  geführt  worden  ist,  wirkungslos.    Ein 
so  entschlossener  Mann  aber,  wie  du  einer  bist,  kommt  mir  sonst 
nicht  mehr  in  den  Sinn;  deshalb  wünsche  ich  dich  zu  meinem 
Gehilfen  zu  machen.    Deshalb  sei  du  mein  Gehilfe.    Komm  in 
der  Nacht  mit  einem  Schwerte  bewaffnet  ohne  Begleitung  in 


—     47     — 

meine  Nähe."  Der  König  sagte  zu,  worauf  der  Mönch  am  Vier- 
zehnten mit  allen  nötigen  Gerätschaften  nach  dem  großen 
Leichenacker  ging.  Auch  der  König  kam  in  der  Nacht  dorthin, 
nachdem  er  dunkle  Kleider  angezogen  hatte.  Als  der  Yogin  ihn 
erblickt  hatte,  rieselte  ihm  die  Haut  vor  Freude,  und  er  sagte: 
,, Wohlan,  König!  Eine  halbe  Meile  von  hier  liegt  ein  großer 
Leichenacker;  dort  hängt  an  einem  Baume ^)  ein  Leichnam;  den 
hole  mir  schnell  von  dort  herbei."  —  Als  der  unvergleichlich 
mutige  König  dies  Wort  vernommen  hatte,  machte  er  sich  auf 
den  Weg  nach  jenem  Baume.  Als  er  furchtlos  den  Leichenacker 
erreicht  hatte,  da  zeigte  sich  dieser  rauch  verhüllt  und  mit  allem 
Zubehör  eines  solchen  ausgestattet.  Die  Umfassungsmauern  be- 
standen aus  weißen,  mit  Gehirn  beschmierten  Knochen;  es  war 
eine  Blutstätte,  gleichsam  der  Spielplatz  des  Schicksals,  reich  an 
Schädelbechem ;  von  der  Rauchfinstemis  verdunkelt,  vom  Ge- 
schrei der  Raksas  erschallend.  Es  zuckten  die  Scheiterhaufen- 
feuerblitze ;  es  war,  als  hätten  sich  die  Weltuntergangswolken  er- 
hoben. Die  Eingeweidekränze,  die  von  den  Geiern  umhergezerrt 
wurden,  dienten  als  kokette  Perlenketten;  der  Wind  blies 
schnell  durch  die  Löcher  in  den  vermoderten  Knochenflöten ;  es 
war  ein  Getöne  von  den  Fußreifen  der  dort  umherwandelnden 
Scharen  von  Yogins ;  in  allen  Himmelsgegenden  hallte  das  laute 
Hm!  der  grausigen  Spieler  (?)  wieder;  der  Todesgott  gab  gleich- 
sam seinen  Segen  zum  Beginn  des  Untergangs  der  drei  Welten. 
Geschmückt  war  das  Feld  mit  Schädels tücken,  bekränzt  mit 
einer  Menge  Skelette,  beschmutzt  von  Feuerkohlen,  ein  zweites 
Bhairava;  es  erschallte  dort  gewaltiges,  ohrenzerreißendes  Ge- 
schrei, es  gab  eine  Fülle  schwer  zu  kontrollierender  Morde,  es 
wandelten  grausige  Männer  umher  —  so  war  es  gleichsam  ein 
zweites  Bhäratam^) ;  es  war  reich  an  Trug  wie  ein  Spiel,  grausam 
wie  der  Weiber  Sinn,  wie  der  Mangel  an  Urteilskraft  eine  Stätte 
von  mancherlei  Zweifel  und  Unruhe  .  .  .  eine  Stätte  alles  mög- 
lichen Unheils,  wo  die  Gespenstergemeinde  ihre  Angriffe  aus- 


1)  Im  Texte  handelt  es  sich  um  Dalbergia  Sissoo, 

^)  Der  Vergleich  des  Leichenfeldes  mit  dem  großen  indischen  Epos  er- 
gibt sich,  wenn  man  die  im  Sanskrit  doppelsinnigen  Worte  karna  {=  Ohr). 
duhsäsana  (schwer  zu  kontrollieren)  und  bhima  (grausig)  als  Eigennamen 
faßt;  man  erhält  dann  die  Namen  von  drei  Helden  des  Bhäratam. 


-     48     - 

führte;  umgeben  von  viellöcherigen  Wolken,  ununterbrochen 
bedeckt  von  Geisterscharen.  Dort  sah  man  vielfach  Gespenster, 
Dämonen  und  Teufel,  den  Mund  mit  Fleisch  gefüllt,  das  Herz 
von  Rausch wonne  trunken. 

Dort  ging  also  der  König  hin,  stieg  auf  den  Baum,  schnitt 
mit  einem  Messer  die  Schlinge  durch  und  Heß  den  Leichnam 
auf  die  Erde  fallen,  der  einer  schwarzen  Gewitterwolke  glich, 
mit  seinen  gesträubten  Haaren  und  hervorgequollenen  Augen 
Furcht  einflößte,  fleischlos  und  mit  den  Abzeichen  der  Ab- 
geschiedenen versehen  war.  Während  der  König  herunterstieg, 
hing  der  Leichnam  wieder  an  demselben  Aste.  Der  König  stieg 
nochmals  auf  den  Baum,  lud  den  Leichnam  auf  die  Schulter, 
stieg  herab  und  machte  sich  auf  den  Weg.  Unterwegs  sagte  der 
in  dem  Kadaver  wohnende  Dämon  zu  dem  Könige:  ,,Den  Ver- 
ständigen geht  die  Zeit  dahin  in  Unterhaltung  über  Dichtkunst 
und  Wissenschaft,  den  Toren  aber  in  Laster,  Schlaf  oder  Streit. 
Was  ist  eine  hohe  Stellung  ohne  Bescheidenheit?  Was  eine  Nacht 
ohne  Mond?  Was  Redefertigkeit  ohne  wahre  Dichtergabe?  Höre 
zu,  König,  ich  will  dir  einmal  eine  Geschichte  erzählen." 

Auf  diese  Weise  erzählt  der  Dämon  eine  Geschichte  nach 
der  andern;  die  Pointe  ist  stets  die,  daß  er  dem  König  die  Ent- 
scheidung in  der  jeweiligen  Schwierigkeit  mit  der  Drohung  über- 
läßt, daß,  wenn  er  sie  nicht  angäbe,  trotzdem  er  sie  wüßte,  er 
ihn  töten  werde.  Sobald  der  König  sein  Urteil  abgegeben  hat, 
womit  er  natürlich  stets  das  Richtige  trifft,  verschwindet  der 
Dämon  resp.  der  Leichnam  und  hängt  wieder  am  Baume.  Der 
König  kehrt  immer  wieder  um,  nimmt  den  Leichnam  von  neuem 
auf  die  Schulter,  und  so  wiederholt  sich  alles  vierundzwanzig- 
mal.  Die  letzte  Frage  ist  die :  Ein  König  und  sein  Sohn  heiraten 
Mutter  und  Tochter,  und  zwar  der  König  die  Tochter,  der  Sohn 
die  Mutter;  aus  diesen  Ehen  gehen  ein  Knabe  und  ein  Mädchen 
hervor,  die  sich  heiraten.  Wie  ist  nun  die  gegenseitige  Ver- 
wandtschaft? Der  König  antwortet  nicht  mehr,  worauf  der 
Dämon  fortfährt: 

,,Nun,  König,  ich  habe  dich  zu  vielen  Malen  angeführt;  des- 
halb hüllst  du  dich  jetzt  in  Schweigen.  Ich  iteue  mich  über 
deinen  Mut;  sprich  einen  Wunsch  aus!"  —  König  Vikramasena 
gab  keine  Antwort.    Der  Dämon  sprach:  ,,Wenn  du  mir  auch 


—     49     — 

keine  Antwort  gibst,  freue  ich  mich  doch  über  deinen  wirkHchen 
Mut.  Gehe  jetzt  dorthin  und  handle  nach  meinen  Worten. 
Wenn  jener  Mönch  dem  Leichnam  mit  Wohlgerüchen,  Räucher- 
werk usw.  seine  Verehrung  dargebracht  hat  und  dann  zu  dir 
sagt:  , Wohlan,  König,  vollziehe  die  Achtgliederverbeugung,' 
dann  antworte  ihm:  ,Ich  verstehe  die  Achtgliederverbeugung 
nicht  auszuführen,  da  sich  alle  vor  mir  in  dieser  Weise  verbeugen, 
während  ich  es  niemandem  gegenüber  tue.  So  mache  sie  mir 
erst  einmal  vor.  Trefflichster  der  Heiligen ;  dann  will  ich  sie  aus- 
führen.' Wenn  dir  der  Mönch  nach  diesen  Worten  die  Acht- 
gliederverbeugung vormacht,  dann  ziehe  dein  Schwert,  schlag 
ihm  den  Kopf  ab  und  bring  mir  das  Blut  seines  Schädels  als 
Opfer  dar;  darauf  werden  dir  die  acht  Zauberkräfte  zuteil 
werden.  Wenn  du  aber  meine  Anweisung  nicht  beachtest,  wirst 
du  den  Tod  finden  und  die  acht  Zauberkräfte  jenem  zufallen." 
Nach  diesen  Worten  entfernte  sich  der  Dämon. 

Darauf  brachte  König  Vikramasena  den  Leichnam  und 
legte  ihn  in  dem  Zauberkreise  nieder.  Als  das  der  Mönch  sah, 
rief  er:  ,, Vortrefflich,  großer  Held,  vortrefflich!  Du  hast  eine 
große  Tat  vollbracht!"  Danach  vollzog  der  Mönch  alle  Hand- 
lungen, brachte  Blumen,  Räucherwerk  u.  a.  Spenden,  Lampen 
usw.  dar  und  bannte  den  Dämon  mit  kräftigen  Sprüchen  in  den 
Zauberkreis.  Nachdem  er  so  den  Dämon  gebannt  und  alles  voll- 
bracht hatte,  sprach  er:  ,,  Wohlan,  König,  führe  die  Achtglieder- 
verbeugung aus!"  Da  gedachte  der  König  des  Dämons  und 
sprach:  ,,Ach,  Yogin,  ich  habe  noch  vor  niemandem  seit  meiner 
Geburt  die  Achtgliederverbeugung  vollbracht  und  kenne  sie  des- 
halb nicht.  Mach  sie  mir  erst  einmal  vor;  dann  will  ich  sie  nach- 
machen." —  Da  zeigte  ihm  der  vom  Schicksal  verblendete 
Mönch  die  Achtgliederverbeugung;  aber  inzwischen  zog  der 
König  das  Schwert  und  hieb  jenem  den  Kopf  ab,  worauf  er  das 
Blut  des  Schädels  dem  Dämon  opferte.  Da  bekam  der  König 
die  acht  großen  Zauberkräfte. 

Im  Dasakumäracarita  (bei  Meyer  p.  193)  werden  die  über- 
natürlichen Zauberkunststücke  des  Brahmanen  Vidyesvara  da- 
zu benutzt,  um  zwei  Liebende  zu  vereinigen.  Dieser  kam  ,, zu- 
sammen mit  einem  großen  Gefolge  von  solcher  Art  (wie  er)  zu 
dem  Tore  des  Königshauses,  ward,  nachdem  er  dem  Türhüter 

Schmidt.  Fakire  und   Fakir  tum.  4 


—     50    — 

Kunde  von  sich  hatte  wissen  lassen,  und  die  Türsteher,  eilends 
hingegangen,  mit  tiefer  Vemeigung  gemeldet  hatten:  ,,Ein 
Gaukler  ist  gekommen!"  vom  Mälavafürsten,  der  von  neu- 
gierigem Verlangen,  ihn  zu  sehen,  erfaßt  wurde,  und  von  seinem 
von  Sehnsucht  (nach  dem  Anblick  der  Gauklerkünste)  erfüllten 
Harem  begleitet  war,  herbeigerufen,  trat  ins  Innere  des  Ge- 
bäudes, erteilte  mit  bescheidener  Höflichkeit  seinen  Segen  und 
ließ  nach  gegebener  Erlaubnis,  die  Augen  knospengleich  ge- 
schlossen, zusammen  mit  seinem  Gefolge,  indem  sie  selber  heftig 
umherwirbelten,  eine  Weile  beständig  die  Büschel  aus  Pfauen- 
federn herumwirbeln,  während  dazu  seine  Diener  lautklingende 
musikalische  Instrumente  schlugen  und  die  Sängerinnen  Töne 
erklingen  ließen,  so  reizend  wie  der  vor  Liebestrunkenheit  lieb- 
lich singende  Kokila,  so  daß  die  Seelenstimmung  der  Teilnehmer 
an  der  Versammlung  von  der  höchsten  Leidenschaft  entzückt 
ward.  Darauf  schlangen  Schlangen  sich  hervor,  haubenge- 
schmückt, die  v/eiten  Räume  des  Königshauses  mit  ihren  Juwelen- 
reihen erglänzen  lassend,  scharfes  Gift  in  Menge  speiend  und 
Furcht  erzeugend.  Und  viele  Geier  kamen  in  der  Luft  zusammen, 
indem  sie  die  Schlangenfürsten  in  den  Schnäbeln  mitnahmen. 
Danach  führte  der  Brahmane  die  Zerreißung  des  Daityafürsten 
Hiranyakasipu  durch  Narasirnha  (Vishnu)  auf  und  sagte  zu 
dem  Könige,  der  über  diese  großen  Dinge  von  Staunen  erfüllt 
war:  ,,Zum  Schlüsse,  o  König,  ist  es  schicklich,  daß  du  etwas 
Heil  verkündendes  siehst.  Es  soll  darum  zur  Erlangung  einer 
unimt erbrochenen  Kette  von  Glück  die  Vermählung  eines  jungen 
Mädchens,  das  wie  deine  Tochter  aussieht,  und  eines  mit  allen 
Glückszeichen  begabten  Königssohnes  vollzogen  werden."  — 
Von  dem  Erdenhirten,  der  neugierig  war,  dies  zu  schauen,  dazu 
ermächtigt,  brachte  er,  indem  sein  Gesicht  in  der  Voraussetzung, 
daß  jetzt  die  gewünschte  Sache  gelungen  sei,  weit  aufblühte, 
eine  Zaubersalbe,  die  bei  allen  Verblendung  hervorrief,  in  beide 
Augen  und  blickte  umher.  Während  alle  in  der  Meinung,  das 
sei  nur  Gaukelwerk,  verwundert  zusahen,  verband  er,  das  Feuer 
zum  Zeugen  nehmend,  kraft  seiner  Geschicklichkeit  in  den  bei 
der  Hochzeit  gebräuchlichen  Sprüchen  und  Beschwörungs- 
formeln, die  nach  der  vorhergegangenen  Verabredung  herbei- 
gekommene,   am    Leibe    mit    vielem    Schmuck    geschmückte 


/ 


\      f 


_     51     -- 

Avantisundari  mit  Räjavähana,  dessen  Herz  vor  Entzücken 
junge  Sprossen  trieb.  —  Am  Ende  der  Handlung  von  dem  Zwei- 
malgeborenen (  =  Brahmanen)  laut  mit  den  Worten:  , »Zauber- 
männer, geht  ihr  alle!"  angeredet,  verschwanden  nach  und  nach 
alle  diese  Menschen,  die  nur  Truggebilde  waren. 

Im  Vorspiel  des  fünften  Aufzuges  von  Bhavabhütis  Drama 
Mälatimädhava  tritt  Kapälakunclalä  auf,  die  Dienerin  des 
Zauberers  Aghoraghantaka,  ,,in  einem  die  Luft  durchfahrenden 
Wagen,  in  einem  furchterregenden,  leuchtenden  Anzug"  und 
sagt  (Fritzes  Übersetzung,  p.  55): 

Der  Kräfte  Herri),  umgeben  von  den  Kräften, 
Der  in  den  sechs  Hauptteilen  und  zehn  Röhren 
Des  Leibes  wirksam  ist  als  Lebenshauch, 
Im  Herzen  aber  seine  Stätte  hat,  — 
Er,  welcher  denen  Zauberkräfte  gibt, 
Die  ihn  erkennen,  den  mit  festem  Sinn 
Die  Seinen  suchen,  —  er  soll  siegreich  sein!    — 
Ich  komme  jetzt  vom  Berg  Sriparvata 
Hierher,  die  ich  in  der  Vertiefung  Kraft 
Den  Urgeist  schaue,  welcher  mitten  aus 
Dem  Herzenslotus  aufgeht,  sich  als  ^iva 
Gestaltet  und  in  den  sechs  Teilen  wohnt 
Des  Leibes,  die  ich  stets  mit  frommem  Spruch 
Berühre.    Weil  ich  fest  den  Atem  halte. 
Und  voll  dadurch  des  Körpers  Röhren  sind, 
So  weichen  die  Urstoffe  aus  dem  Leib, 
Und  ohne  Mühe  flieg'  ich  jetzt  empor, 
Die  Wolke  vor  mir  trennend  in  der  Luft. 
Die  Schnelligkeit  der  Fahrt  im  Himmelsraum, 
Wobei  der  Schädelkranz  an  meinem  Hals 
Sich  hebt  und  schwankt  und  an  die  Glöckchen  stößt 
Und  diese  scharf  und  schrill  erklingen  läßt,  — 
Mit  tiefem,  frohem  Staunen  füllt  sie  mich. 
Der  Flechten  Last,  die  überall  den  Kopf 
Mir  deckt,  sie  schwankt  und  ist  doch  fest  geschnürt; 
Man  hört  den  reinen,  langen,  starken  Ton 
Der  hin  und  her  bewegten  Keulenglocke; 
Ein  heft'ger  Wind,  der  ohne  Unterlaß 
Geklingel  von  den  kleinen  Glocken  schafft 
Und  in  der  bloßen  Schädel  Höhlen  braust, 
Bewegt  des  Wagens  Fahnen  mir  empor. 
[Umherfahrend  und  hinabsehend.     Geruch  wahrnehmend.] 


—     52     — 

Da  ist  es  ja,   Karäläs  Heiligtum, 
Ganz  nah  beim  großen  Leichenplatz,  den  ich 
Zuerst  am  Rauch  der  Scheiterhaufen  kenne 
Mit  seinem  Duft  von  Lauch  und  Nimba-Öl. 
Nach  diesem  Tempel  soll  ich  auf  Geheiß 
Aghoraghantas,  der  mein  Lehrer  ist. 
Ein  Meister  in  den  Zauberkünsten,  alles, 
Was  zur  Verehrung  dient,  heut  recht  genau 
Herschaffen;  denn  er  hat  zu  mir  gesagt: 
Der  heiligen  Karälä  muß  ich  heut 
Das  Opfer  bringen,  das  sie  längst  verlangt, 
Ein  schönes  Weib;  auch  fand  ich  in  der  Stadt 
Ein  solches  auf.  —  Ich  schaue  mich  nun  um. 

[Neugierig  nach  vom  blickend.] 
Wer  geht  denn  dort  zum  Leichenplatze  hin? 
Er  sieht  so  reizend  aus  und  willensstark. 
Mit  krausem  Haar,  das  aufgerichtet  steht; 
Mit  einem  Schwert  bewaffnet  ist  die  Hand. 
Er  sieht  so  blaß  jetzt  und  ursprünglich  doch 
So  dunkel  wie  der  Wasserhlie  Blatt; 
Er  ist  so  schön,  so  zierlich  ist  sein  Gang, 
Sein  Angesicht  so  glänzend  wie  der  Mond  — 
Doch  seine  Hand,  in  der  er  Menschenfleisch 
(Noch  zuckt  es)  trägt,  die  schmutzig  ward  von  Blut, 
Verkündet  seinen  frevelhaften  Sinn 
Und  bringt  ihn  um  das  Lob  der  Sittsamkeit. 

[Prüfend.] 

Was  seh'  ich?  Der  dort  Menschenfleisch  verkauft. 
Das  ist  ja  Mädhava,  der  Sohn  des  Freundes 
Kämandakis!  Und  warum  tut  er  dies? 
Was  kümmert's  mich?   Ich  mache  mich  daran, 
Zu  tun,  was  ich  mir  vorgenommen  habe. 
Die  Abenddämmrungszeit  ist  fast  vorbei: 
Die  Rankenpflanze  Finsternis  bedeckt 
Wie  Blütensträuße  vom  Tamälabaum 
Des  Himmels  Grenzen;  mit  dem  Rande  taucht 
Die  Erde  gleichsam  in  ein  neues  Meer; 
Die  Nacht,  so  scheint's,  will  ihre  Schwärze  stärken, 
Die  Kreisen  gleicht  von  dichtem  Rauchgewölk, 
Das  heft'ger  Wind  nach  allen  Seiten  dehnt. 
[Geht  umher  und  tritt  ab.     Ende  des  Vorspiels.] 
[Mädhava  tritt  auf,  wie  beschrieben.] 
Mädhava   (hoffnungsvoll): 

O  möchten  zahlreich  Regungen  für  mich 
Bei  ihr  entstehn,  der  Schönen,  —  Regungen 
Von  angebornem  Reiz,  voll  Zärtlichkeit, 


-     53     — 

Die  Zu  traun  künden,  die  aus  tiefer  Liebe 

Entspringen  bei  vertraulichem  Verkehr! 

Ach,  führt  mir  Regungen  von  solcher  Art 

Auch  nur  die  Hoffnung  vor,  dann  lähmt  sogleich 

Des  Innern  Sinnes  freudige  Verzückung 

Der  äußeren  Organe  Tätigkeit! 

O  könnt'  ich  doch,  indem  sie  an  ihr  Ohr 

Mein  Antlitz  lehnt,  umschlingen  ihren  Leib 

Mit  seiner  Brust,  die  herrlich  macht  der  Duft 

Von  blühndem  Kesara,  mit  Atimukta 

Durchschlungen,  den  beständig  sie  verbreitet! 

Indes  wie  weit  entfernt  ist  dieses  Ziel! 

Mein  Wunsch  beschränkt  sich  auf  das  Folgende: 

Ihr  Antlitz  möcht'  ich  immer  wieder  sehn. 

Dies  Haus  der  Segensgaben  Madanas, 

Ihr  Antlitz,  von  den  allerschönsten  Stoffen 

Gebildet,  die  man  in  der  großen  Zahl 

Der  schönsten  Mondessicheln  auserlas. 

Erblickt  man  es,  so  breiten  sich  im  Geist 

Vereinigt,  also  scheint's,  die  Freuden  aus 

In  höchster  Fülle,  und  der  Augen  Fest 

Gestaltet  sich  zur  allerhöchsten  Lust,  — 

Auch  nicht  die  kleinste  Ändrung  träte  jetzt 

Durch  der  Geliebten  Anblick  bei  mir  ein, 

Sie  selber  hat  auf  meinen  Geist  gewirkt 

Mit  solcher  Kraft,  daß  dieser  Eindruck  stets 

Wach  bleibt,  und  daß  Erinnrung,  ungestört 

Durch  anderes,  von  ihr  Verschiedenes, 

Ihr  Bild  bei  mir  hervorruft  fort  und  fort, 

Und,  weil  mein  Inneres  ihr  ähnlich  ist. 

Bewirkt,  daß  meine  Seele  jetzt  das  Wesen 

Der  ihrigen  gewinnt.     Drum  wohnt  sie  nun 

In  meiner  Seele  gleichsam  aufgelöst. 

Gemalt,  geschnitzt  und  als  ein  Spiegelbild; 

Sie  ist  darein  gesteckt,  mit  ihr  verkittet, 

Ist  eingegraben  und  mit  Madanas 

Geschossen  angeheftet,  festgenäht 

Mit  steten  Denkens  großer  Fädenzahl: 

So  mannigfach  ist  ihr  Verband  mit  mir! 

[Hinter  der  Szene  Getümmel.] 

Wie  ist  so  gräßlich  jetzt  der  Leichenplatz 
Mit  seiner  Schar  von  frechen  Rakschasas! 
Die  Dunkelheit,  durch  Fülle  fürchterlich. 
Verstärkt  ja  hier  der  Scheiterhaufen  Glanz 
Und  hemmt  mit  dichter  Masse  rings  den  Blick, 
Und  grausige  Gespenster  mancher  Art 


-     54     - 

Erheben  lustdurchdrungen  ihr  Geschrei 
Und  treiben  ihren  wilden  Scherz  vereint. 
Nun  wohl,  ich  rufe  sie  jetzt  an.    (Laut.)    He,  he, 
Ihr  Nachtgespenster  dieses  Leichenorts! 
Vernehmt  es,  hier  wird  Menschenfleisch  verkauft, 
In  Wahrheit  Fleisch  von  eines  Mannes  Leib; 
Und  auch  von  einer  Waffe  ist  es  nicht 
Geheihgti).    Kauft  es  drum,  o  kauft  es  drum! 

[Hinter  der  Szene  wieder  Getümmel.] 
Was  muß  ich  sehen!  Gleich  nach  meinem  Ruf 
Geht's  drauf  und  drunter  auf  dem  Leichenplatz. 
Er  wimmelt  von  Gespenstern,  die  man  sieht; 
Verwormer,  unbestimmter  Lärm  erschallt, 
Der  von  den  scheußlichen  Vetalas  stammt, 
Die  in  die  Höhe  springen.    Wunderbar! 
Gespenster,  langgestreckten,  dürren  Leibes, 
Zum  Teil  zu  sehn  und  unsichtbar  zum  Teil, 
Erfüllen  hier  mit  ihren  Angesichtern 
Den  Luftraum,  deren  weite  Rachenkluft 
(Des  Maules  Winkel  reichen  bis  ans  Ohr) 
Von  Feuer  flammt;  sie  laufen  hier  und  dort 
Herum;  Entsetzen  flößt  der  AnbUck  ein 
Der  spitzen  Hauer;  vielen  Bützen  gleich 
Sind  ihre  Augen,  Brauen,  Haar  und  Bart. 
So  manche  Leichen  gibt's  hier  auch  zu  sehen, 
Mit  Schenkeln  groß  wie  ein  Kharjüra-Baum, 
Mit  schwarzer  Haut  umhüllt,  mit  dickem  Wulst 
Von  Därmen  überall,  und  das  Gerüst 
Der  Knochen  ist  ein  alt  Gerippe  schon,  — 
So  manche  Leichen,  die  ringsum  mit  Resten 
Von  Menschenfleisch,  das  in  der  gier'gen  Hast 
Nur  halb  verschlungen  ward  und  halb  entfiel, 
Die  Wölfe  mästen,  die  entsetzhch  schrein. 
[Nacli  allen  Seiten  umherblickend  und  lachend.] 
O,  über  dieser  Nachtunholde  Tun! 
Die  langen  Leiber  sehen  häßlich  aus, 
Und  tun  sie  nun  die  weiten  Mäuler  auf 
Und  strecken  ihre  breiten  Zungen  vor. 
So  leuchten  sie  wie  alte  Sandelbäume, 
Die  halb  verbrannten,  deren  Höhlungen 
Durch  Schlangen,  die  drin  spielen,  furchtbar  sind. 
[Umhergehend.] 


1)  Es  rührt  nicht  von  Menschen  her,  die  im  Kriege  fielen  und  darum 
stracks  in  den  Himmel  eingingen.  Solches  durften  die  Nachtunholde  nicht  ge- 
nießen.   (Anm.  des  Übersetzers.) 


—     55     — 

Wie  ist  so  gräßlich,  was  da  vorn  geschieht! 

Der  ausgehungerte  Verstorbene^) 

Durchschneidet  erst  die  Haut  und  streift  sie  ab 

Und  ißt  von  Schultern,  Hüften,  Rücken  dann 

Und  andern  GUedem  noch  das  Fleisch  hinweg. 

Das  leicht  zu  fassen  ist,  doch  übel  riecht. 

Denn  dicht  mit  breiten  Schwären  ist's  bedeckt. 

Sind  Augen,  Därme,  Eingeweide  drauf 

Verzehrt,  so  nagt  er  mit  entblößtem  Zahn 

Gemach  das  Fleisch  vom  höckerigen  Knochen 

Des  Schädels,  den  er  unterm  Arme  trägt.  — 

Hier  in  der  Nähe  ziehen  Rakschasas 

Von  vielen  Scheiterhaufen  Leichen  fort, 

(Die  Rauch  umhüllt,  die  Knochen  feucht  vor  Wärme, 

Und  von  dem  Knochen  schwand  das  Fett  dahin) 

Und  trennen  vom  Gelenk  auf  beiden  Seiten 

Und  machen  frei  vom  übergaren  Fleisch, 

Das  schon  zerfheßt,  des  Beines  Knochen  dann 

Und  saugen  ein  das  Mark,  das  nun  sich  zeigt. 

Und  vollends  ihrer  Weiber  Abendlust! 

Als  Bänder,  wie  man  sonst  zum  Schmuck  sie  trägt. 

Benützen  sie  Gedärm;  der  Scheitelkranz 

Besteht  aus  rotem  Lotus  sonst,  doch  hier 

Aus  Frauenhänden  —  deutUch  ist's  zu  sehn; 

In  Eile  hängten  sie  Gewinde  sich 

Aus  Herzen,  nicht  aus  weißem  Lotus  um; 

Gefallen  finden  sie  am  Sandel  nicht, 

Sie  salben  ihren  Leib  dafür  mit  Blut: 

So  sind  sie  ausgeschmückt  und  angetan 

Und  trinken  mit  den  Liebenden  vereint 

Erfreut  aus  Schädeln  an  der  Becher  Statt 

Als  Rauschgetränk  der  Knochen  saft'ges  Mark. 

[Er  geht  umher  und  ruft  noch  einmal  aus,  was  er  schon  gerufen  hat.'j 

Doch  wie?  Auf  einmal  hört  ihr  Treiben  auf. 

Das  fürchterliche,  und  sie  laufen  weg, 

Die  Nachtgespenster?  O,  wie  feig  sie  sind! 

[Umhergehend  und  hinsehend.     Betrübt'-).] 

Den  ganzen  Leichenplatz  erforscht'  ich  nun; 
Denn  vor  mir,  wo  er  aufhört,  hab'  ich  ja 
Den  Fluß  mit  seinen  Ufern,  deren  Höhen 
Ein  Ort  des  Schreckens  sind:  erfüllt  sie  doch 
Geschrei  des  Schakals  und  Gekreisch  der  Eulen, 


1)  In  den  ein  Vetala  (Leichendämon)  gefahren  ist.    (Anm.  d.  Übers.) 

2)  Weil  ihm  keins  der  gespenstigen  Wesen  Menschenfleisch  abkaufen  und 
dafür  übernatürliche  Hilfe  leisten  will,  daß  er  Mälati  gewinne.   (Anm,  d.  Übers.) 


-     56     - 

Die  scharenweise  hausen  im  Gebüsch. 
Gewaltig  rauscht  der  Fluß,  und  seine  Flut 
Tritt  aus  und  reißt  die  Ufer  mit  sich  weg, 
Gehemmt  wird  ja  das  Wasser  von  den  Knochen 
Der  Schädel,  die  darin  zerbröckelten. 
Hinter   der  Szene: 

O  Vater,  der  du  kein  Erbarmen  kennst, 
Nun  muß  ich  sterben,  die  du  zum  Geschenk 
Bestimmtest,  dir  des  Königs  Huld  zu  sichern! 

Mädhava   (gespannt  horchend): 

Das  ist  ein  Ton,  so  seelenvoll  und  hell. 

Wie  eines  trau'rnden  Adlerweibchens  Schrei! 

Er  fesselt  mich;  dem  Ohre  kommt  es  vor, 

Als  kennt's  ihn  wieder,  den  es  schon  vernahm. 

Unruhig  ist  mein  Herz  und  wie  geteilt, 

Die  Glieder  alle  sind  mir  wie  gelähmt, 

Der  Körper  zittert,  und  es  schwankt  mein  Gang. 

Woriiber  klagt  sie?  Was  bedeutet  dies? 

Aus  jenem  Tempel  der  Karälä  dringt 

Der  Trauerruf  hervor.    Und  sicherUch, 

Die  Stätte  sieht  so  aus,  daß  SchreckUches, 

Dem  Ton  Entsprechendes  zu  fürchten  ist. 

Wohlan,  ich  will  doch  sehen,  was  geschieht.      (Er  geht  umher.) 

{KapälakundaläundAghoraghanta  treten  auf,  eifrig  mit  Verehrung  der  Gott- 
heit beschäftigt,  und  Mälati,  mit  dem  Abzeichen,  daß  sie  getötet  werden  äoll.) 

Mälati: 

O  Vater,  der  du  kein  Erbarmen  kennst. 

Nun  muß  ich  sterben,  die  du  zum  Geschenk 

Bestimmtest,  dir  des  Königs  Huld  zu  sichern! 

O  Mutter,  deren  Herz  nur  Liebe  ist, 

Durch  Schicksals  Tücke  ist's  um  dich  geschehn! 

O  Heil'ge,  die  für  Mälati  nur  lebt. 

Mein  Wohergehn  zu  fördern,  ist  allein 

Das  Ziel  bei  allem,  was  du  tust  —  dich  lehrt 

Die  Liebe  Kummer  nun  auf  lange  Zeit! 

Und  liebe  Freundin  du,  Lävangikä, 

Hinfort  erblickst  du  mich  nur  noch  im  Traum! 
Mädhava: 

Gewiß,  sie  ist's!   Jetzt  bleibt  kein  Zweifel  mehr! 

Drum  hin  zu  ihr,   solange  sie  noch  lebt!      (Er  geht  rasch  umher.) 
Kapäla  und  Aghoraghanta: 

Verehrung  bringen  wir,  Cämundä^)  dir! 

Ich  ehre  deine  Kurzweil,  deinen  Tanz, 


1)  Name  für  die  weiter  oben  genannte  Göttin  Karälä. 


—     57     — 

Der  sichtlich  Sivas  Dienerschaft  beglückt, 

Den  Tanz,  bei  dem  ein  Teil  der  Erde  wankt ; 

Denn  die  Schildkröte,  die  sie  trägt,  erbebt, 

Und  ihre  Schale  senkt  sich  vor  der  Last 

Der  Erdenkugel,  die  bestürzt  nachgibt. 

Weil  du  so  stolz  und  heftig  dich  bewegst, 

Und  in  die  Öffnung,  wie  die  Unterwelt 

Geräumig,  strömt  das  siebenfache  Meer! 

Dein  Tanz,  Cämundä,  Göttliche,  bei  dem 

Von  vielen  Wesen  Lob  und  Preis  erschallt. 

Die  vor  dem  lauten,  häßlichen  Gelächter 

Erzittern,  das  die  Schädelschar  erhebt; 

(Denn  diese  lebt  vom  Nektar  wieder  auf, 

Der  aus  dem  Mond  in  Tropfen  niederfällt. 

Wenn  du  ihn  ritzest  mit  der  Nägel  Stoß, 

Die  an  dem  Rand  der  Elefantenhaut, 

Der  bebenden,  sich  auf  und  ab  bewegen)  — 

Dein  Tanz,  bei  dem  du  mit  den  vielen  Armen, 

Die  lang  und  stark  sind  und  ringsum  verteilt, 

Die  Berge  stürzest,  wenn  dich  heftig  trifft 

Die  gift'ge  Glut,  die  aus  den  Hauben  dringt 

Der  Schlangen,  welche  du  als  Armband  trägst, 

(Du  drückst  sie  ja,  die  schwarzen,  schnaufenden. 

Und  ihre  Hauben  blähen  sich  dann  auf)  — 

Dein  Tanz,  bei  dem  dein  fürchterliches  Haupt, 

Bestrahlt  vom  Feuerauge  deiner  Stirn, 

Im  Kreis  sich  dreht  und  Feuerkreise  zieht, 

Und  so  zusammennäht  des  Himmels  Teile, 

Und  wenn  du,  Göttin,  deine  Fahne  schwingst. 

Die  an  der  Spitze  weht  der  Riesenkeule, 

So  schleuderst  du  der  Sterne  Schar  umher,  — 

Dein  Tanz,  der  Sivas  Herz  mit  Freude  füllt. 

Weil  beim  Getümmel  der  Vetälas  dann. 

Der  schlimmen  und  der  lust'gen  Nachtgespenster, 

Ihn  GaurI,  angstvoll,  mit  gespitztem  Ohr, 

So  fest  umschlingt  —  dein  Tanz  gewähre  uns, 

Was  Segen  bringt  und  was  uns  Freude  schafft! 

Mädhava: 

O  Jammer!  Welches  Unglück  trägt  sich  zu! 

Mit  Kranz  und  Kleid,  so  rot  wie  Lack,  geschmückt, 

Geriet,  wie  in  verruchter  Wölfe  Macht 

Ein  scheues  Reh,  in  frevler  Ketzer  Hand 

Bhürivasus,  des  Kanzlers  Tochter,  hier. 

Die  eines  Gottes  Tochter  könnte  sein, 

Und  in  des  Todes  Rachen  schwebt  sie  schon! 


-     58     - 

O,  welches  Unglück,  welches  Leid!  Warum 

Verfährt  das  Schicksal  so  erbarmungslos! 
Kapälakundalä  und  Aghoraghanta: 

Gedenke,  Tochter,  dessen,  den  du  liebst; 

Der  harte  Tod  rafft  eilig  jetzt  dich  hin. 
Mälati: 

Du  darfst  mich  nicht,  geliebter  Mädhava, 

Vergessen,  wenn  ich  auch  im  Jenseits  bin. 

An  wen  man  liebend  denkt,  der  starb  ja  nicht. 
Kapälakundalä: 

Die  Ärmste  liebt,  o  Jammer,  Mädhava! 
Aghoraghanta: 

Geschehe  nun,  was  muß.    Ich  töte  sie, 

Cämundä,  Heil'ge,  nimm  die  Gabe  an. 

Die  ich  bei  meines  Zauberwerks  Beginn 

Versprach,  und  die  dir  nun  wird  dargebracht.     (Will  sie  töten.) 
Mädhava   (tritt  rasch  herzu  und  nimmt  Mälati  in  den  Arm): 

Verruchter  fort!  Es  ist  um  dich  geschehn, 

Du  aller  ^ivadiener  schlechtester! 


Auch  hier  kommt  der  große  Zauberer  um  seinen  Lohn; 
denn  in  dem  nun  folgenden  Kampfe  wird  er  von  Mädhava  getötet. 
Ich  habe  das  ganze  Stück  wiedergegeben,  weil  es  in  seinem  Ge- 
spenstergallimathias  aufs  trefflichste  das  Milieu  der  Yogins 
zeichnet. 

Ein  erfreulicheres  Bild  als  dieses  aber  gewährt  uns  der 
Zauberer  in  dem  Drama  Ratnävali,  der  zugleich  mit  seinen 
Gaukelkünsten  das  liebende  Paar  zusammenbringt.  Er  ist  von 
seiner  Macht  sehr  überzeugt,  denn  gleich  bei  seinem  Auftritt 
sagt  er  (Fritzes  Übersetzung,  p.  88): 

Sprich,  o  Herr,  was  soll  ich  zeigen? 
Willst  du,  daß  die  Berge  steigen 
In  die  Luft?  Daß  dunkle  Nacht 
Eintritt,  wenn  der  Mittag  lacht? 
Daß  der  Mond  vom  Himmelszelt 
Nieder  auf  die  Erde  fällt? 
Willst  du  sehn,  daß  Feuersglut 
Lodert  in  der  Wasserflut? 
Großer  König,  gib  Bescheid: 
Was  du  magst,  ich  bin  bereit. 

Nachdem  er  dann  vom  König  den  Befehl  erhalten  hat,  seine 
Kunst  zu  zeigen,  schwingt  er  seine  Pfauenfeder  und  sagt: 


—     59     — 

Du  sollst  die  großen  Götter  sehn, 
An  deren  Spitze  diese  drei: 
Samkara,  Visnu,  Brahma  stehn; 
Der  mächt'ge  Indra  kommt  herbei, 
Vidyädhara-  und  Siddhascharen, 
Die  tanzend  durch  die  Lüfte  fahren. 

[Alle  sehen  erstaunx  hin.] 
König   (in  die  Höhe  blickend  und  von  seinem  Sitze  herabsteigend): 

O  wunderbar! 
Vidüsaka:  Wahrhaftig  wunderbar! 

König: 

Sieh,  hiei"  ist  Brahma  in  dem  Lotus,  dort 

Gott  ^iva,  der  auf  seinem  Haupt  die  Sichel 

Des  Mondes  trägt,  und  hier,  o  Königin, 

Erblicken  wir  den  Daityatöter  Visnu, 

Der  Bogen,   Keule,  Schwert  und  Rad  in  seinen 

Vier  Armen  trägt;     auf  seinem  Elefanten 

Sitzt  Indra  hier;  dies  sind  die  andern  Götter; 

Dort  tanzen  —  hörst  du,  wie  dabei  die  Reifen 

Der  flinken  Füße  klingen?  —  in  der  Luft 

Die   Götterfrauen. 

Die  Gaukeleien  werden  nun  unterbrochen  und  der  Zauberer  entfernt 
sich  mit  der  Bemerkung,  der  König  müsse  noch  einen  Scherz  sehen.  Nach 
einer  Weile  erhebt  sich  dann  hinter  der  Szene  ein  Getümmel: 

Im  Frauenhaus  brach  plötzlich  Feuer  aus! 

In  Ängsten  sind  die  Weiber  durch  den  Brand; 

An  vielen  Stellen  bützt  es  flackernd  auf 

Und  schmückt  die  Dächer  wie  mit  goldnen  Hörnern; 

Es  geben  Zeugnis  von  der  schweren  Glut 

Die  welk  gewordnen  Gipfel  an  den  Bäumen, 

Die  dichtgedrängt  im  Parke  stehn.    Die  Massen 

Des  Rauches  stellen  einen  Lustberg  dar 

Von  dunkler  Farbe,  Regenwolken  gleich. 

Entstanden  ist  dies  Feuer,  glaube  ich, 

Die  Rede  wahrzumachen,  daß  voreinst 

Die  Kön'gin  in  Lavanaka  verbrannte. 
König   (erschrocken  aufstehend): 

Was  höre  ich?  Im  Frauenhause  Feuer? 

Verbrannt  die  Königin?  O  weh,  Geüebte! 
Väsavadattä: 

O  Hilfe!  Hilfe!  Rette,  mein  Gemahl! 
König: 

Wie  übersah  ich  nur  im  Überm.aß 

Des  Schreckens,  daß  die  Herrin  bei  mir  ist! 

So  sei  doch  rulüg,  Liebe,  sei  doch  ruhig! 


6o 


Väsavadattä: 

Ich  sprach  das  Wort  nicht  meinetwegen  aus; 
Ich  Unbarmherz'ge  schloß  Sägarikä 
Dort  ein;  sie  stirbt!  O  rette,  rette  sie! 

König: 

Sägarikä  kommt  um?  Dann  eile  ich. 

Vasubhüti: 

Und  warum  willst  du,  Herr,  es  ohne  Grund 
Der  Motte  gleichtun,  die  ins  Feuer  flattert? 

Bäbhravya: 

Sein  Rat  ist  gut. 

VidÜsaka   (den  König  am  Kleide  festhaltend): 
O  sei  nicht  unbesonnen! 

König   (sein   Kleid  an  sich  ziehend): 

Hinweg,  du  Tor!  Sägarikä  kommt  um! 
Was  liegt  mir  jetzt  an  meinem  Leben  noch! 

[Drückt  pantomimisch  die  Gewalt  des  Rauches  aus.] 
So  höre  auf,  o  Flamme,  höre  auf, 
Den  Rauch  in  solcher  Fülle  zu  entsenden! 
Weswegen  loderst  du  so  hoch  empor? 
Bedenke:  Mich  verbrannte  nicht  das  Feuer 
Der  Trennung  von  der  Liebsten;  wie  vermöchte 
Mir  deine  Glut  zu  schaden,  die  dem  Brand 
Beim  Weltenuntergange  ähnlich  ist! 

Väsavadattä: 

Mein  Gatte  hat's  gewagt,  weil  ich  ihn  bat, 
Ich  Unheilstifterin?   Dann  will  auch  ich 
Ihm  folgen. 

VidÜsaka   (umhergehend;  vor  ihr  befindlich): 
Und  ich  zeige  dir  den  Weg. 

Vasubhüti: 

Wie?  Drang  der  König  in  das  Feuer  schon? 
Dann  tu'  ich  recht  daran,  mich  aufzuopfern, 
Ich,  der  die  Königstochter  sterben  sah. 

Bäbhravya    (weinend): 

Warum  gefährdest  du,  o  großer  König, 
Das  Haus  der  Bharatiden  ohne  Grund? 
Allein,  was  hilft  das  Reden?   Ich  will  handeln, 
Wie's  angemessen  meiner  Liebe  ist. 
[Alle  begeben  sich  auf  das  Feuer  zu.] 
Sägarikä    (tritt   auf;   gefesselt): 

Auf  allen  Seiten  steigt  die  Glut  empor 

Und  wird  mein  Elend  heut  zu  Ende  bringen. 

König: 

Ganz  in  der  Nähe,  ha!  des  Feuers  ist 

Sägarikä;  drum  will  ich  eilig  hin. 


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—     6i      - 

Sägarikä   (den   König  sehend;   für  sich): 

Mein  Gatte?  Wie?  Nachdem  ich  ihn  erbhckte, 
Gewinn'  ich  wieder  Lebenshoffnung.    (Laut.)    Rette, 
Errette  mich,  o  Herr! 
König:  Sei  ohne  Furcht. 

Nur  einen  AugenbUck  ertrage  noch 
Den  dicken  Rauch.    O  weh,  da  brennt  dein  Kleid, 
Das  von  der  Brust  herabgefallen  ist! 
Was  schwankest  du  beständig?  Wie,  du  bist 
Gefesselt?  Schnell  entfern'  ich  dich  von  hier, 
Gehebteste.    O,  lehne  dich  auf  mich! 

[Er  umarmt  sie,  wobei  er  die  Augen   zudrückt  und  Freude 
über  die  Berührung  äußert.] 

Verschwunden  ist  in  einem  Augenblick 

Die  Glut  für  mich.    Nun  sei  getrost.  Gehebte; 

Und  wenn  es  auch  sich  an  dich  schmiegt,  das  Feuer 

Verbrennt  dich  sicher  nicht;  denn  deines  Leibes 

Berührung  kühlt  die  Glut. 

[Er  öffnet  die  Augen,  blickt  ringsumher  und  läßt  Sägarikä  los.] 

Wift  vmnderbar! 
Wo  blieb  das  Feuer?   Und  das  Frauenhaus 

Befindet  sich  in  seinem  alten  Zustand? 

Wie?  Schweift  mein  Sinn  im  Traume?  Oder  ist 

Dies  Zauberei? 

Vidüsaka: 

Ja,  zweifle  nicht  daran. 

Es  sagte  dieser  Zaubrer,  dieser  Sohn 

Von  einer  Sklavin,  daß  du  einen  Scherz 

Noch  sehen  müßtest,  Herr.    Du  sahst  ihn  jetzt. 

*  * 

* 

Für  die  Neuzeit  entnehmen  wir  dem  Werke  von  Oman 
(p.  54)  noch  einige  Wundererzählungen  von  Yogins.  So  wurde 
im  Dekkhan  ein  gewisser  Sardär  (chief),  der  offen  bekannte, 
nicht  an  Gespenster  zu  glauben,  von  einem  Sädhu  belehrt,  daß 
es  solche  in  Wirklichkeit  gäbe.  Der  Sardär  wünschte  eine  greif- 
bare Evidenz  für  den  Beweis  dieser  Behauptung,  und  so  erbot 
sich  der  Sädhu,  den  Skeptiker  durch  den  Augenschein  von  der 
Wahrheit  jenes  Wortes  unter  der  Bedingung  zu  überzeugen,  daß 
er  für  seine  Bemühungen  einhundert  Rupien  bekäme.  Das  An- 
erbieten wurde  angenommen  und  eine  einsame  Stelle  im  Jungle 
für  die  Vorführung  ausgesucht.  Hier  versammelten  sich  um 
Mittemacht  der  Sardär,  zwei  oder  drei  seiner  Freunde  und  der 
Sädhu  innerhalb  eines  Platzes,  der  von  einer  auf  dem  Erdboden 


—       62       — 

gezogenen  deutlichen  Linie  umschlossen  war.  Außerhalb  dieser 
Grenze  durfte  sich  niemand  bei  Todesgefahr  oder  emstlichster 
Schädigung  bewegen.  Als  sich  alle  gesetzt  hatten  und  ängstlich 
in  die  Finsternis  hinausspähten,  die  sie  umgab,  trug  der  Sädhu 
seine  Beschwörungsformeln  vor,  bis  in  einer  Entfernung  von 
einem  Flintenschuß  in  der  Dunkelheit  eine  Menge  phantastischer, 
kahlköpfiger  Kobolde  erschien,  die  mit  leuchtenden  Holz- 
stücken in  der  Hand  umherhüpften.  Nach  einer  kleinen  Weile 
verschwanden  diese  tanzenden  Gespenster  wieder. 

Selbst  nach  dieser  Vorführung  blieb  der  Sardär  aber  noch 
skeptisch  und  forderte  den  Sädhu  auf,  seine  Geister  noch  ein- 
mal erscheinen  zu  lassen.  Der  weise  Mann  entschuldigte  sich, 
wiederholte  aber  im  Hinblick  auf  das  versprochene  wertvolle 
goldene  Armband  seine  Schaustellung  in  der  nächsten  Nacht. 
Bei  diesem  zweiten  Male  waren  die  Kinder  der  Finsternis,  die 
da  erschienen,  Gespenstermädchen,  die  anstatt  der  leuchten- 
den Stöcke  leuchtende  charaghs  (Tonlampen)  in  der  Hand 
hielten.  Diese  schwangen  sie  in  der  Finsternis  umher,  aber  keine 
Verlockungen  waren  imstande,  sie  den  Zuschauern  innerhalb 
der  Zauberumkreisung  näher  als  einen  Flintenschuß  weit  zu 
bringen.  Durch  diese  zweite  Vorführung  wurde  dann  der 
Skeptizismus  des  Sardärs  vollständig  behoben. 

Ein  weiteres  Beispiel  davon,  was  man  sich  heutzutage  von 
den  Yogins  erzählt,  bringt  die  Civil  and  Military  Gazette, 
Labore,  23.  April  1895  (bei  Oman,  p.  56):  Eines  Tages  wurden 
die  orthodoxen  Hindus  von  Trevandrum  in  große  Aufregung  ver- 
setzt wegen  eines  Yogin  oder  Sarnnyäsin,  der  als  ein  auf  die  Erde 
herabgestiegener  Gott  angebetet  und  verehrt  worden  ist.  Nie- 
mand scheint  zu  wissen,  von  woher  dieser  Mann  gekommen  ist 
oder  zu  welcher  besonderen  Rasse  oder  Kaste  er  gehört  hat; 
man  hielt  ihn  aber  für  einen  Hindu.  Bei  seinem  Erscheinen  saß 
er  unter  einem  Banianenbaume  am  nördlichen  Ufer  des  Pad- 
matirtha-l'ank  und  blieb  dort  drei  Jahre  lang.  In  der  ersten 
Woche,  nachdem  er  seine  Baumwohnung  bezogen  hatte,  nahm 
er  wöchentlich  zwei-  oder  dreimal  etwas  Milch  oder  einen  Pisang 
zu  sich.  Dann  verlängerte  er  allmählich  die  Zwischenräume, 
bis  er  nach  drei  oder  vier  Monaten  überhaupt  keine  Nahrung 
mehr  zu  sich  nahm.   Er  sprach  zu  niemandem  und  brachte  seine 


«^  1 


-     63     - 

Zeit  hin,  indem  er  Tag  und  Nacht  drei  lange  Jahre  hindurch 
vor  einem  Feuer  hockte.  Er  sah  niemandem  ins  Gesicht;  er 
beachtete  keinen  Laut,  keine  Frage,  nichts.  Der  Mahäräjä  von 
Travancore  hielt  bei  einer  Gelegenheit  bei  dem  Sarnnyäsin  an 
und  sprach  ihn  an,  ohne  indessen  der  geringsten  Beachtung  teil- 
haftig zu  werden.  Der  Kälte  und  Hitze,  Hunger  und  Durst  aus- 
gesetzt, verbrachte  der  Sarnnyäsin,  ohne  einen  Bissen  Nahrung 
zu  sich  zu  nehmen,  seine  drei  Jahre  in  der  Versenkung  in  die 
Gottheit,  und  wiewohl  ihm  jeden  Morgen  und  Abend  Scharen 
nov  Menschen  ihre  Huldigung  darbrachten,  schien  er  doch  allen 
äußeren  Erscheinungen  gegenüber  blind  zu  sein.  Wenige  Tage 
danach  starb  er. 

Eines  Nachts  brach  im  Juni  1899  in  einem  Basar  zu  Am- 
ritsar  ein  gefährliches,  ausgedehntes  Feuer  aus,  welches  großen 
Verlust  an  Eigentum  und  auch  den  Tod  einiger  Menschen  ver- 
ursachte. Ein  Sädhu  war  in  diesem  Basar  von  Laden  zu  Laden 
gegangen,  um  Almosen  zu  erbetteln,  wobei  ihn  die  khatri-K3.ui- 
leute,  vom  Stolz  auf  ihren  Reichtum  aufgeblasen,  mit  harten 
Reden  zurückwiesen.  Einer  von  ihnen  sagte  zu  ihm:  ,,Du  bist 
großartig  genug  angezogen;  was  quälst  du  mich  also  noch  um 
einen  Dreier?"  —  Nun  war  der  Mönch  mit  einem  neuen  Laken 
bekleidet,  welches  ihm  eine  freigebige  Person,  höchstwahrschein- 
lich eine  Frau,  gütig  geschenkt  hatte.  Empört  über  die  Hohn- 
rede des  Kaufmanns,  nahm  er  das  Tuch  von  seiner  Schulter, 
verschaffte  sich  ein  wenig  Feuer,  verbrannte  das  anstößige  Laken 
bedächtig  auf  offener  Straße  zu  Asche  und  ging  dann  seiner 
Wege.  Kaum  war  der  Bettelmönch  von  dem  Schauplatz  seiner 
Taten  verschwunden,  als  Flammen  aus  dem  Laden  des  Kauf- 
manns schlugen,  der  ihn  beschimpft  hatte.  Sofort  dachte  sich 
der  ÄJÄ«/n- Kaufmann,  daß  dies  Unglück  die  Folge  des  Unwillens 
des  Mönches  sei,  und  schickte  hurtig  Boten  nach  allen  Rich- 
tungen aus,  um  den  beleidigten  Mann  ausfindig  zu  machen  und 
ihn  dann  womöglich  zu  versöhnen.  Aber  der  Heilige  war  nir- 
gends ausfindig  zu  machen;  und  so  brannte  der  Laden  des 
knickerigen  Kaufmanns  und  die  seiner  nächsten  Nachbarn  bis 
auf  den  Gnmd  nieder. 


-     64    - 

Ein  Sädhu  trat  eines  Tages  in  den  Laden  eines  pansäri 
(Drogisten),  um  von  ihm  das  Nötige  für  seine  geliebte  charas 
(Pfeife)  zu  bekommen,  wie  das  diese  Leute  zu  tun  pflegen.    ,,Ich 
brenne/'  meinte  der  Sädhu;  ,,sei  so  gut  und  gib  mir  ein  wenig 
charas,  um  meinen  gequälten  Leib  zu  kühlen."  —  Der  Laden- 
inhaber   versetzte    mürrisch:    „Geh    und    brenne    weiter!"    — 
„Nein,"  entgegnete  der  in  Wut  geratende  Sädhu,  ,,das  Feuer 
soll  dich  fassen!"  und  veriieß  den  Ort  im  Zorn.    Kaum  eine 
Minute  nach  seinem  Weggang  fand  der  Drogist  seinen  Laden 
in  Flammen,  und  da  er  überzeugt  war,  daß  der  Fluch  des  heiligen 
Mannes  dies  Unglück  verursacht  hatte,  machte  er  keinen  Ver- 
such, die  Flammen  zu  ersticken,  da  das  doch  vergeblich  ge- 
wesen wäre,  sondern  rannte  hurtig  hinter  dem  Heiligen  drein, 
um  seinen  Zorn  zu  beschwichtigen.    Er  fand  den  Gegenstand 
seines  Suchens  an  einem  belebten  Durchgang,  fiel  lang  zu  seinen 
Füßen  und  drang  in  ihn,  die  Flammen  zu  löschen,  die  er  ent- 
zündet  hatte.     Mit   dem   Versprechen,    niemals   wieder   einem 
demütigen  Sädhu  eine  Bitte  abschlagen  zu  wollen,  bat  der  un- 
glückliche pansäri  den  beleidigten   Bettelmönch  demütig  um 
Verzeihung  und  fügte  hinzu:  ,,Komm,  ich  will  dir  jetzt  charas 
geben."     Besänftigt    durch    die    Aufmerksamkeiten    des    Dro- 
gisten, sagte  der  Sädhu  zu  ihm:  ,, Dein  Laden  wird  niedergebrannt 
sein ;  das  ist  jetzt  nicht  mehr  zu  ändern ;  aber  da  du  dich  vor  mir 
gedemütigt  hast  und  wegen  deiner  unfreundlichen  Behandlung 
eines  armen  Sädhu  betrübt  bist,  so  gehe  deines  Weges  mit  der 
tröstlichen  Versicherung,  daß  das  Feuer  zu  deinem  Vorteil  aus- 
schlagen wird."    Von  aller  Angst  durch  diese  gnädigen  Worte 
befreit,  auf  die  er  unbedingtes  Vertrauen  setzte,  ging  der  Drogist 
nach  seinem  Laden  zurück  und  wartete  zufriedenen  Herzens, 
bis  das  Feuer  sein  Zerstörungswerk  vollbracht  hätte,  wiewohl 
er  sich  nur  schwer  vorstellen  konnte,  von  woher  sein  in  Aussicht 
gestellter  Gewinn  kommen  sollte,  als  der  Laden  mit  seinem  In- 
halt in  den  Flammen  verschwand.    Indessen  ward  das  Rätsel 
bald  gelöst.    Als  er  das  Wenige  nachsah,  was  von  seiner  Habe 
übrig  gebheben  war,  entdeckte  er  zu  seiner  großen  Freude  eme 
Masse  heißes  und  vollständig  geschmolzenes  Silber.   Es  ist  nicht 
schwer  zu  erklären,  wie  das  dahin  kam.  Der  Drogist  hatte  wahr- 
scheinlich eine  beträchthche  Menge  von  Schlaglot  in  seinem 


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-    65     - 

Lager.  Während  der  starken  Hitze  beim  Brande  war  dies  mit 
irgend  einer  Droge  oder  einer  Kombination  von  Drogen,  die 
ebenfalls  dort  lagerten,  eine  Verbindung  eingegangen,  mit  dem 
erfreulichen  Resultate,  daß  sich  das  gemeine  Schlaglot  in  feines 
Silber  verwandelte. 

Aber^)  so  eine  Verwünschung  seitens  eines  beleidigten 
Heiligen  verursacht  nicht  nur  geringfügige  und  zeitweiHge, 
sondern  auch  weitgehende,  dauernde  Schädigungen.  Für  die- 
jenigen, welche  an  dergleichen  Dinge  glauben,  ist  es  ein  Gegen- 
stand allgemeiner  Kenntnis,  daß  der  knappe  Wasservorrat  in 
einer  gewissen  Stadt  in  Upper  India  (Umballah?)  die  Wirkung 
der  Verfluchung  seitens  eines  wandernden  Fakirs  ist.  Er  war 
von  Haus  zu  Haus  gegangen,  um  einen  Tropfen  Wasser  zu  er- 
bitten, aber  niemand  hatte  seine  bescheidene  Bitte  erhört.  Einer 
sagte  zu  seiner  Entschuldigung,  er  habe  nur  ein  ganz  wenig 
Wasser  zu  seinem  eigenen  Gebrauche.  Der  Fakir,  welcher  er- 
kannte, daß  diese  Behauptung  durchaus  unwahr  war,  wurde 
ärgerlich  und  stieß  unmittelbar  die  Verwünschung  aus,  die  Leute 
sollten  hinfort  in  den  Brunnen  ihrer  Stadt  wenig  Wasser  haben. 

* 

Aber  die  wandernden  Sädhus  wissen  auch  zu  segnen.  Als 
im  Jahre  1898  die  Beulenpest  im  Distrikt  Jullundar  im  Punjab 
auftrat  und  die  Vorbeugungsmaßregeln  der  Sanitätsbehörden 
noch  mehr  als  die  grimmige  Seuche  selbst  eine  große  Erregung 
und  Angst  unter  dem  Volke  erregten,  kam  ein  Mönch  von  der 
Sekte  der  Yogins  nach  Amritsar  und  schlug  seine  Lagerstätte 
außerhalb  der  Stadt  neben  einem  großen  Tank  auf.  Er  ließ 
durch  seine  Begleiter  zu  wissen  tun,  daß  der  Zweck  seines  Besuchs 
wäre,  die  schreckliche  Pestilenz  abzuwenden;  und  zu  diesem 
Ende  forderte  er  die  Frommen  und  Wohltäter  auf,  ihm  die  Mittel 
zur  Ausführung  der  verdienstlichsten  aller  Handlungen,  der 
Speisung  der  Armen,  zu  gewähren.  Die  Pest  brach  dieses  Jahr 
in  Amritsar  nicht  aus;  nur  ein  zweifelhafter  und  in  der  Folge 
für  nichtssagend  erklärter  Fall  wurde  der  Behörde  gemeldet. 


1)  Oman,  p.  57. 

Schmidt,  Fakire  und  Fakirtum. 


~     66     — 

Die  Verwandlung  von  Metallen  ist  einer  jener  mysteriösen 
Vorgänge,  die  noch  heute  den  Geist  des  Orientalen  bezaubern. 
Oman  gibt  (p.  58 ff.)  den  Bericht  eines  gelehrten  Hindu  wieder, 
der  ihm  —  durchaus  im  guten  Glauben  —  die  folgenden  Er- 
fahrungen eines  seiner  vertrauten  Freunde,  eines  Sädhu  und 
Alchymisten,  schilderte:  Dieser  Freund  war  als  junger  Mann 
sehr  dahinter  her  gewesen,  ein  Sädhu  zu  werden,  und  hatte  sich 
an  einen  Vairägin  angeschlossen,  der  von  den  Einöden  des 
Himälaya  jenseits  Hurdwar  und  Rikhikesh  gekommen  war. 
Der  Sädhu  schien  ein  sehr  heiliger  Mann  zu  sein,  und  der  Jüng- 
ling wartete  ihm  unverdrossen  auf.  Schließlich  nahm  der  Sädhu 
insofern  Notiz  von  ihm,  als  er  ihm  ein  Stück  Silber  einhändigte 
und  ihm  zugleich  den  Auftrag  erteilte,  den  Barren  zu  verkaufen 
und  dafür  alles  zu  erstehen,  was  zu  ihrer  Nahrung  nötig  war. 
Von  Zeit  zu  Zeit  betraute  er  den  Burschen  in  dieser  Weise  mit 
Stücken  ungemünzten  Silbers,  indem  er  ihn  aufforderte,  ihm 
außer  den  eingehandelten  Nahrungsmitteln  einige  Kupfermünzen 
zurückzubringen.  Es  fehlte  niemals  an  dem  gewöhnlichen  Silber- 
vorrat, und  schließlich  wuchs  des  Burschen  Neugier  so  sehr,  daß 
er  es  wagte,  den  Meister  zu  fragen,  woher  der  Schatz  käme.  Der 
Sädhu,  also  befragt,  lächelte  und  sagte:  ,,Es  gibt  nur  einen  Mann 
in  Hindustan,  der  mir  überlegen  ist.  Ich  bin  ein  Rajah,  aber  er 
ist  in  der  Tat  ein  Maharajah.  Ich  kann  Silber  aus  Kupfer  her- 
stellen; aber  er  kann  Silber  in  Gold  verwandeln." 

Der  Bursche  war  ganz  erpicht  darauf,  diese  wertvolle  Kunst 
mit  ihren  gleißenden  Aussichten  auf  künftige  Annehmlichkeiten 
zu  erlernen,  aber  sein  Eifer  wurde  von  dem  Meister  gedämpft, 
der  ihm  sagte,  er  wäre  moralisch  noch  nicht  geeignet,  in  ein  sa 
großes  Geheimnis  eingeweiht  zu  werden,  welches  tatsächlich  so 
reich  an  Mißgeschick  sei,  wenn  es  einem  unwürdigen  Manne  an- 
vertraut würde,  daß  es  besser  wäre,  es  ginge  ganz  verloren,  als 
daß  es  so  einem  enthüllt  würde. 

Des  Jünglings  demütige  und  eifrige  Aufwartung  gegenüber 
dem  Sädhu  ließ  nicht  nach;  aber  da  er  niemals  die  Erlaubnis 
bekommen  hatte,  in  der  Wohnung  des  Meisters  oder  in  deren 
Nähe  zu  schlafen  —  offenbar  weil  zur  Zeit  der  Dunkelheit  die 
Verwandlungen  stattfanden  — ,  so  hatte  er  in  der  Stadt  für  sich 
selbst  zu  sorgen;  und  in  einer  unsehgen  Nacht  beging  er,  von 


-    6;     - 

den  Hurenreizen  einer  liederlichen  Frau  in  Versuchung  geführt, 
einen  sehr  schweren  Fehltritt.  Als  er  sich  am  nächsten  Morgen 
vor  dem  Sädhu  zeigte,  wurde  ihm  sofort  der  strenge  Befehl,  sich 
zu  entfernen.  Es  war  nutzlos,  bei  dem  allwissenden  Sädhu 
irgendwie  eine  Vertuschung  zu  versuchen,  und  so  bat  der  Jüng- 
ling inständig  um  Vergebung.  Aber  der  Sädhu  verstieß  seinen 
unwürdigen  Schüler  und  legte  Feuer  an  die  kleine  Hütte,  die 
ihm  zeitweise  Obdach  gewährt  hatte  und  alle  seine  weltliche 
Habe  enthielt.  Mit  der  gewaltigen  chimpta  (Feuerzange)  in  der 
Hand,  die  an  den  Kanten  geschärft  worden  war,  so  daß  sie  als 
eine  furchtbare  Waffe  dienen  konnte,  zog  der  Alchymist  hinweg 
nach  der  Stätte  des  ewigen  Schnees.  Der  Schüler  versuchte,  ihm 
eine  Weile  zu  folgen,  aber  der  Vairägin  bedrohte  ihn,  sich  um- 
blickend, mit  seiner  scharfgeschliffenen  Feuerzange,  so  daß  es 
der  gefallene  Jüngling  für  geraten  hielt,  seine  Schritte  rückwärts 
zu  lenken,  mehr  denn  je  heimgesucht  von  dem  unbefriedigten 
Sehnen,  das  große  Geheimnis  zu  erfahren,  wie  man  Silber  aus 

minderwertigem  Metall  herstellen  müsse. 

* 

Ein  Schriftgelehrter  der  Sekte  der  Sikhs  erzählte  Oman 
(p.  60)  eine  gleich  fruchtlose  Erfahrung,  die  er  mit  einem  Gold- 
macher, einem  Nirmäli  Sädhu,  machte.  Dieser  schloß  mit  dem 
Sikh  Freundschaft  und  zog  ihn  ins  Vertrauen.  Zuerst  verheim- 
lichte er  sorgfältig  die  Tatsache,  daß  er  mit  der  geheimen  Kunst, 
Metalle  zu  verwandeln,  bekannt  sei;  dann  aber  verriet  er  es  ihm 
unter  dem  Siegel  der  Verschwiegenheit.  Ungeachtet  seiner  Kennt- 
nis der  Heiligen  Schrift  und  seines  halb  priesterlichen  Amtes 
wurde  der  Grantht  heftig  erregt  bei  der  Entdeckung,  daß  sein 
neuer  Freund  ein  mächtiger  Alchymist  sei,  und  er  fühlte  die 
Bande  zwischen  ihnen  erstarken.  Der  Metallzauberer  schien 
recht  gut  zu  leben,  borgte  aber  gelegentlich  Geld,  wobei  er  sich 
besonders  gern  an  den  Granthi  zu  wenden  pflegte;  denn  er  trug 
kein  Bedenken,  sich  zeitweise  seinem  höchst  vertrauensseligen 
Freunde  zu  verpflichten;  und  das  war  natürlich  ganz  recht:  er 
war  ein  Goldmacher  und  würde  sein  einträgliches  Geschäft, 
sobald  seine  Vorbereitungen  beendigt  waren,  wieder  aufnehmen, 
ja,  noch  mehr,  dem  Granthi  die  Geheimnisse  seiner  rätselhaften 
Kunst  beibringen.    Eines  Tages  zeigte  der  Sädhu  dem  Granthi 


—     68     — 

ein  gewöhnliches  bronzenes  Doppel- Pi^c^-Stück,  einen  Halb- 
Anna,  und  tat  es  in  seiner  Gegenwart  zusammen  mit  verschie- 
denen Blättern  und  Wurzeln,  die  er  gesammelt  hatte,  in  einen 
kleinen  Schmelzofen.  Nach  einer  Stunde  ungefähr  holte  er  aus 
seinem  Schmelztiegel  ein  goldenes  Ebenbild  des  Doppel- Pic^ 
hervor.  Der  Granthl  bat,  um  von  seinem,  wenn  auch  noch  so 
teuren  Freunde  nicht  hineingelegt  zu  werden,  um  die  Erlaubnis, 
es  von  einem  Goldschmiede  prüfen  zu  lassen.  Er  erhielt  die  Er- 
laubnis und  machte  Gebrauch  davon  mit  dem  Ergebnis,  daß  es 
die  Kenner  im  Basar  für  Gold  von  reinster  Beschaffenheit  er- 
klärten. Der  Granthl  war  nun  lüstern  danach,  das  wichtige  Ge- 
heimnis des  Goldmachens  zu  erfahren,  und  zahlreich  waren  die 
Rupien,  die  er  willig  dem  Sädhu  in  der  Hoffnung  lieh,  daß  er 
ihn  als  Schüler  aufnehmen  würde.  Aber  der  heilige  Mann  der 
Wissenschaft  brach  plötzlich  und  unerwartet  sein  Lager  ab. 

,,Ach,"  sagte  der  Granthl,  nachdem  er  diese  Geschehnisse 
Oman  erzählt  hatte,  ,,ich  habe  mehr  den  sechzig  Rupien  durch 
diesen  Betrüger  verloren.  Ich  habe  seitdem  ersehen,  wie  er  mich 
zum  Narren  gehabt  hat;  aber  niemals  seit  jenen  Tagen  hat  ein 
Nirmäll  Sädhu  auch  nur  so  viel  wie  einen  Wassertropfen  groß 
aus  meiner  Hand  bekommen!" 

Vor  einigen  dreißig  Jahren  oder  da  herum,  fährt  Oman 
(p.  6i)  fort,  wußte  Kalkutta  viel  von  einem  gewissen  Hassan 
Khan  zu  erzählen,  der  in  dem  Rufe  stand,  ein  großer  Wunder- 
täter zu  sein,  wiewohl  nur  in  einer  bestimmten  Richtung;  und 
seine  Geschichte  mag  hier  passenderweise  berichtet  werden,  da 
dieser  Muhammedaner  die  besonderen  und  sehr  bemerkenswerten 
ihm  zugeschriebenen  Kräfte  sich  durch  die  Gunst  und  den  ersten 
Unterricht  seitens  eines  Hindu-5ä^Äw  angeeignet  hatte.  (Oman 
weist  ausdrücklich  darauf  hin,  daß  mehrere  europäische  Freunde 
von  ihm  persönlich  mit  Hassan  Khan  bekannt  waren  und  seine 
Vorstellungen  in  ihrem  eigenen  Hause  bezeugten.  Er  hat  also 
die  Einzelheiten,  die  er  berichtet,  unmittelbar  von  diesen 
Männern  und  nicht  erst  aus  indischen  Quellen.) 

Hassan  Khan  war  kein  Zauberer  von  Beruf,  ja  nicht  ein- 
mal ein  Künstler,  aber  er  ließ  sich  gelegentlich  überreden,  seine 
absonderlichen  Kräfte  vor  einem  kleinen  Kreise  vorzuführen, 


-     69    - 

und  zwar  ohne  jede  Entschädigung  in  Geld.  So  z.  B.  pflegte  er 
eine  beliebige  in  einer  solchen  Sitzung  anwesende  Person  auf- 
zufordern, irgend  eine  Sorte  Wein  zu  verlangen  und,  sobald  die 
bestimmte  Sorte  genannt  war,  jene  zu  bitten,  ihre  Hand  unter 
den  Tisch  oder  auch  hinter  die  Tür  zu  halten,  und  siehe,  eine 
Flasche  von  dem  gewünschten  Weine,  mit  der  Etikette  einer 
wohlbekannten  Firma  in  Kalkutta,  wurde  in  die  ausgestreckte 
Hand  gesteckt. 

In  ähnlicher  Weise  pflegte  er  Nahrungsmittel,  z.  B.  Biskuits 
oder  Kakes,  auch  Zigarren,  ausreichend  für  die  versammelte 
Gesellschaft,  hervorzuzaubern.  Bei  einer  gewissen  Gelegenheit 
schien  der  Vorrat  an  Eßwaren  erschöpft  zu  sein.  Einige  An- 
wesende, die  um  den  Tisch  herumsaßen,  erhoben  ein  Gelächter 
gegen  Hassan  Khan  und  forderten  ihn  spöttisch  auf,  eine 
Flasche  Champagner  zu  besorgen.  Sehr  erregt  und  böse  stotternd 
—  er  hatte  immer  einen  Sprachfehler  — ,  ging  Hassan  Khan 
nach  der  Veranda  und  befahl  mit  ärgerlicher  Stimme  einem  un- 
sichtbaren Diener,  sogleich  den  Champagner  zu  bringen.  Er 
mußte  seinen  Befehl  zwei-  oder  dreimal  wiederholen,  dann  kam 
die  verlangte  Flasche  durch  die  Luft  geflogen.  Sie  traf  den 
Zauberer  mit  Wucht  gegen  die  Brust,  fiel  auf  die  Erde  und  brach 
in  tausend  Stücke.  ,,Da,"  sagte  Hassan  Khan  sehr  erregt,  ,,ich 
habe  meine  Macht  gezeigt,  aber  durch  meine  Aufdringlichkeit 
meinen  Djinn  (dienstbaren  Geist)  beleidigt." 

Einer  der  europäischen  Freunde  von  Oman  reiste  ganz 
zufällig  mit  Hassan  Khan  zusammen  in  ein  und  demselben 
Eisenbahnwagen,  und  da  er  mit  ihm  einigermaßen  bekannt 
war,  ersuchte  er  ihn,  etwas  zu  trinken  herbeizuzaubern.  ,, Stecke 
deine  Hand  aus  dem  Fenster,"  sagte  der  Muslim,  während  der 
Zug  dahinfuhr.  Seine  Bitte  ward  erfüllt  und  eine  Flasche  aus- 
gezeichneten Weines,  die  in  die  ausgestreckte  Hand  gesteckt 
wurde,  belohnte  diese  leichte  Bemühung. 

Ein  anderer  seiner  Freunde,  der  ganz  besonders  darauf  aus 
war,  zu  erfahren,  wie  Hassan  Khan  diese  merkwürdigen  Taten 
ausführte,  nahm  ein  besonderes  Interesse  an  ihm  und  suchte, 
diesen  wichtigen  Zweck  vor  Augen,  seine  Gesellschaft.  Als  er 
einstmals  mit  ihm  im  Basar  hinfuhr,  äußerte  der  Hexenmeister 
den  Wunsch,  am  Laden  eines  Geldwechslers  auszusteigen.    Der 


—     70    — 

Wagen  hielt,  und  Hassan  Khan,  von  seinem  Gefährten  begleitet, 
fragte  den  Geldwechsler,  ob  er  einige  Sovereigns  hätte.  Als  ihm 
eine  bejahende  Antwort  gegeben  wurde,  bat  er,  sie  möchten 
gebracht  werden;  und  als  sie  aus  dem  großen  Geldkasten  des 
Wechslers  herbeigeschafft  worden  waren,  ließ  Hassan  Khan, 
nachdem  er  nach  dem  Preise  gefragt  hatte,  zu  dem  sie  gehandelt 
wurden  —  denn  in  jenen  Tagen  war  ihr  Wert  noch  nicht  durch 
Gesetz  festgelegt  — ,  die  Goldmünzen  gedankenvoll  durch  seine 
Finger  gleiten,  mit  dem  Bemerken,  er  wollte  morgen  wieder  an- 
fragen, falls  er  nicht  anderswo  ein  besseres  Geschäft  machen 
könnte.  Am  folgenden  Morgen  kam  er  nach  dem  Laden,  wie 
zuvor  von  dem  Freunde  Omans  begleitet  —  aber  bloß,  um  zu 
erfahren,  daß  die  Sovereigns,  die  er  tags  zuvor  gesehen  und  in 
den  Händen  gehabt  hatte,  alle  auf  geheimnisvolle  Weise  ver- 
schwunden seien,  nachdem  sie  wieder  in  den  starken  Geldkasten 
getan  worden  waren.  Hassan  Khan  stellte  sich,  als  glaubte  er 
die  Geschichte  nicht;  aber  bei  dieser  Gelegenheit  warf  er  schlau 
einen  so  bezeichnenden  Blick  auf  seinen  Begleiter,  daß  dieser 
sich  klugerweise  entschloß,  sich  niemals  wieder  in  so  verdäch- 
tiger Gesellschaft  sehen  zu  lassen. 

Und  doch  war  dieser  Vorfall  nur  ein  verschärfter  Antrieb 
für  Herrn  ...  's  Neugier,  und  er  quälte  Hassan  Khan  unaufhör- 
lich mit  Fragen,  bis  er  von  ihm  die  folgende  Geschichte  zu  hören 
bekam  (,,for  the  sake  of  which,"  sagt  Oman  p.  62,  ,,more  than 
anything  eise,  I  have  set  forth  in  this  narrative  particulars 
which,  if  correctly  reported,  are  seemingly  quite  incredible,  and 
possibly  not  explicable  by  even  the  cleverest  legerdemainists. 
However,  not  having  witnessed  the  Muslim's  stränge  Perfor- 
mances myself,  and  not  being  a  wizard,  I  leave  the  matter 
without  further  comment,  to  pass  on  to  the  story  of  how  Hassan 
Khan  acquired  the  wondrous  powers  with  which  he  was  cre- 
dited"):  ,,Als  ich  noch  ein  Junge  war,"  sagte  dieser  merk- 
würdige Mann,  ,,kam  eines  Tages  in  mein  Heimatsdorf  ein  hagerer 
Sädhu  mit  geflochtenem  Haar  und  von  durchaus  abstoßendem 
Anblick.  Die  Kinder  umringten  ihn  und  spotteten  über  ihn, 
ich  aber  tadelte  ihre  Roheit  mit  den  Worten,  sie  sollten  einen 
heiligen  Mann  achten,  und  wenn  er  auch  ein  Hindu  wäre.  Der 
Sädhu  beobachtete  mich  genau,  und  später  trafen  wir  uns  häufig, 


—     71     — 

denn  er  nahm  für  eine  kurze  Zeit  seinen  Aufenthalt  in  dem  Dorfe. 
Ich  für  meinen  Teil  schien  zu  dem  sonderbaren  Manne  hin- 
gezogen zu  werden  und  besuchte  ihn  so  oft  ich  konnte.  Eines 
Tages  bot  er  mir  an,  mir  eine  wichtige  geheime  Kraft  zu  über- 
tragen, falls  ich  seine  Anweisungen  gläubig  und  unbedingt  be- 
folgen würde.  Ich  versprach  alles  zu  tun,  was  auch  immer  ver- 
langt werden  sollte,  und  begann  unter  der  Leitung  des  Sädhu 
ein  System  von  Selbstzucht  mit  Fasten,  was  viele  Tage,  vielleicht 
vierzig,  dauerte.  Mein  Lehrer  unterwies  mich,  viele  mystische 
Formeln  und  Beschwörungen  herzusagen,  und  nachdem  er  mir 
ein  sehr  strenges  Fasten  auferlegt  hatte,  befahl  er  mir,  in  eine 
dunkle  Höhle  am  Abhang  eines  Hügels  zu  gehen  und  ihm  zu 
erzählen,  was  ich  dort  gesehen  hätte.  Mit  heftigem  Zittern  ge- 
horchte ich  seinem  Geheiß  und  kehrte  mit  der  Meldung  zurück, 
der  einzige  in  dem  Düster  für  mich  sichtbare  Gegenstand  sei 
ein  ungeheueres  flammendes  Auge  gewesen.  ,Es  ist  gut,'  war 
des  Sädhu  Bemerkung,  ,der  Erfolg  ist  nicht  ausgeblieben.'  Und 
ich  wunderte  mich,  was  für  eine  Macht  ich  erlangt  hätte.  Der 
Sädhu  wies  auf  einige  Steine,  die  da  herumlagen,  und  hieß  mich 
auf  jeden  einzelnen  ein  bestimmtes  mystisches  Zeichen  machen. 
Ich  tat  es.  ,Nun  gehe  nach  Hause,'  sagte  mein  Mentor,  ,schließe 
die  Tür  deines  Zimmers  und  befiehl  deinem  Hausgeiste,  dir 
diese  Steine  zu  bringen.'  Ich  entfernte  mich  in  einem  Zustande 
nervöser  Erregtheit,  und  indem  ich  mich  in  mein  Zimmer  ein- 
schloß, befahl  ich  dem  unsichtbaren  Djinn,  mir  sogleich  jene 
Steine  zu  bringen.  Kaum  hatte  ich  meinen  Auf  trag  ausgesprochen, 
als  zu  meiner  Verwunderung  und  zu  meinem  geheimen  Schrecken 
die  Steine  zu  meinen  Füßen  lagen.  Ich  kehrte  zurück  und  er- 
zählte dem  Sädhu  von  meinem  Erfolge.  ,Nun',  sagte  er,  ,hast 
du  eine  Macht,  die  du  über  jeden  Gegenstand  ausüben  kannst, 
an  dem  du  das  mystische  Zeichen,  das  ich  dich  gelehrt  habe, 
anbringen  kannst.  Aber  gebrauche  deine  Macht  mit  Bescheiden- 
heit; denn  meine  Gabe  ist  durch  die  Tatsache  ausgezeichnet, 
daß  du  —  du  magst  tun,  was  du  willst  —  die  durch  deinen  Haus- 
geist besorgten  Dinge,  was  sie  auch  immer  sein  mögen,  nicht 
aufsammeln  kannst,  sondern  sie  bald  aus  der  Hand  geben 
mußt.'  Und  diese  Worte  des  Sädhu  haben  sich  in  meinem  Leben 
bewahrheitet;  seine  Gabe  ist  kein  ungemischter  Segen  gewesen, 


—      72       — 

denn  mein  Djinn  nimmt  meine  Macht  übel  und  hat  oft  versucht, 
mir  ein  Leid  anzutun,  aber  glückUcherweise  ist  seine  Zeit  noch 
nicht  gekommen." 

Die  Geschichte  von  Hassan  Khan  beweist  deuthch  (Oman, 
p.  64),  in  wie  hohem  Ansehen  die  geheimen  Kräfte  der  Sädhus 
auch  bei  den  Muselmännern  stehen,  indem  ein  Anhänger  des 
Islam  freiwillig  anerkennen  konnte,  daß  seine  eigene  bemerkens- 
werte Geschicklichkeit  im  Wundertun  auf  ihn  durch  einen  Hindu- 
Bettelmönch  übertragen  worden  sei. 

Aber  für  gewöhnlich  lieben  es  die  indischen  Muhammedaner, 
wie  es  sich  für  die  Glieder  einer  einst  dominierenden  Rasse  ge- 
ziemt, selbst  auf  diesem  Gebiete  die  Oberhoheit  zu  beanspruchen. 
Ein  Muselmann,  der  mit  Oman  über  diesen  Punkt  sprach,  gab 
zu,  daß  die  Hindu-S ädhus  infolge  ihrer  Kasteiungen  und  be- 
sonderen Praktiken  eine  wunderbare  Meisterschaft  über  die 
Naturkräfte  erlangen.  ,,Aber",  sagte  er,  ,,sie  sind  niemals  im- 
stande, in  Gottes  Nähe  zu  treten,  es  sei  denn  mit  Hilfe  eines 
Fakirs."  Leute,  die  mit  solchen  Dingen  wohlvertraut  waren, 
hatten  ihm  gesagt,  daß  einstmals  ein  durch  die  Lüfte  fliegender 
Sädhu  an  dem  Dufte,  der  die  Atmosphäre  erfüllte,  die  Nähe  eines 
großen  Fakirs  erkannte.  Er  hemmte  seinen  Flug  und  stieg  auf 
die  Erde  herab,  war  aber  nicht  imstande,  sich  dem  Muslim- 
Heiligen  zu  nähern,  um  den  herum,  wiewohl  unsichtbar,  die 
Glorie  des  Allmächtigen  ausgebreitet  war.  Der  Sädhu  wandte 
sich  an  den  Fakir,  daß  er  gern  mit  ihm  zusammen  sein  möchte, 
daß  er  aber  nicht  über  die  Schwelle  des  haithak  (Salons)  hinüber 
könnte,  wo  die  Besucher  empfangen  würden;  denn  er  merkte, 
daß  Gott  selbst  anwesend  war.  ,,Komm!"  sagte  der  Fakir  zu- 
versichtlich; und  unter  seinem  Schutze  war  es  dem  Sädhu  mög- 
lich, sich  zu  nähern.  Als  die  beiden  Asketen  zusammentrafen, 
erkannte  der  Muslim  in  seinem  Besucher  einen  würdigen,  ver- 
wandten Geist  und  ließ  ihn  aus  freien  Stücken  an  der  Gnade 
Gottes  teilnehmen,  die  der  Sädhu  mit  allen  seinen  Bußübungen 
und  Zeremonien  nicht  hatte  erlangen  können. 

Es  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  die  Sädhus  unserer 
Tage  mit  ihren  Wundertaten  recht  zurückhaltend  geworden 
sind:  Wunder  wollen  eben  schon  lange  nicht  mehr  zum  Zeit- 


—     73     — 

geiste  passen!  So  begnügen  sich  denn  diese  Heiligen,  etwa  als 
geheimnisvolle  Ärzte  zu  wirken,  indem  sie  den  Kranken  Drogen 
und  Kräuter  verordnen,  deren  Heilkraft  sie  auf  ihren  Wande- 
rungen oder  aus  dem  Munde  ihres  Lehrers  kennen  gelernt  haben ; 
und  gewiß  muß  manche  gelungene  Kur  den  Sädhus  zugeschrieben 
werden.  Natürlich  umgeben  sie  ihre  Kenntnis  mit  einem  Myste- 
rium und  hüten  ihre  therapeutischen  Geheimnisse  eifersüchtig 
vor  dem  profanum  vulgus.  Bisweilen  besteht  ihre  Tätigkeit 
allerdings  auch  in  der  Behebung  von  Leiden  und  Schwäche- 
zuständen, die  die  Anwendung  von  Liebestränken,  sowie  die 
Ausführung  von  Zaubersegen  erheischen,  von  denen  man  meint, 
daß  sie  ein  kaltes,  leidenschaftsloses  Herz  rühren  können. 

Erich  von  Schönberg  erzählt  im  Patmakhanda  I, 
p.  107  ff.:  ,, Finden  wir  noch  heute  im  19.  Jahrhundert  in  allen 
größeren  Städten  Europas,  selbst  in  denen,  die  für  Hauptsitze 
der  Kultur  und  geistigen  Bildung  gelten,  Propheten,  Karten- 
schlägerinnen,  medizinische  Scharlatans  und  Wundermänner 
aller  Art,  die  von  der  Unwissenheit  und  Leichtgläubigkeit  des 
Publikums  leben,  so  darf  es  uns  nicht  befremden,  im  Oriente 
ähnlichen  Erscheinungen  zu  begegnen,  die  jedoch  dort  bei 
weitem  nicht  so  häufig  vorkommen  wie  bei  uns.  In  Indien 
sind  es  die  Fakirs,  die  sich  mit  diesen  Erwerbszweigen  vorzugs- 
weise beschäftigen.  So  kam  in  Nahn  ein  Fakir  zu  mir,  der  sich 
für  einen  Astronomen  in  Benares  ausgab,  und  mir  versicherte, 
sagen  zu  können,  was  ich  eben  jetzt  denke  und  mir  vornehme. 
Er  wünschte,  ich  möchte  einen  Versuch  mit  der  Sache  machen, 
um  mich  von  der  hohen  Kunst  der  Fakire  zu  überzeugen.  Ich 
schrieb  meine  Gedanken  nieder,  der  Fakir  bezeichnete  das  Papier 
mit  einem  Kreuze  und  mit  Buchstaben  und  gab  dann  mit 
vielem  Geschicke  eine  Erklärung  von  Krieg,  Heiraten  und 
dergleichen.  Ich  gab  darauf  meinem  Munschi  das  Papier,  um 
dem  Fakir  den  Inhalt  desselben  vorzulesen,  der  von  seinen 
Worten  durchaus  verschieden  war.  Der  Fakir  suchte  sich  da- 
mit zu  entschuldigen,  daß  von  Pferden,  worauf  sich  meine  Ge- 
danken und  Wünsche  bezogen  hatten,  im  Saster  nichts  ge- 
schrieben stände.  Ebenso  mißglückte  ihm  ein  anderes  Kunst- 
stück, indem  er  den  Inhalt  eines  Kästchens  angeben  wollte, 
ohne   hineingesehen   zu   haben.     Ein   anderer   Fakir,    der  sich 


—     74     — 

gleichfalls  als  einen  Schüler  von  Benares  mir  vorstellte,  sich 
aber  wahrscheinlich  von  seinem  Kollegen  hatte  belehren  lassen, 
und  mit  andern  Künsten  als  jener  auftrat,  übergab  mir  ein 
Mittel  gegen  das  Fieber  nebst  einer  kleinen  Wurzel,  die  gegen 
Schlangenbiß  helfen  sollte,  und  die  er,  im  Falle  der  Anwendung, 
mit  reichlichem  Pfeffer  einzunehmen  riet." 

Das  Erstaunlichste,  was  man  den  Yogins  von  jeher  nach- 
gerühmt hat,  und  trotz  aller  Warnungen,  Experimente  und  Ent- 
larvungen noch  heute  in  mystischen  Kreisen  geglaubt  wird,  ist 
ihre  angebliche  Fähigkeit,  sich  als  Scheintote  begraben  zu  lassen 
und  —  oft  nach  recht  langer  Zeit  —  in  das  Leben  zurückzu- 
kehren. Es  muß  dagegen  Einspruch  erhoben  werden,  wenn 
Spiritisten  und  Theosophen  so  tun,  als  wäre  derlei  in  Indien 
ein  alltägliches  Geschehnis.  Die  Zeugnisse  dafür,  d.  h.  die  ein- 
wandfrei gut  bezeugten,  sind  recht  knapp.  Aus  Thevenots 
Reisebeschreibung  (III,  131  der  Ausgabe  Frankfurt  a.  M.  1693) 
wissen  wir  von  Yogins,  ,,die  in  ihrem  gantzen  Leben  viel  Monat 
die  Arme  Creutzweiß  hinter  den  Kopff  halten,  oder  sich  biß 
auf  eine  gewisse  Zeit  in  Gruben  verscharren".  Das  ist 
wohl  das  älteste  Zeugnis,  aus  der  Mitte  des  17.  Jahrhunderts!! 
Im  übrigen  konzentrieren  sich  alle  Berichte  aus  neuerer  Zeit 
um  den  in  eminenter  Weise  beanlagten  Haridäs,  von  dem  gleich 
die  Rede  sein  soll.  Jedenfalls  aber  ist  es  angesichts  der  Kritik- 
losigkeit der  Mystiker  usw.  ein  nicht  hoch  genug  zu  bewertendes 
Verdienst  von  Kuhn  und  Garbe,  die  Frage  eingehend  und  ganz 
ohne  mit  der  Stange  im  spiritistischen  Nebel  herumzufahren, 
geprüft  zu  haben.  Kuhn  tat  es  in  einem  überaus  wichtigen 
Beitrag,  der  in  Garbes  Monographie  über  Sämkhya  und  Yoga 
(im  Grundriß  der  indo-arischen  Philologie  III,  4)  p.  47  ab- 
gedruckt ist;  Garbe  selbst  hat  dann  den  Gegenstand  in  seinem 
Aufsatz:  ,,Über  den  willkürlichen  Scheintod  indischer  Fakirs" 
(Beiträge  zur  indischen  Kulturgeschichte,  Berlin  1903,  p.  199  ff.) 
im  Zusammenhange  behandelt  und  ist  dabei  ebenso  wie  Kuhn 
und  alle  nüchternen  Beurteilei'  zu  dem  selbstverständlichen  Er- 
gebnis gelangt,  daß,  wenn  sich  wirklich  das  eine  oder  das  andere 
Mal  ein  Fakir  hat  scheintot  begraben  lassen,  dabei  nichts  Über- 
natürliches im  Spiele  ist.    Daß  ein  besonders  gut  trainierter 


—     7S     — 

Fakir  die  Lebenstätigkeit  aussetzen  kann,  ist  für  den  schon  ge- 
nannten Haridäs  durch  die  Zeugnisse  ganz  unverdächtiger  hoher 
Beamter  und  Offiziere  der  indischen  Regierung  sicher  bezeugt. 
Aber  wir  wissen  jetzt  auch,  daß  jenes  Kunststück,  ,, human 
hibernation",  wie  Braid  den  Vorgang  genannt  hat,  daß  der 
,, Winterschlaf  des  Menschen"  durch  eine  bestimmte  mechanische 
Einwirkung  auf  die  Herznerven  nachgemacht  werden  kann: 
Kuhn  verweist  hierzu  auf  Ziemßens  Handbuch  der  speziellen 
Pathologie  und  Therapie  VI  ^,  275 f.,  wo  es  heißt:  ,,Das  Kunst- 
stück der  indischen  Hexenmeister,  die  Herzkonzentration  wül- 
kürlich  zu  verlangsamen,  ist  jetzt  gelöst,  nachdem  Donders  ge- 
zeigt hat,  daß  er  durch  willkürliche  Konzentrationen  der  vom 
Accessorius  versorgten  Halsmuskeln  das  Herz  zum  Stillstand 
bringen  kann,  indem  mit  der  Reizung  jener  Muskeläste  des 
Nerven    auch   gleichzeitig   seine    Herzäste    angeregt    werden." 

Die  vier  von  Braid  zusammengestellten  Fälle,  die  zwischen 
1828  und  1837  beobachtet  worden  sind,  betreffen  aller  Wahr- 
scheinlichkeit nach  den  aus  der  Gegend  von  Karnäl  stammenden 
Yogin  Haridäs,  dem  es  infolge  seiner  durch  mühsames  Trainieren 
aufs  höchste  gesteigerten  Veranlagung  gelang,  seine  Lebens- 
tätigkeit bis  auf  40  Tage  auszusetzen  und  sich  so  lange  in 
die  Erde  begraben  zu  lassen.  Niemand  kann  es  diesem 
Sterbekünstler  verargen,  wenn  er  sich  auf  seinen  Wanderungen 
durch  Räjputänä  und  Lahor  nur  gegen  Kasse  vergraben  ließ; 
es  ist  schließlich  —  dies  Zugeständnis  sei  den  Mystikern 
usw.  gemacht  —  nichts  Geringes,  40  Tage  den  Toten  zu 
markieren ! 

Was  nachher  von  indischen  Eingeborenen  über  den  Schein- 
tod von  Yogins  berichtet  und  von  europäischen  Autoren  über- 
nommen worden  ist,  muß  ganz  aus  der  Diskussion  ausscheiden: 
es  ,,hat  für  denjenigen,  der  die  Unglaubwürdigkeit  der  heutigen 
Inder  kennt,  keinen  Wert"  (Garbe,  Beiträge  p.  211,  Anm.)- 
Ich  bekenne  hier,  nach  N.  C.  Pauls  Treatise  on  the  Yoga  Philo- 
sophy  eifrigst  gefahndet  zu  haben  und  über  die  Hoffnungslosig- 
keit dieser  Bemühungen  sehr  ärgerlich  gewesen  zu  sein.  Nach- 
dem ich  aber  in  Erfahrung  gebracht  hatte,  daß  jener  N.  C.  Paul 
ein  in  maiorem  gloriam  anglisierter  Eingeborner  namens 
Navina  Candra  Päla  sei,  habe  ich  die  Lücke  in  meiner  Bücherei 


^     76     - 

verschmerzen  lernen^).  —  Über  neuere  Berichte  von  Yogins, 
die  sich  lebendig  begraben  Heßen,  urteilt  Kuhn  1.  c.  47  sehr 
hart  ab:  A.  J.  Ceyps  Aufsatz:  ,,Das  Experiment  des  Schein- 
tods bei  den  Fakiren"  (Sphinx  XIV,  p.  232  ff.)  nennt  er  ein 
,, freches  Plagiat",  indem  er  aus  Honigberger  abgeschrieben  hat; 
und  Jacolliot,  ,, leider  eine  Hauptautorität  unserer  Mystiker", 
bezeichnet  er  als  ,, überhaupt  nicht  ernst  zu  nehmend"  und 
als   ,, notorischen  Schwindler". 

Inwieweit  bei  der  Katalepsie  der  Yogins  etwa  narkotische 
Mittel  in  Betracht  kommen,  ist  noch  nicht  entschieden.  Jeden- 
falls ist  es  eine  alte  Vermutung,  die  Yogins  möchten  sich  zur 
Erleichterung  ihrer  Paradeleistung  eines  Hanfpräparates  be- 
dienen-). Der  Genuß  des  Bhang,  wofür  es  im  Sanskrit  eine  ganze 
Reihe  hochtrabender,  überschwänglicher  Ausdrücke  gibt,  ist  in 
der  alten  indischen  Literatur  so  gut  bezeugt  wie  in  neueren  und 
neuesten  Reise-  und  anderen  Werken.  Gleichzeitiger  Gebrauch 
von  Datura  und  Bilsenkraut  ist  gleichfalls  gut  bezeugt. 

Auf  alle  Fälle  ist  es  dringend  nötig,  sich  bezüglich  des 
Scheintodes  der  Yogins  des  Horazischen  Sprüchleins  vom  nil 
admirari  zu  erinnern  und  sich  mystischen  Hokuspokus  vom  Halse 
zu  halten. 

Es  mögen  jetzt  die  Berichte  folgen,  die  sich  mit  Haridäs 
und  seinen  verschiedenen  Begräbnissen  beschäftigen.  Dabei 
soll  Honigberger,  wie  billig,  den  Vortritt  haben,  da  seine  Er- 
zählung (Früchte  aus  dem  Morgenlande,  Wien  1851,  p.  137) 
zwar  nicht  auf  Autopsie  beruht,  sondern  dem  General  Ventura 
nachgeschrieben  ist,  aber  doch  wohl  die  älteste  deutsche  QueUe 

1)  Um  Lebens  und  Sterbens  willen  möchte  ich  hier  ein  persönliches  Er- 
gebnis mit  indischen  Eingeborenen  zu  ihrer  Charakterisierung  festnageln.  Mit 
der  Herausgabe  eines  Sanskritwerkes  beschäftigt,  hätte  ich  gern  ein  Manuskript 
benutzt,  das  sich  in  Indien  in  Privatbesitz  befindet.  Mr.  F.  W.  Thomas  vom 
India  Office  war,  wie  immer,  mit  seiner  liebenswürdigen  Unterstützung  bei  der 
Hand,  so  daß  ich  in  verhältnismäßig  recht  kurzer  Zeit  den  offiziellen  Bescheid 
auf  mein  Gesuch  zu  lesen  bekam.  Da  sah  ich  denn  die  echt  orientaüsche  An- 
maßung! Der  Eigentümer  —  sein  Name  verdient,  verewigt  zu  werden  —  Ganesh 
Vasudev  Nirantar,  Nasik,  verlangte  für  die  Erlaubnis,  daß  sein  Manu- 
skript kopiert  würde,  die  Kleinigkeit  von  Rs.  1000  (=  1400  M.),  Ab- 
schreibegebühren und   15  Freiexemplare!!      Nur   die  Lumpe  sind  bescheiden. 

2)  Kuhn  verweist  auf  Voyages  de  Jean  Ovington,  faits  ä  Surate.  Trad. 
de  l'Anglois.    T.  II.    (Paris  1725),  S.  76. 


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—     77     — 

ist;    Schönbergs    Patmakhanda   erschien    1852,    Braids   Obser- 
vations  on  trance  or  human  hybemation  1850. 

,,Rendschit-Sing  hatte  von  einem  Saat  oder  Fakir  gehört, 
welcher  sich  im  Gebirge  aufhielt,  und  von  dem  die  Sage  ging, 
daß  er  sich  im  scheintoten  Zustande  förmlich  könne  begraben 
lassen,  ohne  daß  er  deshalb  dem  wirklichen  Tode  verfiele,  in- 
dem er  die  Kunst  verstand,  nach  Verlauf  von  mehreren  Monaten 
wieder  zum  Leben  gebracht  zu  werden,  wenn  man  ihn  ausgrübe. 
Dem  Maharadscha  schien  die  Sache  eine  reine  Unmöglichkeit. 
Um  sich  nun  darüber  auf  die  eine  oder  die  andere  Art  volle  Über- 
zeugung zu  verschaffen,  ließ  er  den  Fakir  nach  Hofe  berufen, 
und  veranlaßte  ihn  unter  Androhung,  daß  man  es  an  keinerlei  Art 
von  Vorsichtsmaßregeln  gegen  einen  allfälligen  Betrug  werde  er- 
mangeln lassen,  sich  dem  seltsamen  Experimente  zu  unterziehen. 
Infolgedessen  führte  der  Fakir  seinen  Scheintod  herbei. 

Als  offenbar  jeder  Lebensfunke  aus  ihm  entwichen  schien, 
wurde  er  in  Gegenwart  des  Maharadscha  und  sämmtlicher  ihn 
umgebenden  Großen  in  die  Leinwand,  worauf  er  gesessen  hatte, 
eingewickelt,  das  Siegel  Rendschit-Sings  daraufgedrückt  und  der 
scheinbar  Tote  in  eine  Kiste  gethan,  an  welche  Rendschit-Sing 
eigenhändig  ein  starkes  Vorlegeschloß  gehängt  hatte.  Hierauf 
wurde  die  Kiste  außerhalb  der  Stadt  in  einem  Garten  des 
Ministers  vergraben,  über  den  Ort  Gerste  gesäet,  ringsherum 
eine  Mauer  aufgeführt  und  Wachen  hingestellt.  Am  40sten  Tage, 
der  zur  Ausgrabung  bestimmten  Zeit,  fanden  sich  nebst  dem 
Derbar,  wozu  auch  der  General  Ventura  gehörte,  noch  einige 
Engländer  aus  der  Nachbarschaft  ein,  unter  andern  auch  ein 
Doktor  der  Arzneikunde.  Als  man  die  Kiste  mit  dem  Fakir  aus- 
grub und  dieselbe  öffnete,  fand  man  ihn  in  demselben  Zustande, 
in  dem  man  ihn  gelassen  hatte,  kalt  und  starr.  Ein  Freund 
sagte  mir,  wenn  ich  nur  selbst  hätte  sehen  können,  mit  welcher 
Mühe  man  ihn  durch  Anwendung  der  Hitze  auf  den  Kopf,  durch 
Luft  einblasen  in  die  Ohren  und  den  Mund,  durch  Reibungen  des 
Körpers  usw.  zum  Leben  zurückbrachte,  so  würde  ich  gewiß 
nicht  den  geringsten  Zweifel  an  der  Möglichkeit  der  Sache  hegen. 
Der  Minister  Radscha  Dhyan-Sing  versicherte  mich,  daß  er 
diesen  Fakir,  der  sich  Haridas  nenne,  in  Dschemu  im  Gebirge 
4  Monate  hindurch  unter  der  Erde  gehabt  habe.    Am  Tage  des 


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Vergrabens  habe  er  ihm  den  Bart  abscheren  lassen,  und  bei  der 
Ausgrabung  sei  ihm  das  Kinn  eben  so  glatt  gewesen,  wie  am 
Tage  des  Vergrabens,  ein  Beweis  seines  Mittelzustandes  zwischen 
Leben  und  Tod.  Auch  in  Dschesrota  im  Gebirge,  wie  auch 
in  Amritsir,  hatte  er  sich  vergraben  lassen,  so  auch  bei  den 
Engländern  in  Hindostan,  und  es  heißt  im  Kalkutta- Journal  der 
Medizin  von  1835,  wo  die  ausführliche  Beschreibung  davon  zu 
finden  ist,  daß  der  Fakir  das  Aufhängen  der  Kiste  in  die  Luft  der 
Vergrabung  derselben  vorgezogen  habe,  weil  er  in  der  Erde  die 
Ants  oder  weißen  Ameisen  scheuete.  Da  er  aber  ein  eigensinniger 
Mensch  war,  der  vermuthlich  aus  Mißtrauen  in  das  wiederholte 
Begehren  der  Engländer  nicht  hatte  femer  eingehen  wollen, 
so  zweifeln  Manche  an  der  Wirklichkeit  der  hier  erzählten  That- 
sachen.  Wäre  diese  Vergrabung  etwas  Leichtes  oder  wohl  gar 
nur  ein  Betrug  gewesen,  so  würden  die  Leute,  die  er  mit  sich 
hatte,  und  die  ihn  durch  Behandlung  nach  seiner  Anweisung 
ins  Leben  zurückriefen,  ihn  jetzt  nachahmen  können.  Das  ist 
nun  aber  nicht  der  Fall.  Es  scheint  somit,  daß  er  zu  seiner  Zeit 
der  Einzige  gewesen  ist,  der  diese  Kunst  verstanden  hat,  die 
wahrscheinlich  mit  ihm  erloschen  sein  dürfte.  Denn  ich  habe 
mir  gewiß  alle  mögliche  Mühe  gegeben,  sowohl  in  der  Ebene 
Indiens  im  Pendschab  als  auch  an  den  Ufern  des  Ganges,  im 
Gebirge  und  im  Thale  von  Kaschmir  einen  solchen  Künstler  zu 
finden,  um  ihn,  w^enn  auch  nicht  nach  Europa,  doch  wenigstens 
bis  nach  Kalkutta  zu  führen,  mög'  es  kosten,  was  es  wolle ;  habe 
aber  weder  einen  solchen  gefunden,  noch  überhaupt  von  einem 
jetzt  lebenden  gehört.  Mehrere  von  den  Hindus,  bei  denen  ich 
nachfragte,  meinten,  deiß  derlei  Fakire  keinen  Werth  auf  das  Geld 
legten.  Desto  mehr  Werth  legen  sie  aber  auf  andere  irdische  Ge- 
nüsse, war  meine  Antwort.  Sie  hörten  es  aber  nicht  gerne,  wenn 
ich  sagte,  daß  der  Saat  (Fakir),  der  in  Labore  sein  Semat  (Be- 
gräbnis) zum  Besten  gegeben  habe,  ein  ausschweifender  Mensch 
gewesen  sei,  und  daß  mehrere  Klagen  gegen  ihn  eingebracht 
worden  wären,  aus  welchem  Grunde  Rendschit  -  Sing  bereits 
sich  vorgenommen  hätte,  ihn  des  Landes  zu  verweisen.  Dem 
sei  er  aber  dadurch  zuvorgekommen,  daß  er  mit  einer  Katrani 
(Frau  von  einer  Hindukaste)  ins  Gebirge  entwich,  wo  er  bald 
darauf   in    allem    Ernste    starb    und    nach    Landessitte    ver- 


—     79     — 

brannt  wurde.  Dieser  Umstand  von  seiner  Flucht  mit  einer 
jungen  Frau  möge  denen,  die  daran  zweifeln,  daß  er  einen  Bart 
gehabt  habe,  als  Beweis  dienen,  daß  er  weder  ein  Hämling 
noch  ein  Zwitter  war. 

Daß  es  nicht  jedem  Menschen  gegeben  ist,  dieses  Kunst- 
stück nachzuahmen,  und  daß  es  nur  durch  eine  anhaltende  viel- 
jährige Übung  erlernt  werden  kann,  daran  ist  kein  Zweifel.  Wie 
ich  mir  habe  sagen  lassen,  so  haben  solche  Leute  das  Bändchen 
unter  der  Zunge  zerschnitten  und  ganz  abgelöst,  w^obei  sie  ver- 
mittelst Einreibung  mit  Butter,  welche  mit  Bertramwurzel  ver- 
mischt ist,  und  mit  Ziehen  an  der  Zunge  dieselbe  so  lange  hervor- 
ragend bekommen,  daß  sie  bei  ihren  Experimenten  des  Schein- 
todes sie  sehr  weit  zurücklegen  können,  um  damit  die  Öffnung 
der  Nasenhöhlen  im  Rachen  zu  bedecken,  und  die  Luft  im  Kopfe 
eingesperrt  zu  halten.  Man  vergleiche  im  Dictionnaire  Encyclope- 
dique  usuel  den  Artikel  Engastrimythe;  wo  der  Mechanismus  der 
Bauchrednerei  beschrieben  ist,  und  wo  es  heißt :  Apres  avoir  in- 
troduit  une  grande  quantite  d'air  dans  la  poitrine  par  voie  d'in- 
spiration,  il  faut  contracter  fortement  le  voile  du  palais,  afin  de 
l'elever,  de  maniere  ä  boucher  entierement  l'orifice  posterieur  des 
fosses  nasales.  On  contracte  encore  la  base  de  la  langue,  le  pha- 
rynx,  le  larynx,  les  piliers,  les  amygdales  et  toutes  les  parties 
qui  forment  le  gosier  etc.  etc. 

Bei  den  Experimenten  der  Erstickung  für  den  Scheintod, 
sagt  man,  halten  sich  die  Anfänger  die  Augen,  wie  auch  die 
Nasen-  und  Ohrenlöcher  mit  den  Fingern  beider  Hände  fest 
zugedrückt,  weil  die  natürliche  Hitze  die  im  Kopfe  eingesperrte 
Luft  so  gewaltsam  herauszutreiben  sucht,  daß  die  Theile,  welche 
an  den  Druck  der  Expansion  noch  nicht  gewöhnt  sind,  öfters 
zerplatzen,  am  meisten  die  Augen  und  das  Trommelfell.  Zur 
Übung  in  dieser  Kunst  soll  gehören:  i.  ein  langes  Ansichhalten 
des  Atems;  2.  das  Hinabschlingen  eines  schmalen  Leinwand- 
streifens,  womit  der  Magen  ausgeputzt  wird,  und  3.  das  Aufziehen 
einer  beliebigen  Menge  Wassers  durch  den  After,  womit  die  Ge- 
därme gereinigt  werden.  Dieses  Aufziehen  geschieht  mittelst 
eines  unten  angebrachten  Röhrchens,  während  man  sich  bis 
unter  die  Arme  ins  Wasser  setzt,  die  aufgezogene  Flüssigkeit 
aber  gleich  wieder  herauslaufen  läßt. 


—     8o     — 

Man  erzählt,  daß  der  Fakir,  von  dem  die  Rede  ist,  einige 
Tage  vor  der  Vergrabungsszene  ein  Purgiermittel  eingenommen 
und  darauf  mehrere  Tage  hindurch  eine  spärhche  Milchdiät  ge- 
braucht habe.  Am  Tage  der  Vergrabung  selbst  soll  er  statt  dem 
Essen  einen  drei  Finger  breiten  und  über  30  Ellen  langen  Streifen 
Leinwand  allmählich  hinunter  geschlungen,  ihn  aber  auch  also- 
gleich wieder  herausgezogen  haben,  um  den  Magen  zu  reinigen, 
worauf  er  sich  auch  die  Gedärme  auf  die  oben  beschriebene  Art 
mit  Wasser  ausspülte.  So  wunderbar  und  vielleicht  auch  lächer- 
lich so  manchem,  wie  mir  selbst,  diese  Operationen  scheinen,  so 
müssen  doch  solche  Leute,  wenn  es  sich  wirklich  also  damit  ver- 
hält, wie  man  erzählt,  vollkommen  Herr  über  die  verschiedenen 
Organe  ihres  Körpers  sein  und  vorzüglich  die  Muskelkräfte,  so- 
wie auch  die  Kontraktionen  derselben  in  ihrer  Gewalt  haben. 
Wir  gewöhnliche  Menschen  könnten  wohl  kaum  ein  längeres 
Stück  Makaroni  hinunterwürgen,  wenn  es  nicht  genugsam  ge- 
kocht und  mit  Butter,  Käse,  Salz,  Senf  usw.  schlingbar  zu- 
bereitet ist.  Vermuthlich  haben  derartige  Künstler  bei  ihrer 
langen  Zunge  das  Organ  des  Geschmackes  verloren  und  die 
Halsmuskelkräfte  dergestalt  gelähmt,  daß  der  lange  Leinwand- 
streifen gar  keinen  Widerstand  im  Halse  findet,  weil  denn  alles 
nach  Willkür  geht.  Sind  die  gedachten  Zubereitungen  ge- 
schehen, so  verstopft  er  sich  alle  Körperöffnungen,  die  oberen 
und  unteren,  die  vorderen  und  hinteren,  mit  aromatischen 
Wachsstöpseln,  legt  die  Zunge  nach  oben  umgeschlagen  tief  in 
den  Rachen  zurück,  kreuzt  die  Hände  über  die  Brust  und  er- 
stickt sich  in  Gegenwart  eines  großen  Zuschauerkreises  durch 
Atemanhalten.  Bei  der  Wiederbelebung  ist  es  eine  der  ersten 
Operationen,  ihm  die  Zunge  aus  dem  Hinterteile  des  Rachens 
vermittelst  eines  Fingers  hervorzuziehen,  worauf  ein  warmer 
gewürzhafter  Teig  aus  Hülsenfrüchtenmehl  auf  seinen  Kopf 
gelegt  und  ihm  in  die  Lungen  und  in  die  von  den  Wachsstöpseln 
befreiten  Ohrgänge  Luft  eingeblasen  wird,  worauf  die  Stöpsel 
aus  der  Nase  mit  Geräusch  herausgetrieben  werden.  Dies  soll 
das  erste  Zeichen  der  Rückkehr  zum  Leben  sein.  Hierauf  fängt 
er  allmählich  an  zu  athmen,  öffnet  die  Augen  und  kommt  zum 
Bewußtsein;  was  jedoch  alles  nur  nach  und  nach  durch  un- 
ausgesetztes Reiben  geschehen  soll.  In  wie  ferne  eine  solche  Be- 


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i- 
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—     8i     — 

handlungsart  bei  anderen  asphyktischen  Zuständen,  z.  B.  bei 
Erstickten,  Ertrunkenen,  Erhängten,  Erfrorenen  usw.  nützlich 
sein  kann,  steht  zu  versuchen.  Man  erzählt,  daß  in  Amritsar  zur 
Zeit  des  Guru  Ardschen-Sing,  beiläufig  vor  250  Jahren,  ein 
Dschoghi-Fakir  sitzend  unter  der  Erde  vergraben  gefunden 
worden  sei,  nebst  einer  Anweisung,  wie  man  ihn  wieder  ins  Leben 
bringen  könne.  Dieser  Fakir  soll  gegen  ein  Jahrhundert  unter 
der  Erde  zugebracht  und,  als  er  dem  Leben  wiedergeschenkt 
war,  vieles  aus  der  alten  Zeit  erzählt  haben.  Ob  dieses  letztere 
wahr  sei,  will  ich  nicht  verbürgen,  glaube  jedoch,  daß  derjenige, 
der  vier  Monate  unter  der  Erde  zu  bleiben  vermag,  ohne  eine 
Beute  der  Verwesung  zu  werden,  auch  wohl  ein  Jahr  in  dieser 
Lage  aushalten  könne,  und  —  dies  zugegeben  —  selbst  über  diese 
Zeit,  ja  vielleicht  sogar  Jahrhunderte. 

So  paradox,  um  nicht  zu  sagen  halb  wahnwitzig,  alles  dieses 
auch  klingen  mag,  und  so  sehr  ich  auch  überzeugt  bin,  daß  viele, 
die  sich  sehr  weise  dünken  mögen,  das  Vorhergehende  mit- 
leidig belächeln  werden,  so  kann  ich  doch  nicht  umhin,  hier  offen 
das  Geständniß  abzulegen,  daß  ich  sämmtliche  von  mir  erzählte 
Thatsachen,  die  als  solche  durch  fast  unzweifelhafte  Beweise 
constatirt  erscheinen,  nicht  unbedingt  verwerfen  kann;  denn 
abgesehen  von  dem,  was  Haller  ebenso  schön  als  wahr  sagt: 

Ins  Innre  der  Natur  dringt  kein  erschaff ner  Geist. 

Zu  glücklich,  wenn  sie  nur  die  äußre  Schale  weist, 
finden  wir  den  festgewurzelten  Glauben  an  derlei  abnorme  Er- 
scheinungen schon  in  so  manchen  Sagen  des  grauesten  Alter- 
thums.  Wer  erinnert  sich  hier  nicht  unwillkürlich  an  den  kre- 
tischen Epimenides,  der  nach  40 jährigem  Schlafe  aus  einer 
Höhle  in  eine  ganz  veränderte  Welt  wieder  eintrat?  Wem 
fallen  hier  nicht  die  allbekannten  heiligen  sieben  Schläfer  ein, 
welche  nach  einer  vatikanischen  Handschrift  zur  Zeit  des 
Kaisers  Decius  sich  in  eine  Grotte  bei  Ephesus  verborgen 
haben  sollen,  um  der  Christen  Verfolgung  zu  entgehen,  imd  die 
erst  155  Jahre  hernach  unter  der  Regierung  des  Kaisers  Theo- 
dosius  IL  wieder  erwachten?  Liefert  uns  nicht  auch  das  Thier- 
reich  ähnliche  Beispiele  ?  Wurden  nicht  bekanntermaßen  in  Fels- 
gestein Thiere  gefunden,  u.  a.  Kröten,  die  nach  einer  mäßigen 
Berechnung  vielleicht   drei  bis  vier   Jahrtausende   oder   noch 

Schmidt,  Fakire  und  Fakirtunn.  6 


—       82       — 

länger  in  diesem  Grabe  mochten  geschlummert  haben,  und  den- 
noch bei  ihrer  Befreiung  aus  demselben  wieder  zum  Leben  er- 
wachten? Ich  glaube  kaum,  daß  es  für  Kenner  der  Naturge- 
schichte nöthig  sein  dürfte,  an  jene  Thier  gattungen  zu  erinnern, 
welche  die  strenge  Winterzeit  in  einem  t  ödes  ähnlichen  Schlafe 
zubringen,   ohne  doch  dem  wirklichen  Tode  zu  verfallen." 

ErichvonSchönberg  gibt  Patmakhanda  I,  269 folgenden 
Bericht  über  den  freiwilligen  Todesschlaf  eines  Fakirs  (und  zwar 
desselben,  von  dem  Honigberger  spricht) :  Der  General  Ventura, 
einer  derjenigen  französischen  Herren,  welche  unter  Runjit- 
Singh  im  Pen j  ab  Anstellung  gefunden,  war  bei  dem  so  oft  im 
Pen j ab  erwähnten  Todesschlafe  eines  Fakirs,  sowohl  was  die 
Begrabung  des  Fakirs  als  das  Wiederzusichkommen  desselben 
betrifft,  zugegen  gewesen,  ein  Vorfall,  der,  wenn  er  auch  schon 
einzeln  Veröffentlichung  gefunden,  gleichwohl  seiner  Merk- 
würdigkeit wegen  mir  nicht  zu  oft  wiederholt  zu  sein  scheint, 
wenn  ich  denselben  hier  nochmals  Platz  finden  lasse,  da  bei  der 
Außergewöhnlichkeit  des  Ereignisses,  gegen  dessen  Glaub- 
würdigkeit wohl  so  mancher  Zv/eifel  sich  erhoben  haben  dürfte, 
eine  Wiederholung  dieser  Erzählung  erwünscht  sein  möchte.  Ich 
gebe  die  Erzählung,  ohne  für  die  Data  selbst  einzustehen,  da, 
wie  daraus  hervorgeht,  ich  nicht  selbst  Augenzeuge  war,  wört- 
lich, wie  sie  mir  aus  dem  Munde  des  Generals  Ventura  zuging, 
auf  dessen  Aussage  hin  der  erste  Erzähler  dieses  Vorfalls,  Dr. 
Honigberger,  diesen  Fall  veröffentlichte,  nur  wenige,  mir  hier 
unwesentlich  scheinende  Einzelheiten  übergehend.  Die  Erzäh- 
lung lautet  wie  folgt: 

Es  war  in  Amritsar,  als  ein  Hindostaner,  ein  Fakir,  etwa 
40  Jahre  alt,  bei  Runjit-Singh  im  Derbar  sich  einfand  und  er- 
klärte, daß  er  sich,  auf  Wunsch,  begraben  lassen  wolle  und  nach 
40  Tagen  bei  der  Öffnung  des  Grabes  in  das  Leben  zurückkehren 
werde.  Runjit-Singh  nahm  den  Vorschlag  an  und  Heß  zwischen 
seinem  Gartenhause  und  dem  Fort  von  Amritser,  auf  einer 
freien  Ebene,  ein  Haus  erbauen,  mit  nur  einem  Tore  als  Eingang, 
das  vorzüglich  fest  gebaut  war.  Der  festgesetzte  Tag  erschien, 
der  Fakir  stellte  sich  ein  und  bat,  daß  man  ihn  bei  seinem  be- 
absichtigten  Todesschlafe,    sowie    bei   seinem   Erwachen   von 


o 

CO 


-     83     - 

seinem  Diener  behandeln  lassen  möge,  da  dieser  von  ihm  in 
der  nötigen  Behandlungs weise  unterrichtet  worden  sei.  Die  Ge- 
währung dieser  Bitte  wurde  ihm  zugesagt.  Der  Fakir  hatte  eine 
Vorbereitung  von  2ü  Tagen  nötig  gehabt,  um  sich  zu  dem  Todes- 
schlafe fähig  zu  machen,  und  während  dieser  Zeit  hatte  Runjit 
ihn  stets  beobachten  lassen.  Er  hatte  in  diesen  20  Tagen  nur 
Milch  genossen  und  angeblich  so  viele  Abführungsmittel  zu  sich 
genommen,  daß  nichts  in  seinen  Eingeweiden  zurückgebheben 
sei.  Als  er  im  offenen  Derbar  erschien,  um  sein  Vorhaben  zu 
beginnen,  waren  alle  die  ersten  Sirdars  des  Hofes  zugegen,  welche 
sämthch  mit  gleichem  Interesse  das  wunderbare  Vorkommnis 
zu  sehen  wünschten.  Der  Fakir  schritt  zur  Ausführung,  indem 
alle  Öffnungen  des  Körpers,  an  Ohren,  Nase  u.  dgl.,  mit  Wachs 
geschlossen  wurden,  von  dem  Munde  wußte  General  Ventura  sich 
nichts  zu  erinnern,  und  begann  darauf  seinen  Atem  nach  innen  zu 
ziehen.  Nachdem  er  dies  mehr  als  einmal  wiederholt,  fiel  er  um 
und  lag  nun  mit  geschlossenen  Augen  wie  ein  Toter  da.  Alle  Symp- 
tome eines  Verstorbenen  zeigten  sich  an  ihm,  nur  auf  der  Mitte 
des  Kopfes  war  er  brennend  heiß  anzufühlen,  und  das  Blut  schien 
so  heftig  daselbst  zu  schlagen,  daß  es  der  aufgelegten  Hand  gleich- 
sam widerstand,   und  gleichwohl  war  der  übrige  Körper  kalt. 

Man  legte  den  Fakir  darauf  in  den  Sarg,  befestigte  den 
Deckel  darauf  und  brachte  den  Sarg  in  ein  zu  diesem  Zwecke 
in  der  Mitte  des  erwähnten  Hauses  bereitetes  Grab.  Auf  den 
Sarg  wurden  Bretter  gelegt,  das  Grab  mit  Erde  zugeschüttet, 
die  Erde  gleichgemacht  und  Weizen  und  Reis  auf  das  Grab  ge- 
sät. Darauf  wurde  die  Tür  des  Hauses  verschlossen  mit  zwei 
Schlössern,  von  welchen  der  eine  Schlüssel  dem  Großschatz- 
meister, der  andere  dem  General  Ventura  übergeben  wurde. 
Von  Zeit  zu  Zeit,  d.  h.  von  8  zu  14  Tagen,  wurde  der  Zustand 
des  Grabes  in  Runjits  Gegenwart  untersucht,  der  durchaus  keine 
Annäherung  an  das  Grab  erlaubte,  da  er  in  Dingen,  wo  er  hinter- 
gangen zu  werden  fürchtete,  äußerst  scharf  und  vorsichtig  war. 
An  dem  Gebäude  wie  an  dem  Grabe  zeigte  sich  nicht  die  geringste 
Veränderung,  alles  war  unberührt  geblieben. 

Der  vierzigste  Tag  erschien,  man  öffnete  das  Grab  und  den 
Sarg  und  fand  den  Fakir  ganz  so,  wie  er  hineingelegt  worden 
war,  nur  etwas  gelber  vielleicht.    Der  Diener  desselben  begann 

6* 


-     84     - 

nun  seine  Behandlung;  er  buk  ein  zwei  Finger  dickes  Rutibrot 
nach  der  Landessitte  und  legte  es  dem  Fakir  brennend  heiß  auf 
den  Scheitel  des  Kopfes,  der  noch  dieselbe  Wärme  zeigte,  wie 
am  Tage  des  Begrabens.  Hierauf  begann  der  Diener  den  Fakir 
zu  reiben  an  allen  Gliedern,  darauf  öffnete  er  die  verstopft  ge- 
wesenen Öffnungen  des  Körpers.  Der  Fakir  schlug  die  Augen 
auf,  jedoch,  wie  es  schien,  ohne  seiner  Besinnung  mächtig  zu 
sein.  Man  bereitete  nun  ein  heißes  Bad,  währenddem  war  der 
Fakir  so  weit  wieder  zur  Besinnung  gekommen,  daß  er  sich  auf- 
richtete. Runjit  verließ  nun  den  Schauplatz  der  wunderbaren 
Begebenheit  und  am  Abend  erschien  der  Fakir  im  Derbar,  voll- 
kommen in  demselben  Ansehen,  wie  er  zuerst  sich  hier  vorgestellt 
hatte.  Der  Fakir  soll  dasselbe  Experiment  in  einer  englischen 
Garnison  gemacht  haben,  wo  man  aber  andere  Vorsichtsmaß- 
regeln angewendet,  um  vor  Betrug  gesichert  zu  sein.  Man  soll 
ihn  in  einen  Sarg  verschlossen  und  diesen  an  vier  Seilen  inmitten 
der  Wachstube,  wo  zwei  wachhabende  Offiziere  waren,  aufge- 
hängt haben.  Diese  Erzählung  rührt  angeblich  von  dem  Fakir 
oder  dessen  Diener  selbst  her,  doch  habe  ich  keine  Bestätigung 
derselben  von  irgend  einer  Seite  weiter  gehört.  Die  Mitteilung 
des  Vorfalls  in  Amritsar  dagegen  war  mir,  außer  von  dem  General 
Ventura,  schon  vorher  im  Penjab  von  den  verschiedensten  und 
anscheinend  glaubwürdigsten  Personen  gemacht  worden.  Alle 
diese  sprachen  von  dieser  Begebenheit  als  von  einer  Tatsache, 
und  ihre  Erzählungen  stimmten  bis  auf  wenige  unbedeutende 
Abweichungen  vollkommen  überein. 

Chunnilahl,  der  mir  im  Penjab  beigegebene  Mehmendar, 
ein  Brahmane,  fand  an  dergleichen  außergewöhnlichen  Dingen 
großen  Gefallen  und  handelte  sie  mit  allem  Ernst  und  gehöriger 
Würdigung  ab.  Seine  Erzählung  obiger  Begebenheit  war  in- 
sofern von  jener  des  Generals  Ventura  abweichend,  als  er  an- 
gab, der  Fakir  sei  aus  der  Gegend  von  Attok  gewesen,  doch  aus 
Hindostan  gekommen.  Er  sprach  nicht  von  zwanzig,  sondern 
nur  von  drei  Tagen  der  Vorbereitung,  doch  wäre  es  möglich, 
daß  ihm  das  Nähere  entgangen  war  und  er  nur  von  der  Vor- 
bereitung der  letzten  drei  Tage  genauere  Kenntnis  hatte.  Nach 
seiner  Angabe  habe  er  am  dritten  Tage  vorher  Abführungs- 
mittel genommen,  den  zweiten  Tag  nur  etwas  Milch  getrunken. 


-    83     - 

und  den  dritten  Tag,  sowie  den  Tag  des  Experimentes  selbst 
gar  nichts  zu  sich  genommen ;  auch  erwähnte  er  nicht,  daß  das 
Haus  zum  Behuf e  des  Grabes  neu  erbaut  worden,  sondern 
sprach  von  einem  Hause,  welches  schon  vorhanden  gewesen. 
Die  Schließung  der  Öffnungen  des  Körpers  war,  nach  Chunni- 
lahls  Erzählung,  durch  den  Diener  des  Fakirs  vorgenommen 
worden,  nachdem  der  Fakir  bereits  umgesunken  und  anschei- 
nend tot  gewesen;  es  seien  auch  Mund  und  Augen  möglichst 
verklebt  gewesen.  Was  die  Wiederbelebung  anbetrifft,  so  er- 
zählte er,  man  habe  den  Fakir  nur  einen  Monat  in  dem  Grabe 
gelassen,  und  als  eines  Tages  Runjit-Singh  den  Diener  des  Fakirs 
zufällig  im  Derbar  gesehen,  habe  er  sich  an  den  Vorfall  erinnert 
und  geäußert,  es  sei  wohl  Zeit,  nach  dem  Grabe  zu  sehen,  wor- 
auf er  den  Befehl  zu  dessen  Öffnung  gegeben  habe.  Bei  der 
Öffnung  habe  man  alles  so  gefunden  wie  angegeben;  bei  dem 
Erwachen  des  Fakirs  haben  die  Stöpsel  mit  einem  Schlage  von 
selbst  sich  gelöst  —  und  was  dergleichen  kleine  Abweichungen 
mehr  waren,  die  mehr  oder  weniger  unwesentlich  sind  und  um 
so  deutlicher  zu  beweisen  scheinen,  daß  die  Hauptsache  genau 
dieselbe  ist  in  allen  Erzählungen  derselben. 

Chunnilahl  fügte  der  Mitteilung  dieser  Begebenheit  noch 
bei,  daß  in  alten  Zeiten  mehrfach  von  Zeit  zu  Zeit  Leute  vor- 
gekommen seien,  die  dasselbe  auszuführen  verstanden  hätten. 
Man  habe  auch  Leute  gefunden,  welche  die  Kunst  verstanden 
hätten,  sich  in  einer  beliebigen  Höhe  vom  Erdboden  nieder- 
zusetzen, ohne  in  Verbindung  mit  der  Erde  zu  bleiben,  sondern, 
frei  in  der  Luft  sich  hinsetzend,  gleichsam  das  Gleichgewicht  mit 
der  Luft  sich  zu  geben  vermocht  hätten.  Er  führte  namentlich 
an,  wie  er  mehrfach  gehört,  daß  ein  solcher  Künstler  vor  einigen 
Jahren 'in  der  Nähe  von  Peschawer  sich  aufgehalten  habe. 

Einen  weiteren  Bericht  gibt  Garbe,  Beiträge  211  ff.,  der 
zwar  bei  Braid  noch  ausführlicher  steht,  aber  doch  der  Voll- 
ständigkeit halber  hier  abgedruckt  werden  soll: 

Es  war  im  Jahre  1828  in  Concon,  als  der  englische  Major, 
der  das  Kommando  der  militärischen  Station  hatte,  eines  Tages 
von  einem  eingeborenen  Justizbeamten,  einem  Brahmanen, 
aufgesucht  wurde,  der  für  ,, einen  seiner  heiligen  Landsleute" 


—     S6     — 

um  die  Erlaubnis  bat,  sich  für  neun  Tage  innerhalb  des  mili- 
tärischen Kordons  lebendig  begraben  lassen  zu  dürfen.  Nach 
längerem  Widerstreben  und  auf  Grund  wiederholter  Bitten  — 
denn  der  heilige  Mann  legte  großes  Gewicht  darauf,  ,, innerhalb 
des  militärischen  Gebiets  die  Probe  machen  zu  dürfen,  da  er 
dadurch  besseren  Beweis  liefere,  daß  kein  Betrug  unterliefe,  als 
wenn  er  sie  wo  anders  ausführe"  —  gibt  der  Major  seine  Zu- 
stimmung dazu,  erklärt  aber  zugleich,  daß  er  die  erforderlichen 
Maßregeln  treffen  werde,  um  jede  Täuschung  zu  verhüten. 
Darauf  wird  der  ,, heilige  Mann"  auf  offenem  Felde  in  Anwesen- 
heit von  etwa  tausend  Indem  ohne  Sarg,  in  eine  Decke  aus 
Kamelhaar  eingewickelt,  drei  bis  vier  Fuß  tief  in  einem  Grabe, 
das  auf  gewöhnliche  Weise  gegraben  und  von  dem  üblichen  Um- 
fang war,  bestattet.  Eine  Wache  von  Mohammedanern  wurde 
neben  dem  Grabe  aufgestellt  mit  dem  Befehl,  jede  Annäherung 
an  das  Grab  zu  verhindern;  und  diese  Wache,  die  alle  zwei 
Stunden  abgelöst  wurde,  befolgte  den  Befehl  so  strikt,  daß  sie 
keinem  der  verhaßten  Hindus  erlaubte,  ,, einen  Brocken  des  ge- 
weihten Bodens  zu  nehmen,  der  den  heiligen  Mann  bedeckte" 
(eine  nach  ihrer  Meinung  unschätzbare  Gabe).  In  einiger  Ent- 
fernung aber  wachten  zahlreiche  Hindus  ängstlich  darüber,  daß 
die  als  Posten  aufgestellten  Mohammedaner  ihrem  heiligen 
Bruder  keinen  Streich  spielten.  Es  diente  also  die  starke  reli- 
giöse Antipathie  der  beiden  Parteien  als  das  beste  Mittel,  um 
jeden  Betrug  zu  verhindern.  So  vergingen  drei  Tage.  Da  kommt 
dem  Major,  als  ihm  am  Abend  gemeldet  wird,  der  Posten  sei 
abgelöst  und  bei  dem  Grabe  alles  in  Ordnung,  der  Gedanke,  daß 
der  zu  erwartende  Tod  des  lebendig  begrabenen  Mannes  für  ihn 
selbst  sehr  unangenehme  Folgen  haben  könne.  In  der  Angst, 
seine  Stellung  zu  verlieren  und  als  Mitschuldiger  an  dem  Tode 
eines  Menschen  gerichtlich  belangt  zu  werden,  gibt  er  den  Be- 
fehl zu  sofortiger  Ausgrabung.  Der  Brahmane,  der  seine  Er- 
laubnis zur  Eingrabung  des  Heiligen  erwirkt  hatte,  kommt  und 
sucht  den  Major  zu  beruhigen:  der  Heilige  sei  schon  oft  in  der- 
selben Weise  beerdigt  worden,  ohne  Schaden  zu  nehmen;  und 
er  bittet  den  Offizier  inständigst,  die  verabredeten  neun  Tage 
zu  warten.  Dieser  aber  lehnt  das  ab  und  eilt  in  beständig 
wachsender  Angst  zu  Pferde  auf  das  Feld  hinaus.    Unter  An- 


-     87     - 

Wesenheit  einer  ungeheuren  Menschenmenge  wird  der  Grab- 
hügel abgetragen  und  zum  Entsetzen  des  Majors  der  Begrabene 
kalt  und  steif  herausgeholt.  Nachdem  der  Major  sich  durch 
Betasten  von  dem  Zustand  des  Körpers  überzeugt  hatte,  zwei- 
felte er  nicht  mehr  an  seinem  Unglück.  Da  traten  zwei  Schüler 
des  Begrabenen  hinzu  und  rieben  ihm  mit  einer  Salbe  Kopf, 
Augen,  Hände  und  Füße,  namentlich  aber  die  Herzgegend  ein. 
Eine  Viertelstunde  lang  schien  dieses  Frottieren  erfolglos,  dann 
aber  wurden  Lebenszeichen  bemerkbar,  und  etwa  nach  einer 
Stunde  war  der  Wiedererwachte  im  Besitz  seiner  körperlichen 
und  geistigen  Fähigkeiten  und  nahm  die  Ehrfurchtsbezeugungen 
und  Geschenke  der  Hindus  in  Empfang,  während  der  Major, 
glückselig  darüber,  daß  seine  Befürchtungen  grundlos  gewesen 

waren,  den  Platz  verließ. 

* 

Es  folgen  nun  die  Berichte  Braids,  Dokumente  von  akten- 
mäßiger Wichtigkeit  und  daher  hier  in  extenso  wiedergegeben; 
zunächst  über  den  willkürlichen  Scheintod  eines  Europäers. 

Bei  Braid,  p.  44,  erzählt  Dr.  Cheyne  wie  folgt  vom  Obersten 
Townsend:  ,,Er  konnte  nach  Belieben  sterben,  d.  h.  aufhören 
zu  atmen,  und  durch  bloße  Willensanstrengung  oder  sonstwie 
ins  Leben  zurückkommen.  Er  drang  so  sehr  in  uns,  den  Versuch 
einmal  anzusehen,  daß  wir  schließlich  nachgeben  mußten. 
Alle  drei  fühlten  wir  erst  den  Puls;  er  war  deutlich  fühlbar,  ob- 
wohl schwach  und  fadenförmig,  und  sein  Herz  schhig  normal. 
Er  legte  sich  auf  den  Rücken  zurecht  und  verharrte  einige  Zeit 
regungslos  in  dieser  Lage.  Ich  hielt  seine  rechte  Hand,  Dr. 
Baynard  legte  seine  Hand  aufs  Herz  und  Herr  Skrine  hielt  ihm 
einen  reinen  Spiegel  vor  den  Mund.  Ich  fand,  daß  die  Spannung 
des  Pulses  allmählich  abnahm,  bis  ich  schließlich  auch  bei  sorg- 
fältigster Prüfung  und  bei  vorsichtigstem  Tasten  keinen  mehr 
fühlte.  Dr.  Baynard  konnte  nicht  die  geringste  Herzkontraktion 
fühlen  und  Herr  Skrine  sah  keine  Spur  von  Atemzügen  auf  dem 
breiten  Spiegel,  den  er  ihm  vor  den  Mund  hielt.  Dann  unter- 
suchte jeder  von  uns  nacheinander  Arm,  Herz  und  Atem, 
konnte  aber  selbst  bei  der  sorgfältigsten  Untersuchung  auch 
nicht  das  leiseste  Lebenszeichen  an  ihm  finden.  Wir  disku- 
tierten lange,  so  gut  wir  es  vermochten,  diese  überraschende  Er- 


—     88     — 

scheinung.  Als  wir  aber  fanden,  daß  er  immer  noch  in  dem- 
selben Zustande  verharrte,  schlössen  wir,  daß  er  doch  den  Ver- 
such zu  weit  geführt  habe,  und  waren  schließlich  überzeugt,  daß 
er  wirklich  tot  sei,  und  wollten  ihn  nun  verlassen. 

So  verging  eine  halbe  Stunde.  Gegen  9  Uhr  früh  (es  war  im 
Herbst),  als  wir  weggehen  wollten,  bemerkten  wir  einige  Be- 
wegungen an  der  Leiche  und  fanden  bei  genauerer  Beobachtung, 
daß  Puls  und  Herzbewegung  allmählich  zurückkehrten.  Er 
begann  zu  atmen  und  leise  zu  sprechen.  Wir  waren  alle  auf  das 
äußerste  über  diesen  unerwarteten  Wechsel  erstaunt  und  gingen 
nach  einiger  Unterhaltung  mit  ihm  und  untereinander  von  dannen, 
von  allen  Einzelheiten  des  Vorganges  zwar  völlig  überzeugt, 
aber  ganz  erstaunt  und  überrascht  und  nicht  imstande,  eine  ver- 
nünftige Erklärung  dafür  geben  zu  können." 

Im  Dabist  an,  einem  gelehrten  Werke  über  die  religiösen 
Sekten  Indiens,  welches  vor  einigen  Jahren  aus  dem  Persischen 
übersetzt  wurde,  wird  von  der  Fähigkeit  einzelner  Individuen 
berichtet,  ihre  Seele,  wie  sie  sagen,  vom  Körper  zu  trennen  und 
nach  Belieben  die  gewohnten  Beziehungen  beider  zueinander 
wieder  eintreten  zu  lassen.  Ein  Individuum,  welches  mit  Namen 
bezeichnet  ist,  hatte  die  Fähigkeit,  drei  Stunden  lang  den  Atem 
anzuhalten,  ein  anderes  konnte  dies  12  Stunden  lang,  ein  drittes 
2  Tage  lang,  und  Balik  Stetha,  der  über  100  Jahre  alt  wurde, 
konnte  eine  Woche  lang  das  Atemholen  unterlassen.  So  haben 
wir  bei  diesen  Indern  genau  dieselben  Erscheinungen,  wie  sie 
in  dem  obenerwähnten  Falle  von  Oberst  Townsend  berichtet 
werden,  und  die  Kenntnis  dieser  Tatsachen  wird  den  Leser  einiger- 
maßen vorbereiten,  die  Beschreibung  der  noch  erstaunlicheren 
Erscheinungen  zu  vernehmen,  welche  im  nachfolgenden  er- 
zählt werden. 

Braid  hatte  sich  an  Sir  Claude  Wade  mit  der  Bitte  um  Aus- 
kunft über  den  Fakir  gewendet,  der  sich  1837  in  Labore  lebendig 
begraben  ließ.  Der  Bericht  lautet  in  PreyersÜbersetzung,  p.  46ff . : 

,,Ich  war  am  Hofe  der  Runjeet  Singh,  als  der  von  Herrn 
Kapitän  Osborne  erwähnte  Fakir  lebend  auf  sechs  Wochen  be- 
graben wurde;  obwohl  ich  erst  einige  Stunden  nach  dem  eigent- 
lichen Begräbnis  ankam,  so  hatte  ich  doch  Runjeet  Singh  selbst 
und  die  zuverlässigsten  Hofleute  zu  Zeugen,  daß  der  Fakir  vor 


-     89     - 

ihnen  begraben  worden  sei,  und  da  ich  selbst  zugegen  war,  als 
er  ausgegraben  und  vollständig  ins  Leben  zurückgerufen  wurde, 
wobei  ich  so  nahe  stand,  daß  eine  Täuschung  ausgeschlossen 
blieb,  so  glaube  ich  fest  daran,  daß  kein  Betrug  bei  den  außer- 
ordentlichen Tatsachen,  die  ich  zu  erzählen  habe,  unterlief. 
Kapitän  Osbomes  Buch  liegt  mir  nicht  vor,  so  daß  ich  mich 
auf  denjenigen  Teil  seiner  Erzählung  beziehen  könnte,  in  dem 
er  meine  Autorität  zum  Zeugnis  anruft.  Ich  will  deshalb  kurz 
angeben,  was  ich  selbst  gesehen  habe,  um  andere  in  die  Lage  zu 
versetzen,  über  das  Gewicht  meiner  Beweise  zu  urteilen  und  sich 
eine  Meinung  zu  bilden,  ob  wir  getäuscht  worden  sind.  Als  der 
bestimmte  Zeitpunkt  herannahte,  begleitete  ich  auf  seine  Ein- 
ladung den  Runjeet  Singh  zu  dem  Fleck,  wo  der  Fakir  begraben 
worden  war.  Es  war  das  ein  viereckiges  Gebäude,  eine  so- 
genannte Barra  durra,  in  der  Mitte  eines  der  Gärten,  welche 
den  Palast  in  Labore  umgeben,  ringsum  mit  einer  Veranda  ver- 
sehen und  mit  einem  mittleren  geschlossenen  Räume.  Als  wir 
ankamen,  stieg  Runjeet  Singh,  der  bei  dieser  Gelegenheit  von 
seinem  ganzen  Hofe  begleitet  war,  vom  Elefanten  und  bat 
mich,  mit  ihm  zusammen  das  Gebäude  zu  untersuchen,  damit 
er  die  Überzeugung  hätte,  daß  es  genau  so  verschlossen  wäre, 
wie  er  es  verlassen.  Wir  fanden,  daß  an  jeder  der  vier  Seiten 
eine  Tür  gewesen  war,  von  denen  drei  vollständig  zugemauert 
worden  waren;  an  der  vierten  Seite  befand  sich  eine  feste  Tür, 
die  bis  auf  ein  mit  dem  Privatsiegel  Runjeet  Singhs  in  dessen 
Gegenwart  versiegeltes  Schloß  mit  Lehm  verdeckt  worden  war, 
als  der  Fakir  begraben  wurde.  In  der  Tat  bot  diese  äußere 
Fläche  des  Gebäudes  keine  Öffnung,  durch  welche  Luft  zu- 
dringen konnte,  noch  irgend  eine  Verbindung  mit  der  Außen- 
welt, durch  welche  der  Fakir  Nahrung  hätte  erhalten  können. 
Ich  kann  hinzufügen,  daß  die  Mauern,  welche  die  Türen  schlössen, 
keinerlei  Zeichen  boten,  daß  sie  kürzlich  geöffnet  oder  auch  nur 
verändert  worden  wären. 

Runjeet  Singh  erkannte  den  Siegelabdruck  als  den  von  ihm 
angelegten,  und  da  er  bezüglich  des  Erfolges  ebenso  skeptisch 
war,  wie  es  nur  irgend  ein  Europäer  sein  konnte,  so  hatte  er,  um 
soviel  als  irgend  möglich  Betrug  zu  verhüten,  zwei  Kompagnien 
seiner  persönlichen  Eskorte  nahe  an  das  Gebäude  gelegt.    Von 


—     90     — 

diesen  mußten  vier  Posten,  die  zweistündlich  abgelöst  wurden, 
Tag  und  Nacht  das  Gebäude  gegen  einen  Einbruch  bewachen. 
Zugleich  befahl  er  einem  der  höchsten  Beamten  seines  Hofes, 
von  Zeit  zu  Zeit  den  Platz  zu  revidieren  und  darüber  an  ihn 
direkt  zu  berichten,  während  das  Petschaft,  dessen  Abdruck  das 
Schlüsselloch  schloß,  von  ihm  oder  seinem  Minister  aufbewahrt 
wurde.  Letzterer  empfing  auch  jeden  Morgen  und  Abend  den 
Rapport  des  wachhabenden  Offiziers. 

Nachdem  wir  genügend  untersucht  hatten,  setzten  wir  uns 
in  die  Veranda,  gegenüber  der  Tür,  während  einige  Leute  aus 
dem  Gefolge  Runjeet  Singhs  die  Lehmwand  einrissen  und  einer 
seiner  Beamten  das  Siegel  brach  und  das  Vorlegeschloß  öffnete. 
Nach  Öffnung  der  Tür  sah  man  in  einen  dunklen  Raum.  Runjeet 
Singh  und  ich  selbst  begaben  uns  in  denselben  zusammen  mit 
dem  Diener  des  Fakirs,  und  nachdem  ein  Licht  beschafft  worden 
war,  stiegen  wir  in  eine  Art  von  Nische  etwa  drei  Fuß  unter  der 
Bodenfläche  des  Raumes.  In  dieser  stand  aufrecht  ein  hölzerner 
Kasten  mit  Deckel,  etwa  vier  englische  Fuß  lang  und  drei  Fuß 
breit,  welcher  den  Fakir  enthielt.  Der  Deckel  war  gleichfalls  durch 
ein  Vorlegeschloß  und  dasselbe  Siegel  wie  die  Außen tür  geschlossen. 
Als  wir  ihn  öffneten,  sahen  wir  eine  menschliche  Gestalt  in  einem 
v>;^eißen  Leinensack,  der  über  dem  Kopf  derselben  zugebunden 
war.  Hierauf  wurden  Salutschüsse  abgegeben  und  die  Menge 
drängte  sich  an  die  Tür,  um  das  seltsame  Schauspiel  zu  sehen. 
Als  ihre  Neugier  befriedigt  worden,  griff  der  Diener  des  Fakirs 
in  den  Kasten  und  nahm  die  Gestalt  heraus,  schloß  den  Kasten- 
deckel und  lehnte  sie  in  derselben  hockenden  Stellung,  wie  sie 
im  Kasten  (gleich  einem  indischen  Götzenbild)  gelegen  hatte,  mit 
dem  Rücken  gegen  den  Deckel. 

Runjeet  Singh  und  ich  stiegen  dann  in  die  Aushöhlung, 
welche  so  klein  war,  daß  wir  nur  auf  dem  Boden  gegenüber  dem 
Körper  sitzen  konnten  und  denselben  mit  Hand  und  Knie  be- 
rührten. 

Darauf  goß  der  Diener  warmes  Wasser  auf  die  Gestalt;  da 
ich  aber  beabsichtigte,  etwaige  Betrügereien  zu  entdecken,  so 
schlug  ich  dem  Runjeet  Singh  vor,  den  Sack  zu  öffnen  und  den 
Körper  genau  anzusehen,  bevor  etwaige  Wiedererkennungs- 
versuche  gemacht  würden.   Ich  tat  dies  und  muß  hier  bemerken. 


—     91     — 

daß  der  Sack,  als  wir  ihn  zuerst  gewahr  wurden,  schimmelig 
aussah,  wie  einer,  der  einige  Zeit  vergraben  gewesen  ist.  Arme 
und  Beine  der  Gestalt  waren  runzelig  und  steif,  der  Kopf  ruhte 
auf  einer  Schulter,  wie  bei  einer  Leiche.  Ich  bat  meinen  mich 
begleitenden  Arzt,  auch  hinabzusteigen  und  den  Körper  zu  unter- 
suchen ;  er  tat  es  und  konnte  weder  in  der  Herzgegend,  noch  an 
den  Schläfen,  noch  am  Arm  den  Puls  fühlen.  Doch  waren  die 
dem  Gehirn  entsprechenden  Kopfteile  wärmer  als  der  andere 
Teil  des  Körpers^). 

Darauf  begann  der  Diener  ihn  aufs  neue  mit  heißem  Wasser 
zu  baden  und  streckte  allmählich  Arm  und  Beine  aus  der  starren 
Stellung,  in  welcher  sie  sich  befanden,  während  Runjeet  Singh 
noch  das  rechte  und  ich  das  linke  Bein  nahmen,  um  durch  Reiben 
sie  wieder  gebrauchsfähig  zu  machen.  Inzwischen  legte  der 
Diener  einen  etwa  zollstarken  heißen  Weizenteig  auf  den  Scheitel, 
ein  Vorgang,  den  er  zwei-  bis  dreimal  wiederholte;  dann  ent- 
fernte er  aus  den  Ohren  und  den  Nasenlöchern  die  Baumwolle 
und  das  Wachs,  womit  dieselben  geschlossen  waren,  und  öffnete 
mit  großer  Anstrengung,  indem  er  eine  Messerspitze  zwischen  die 
Zähne  schob,  den  Mund,  und  während  er  mit  der  linken  Hand 
die  Kiefer  voneinander  trennte,  zog  er  mit  der  rechten  die 
Zunge  vor,  welche  mehrfach  in  ihre  aufwärts  gekrümmte 
Stellung  zurückfuhr,  wobei  sie  den  Schlund  verschloß. 

Dann  rieb  er  auf  die  Augenlider  ghee,  d.  h.  zerlassene 
Butter,  einige  Sekunden  lang,  bis  er  sie  öffnen  konnte.  Das  Auge 
erschien  bewegungslos  und  glanzlos.  Als  der  Teig  zum  dritten- 
mal auf  den  Scheitel  gelegt  worden  war,  wurde  der  Körper 
konvulsivisch  bewegt,  die  Nüstern  wurden  aufgeblasen  und  die 
Glieder  begannen  eine  natürliche  Fülle  anzunehmen;  der  Puls 
war  immer  noch  kaum  fühlbar.  Der  Diener  legte  etwas  zer- 
flossene Butter  auf  die  Zunge  und  ließ  sie  ihn  verschlucken. 
Wenige  Minuten  später  traten  die  Augäpfel  hervor  und  erhielten 
eine  natürliche  Farbe,  und  der  Fakir,  der  erkannte,  daß  Runjeet 
Singh  dicht  neben  ihm  saß,  sagte,  kaum  verständlich,  in  leisen 
Grabestönen:  ,, Glaubst  du  mir  nun?"    Runjeet  Singh  bejahte 

1)  Sollte  nicht  diese  Wärme  ,,über  dem  Gehirn"  die  Folge  der  Übergießung 
mit  warmem  Wasser  sein,  welches  den  Teil  zumeist  erwärmt,  mit  dem  es  zuerst 
in  Berührung  kam? 


—     92     — 

die  Frage  und  bekleidete  den  Fakir  mit  einem  Perlenhalsband, 
prachtvollen  goldenen  Armbändern  und  einem  Ehrenkleid  aus 
Seide,  Musselin  und  Schalstoff,  wie  es  gewöhnlich  von  indischen 
Fürsten  hervorragenden  Personen  verliehen  wird. 

Vom  Augenblicke  an,  wo  der  Kasten  geöffnet  wurde,  bis 
der  Fakir  die  Stimme  wieder  fand,  konnte  kaum  eine  halbe 
Stunde  verflossen  sein,  und  abermals  nach  einer  halben  Stunde 
sprach  der  Fakir  mit  mir  und  seiner  Umgebung,  wenn  auch  mit 
schwacher  Stimme  wie  ein  Kranker,  und  dann  verließen  wir  ihn, 
überzeugt,  daß  kein  Betrug  noch  Täuschung  in  dem  Vorgang 
unterlaufen  war,  dessen  Augenzeugen  wir  gewesen. 

Ich  war  gleichfalls  zugegen,  als  einige  Monate  später  Runjeet 
Singh  den  Fakir  von  weit  her  nach  Labore  kommen  ließ,  damit 
er  sich  lebendig  begraben  lasse  vor  Kapitän  Osbome  und  den 
Mitgliedern  der  Gesandtschaft  des  verstorbenen  Sir  William 
M'Naphton,  1838.  Nach  den  gewöhnlichen  Vorbereitungen  erbot 
sich  derselbe,  es  auf  einige  Tage  zu  tun,  da  die  Zeit  der  Anwesen- 
heit der  Gesandtschaft  von  Sir  William  am  Hofe  nahezu  ab- 
gelaufen war,  aber  nach  Inhalt  der  ausgesprochenen  Zweifel  und 
wegen  einiger  Bemerkungen  von  Kapitän  Osbome,  als  ob  er  den 
Schlüssel  zu  dem  Raum,  wo  er  begraben  werden  sollte,  selbst 
behalten  woUe,  wurde  der  Fakir  mit  der  den  Indem  eigentüm- 
lichen abergläubischen  Furcht  sichtlich  unruhig  und  fürchtete, 
daß,  einmal  in  der  Gewalt  von  Kapitän  Osbome,  er  nicht  wieder 
losgelassen  würde.  Seine  Ablehnung  bei  dieser  Gelegenheit  muß 
naturgemäß  Zweifel  erwecken  an  der  Wahrhaftigkeit  des  von 
mir  bezeugten  Vorganges;  aber  für  alle  mit  dem  Charakter  der 
eingeborenen  Inder  Vertrauten  liegt  nichts  Überraschendes 
darin,  daß  bei  einer  Angelegenheit,  wo  es  sich  um  Leben  und  Tod 
handelt,  der  Fakir  Mißtrauen  zeigte  gegenüber  der  ihm  myste- 
riös erscheinenden  Absicht  eines  ihm  vollständig  fremden  Euro- 
päers, während  er  bereit  gewesen  war,  volles  Vertrauen  in  Runjeet 
Singh  und  andere  zu  setzen,  vor  denen  er  seine  Leistung  gezeigt 
hatte.  Ich  bin  überzeugt,  daß  er  nur  aus  dem  angeführten 
Grunde  ablehnte  und  für  mich  dasselbe  getan  hätte,  was  er  dem 
Kapitän  Osbome  abschlug. 

Sir  William  M'Naphton  und  mehrere  seiner  Umgebung  hatten, 
wenn  auch  im  Scherz,  so  doch  ganz  richtig  vorher  darauf  aufmerk- 


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—    93     — 

sam  gemacht,  daß,  wenn  der  Fakir  die  Probe  nicht  überstände, 
welcher  er  unterworfen  werden  sollte,  alle,  welche  ihn  dazu  ver- 
anlaß ten,  Gefahr  Hefen,  wegen  Totschlags  vor  Gericht  gestellt  zu 
werden,  ein  Umstand,  der  sie  abhielt,  weiter  in  ihn  zu  dringen. 

Ich  erkenne  vollständig  meinerseits  das  Unglaubwürdige  an, 
daß  ein  Mann  lebendig  begraben  werden  und  die  Probe  so  und 
so  lange  überstehen  könne,  doch  wenn  auch  die  Tatsachen,  von 
denen  ich  berichtet,  unvereinbar  erscheinen  mit  unseren  physio- 
logischen Kenntnissen,  so  muß  ich  erklären,  da  kein  erkenn- 
barer Grund  für  das  Gegenteil  vorhegt,  daß  ich  an  dieselben 
glaube,  wie  unmöghch  auch  deren  Vorkommen  anderen  er- 
scheinen möge." 

Dazu  hat  Braid  (p.  50)  die  folgende  Anmerkung:  Einige 
allzu  mißtrauische  Hyperkritiker  mögen  vielleicht  anführen,  da 
das  Gegenteil  in  der  Erzählung  nicht  ausdrücklich  bemerkt 
worden  ist,  daß  eine  unterirdische  Verbindung  bestand,  durch 
welche  Genossen  des  Fakirs  mit  demselben  während  seines  Be- 
gräbnisses in  der  Barradurrain  Verkehr  treten  konnten,  ohne 
daß  es  von  den  das  Gebäude  umgebenden  Wachen  bemerkt  worden 
wäre.  Wenn  wir  jedoch  überlegen,  daß  Runjeet  Singh  nicht  die 
Möglichkeit,  sondern  im  Gegenteil  das  Unmögliche  eines  solchen 
Unternehmens  beweisen  wollte,  so  können  wir  unmöglich  uns 
vorstellen,  daß  er,  der  alle  obenerwähnten  Vorsichtsmaßregeln 
gegen  eine  Täuschung  getroffen  hatte,  nicht  ebenso  große  Sorg- 
falt und  Mühe  angewandt  haben  sollte,  um  gegen  ein  Eindringen 
unter  der  Erde  sich  sicherzustellen,  da  ohne  diese  Vorsicht  alle 
anderen  Vorsichtsmaßregeln  ein  großer  Unsinn  gewesen  wären. 
In  der  Tat  hätte  auch  eine  solche  Nachlässigkeit  bezüglich  eines 
Punktes,  über  den  auch  der  Einfältigste  nicht  leicht  zu  täuschen 
war,  Runjeet  Singh  und  seinen  ganzen  Hofstaat  dem  Verdacht 
ausgesetzt,  mit  dem  Fakir  im  Einverständnis  gewesen  zu  sein 
bei  Ausführung  eines  groben  öffentlichen  Betrugs.  Es  ist  jeden- 
falls sehr  unwahrscheinlich,  daß  ein  Fürst  und  sein  Hof  zu 
solchem  Zwecke  sich  dem  aussetzen. 

Mehr  noch:  daß  Runjeet  Singh  bis  zum  Augenblick  der 
Wiederbelebung  des  Fakirs  zweifelte,  geht  aus  den  Worten  her- 
vor, die  der  Fakir  an  ihn  richtete,  als  er  wieder  sehen  konnte: 
„Glaubst  du  mir  jetzt?" 


—     94     — 

Das  verschimmelte  Aussehen  des  Sacks,  welches  Sir  Claude 
M.  Wade  bemerkte,  als  der  Kasten  geöffnet  und  der  Körper 
zuerst  aufgestellt  wurde,  ist  sehr  beweisend  dafür,  daß  er  eine 
Zeitlang  unter  der  Erde  gelegen  habe. 

Alle  jene  Einwendungen  entkräftet  auch  vollständig  der  Fall, 
über  den  Leutnant  Boileau  berichtet,  denn  die  Grube  oder  das  Grab 
waren  da])ei  ausgemauert  und  mit  großen  Steinplatten  bedeckt, 
so  daß  es  für  den  Fakir  unmöglich  war,  zu  entkommen  (S.  53). 

Ja,  bei  einem  späteren  Begräbnis  eben  desselben  Fakirs 
wurde  außer  allen  schon  erwähnten  Vorsichtsmaßregeln,  nach- 
dem der  Kasten  verschlossen  und  versiegelt  in  die  Aushöhlung 
gebracht  worden  war,  noch  Erde  in  letztere  hineingeworfen  und 
ringsherum  festgestampft,  so  daß  sie  vollständig  den  Kasten 
umgab  und  ihn  überdeckte,  dann  wurde  Gerste  darüber  gesät, 
und  immer  blieb  eine  Wache  auf  dem  Felde.  Mehr  noch :  zwei- 
mal während  der  Dauer  des  Begräbnisses  ließ  Runjeet  Singh 
den  Körper  ausgraben,  und  man  fand  ihn  stets  in  derselben 
Haltung  vor,  wie  er  begraben  worden  und,  wie  es  schien,  voll- 
ständig leblos.  Nach  Beendigung  dieses  so  langen  Begrabenseins 
wachte  der  Fakir  unter  der  üblichen  Behandlung  wieder  auf. 

Der  nächste  Fall,  den  ich  anführen  will,  fährt  Braid  p.  52 
fort,  wurde  mir  durch  Sir  C.  C.  Trevelyan  vom  Schatzmeister- 
amte  überlassen.  Er  war  nicht  Augenzeuge  des  Vorganges,  aber 
die  Quelle,  aus  der  er  seine  Kenntnis  schöpft,  scheint  durchaus 
befriedigend  zu  sein.  Er  berichtet:  ,,Ich  erinnere  mich  sehr 
genau,  daß  zu  der  Zeit,  als  ich  als  diplomatischer  Agent  in 
Kotah  im  Jahre  1829 — 30  war,  ich  den  Vukeel  des  Rajah 
Rana  kennen  lernte.  Dieser  (ein  sehr  ehrenwerter  und  für  einen 
Inder  recht  wahrheitsliebender  Mann)  erzählte,  als  wir  Ge- 
schäfte miteinander  hatten,  daß  er  an  demselben  Morgen  mit 
dem  Rajah  Rana  bei  der  Ausgrabung  eines  Fakirs  zugegen  ge- 
wesen sei,  der,  wenn  ich  mich  recht  erinnere,  10  Tage  lang  be- 
graben war,  nach  seiner  Auferstehung  sich  wohl  befand  und, 
nachdem  er  sich  mit  Essen  und  Trinken  erfrischt  hatte,  sich 
ganz  wie  zuvor  verhielt.  Der  Vukeel  versicherte  mir,  daß  kein 
Betrug  hätte  unterlaufen  können,  da  der  Mann  in  Gegenwart 
des  Rajah  begraben  wurde  und  eine  Wache  zuverlässiger  Sol- 
daten dauernd  am  Platze  aufgestellt  gewesen  sei  bis  zu  seiner 


—    95     — 

Ausgrabung.  Ich  erinnere  mich  auch,  daß  der  Befehlshaber 
meiner  Begleitmannschaft  und  der  Gesandtschaftsarzt  durch- 
aus überzeugt  waren,  daß  die  Tatsachen  sich  so  verhielten,  wie 
sie  der  Vukeel  berichtet.  Sie  hatten  unabhängig  davon  Kenntnis 
bekommen  durch  die  Erzählungen  mehrerer  Soldaten,  die  bei 
der  Ausgrabung  zugegen  gewesen  waren.  Ich  erfuhr  von  dort 
noch  mehrere  Einzelheiten,  deren  ich  mich  jetzt  nicht  mehr  er- 
innere, bis  auf  den  Umstand,  daß  die  Sepoys  es  als  Tatsache 
hinstellten,  daß  manche  Fakirs  und  andere  Leute  eine  Fertig- 
keit besäßen,  den  Atem  anzuhalten,  die  Zunge  nach  hinten 
zurückzulegen  und  die  Finger  einzuschlagen,  eine  Fertigkeit, 
welche  sie  in  den  Stand  setze,  lange  Zeit  ohne  Nahrungsaufnahme 
und  bei  geringer  Luftzufuhr  am  Leben  zu  bleiben. 

Ich  glaube,  daß  der  zu  Kotah  lebend  begrabene  Mann  die- 
selbe Person  war,  von  der  in  Boileaus  Journal  die  Rede  ist,  und 
der  von  einem  der  einheimischen  Hoflager  zum  anderen  zog,  um 
durch  seine  Kunst  Geld  zu  verdienen. 

Ich  selbst  glaube  daran,  daß  er  wirklich  volle  lo  Tage  oder 
ungefähr  soviel  ohne  Nahrung  blieb,  und  zwar  bei  so  wenig  Luft, 
als  ihn  auf  dem  Boden  seines  Kastens  erreichen  konnte." 

,, Unmittelbar  vor  unserer  Ankunft  in  Jesulmer  hatte  der 
Ramul  ein  sehr  merkwürdiges  Mittel  angewandt,  um  einen  Thron- 
erben zu  bekommen.  Die  Einzelheiten  sind  so  außerordentlich, 
daß  wir  sie  kaum  geglaubt  hätten,  wenn  sie  nicht  so  unmittelbar 
unter  unseren  Augen  vor  sich  gegangen  wären.  Man  erzählte 
uns  bald  nach  unserer  Ankunft,  daß  ein  Mensch  lebendig  be- 
graben worden  sei  an  der  Rückseite  der  Zisterne  dicht  neben 
unseren  Zelten,  und  daß  er  einen  ganzen  Monat  unter  der  Erde 
bleiben  werde,  bis  man  ihn  wieder  ausgrabe.  Der  vorgeschriebene 
Zeitraum  lief  am  i.  April  1835  ab  und  am  Vormittag  dieses  Tages 
wurde  er  lebend  ausgegraben  in  Gegenwart  von  Goschur  Lal, 
einem  der  Minister,  der  ebenfalls  das  Begräbnis  beaufsichtigt 
hatte.  Der  Platz,  auf  welchem  er  eingegraben  worden,  ist  ein 
kleines  Steinhaus,  12  Fuß  lang  und  8  Fuß  breit,  an  der  Ecke 
der  großen  Zisterne,  der  so  oft  genannten  Gurressie.  Auf  dem 
Boden  des  Hauses  war  eine  Grube,  etwa  3  Fuß  lang,  2V2  Fuß 
breit  und  ebenso  tief,  oder  etwa  i  Elle  tief,  in  welche  er,  in  ein 
leinenes  Grabtuch  eingenäht,  gesetzt  worden  war.    Beide  Knie 


-    96    - 

waren  an  das  Kinn  gedrückt,  die  Füße  dem  Magen  zugewandt 
und  seine  Hände  nach  der  Brust  zu  gedreht.  Die  Höhlung  oder 
das  Grab  war  ausgemauert  und  mit  vielfach  gefalteten  wol- 
lenen und  anderen  Tüchern  ausgeschlagen,  damit  die  weißen 
Ameisen  und  ähnliche  Insekten  ihn  weniger  belästigen  könnten. 

Zwei  schwere  Steinplatten,  5 — 6  Fuß  lang,  mehrere  Zoll 
stark,  und  breit  genug,  um  die  Grabesöffnung  zu  decken,  wurden 
über  ihn  gedeckt,  so  daß  er  nicht  herauskommen  konnte,  und 
ich  glaube,  etwas  Erde  wurde  über  das  Ganze  geschüttet,  um 
die  Bodenfläche  oben  gleichmäßig  zu  machen.  Die  Tür  zum 
Hause  wurde  zugemauert  und  Leute  außen  aufgestellt,  um  den 
ganzen  Monat  hindurch  die  Wache  zu  übernehmen,  damit  kein 
Streich  dabei  gespielt  oder  ein  Betrug  ausgeführt  würde.  Leut- 
nant Trevelyan  und  ich  machten  uns  auf,  um  zu  sehen,  was  etwa 
noch  zu  sehen  wäre.  Die  Vermauerung  der  Tür  war  nieder- 
gerissen, die  Grabdecke  entfernt  und  der  Körper  in  Gegenwart 
von  Goschur  Lal  herausgehoben  worden.  Der  Moouschen  kam 
in  Zeiten,  um  die  Öffnung  des  obenerwähnten  Leichentuchs  zu 
sehen,  und  konstatierte,  daß  der  Begrabene  vollständig  be- 
sinnungslos war,  mit  geschlossenen  Augen,  mit  ,,krampfigen" 
kraftlosen  Händen,  stark  eingesunkenem  Bauch  und  so  fest 
aufeinander  gedrückten  Zähnen,  daß  die  Umstehenden  genötigt 
waren,  mit  einem  eisernen  Instrument  den  Mund  gewaltsam  zu 
öffnen,  um  ihm  etwas  Wasser  einzuflößen.  Bei  dieser  Behand- 
lung erhielt  er  allmählich  den  Gebrauch  seiner  Sinne  wieder  und 
konnte  auch  seine  Glieder  wieder  gebrauchen.  Er  sprach  mit 
uns  mit  leiser,  weicher  Stimme,  als  ob  er  sich  noch  sehr  schwach 
fühlte,  dagegen  war  er  so  wenig  durch  das  lange  Begräbnis, 
welches  er  eben  durchgemacht,  niedergeschlagen,  daß  er  sagte, 
wir  könnten  ihn,  wenn  es  uns  gefiele,  gleich  wieder  auf  ein  volles 
Jahr  begraben. 

Er  ist  noch  ziemlich  jung,  etwa  30  Jahre  alt,  und  sein  Ge- 
burtsdorf liegt  etwa  5  Kilometer  von  Karnaul;  aber  er  bleibt 
nicht  zu  Hause,  sondern  reist  im  Lande  umher,  nach  Ajmer, 
Kotah,  Indor  usw.,  und  läßt  sich  auf  Wochen  und  Monate  be- 
graben von  jedem,  der  ihn  reichlich  dafür  bezahlt.  Man  erzählt 
von  diesem  Menschen,  daß  er  diese  Fähigkeit  erlangt  habe  durch 
fortgesetzte  Übung,  den  Atem  lange  Zeit  anzuhalten,  etwa  bis 


—     97     — 

man  50  zählt  und  allmählich  bis  100,  ja  200  und  so  weiter,  wie 
es  wahrscheinlich  auch  die  Perltaucher  tun.  Außerdem  soll  er 
die  Fähigkeit  haben,  den  Mund  geschlossen  zu  halten  und  zu- 
gleich die  innere  Nasenöffnung  mit  der  Zunge  zu  schließen,  eine 
Geschicklichkeit,  die  zuweilen  zum  Selbstmord  von  den  Neger- 
sklaven benützt  wird,  wenn  sie  gezüchtigt  werden. 

Während  der  Vorbereitung  zu  seinem  langen  Begräbnis  ent- 
hält er  sich  femer  aller  fester  Nahrung  mehrere  Tage  vor  der 
Einschließung  und  genießt  nur  Milch,  welche  nach  Annahme 
der  Eingeborenen  fast  vollständig  im  Harn  entleert  wird,  damit 
er,  in  sein  enges  Grab  eingeschlossen,  nicht  durch  den  Inhalt 
seines  Magens  oder  seiner  Gedärme  belästigt  werde." 

Der  nächste  Fall,  von  dem  ich  berichten  kann,  ist  womög- 
lich noch  überzeugender,  besonders  da  der  Büßer  in  einem  ge- 
wöhnlichen Grabe  auf  militärischem  Gebiete  genau  so  wie  jeder 
Soldat,  nur  ohne  Sarg,  begraben  worden  war,  und  zwar  auf  einem 
offenen  Felde,  wo  der  ganze  Vorgang  von  1000  Indern  beobachtet 
wurde.  Diese  wachten  besorgt  darüber,  daß  ihrem  heiligen 
Bruder  kein  Streich  gespielt  werde  von  den  muselmännischen 
Wachen,  die  als  Posten  am  Grabe  aufgestellt  waren,  um  während 
des  ganzen  Begräbnisses  jedes  Eindringen  und  jeden  Betrug 
unmöglich  zu  machen.  So  hatte  der  Büßer  gar  keinen  Vorteil; 
es  gab  viele  Zeugen,  und  die  streitenden  Interessen  und  die 
heftige  religiöse  Antipathie  zwischen  den  beiden  beteiligten 
Parteien  diente  als  ein  Gegengewicht,  welches  Betrug  und 
falsches  Spiel  während  des  \^organges  verhinderte.  Im  folgenden 
gebe  ich  die  Erzählung  wieder,  die  mir  Major  St.  zur  Verfügung 
gestellt  hat.  Während  seines  Kommandos  als  Stabsoffizier  einer 
britischen  militärischen  Station  in  Concon  1828  hatte  er  von 
diesen  seltsamen  Leistungen  des  Fakirs  gehört,  die  sich  in  der 
Nachbarschaft  lebend  begraben  ließen;  doch  schenkte  er  diesen 
Erzählungen  keinen  Glauben,  vvcil  er  annahm,  alle  die  an- 
geführten Tatsachen  seien  nur  erfunden  oder  die  Bericht- 
erstatter getäuscht  worden.  Folgende  Geschichte  gab  ihm  aber 
den  Beweis,  daß  wirklich  einige  Individuen  solche  außerordent- 
liche Kräfte  besitzen. 

Eines  Tages  erhielt  der  Offizier  den  Besuch  eines  Brahminen, 
der  das  Amt  eines  Chowdrie  inne  hatte.    Der  Chowdrie  ist  ein 

Schmidt,  Fakixe  und  Fakirtum.  7 


-     98     - 

Beamter  der  Zivilverwaltung,  der  die  Oberaufsicht  über  alle 
Gerichtshöfe  und  alle  öffentlichen  Verhandlungen  oder  Vor- 
kommnisse in  seinem  Gerichtssprengel  hat;  doch  ist  er  dem 
Stabsoffizier  untergeordnet  in  bezug  auf  alles,  was  sich  innerhalb 
des  militärischen  Rayons  und  in  den  Kantonnementsplätzen  er- 
eignet, so  daß  er  für  alles,  was  innerhalb  dieser  Grenzen  unter- 
nommen werden  soll,  vor  allem  die  Erlaubnis  des  kommandieren- 
den englischen  Offiziers  erhalten  muß.  Der  Chowdrie  teilte  dem 
Offizier  mit,  daß  er  gekommen  sei,  die  Erlaubnis  einzuholen 
für  einen  seiner  heiligen  Landsleute,  der  sich  auf  neun  Tage 
innerhalb  des  militärischen  Kordons  beerdigen  lassen  wolle.  Er 
fügte  hinzu,  daß  eine  unzählige  Volksmenge  aus  der  Nachbar- 
schaft zusammengekommen  sei,  um  dem  heiligen  Mann  bei 
dieser  Handlung  zuzuschauen.  Der  Offizier  antwortete  darauf, 
er  könne  nicht  glauben,  daß  irgend  jemand  ein  solcher  Narr 
sein  werde,  sich  auf  neun  Tage  begraben  zu  lassen,  da  er  ja  in 
solchem  Falle  unbedingt  sterben  müsse,  und  entließ  den  Chow- 
drie nach  dieser  Erklärung,  ohne  auf  seine  Bitte  einzugehen. 
Indes  bald  darauf  kam  der  Chowdrie  wieder  und  drang  in 
den  Offizier,  das  Gesuch  des  Fakirs  nicht  abzuschlagen,  indem  er 
versicherte,  der  heilige  Mann  bringe  es  in  gutem  Glauben  vor 
und  wünsche  sehr,  innerhalb  des  militärischen  Gebiets  die  Probe 
machen  zu  dürfen,  da  er  dadurch  besseren  Beweis  liefere,  daß 
kein  Betrug  unterliefe,  als  wenn  er  sie  wo  anders  ausführe.  Er 
fügte  hinzu,  jener  habe  schon  öfters  sich  begraben  lassen  und 
seine  Heiligkeit  werde  ihn  jetzt  wie  früher  schützen.  Der 
Chowdrie  ging  so  gar  soweit,  zu  behaupten,  seine  Heiligkeit  habe 
ihm  einen  solchen  Einfluß  bei  Gott  gegeben,  daß  er,  so  lange  er 
auch  wünsche,  unter  der  Erde  vollständig  sicher  bleiben  könne. 
Endlich  erwiderte  der  Offizier :  ,,Gut,  wenn  der  Mann  entschlossen 
ist,  sich  begraben  zu  lassen,  so  sollen  Sie  meine  Erlaubnis  dazu 
haben,  falls  es  auf  militärischem  Gebiet  geschieht,  aber  ich  sorge 
dafür,  daß  kein  Streich  gespielt  und  er  wirklich  begraben  wird; 
und  um  es  um  so  mehr  sicherzustellen,  soll  sein  Grab  die  ganze 
Zeit  durch  eine  Wache  von  Mohammedanern  umgeben  werden, 
damit  kein  Hindu  während  dieser  Zeit  sich  demselben  nähert." 
Der  Chowdrie  zeigte  sich  mit  alledem  sehr  einverstanden  und 
schien   in    dem   Glauben,    daß    die   Heiligkeit    des  geweihten 


—      99      — 

Mannes  durchaus  genüge,  ihn  während  dieser  außerordentHchen 
Prüfung  zu  schützen. 

Darauf  gab  der  Offizier  sofort  den  Befehl,  einen  Korporal 
abzusenden,  der  acht  zu  geben  hatte,  ob  der  Mann  wirklich  be- 
graben werde,  und  eine  Wache  aufzustellen,  die,  in  gewöhnlicher 
Weise  abgelöst,  die  ganzen  neun  Tage  hindurch  strenge  Wacht 
am  Grabe  halten  und  niemandem  gestatten  sollte,  sich  demselben 
zu  nähern;  und  um  die  pünktliche  Ausführung  des  Befehls  zu 
sichern,  sollten  nur  Mohammedaner  zur  Wachmannschaft  be- 
stimmt werden. 

Wenige  Stunden,  nachdem  dieser  Befehl  gegeben  worden, 
kam  der  Unteroffizier  zurück  und  meldete,  daß  der  Heilige, 
nachdem  er  gewisse  Vorbereitungen  getroffen  und  von  der 
Menge  reich  beschenkt  worden,  sich  hingelegt  hätte  und  in  einen 
eigentümlichen  Zustand  geraten  sei,  worauf  seine  Begleitung 
seinen  Körper  in  eine  Hülle,  die  man  ,,Kumlee"  nennt,  gebracht 
und  dann  in  ein  Grab  gelegt  hätte,  das  auf  gewöhnliche  Weise 
gegraben  und  von  dem  üblichen  Umfang  gewesen  sei,  3 — 4  Fuß 
tief;  dann  hätte  man  auf  seinen  Körper  Erde  geschüttet.  Ein 
Sarg  war  nicht  benutzt  worden.  Nachdem  dies  geschehen,  hatte 
man  eine  Wache  von  Mohammedanern  aufgestellt,  mit  dem  Be- 
fehl, das  Grab  zu  umschreiten  und  auf  keinen  Fall  zu  erlauben, 
daß  jemand  sich  demselben  nähere. 

Alle  zwei  Stunden  wurde  dem  Offizier  und  seinem  Ad- 
jutanten gemeldet,  daß  die  neue  Wache  aufgezogen  sei  und  die 
alte  abgelöst  habe,  und  daß  alles  sich  genau  in  demselben  Zu- 
stand befinde  wie  damals,  als  man  die  Erde  über  den  Büßer  ge- 
schüttet hatte.  So  unbezwinglich  war  die  Abneigung  der  Mo- 
hammedaner-Posten gegen  die  Inder,  daß  sie  keinem  derselben 
erlauben  wollten,  auch  nur  dem  Grabe  sich  zu  nähern,  um  einen 
Brocken  des  geweihten  Bodens  zu  nehmen,  der  den  heiligen 
Mann  bedeckte  (eine  nach  ihrer  Meinung  unschätzbare  Gabe). 
Die  Hindus  glaubten  bestimmt,  daß  er  am  neunten  Tage,  wie 
er  vorausgesagt,  auferstehen  werde. 

Am  Abend  des  dritten  Tages,  als  andere  dringende  und 
wichtige  Pflichten  schon  vollständig  den  begrabenen  Fakir  aus 
seinem  Gedächtnis  gestrichen  hatten,  wurde  die  Aufmerksamkeit 
des  Offiziers  wieder  auf  diesen  Gegenstand  gelenkt  durch  je- 


—       lOO      — 

manden,  der  ihm  meldete,  der  Posten  sei  abgelöst  und  mit  dem 
Toten  sei  alles  in  Ordnung,  d.  h.  alles  noch  in  dem  Zustande, 
wie  es  vor  drei  Tagen,  als  er  begraben  worden,  gewesen.  Auf 
diese  Anzeige  hin  wurde  der  Offizier,  dessen  Glaube  an  den 
Schutz,  den  der  Büßer  unter  solchen  Umständen  an  seiner 
Heiligkeit  hatte,  weniger  fest  war  als  der  der  Hindus,  unruhig, 
um  so  mehr,  da  er  in  Verlegenheit  kommen  konnte,  weil  die 
Sache  mit  seiner  Bewilligung  innerhalb  des  militärischen  Ge- 
bietes geschehen  war  und  er  eine  Wache  an  das  Grab  gestellt 
hatte,  und  daß  er,  falls  der  Mann  stürbe,  was  nach  seiner  Auf- 
fassung bald  geschehen  mußte,  als  der  Teilnahme  an  dem  Morde 
verdächtig,  seine  Stellung  verlieren  würde,  außer  sonstigen 
Übeln  Folgen. 

Deshalb  eilte  der  Offizier  nach  Hause  und  schickte  sofort 
nach  dem  Chowdrie,  der  ihn  um  seine  Zustimmung  zur  Aus- 
führung des  Unternehmens  innerhalb  der  militärischen  Grenzen 
angegangen  hatte,  teilte  ihm  seine  Sorgen  und  seine  Zweifel  mit 
und  forderte  die  sofortige  Ausgrabung  des  Büßers.  Darauf  bat 
ihn  der  Chowdrie,  keine  Sorge  um  die  Sicherheit  des  begrabenen 
Heiligen  zu  haben,  da  derselbe  schon  oft  in  derselben  Weise 
begraben  worden,  und  fügte  hinzu,  derselbe  sei  so  sehr  durch 
seine  Heiligkeit  geschützt,  daß  er  auch  nach  zwölfmonatigem 
oder  selbst  hundertjährigem  Aufenthalte  im  Grabe  ganz  wohl 
sein  und  sicherlich  wieder  zu  sich  kommen  würde.  Er  drang 
deshalb  in  den  Offizier,  doch  denselben,  wie  es  ausgemacht,  die 
vollen  neun  Tage  im  Grabe  zu  belassen. 

Vertrauen  in  die  Militärbehörde  und  Zuversicht  waren  bei 
dem  Brahminen  stärker,  der  in  seiner  enthusiastischen  Über- 
zeugung darauf  drang,  daß  die  Ausgrabung  erst  nach  völligem 
Ablauf  der  stipulierten  Zeit  vor  sich  gehen  sollte.  Der  Offizier 
konnte  hierin  nicht  nachgeben,  sondern  bestand  auf  der  so- 
fortigen Ausgrabung  des  heiligen  Mannes;  überdies  befahl  er 
zu  seinem  eigenen  Schutze,  daß,  wenn  seine  Befürchtungen  sich 
erfüllten  und  der  Büßer  tot  gefunden  würde,  der  Chowdrie  dessen 
Leichnam  sofort  aus  dem  militärischen  Gebiete  entfernen  sollte. 

Um  sich  noch  mehr  vor  jedem  Mißgeschick  zu  schützen,  ließ 
mein  Freund  sofort  sein  Pferd  satteln  und  ritt  auf  das  betreffende 
Feld,  um  Augenzeuge  der  kommenden  Dinge  zu  sein.   Als  er  auf 


—       lOI       — 

dem  Platze  eintraf,  fand  er  das  Grab  von  einer  ungeheuren  Menge 
von  Hindus  umgeben,  die  alle  gespannt  darauf  warteten,  Zeugen 
dieser  Ausgrabung  oder  der  Auferstehung  ihres  heiligen  Bruders 
zu  sein.  Da  der  Chowdrie  gleichzeitig  eingetroffen  war,  so  gab 
man  sofort  den  Befehl,  den  Erdhügel  abzutragen  und  den  Körper 
des  Heiligen  herauszunehmen.  Zum  Entsetzen  unseres  Offiziers 
kam  er  auch  wirklich  heraus,  eingehüllt  in  die  Decke  von  Kamel- 
haar; und  als  man  diese  entfernte,  fand  man  den  Körper  kalt 
und  steif  wie  eine  Mumie.  Als  er  mit  Auge  und  Hand  sich  per- 
sönlich davon  überzeugt  hatte,  war  er  seines  Unglücks  sicher, 
sah  sich  schon  abgesetzt  und  als  Mitschuldiger  am  Tode  dieses 
Heiligen-Schwärmers  vor  Gericht  gestellt. 

Für  ihn  gab  es  nur  die  eine  Hoffnung,  nach  seiner  Meinung 
eine  vergebliche,  daß  der  Fakir  durch  die  Mittel,  welche  zwei 
seiner  Jünger  bei  ihm  seinen  Vorschriften  entsprechend  an- 
wandten, wieder  hergestellt  werden  könnte.  Sie  rieben  mit  einer 
Salbe  Kopf,  Augen  und  Augenbrauen,  Handteller  und  Fußsohlen 
ein,  und  besonders  sorgfältig  rieben  sie  dieselbe  Salbe  wiederholt 
in  der  Herzgegend  ein.  Fast  eine  Viertelstunde  lang  hatten  sie 
diese  Bemühungen  fortgesetzt,  ohne  daß  anscheinend  irgend  ein 
Erfolg  an  dem  dieser  Prozedur  unterworfenen  Körper  sichtbar 
wurde,  und  so  schwand  die  letzte  Hoffnung  des  Europäers.  Die 
Eingeborenen  dagegen  hielten  aus.  Sie  setzten  ihre  Manipu- 
lationen mit  unermüdlichem  Eifer  fort  und  waren  endlich  im- 
stande, die  Augenlider  zu  heben;  das  Auge  sah  starr  aus  wie  bei 
einer  Leiche. 

Allmählich  jedoch  konnte  man  leichte  Bewegungen  der 
Augen  bemerken,  die  langsam  zunahmen,  bis  auch  der  Kopf 
bewegt  wurde ;  und  nach  fortgesetzten  Bemühungen  und  Kneten 
der  Brust  hob  sich  endlich  diese,  bis  er  schließlich  einige  Worte 
sprechen  konnte,  zur  unaussprechlichen  Freude  des  Europäers 
und  der  zahlreich  versammelten  Brahminen  und  anderen  Ein- 
geborenen. 

Ungefähr  in  einer  Stunde  war  der  Fakir  ziemlich  wieder  im 
Besitz  seiner  geistigen  und  körperlichen  Fähigkeiten,  und  der 
Major  verließ  den  Platz  erfreut,  von  der  Sorge  befreit,  seine 
Stellung  zu  verlieren  und  als  Mitschuldiger  am  Tode  dieses 
Büßers  vor  Gericht  gestellt  zu  werden.   Letzterer  aber  blieb  auf 


—       102      — 

dem  Platze  und  nahm  die  Glückwünsche  und  zahlreichen  Ge- 
schenke seiner  Anhänger,  die  ihrer  Bewunderung  und  Verehrung 

lauten  Ausdruck  gaben,  entgegen. 

* 

Endlich  noch  eine  sorgfältige  Untersuchung  aus  neuester  Zeit ! 

Im  Correspondenz-Blatt  der  Deutschen  Gesellschaft  für 
Anthropologie,  Ethnologie  und  Urgeschichte,  XXVII.  Jahr- 
gang, 1896,  gibt  Aurel  von  Török  folgenden  Bericht  über  die 
Yogis  oder  sogen.  Fakire  in  der  Milleniums- Ausstellung  zu 
Budapest : 

,,Seit  der  Eröffnung  der  Milleniums- Ausstellung  in  Budapest 
werden  in  einer  besonderen  Abteilung  ,,ös-Budavär"  (,, Uralte 
Festung  von  Ofen")  zwei  sog.  Yogi  aus  Hindostan,  Anhänger 
des  Aryasamädsch,  der  Sekte  des  Religion-Neuerers  Svämi 
Dayänand  Sarasvati,  abwechselnd  je  auf  8  oder  14  Tage  ver- 
mittelst des  Hypnotismus  in  einen  lethargischen  Schlaf  ver- 
setzt. Sowohl  die  Einschläferung  wie  auch  die  Erweckung  ge- 
schieht öffentlich  vor  dem  Publikum,  und  ebenso  wird  auch  der 
eingeschläferte  und  in  einem  eleganten  gläsernen  Sarge  liegende 
Yogi  dem  Publikum  zur  Schau  ausgestellt. 

Am  23.  d.  M.  wurde  der  eine  Yogi  namens  Bhimsen  Pratäp 
(aus  dem  Pandschäb  gebürtig,  24  Jahre  alt)  abends  um  7  Uhr 
aus  seinem  achttägigen  Schlafe  erweckt,  hingegen  der  andere 
Yogi  namens  Gopäl  Krischna  (26  Jahre  alt)  am  Pfingstsonntag 
nachmittags  um  3  Uhr  eingeschläfert. 

Beide  sind  Äryas  und  gehören  der  zweiten  Kaste,  nämlich 
der  der  Kschatriyas  an.  Beide  sind  intelligente,  studierte  junge 
Leute,  die  das  Dayänand-College  in  Labore  absolvierten, 
sprechen  und  schreiben  geläufig  englisch,  und  sprechen  außer 
ihrer  speziellen  Muttersprache  noch  andere  indische  Sprachen.  — 
Beide  Yogis  weisen  die  edleren  Rassenmerkmale  der  Äryas  auf, 
sind  von  mittlerer  Körpergröße,  wohlproportioniertem  Körper- 
bau, dunklerer  (schwärzlich-brauner)  Hautfarbe,  ihr  Körper 
mäßig  behaart,  die  pechschwarzen  Haare  lockig  (bei  dem 
einen,  Gopäl  Krischna,  gekräuselt).  Das  Unterhaut-Fettgewebe 
sehr  mäßig,  die  Muskulatur  gut  entwickelt,  Knochen  mehr 
zart.  —  Die  jungen  Leute  mäßig  kräftig.  Sie  sind  Vegetarianer, 
ihre  Hauptnahrung  besteht  aus  Milch,   Eiern,   Reis,   Gemüse, 


—     I03     — 

Obst  und  anderer  Pflanzennahrung,  angeblich  essen  sie  nie 
Fleischspeisen. 

Beide  erzählten  mir,  daß  sie  sich  der  Theologie  (oder  wie 
sie  sagten:  der  Theosophie)  widmen  und  seit  ihrem  17.  Lebens- 
jahre Yogi  sind.  Das  Wort  Yoga  bedeutet  die  Vereinigung 
Dschivätma  und  Paramätma,  d.  h.  der  individuellen  Seele  und 
der  Allseele.  Die  asketischen  Übungen,  durch  welche  die  Ver- 
einigung angeblich  herbeigeführt  wird,  werden  mit  dem  Namen 
Hathayoga  bezeichnet.  .  .  . 

Nun  will  ich  darüber  berichten,  was  ich  bei  der  Einschläfe- 
ning  und  bei  der  Erweckung  gesehen  habe. 

Gestern  (24.  Mai)  kam  die  Reihe  der  Einschläferung  an 
Gopäl  Krischna.  —  Bis  zum  Beginn  der  Einschläferung  war  der- 
selbe sehr  munter,  aufgeweckten  Geistes,  sehr  gesprächig  und 
bekundete  ein  lebhaftes  Interesse  für  das  anthropologische 
Studium,  bat  mich  auch,  ihm  nach  der  Erweckung  alles  zu 
erzählen,  was  mit  ihm  während  seines  Schlafes  vorgehen  sollte. 
—  Er  bat  mich  aber  ausdrücklich,  seinen  Körper  erst  nach 
20  Minuten  nach  der  Einschläferung  zu  berühren.  (Bei  dieser 
Einschläferung  war  auch  Prof.  Dr.  Benedikt  aus  Wien  zu- 
gegen.) 

Nach  einem  kurzen  (höchstens  3  Minuten  dauernden)  ein- 
tönigen Hermurmeln  eines  sanskritischen  Gebetes  wurde  Gopäl 
Krischna  in  den  erwähnten  geräumigen  (etwa  2  m  langen,  i  m 
hohen  und  etwas  mehr  als  i  m  breiten)  gläsernen  Sarg  auf  weicher 
Unterlage  gelegt  und  mittelst  einer  dichten  seidenen  Decke  bis 
zum  Kopfe  eingehüllt.  Sofort  schloß  er  seine  Augen  zu  und 
murmelte  einige  Minuten  hindurch  diejenigen  Gebete  nach,  die 
der  andere  Yogi  (Bhimsen  Pratäp)  eintönig,  aber  mit  von  Zeit 
zu  Zeit  rhythmisch  abgeändertem  Timbre  der  Stimme  her- 
sagte. Nach  etwa  3  Minuten  verstummte  der  Mund  Gopäls, 
während  Bhimsen  seine  monotone  Rezitation  noch  fortsetzte. 
Es  vergingen  abermals  3 — 4  Minuten,  dann  hörte  Bhimsen  plötz- 
lich mit  seiner  suggerierenden  monotonen  Rezitation  auf  und 
hob  das  obere  linke  Augenlid  seines  Genossen  empor;  der  Aug- 
apfel war  bereits  nach  innen  und  oben  gerollt  und  dem  Anschein 
nach  unempfindlich.  Bhimsen  überstrich  die  Stirn  und  das  Ge- 
sicht mit  einem  Tuche.   Der  Yogi  ward  als  eingeschlafen  erklärt. 


—     104    — 

In  der  Tat  lag  Gopäl  ganz  ruhig  in  seinem  Glassarge,  ohne  Be- 
wegung, die  Atmung  war  ebenfalls  ganz  ruhig  und  durch  die 
Decke  hindurch  nur  bei  angespannter  Aufmerksamkeit  wahr- 
nehmbar. Nach  Verlauf  von  20  Minuten  wurde  das  eine  und 
andere  obere  Augenlid  gehoben,  der  Aue^apfel  betastet,  der  Herz- 
schlag und  der  Pulsschlag  befühlt,  sowie  die  Atmung  durch  Auf- 
legung der  Hand  auf  die  Magengegend  (R.  epigastrica)  unter- 
sucht. Die  Körperwärme  war  normal  37°  C,  der  Puls  80,  Re- 
spiration 18,  die  Muskulatur  erschlafft,  der  Augapfel  unemp- 
findlich. Heute,  also  nach  24  Stunden,  fand  ich  Gopäl  ganz  ruhig, 
kaum  bemerkbar  atmend,  in  seinem  Glassarge  liegend,  die  Ge- 
sichtshaut schien  mir  etwas  welk,  eingefallen.  Körpertemperatur 
36°  C,  Puls  76,  Atmung  16.  Der  warme  Körper  ließ  sich  unter 
der  Decke  weich  anfühlen. 

Bevor  ich  auf  die  Besprechung  dies  Schlafes  übergehe, 
wollen  wir  zuerst  sehen,  wie  die  Erweckung  aus  einem  solchen 
lethargischen  Zustande  vor  sich  geht. 

Samstag  (23.  Mai)  abends  um  7  Uhr  wurde  der  Glassarg 
mit  dem  darin  schlafenden  Yogi  Bhimsen  Pratäp  vor  dem 
Publikum  auf  das  Podium  gestellt.  Gopäl  stützte  sich  mit 
seinen  zum  Gebet  gefalteten  Händen  an  den  Sarg  und  rezitierte 
ganz  laut,  aber  mit  abwechselnder  Stärke  seiner  Stimme  in 
sanskritischer  Sprache  ein  Gebet,  was  etwa  8  Minuten  dauerte, 
dann  bestrich  er  mittelst  eines  Tuches  die  Stirn,  Augen,  Nase, 
Mund  des  noch  immer  ganz  reglos  daliegenden  Bhimsen  und 
öffnete  die  Augen,  die  noch  ganz  unempfindlich  waren;  das 
Atmen  war  noch  immer  ruhig  und  sehr  oberflächlich.  Bhimsen 
fing  abermals  ganz  laut  zu  rezitieren  an,  was  etwa  5  Minuten 
lang  dauerte.  Während  dieser  Zeit  bemerkte  man,  daß  die 
Respiration  stärker  und  beschleunigter  wurde.  Ein  Geräusch 
der  ein  und  aus  strömenden  Luft  war  jedoch  nicht  vernehmbar. 
Gopäl,  indem  er  plötzlich  sehr  laut  und  immer  lauter  rezitierte, 
faßte  nun  den  Kopf  des  schlafenden  Bhimsen,  schüttelte  den- 
selben ziemlich  kräftig,  wischte  mit  dem  Tuche  öfters  über  das 
Gesicht,  öffnete  die  Augen  und  öffnete  gewaltsam  den  Mund, 
ohne  sein  sehr  lautes  Rezitieren  zu  unterbrechen.  Etwa  nach 
5  Minuten  hörte  man  zuerst  das  Geräusch  einer  röchelnden 
Atmung  und  bald  darauf  einen  krampfhaft  und  plötzlich  her- 


—     I05     — 

vorgestoßenen,  unartikulierten,  dumpfen  Laut,  wie  man  dies 
bei  schlaftrunkenen  Menschen  gelegentlich  zu  hören  bekommt. 
Gopäl  rezitierte  ohne  Unterbrechung  weiter,  schüttelte  wieder- 
holt den  Kopf  und  hob  mit  Hilfe  eines  Dieners  den  noch  immer 
schlaftrunkenen  Bhimsen  hervor,  um  den  Körper  in  eine  auf- 
recht sitzende  Lage  zu  bringen.  Es  wurde  fortwährend  die 
Brust,  namentlich  die  Herzgegend  kräftig  betastet,  gestreichelt, 
der  Rücken  geklopft,  das  Gesicht  mit  dem  Tuche  abgewischt. 
Infolge  dieser  stärkeren  Reize  kam  Bhimsen  sehr  rasch  zum  Be- 
wußtsein, und  nach  einigen  krampfhaften  Körperbewegungen 
rief  er  mit  heiserer  Stimme :  ,,Milk".  Es  wurde  ihm  nacheinander 
schluckweise  Milch  in  den  Mund  eingeflößt;  die  Kopf-  und  Ge- 
sichtshaut bedeckte  sich  mäßig  mit  Schweiß,  die  Augen  blieben 
bereits  offen,  die  Gesichtszüge  waren  schroff  verzogen,  wie  bei 
heftigem  Unwohlsein.  Nun  fing  auch  der  bereits  erwachte 
Bhimsen  mit  schwacher,  heiserer  Stimme  zu  rezitieren  an. 
Nach  einigen  Minuten  wurde  er  aus  dem  Sarge  gehoben  und  auf 
einen  Sessel  gesetzt.  Es  wurde  ihm  noch  etwas  Milch  gereicht, 
sein  Körper  frottiert,  sein  leichter,  luftiger  Anzug  in  Ordnung 
gebracht,  wonach  er  selbst  aufstand  und  sich  dem  Publikum 
zeigte.  Es  dauerte  mehr  als  eine  halbe  Stunde,  bis  alles  zu  Ende 
war.  Eine  Stunde  darauf  fuhren  wir  mit  Bhimsen  auf  der  Tram- 
bahn in  die  Stadt;  der  auferweckte  Yogi  war  ganz  munter  und 
plauderte  lebhaft,  nur  beklagte  er  sich  über  Müdigkeit.  Nach 
dem  Erwachen  wurde  Bhimsen  auf  einer  Fairbankwage  gewogen, 
wobei  es  sich  herausstellte,  daß  er  während  des  achttägigen 
Schlafes  6  Kilo  an  Körpergewicht  verloren  hatte. 

Über   den   Verlauf   dieses   achttägigen   Schlafes   Bhimsens 
melden  die  ärztlichen  Bulletins  folgendes: 

Tag  der  Einschläferung:  i6.  Mai  1896,  7,45  Uhr  abends. 

Körpergewicht  =  64   Kilo,    Körpertemp.   =  37.6°   C,    Puls 
74,  Atmung  =  18. 
16.  Mai  II  Uhr  —  Min.  abends,   Körpert.  37 ^     C,  Puls  72,  Atm.  16 


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21.  Mai   9  Uhr  45  Min.  abends,  Körpert.  36.8^0,  Puls  60,  Atm.  10 

22.  „      6    ,,    40    ,,        „  „        36.9^C,     „    64,      ,,    II 

22.  „    12     ,,    10    ,,    mittern.         ,,        36.7^ C,     „    60,      ,,    11 

23.  ,,      5     ,,    10    ,,    nachm.  „        364^  C,     ,,    60,      „    12 
Körpergewicht  nach  der  Erweckung  =  58  Kilo. 

Behufs  Beurteilung  der  soeben  mitgeteilten  Beobachtungen 
muß  ich  betonen,  daß  hier  von  einer  streng  wissenschaftlichen 
und  kontrollierenden  Aufsicht  nicht  die  Rede  sein  kann.  Die 
Produktionen  geschahen  im  Interesse  der  Unternehmung  und 
im  Interesse  des  die  Ausstellung  besuchenden  großen  Publikums. 
Eine  derartige  Ausstellung  ist  weder  der  geeignete  Ort  noch  der 
geeignete  Zeitpunkt  behufs  streng  wissenschaftlicher  Unter- 
suchungen. 

Da  die  Yogis  in  freier  Luft  schlafen,  kann  es  sich  nur  um 
einen  verlängerten  hypnotischen  Zustand  handeln.  Dieser  Zu- 
stand ist  zwar  ein  katalep tischer  (lethargischer),  aber  kein 
asphyk tischer.  Die  Herztätigkeit  sowie  die  Atmung  ist  in 
keinem  Momente  unterbrochen,  und,  wie  wir  aus  den  Bulletins 
ersehen,  weist  weder  die  Anzahl  der  Herzschläge  noch  die  An- 
zahl der  Atembewegungen  eine  große  Verschiedenheit  von  dem 
normalen  Zustande  während  des  Wachseins  auf.  Das  Ganze  ist 
also  nichts  anderes,  als  eine  durch  lange  Übung  erworbene 
Fähigkeit  (wobei  auch  eine  geeignete  Naturanlage  mit  im  Spiel 
sein  mag),  sich  in  den  hypnotischen  Zustand  zu  versetzen  und 
in  dieser  Hypnose  längere  Zeit  ohne  üble  Folgen  zu  verharren. 
Wie  mir  sowohl  Gopäl  als  auch  Bhimsen  versicherte,  soll  die 
Lebensdauer  infolge  dieser  zeitweilig  wiederholten  Einschläfe- 
rungen sogar  sich  verlängern,  was  wohl  kaum  als  eine  sichere 
Tatsache  anzusehen  ist.  Merkwürdig  ist  das  rasche  Einschlafen 
mit  auffallender  Anästhesie  des  Augapfel«,  jedoch  muß  bemerkt 
werden,  daß  auch  im  vollkommen  wachen  Zustande  der  Be- 
rührung der  Conjunctiva  bulbi  auffallend  weniger  von  diesen 
Menschen  empfunden  wird,  als  man  erwarten  sollte.  Daß  während 
des  Schlafes  sowohl  Analgesie  wie  auch  Anästhesie  vorhanden 
ist,  war  zu  erwarten.  Interessant  war  auch,  daß  unmittelbar 
vor  dem  Erwachen  eine  Flexibilitas  cerea  (die  wächserne  Bieg- 
samkeit) sowie  ein  Krampf  in  den  drei  ersten  Fingern  der  etwas 
supinierten  Hand  auftrat.   Unmittelbar  vor  dem  Erwachen  trat 


—     lo;     — 

der  abdominale  Typus  der  Atembewegung  auf,  um  erst  später 
in  den  thoracicalen  Typus  überzugehen.  Eine  Cheyne-Stokes- 
sche  Gruppierung  der  Atembewegungen  war  jedoch  weder  wäh- 
rend des  hypnotischen  Schlafes  noch  unmittelbar  vor  dem 
Erwachen  zu  beobachten,  obgleich  sowohl  der  Typus  als  auch 
die  Energie  der  Atembewegungen  variierte.  Nach  der  Er- 
weckung war  ein  Pulsus  celer  vorhanden.  Endlich  muß  es  als 
auffallend  bezeichnet  werden,  daß  die  Erholung  nach  dem  Er- 
wecken aus  dem  achttägigen  Schlafe  so  rasch  vor  sich  ging.  Daß 
der  Eingeschläferte  während  der  acht  Tage  hier  und  da  momen- 
tan die  Augen  öffnete,  sowie  seine  Hände  etwas  bewegte,  wurde 
beobachtet.  Es  wäre  im  Interesse  der  Wissenschaft  zu  wünschen, 
daß  die  hypnotischen  Produktionen  der  Yogis  einer  streng 
wissenschaftlichen  Kontrolle  unterzogen  würden,  was  bei  anderen 
Gelegenheiten,  als  die  jetzige  Milleniums- Ausstellung  ist,  gewiß 
viel  leichter  von  den  Unternehmern  erlaubt  würde." 

Man  kann  sich  eines  Gefühles  lebhaften  Bedauerns  nicht 
erwehren,  wenn  man  sehen  muß,  daß  Török  seine  Zeit  an  ein 
Schwindlerpaar  verschwendet  hat.  Diese  beiden  Fakire  nämlich 
wurden  schließlich  —  bald  nachdem  vorstehender  Bericht  ver- 
öff enthebt  war  —  als  Betrüger  entlarvt.  ,,Ein  paar  Herren, 
denen  der  ganze  Vorgang  unglaublich  erschien,  versteckten  sich 
eines  Abends  in  dem  Raum,  in  dem  der  gläserne  Sarg  stand,  und 
sahen  nach  einigen  Stunden  in  der  Nacht,  wie  sich  der  Sarg- 
deckel hob  und  der  angebhch  scheintote  Fakir  aufstand,  um 
sich  an  einem  Kuchen  und  an  einer  Flasche  Milch  gütlich  zu 
tun.  Unverzüglich  sprangen  sie  hervor  und  packten  den  Fakir, 
und  damit  hatten  die  beiden  Inder  ihre  Rolle  in  Budapest  aus- 
gespielt. Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  hat  der  entlarvte  Fakir 
regelmäßig  in  der  Nacht  Nahrung  zu  sich  genommen;  aber  wir 
müssen  doch  annehmen,  daß  er  sich  darauf  für  nahezu  24  Stunden 
durch  Autohypnose  zu  betäuben  pflegte;  denn  daß  derjenige 
der  beiden  Inder,  der  gerade  an  der  Reihe  war,  am  Tage  im  Zu- 
stand der  Starre  im  Sarge  lag,  ist  ja  durch  die  untersuchenden 
Arzte  in  Budapest  festgestellt  worden."    (Garbe,  Beiträge  202.) 

Jacolliot,  vordem  französischer  Oberrichter  in  Chander- 
nagore,  hatte  angeblich  Gelegenheit,  mit  einem  tamulischen 
Yogin,  Govindasvämin  mit  Namen,  allerlei  Experimente  vor- 


—     io8     — 

zunehmen,  worüber  Meyrink  (im  ,,März"  I,  p.  171)  folgende 
Zusammenstellung  gibt: 

,,Ich  fragte  den  Fakir,  ob  er  einen  besonderen  Platz  ein- 
nehmen wolle.  Er  antwortete,  es  sei  gleichgültig,  und  ich  ging 
hierauf  mit  ihm  auf  die  Terrasse  meines  Hauses,  die  heller  war 
als  das  Zimmer  und  zu  scharfer  Beobachtung  besser  geeignet. 

Auf  meine  Frage,  ob  er  (der  Fakir)  etwas  Näheres  über  die 
Kraft  wisse,  die  sich  in  ihm  offenbare  und  die  Phänomene  er- 
zeuge, und  ob  er  sich  dabei  gewisser  Veränderungen  im  Gehirn 
oder  Muskeln  bewußt  sei,  antwortete  er :  ,Es  ist  keine  gewöhn- 
liche Naturkraft,  die  dann  wirkt,  —  ich  bin  nur  das  Instrument, 
ich  rufe  die  .  .  .an,  und  dadurch  kommt  diese  Kraft  in  Tätigkeit.' 
[Hierdurch  dokumentiert  Govinda-Swami,  daß  er  kein  hoch- 
stehender Yogi  ist.] 

Ich  habe  eine  Menge  Fakire  ausgefragt  und  immer  dieselbe 
Antwort  erhalten.  —  Ich  forderte  nun  Govinda-Swami  auf,  zu 
beginnen.  Er  streckte  seine  Hände  gegen  eine  ungeheure  Bronze- 
vase aus,  die  mit  Wasser  gefüllt  und  viele  Zentner  schwer  war, 
und  innerhalb  fünf  Minuten  begann  diese  sich  zu  bewegen  und 
sich  dem  Fakir  in  langsamem,  regelmäßigem  Tempo  zu  nähern. 
—  Wie  die  Entfernung  kleiner  wurde,  gab  sie  laute  metallische 
Klänge  von  sich,  wie  wenn  jemand  mit  einem  Eisenstab  daran 
schlüge,  und  manchmal  w^urde  das  Geräusch  so  dicht  und  stark 
wde  das  Aufbrassein  eines  Herdfeuers. 

Ich  verlangte  das  Stillstehen,  Weitergehen  und  abermalige 
Stillstehen  der  Vase,  und  es  geschah,  wie  ich  befahl.  Dann 
forderte  ich,  daß  die  Metalltöne  nach  genau  zehn  Sekunden 
wieder  erklingen  sollten,  und  überzeugte  mich  nach  der 
Taschenuhr  von  der  Präzision  des  Phänomens,  —  meinem 
Wunsch,  daß  die  Schläge  sich  nach  dem  Takte  einer  Musikdose, 
die  ich  zu  diesem  Zwecke  aufzog,  richten  sollten,  wurde  eben- 
falls Folge  geleistet,  kurz,  ich  unterließ  nichts,  um  die  Über- 
zeugung zu  gewännen,  daß  Govinda-Swami  vollkommen  Herr 
über  die  Äußerungen  der  sonderbaren  Kraft  war.  —  Dreimal 
erhob  sich  die  enorm  schwere  Vase  einige  Zoll  über  den  Boden 
und  fiel  lautlos  wieder  zurück,  —  und  das  Wasser  darin 
schwankte  niemals,  so  sehr  das  Gefäß  auch  schaukelte.  Alles  in 
heUem  Tageslicht! 


—     I09     — 

Andere  Versuche: 

Wir  schütteten  feinen  Sand  auf  den  Fußboden  und  gaben 
ihm  eine  möghchst  ebene  Oberfläche,  dann  setzte  ich  mich,  mit 
Papier  und  Bleistift  versehen,  an  meinen  Tisch.  Der  Fakir  nahm 
ein  Stück  Holz  und  legte  es  vorsichtig  auf  den  Sand.  — 

,Gib  acht!'  sagte  er,  ,wenn  das  Holz  sich  von  selber  auf- 
richtet und  du  beschreibst  sodann  mit  dem  Bleistift  auf  dem 
Papier  beliebige  Figuren  und  Arabesken,  so  wird  es  unten  auf 
dem  Sand  genau  dieselben  Bewegungen  machen.'  —  Hierauf 
streckte  er  wieder  seine  Hände  aus,  und  nach  wenigen  Minuten 
schon  richtete  sich  das  Holz,  so  wie  er  gesagt  hatte,  auf.  Jede 
Figur,  mochte  sie  noch  so  wirr  und  verzwickt  sein,  die  ich  nun 
auf  mein  Papier  zeichnete,  wurde  in  demselben  Augenblick  unten 
auf  dem  Fußboden  von  dem  Holzstab  in  den  Sand  gegraben.  — 
Hielt  ich  still,  so  hielt  auch  der  Stab  inne.  Der  Fakir  stand 
währenddessen  weit  davon  entfernt  an  der  Wand,  und  wenn 
ich  auch  die  Figuren,  die  ich  zeichnete,  sorgfältig  mit  der 
Hand  verbarg,  so  störte  das  das  Phänomen  dennoch  nicht  im 
geringsten. 

Schließlich  forderte  mich  Govinda  auf,  irgend  welche  Worte 
in  Sanskrit  zu  denken,  und  sofort  schrieb  das  Holz:  Adicete 
Veikountam  Haris  (Vischnu  schläft  auf  dem  Berge  Eikonta)^ 
genau,  wie  ich  es  mir  gedacht  hatte. 

* 

Vor  dem  Ausgang  lag  ein  Garten,  in  dessen  Mitte  ein  Hindu- 
wasserträger vermittels  eines  über  eine  Rolle  laufenden  Seiles 
Wasser  aus  dem  Brunnen  schöpfte.  —  Govinda  streckte,  ohne 
daß  ihn  der  Hindu  sehen  konnte,  seine  Hände  aus,  und  die  Folge 
war,  daß  der  Wasserträger  das  Seil  xiicht  mehr  bewegen  konnte, 
trotzdem  er  alle  seine  Kraft  aufbot.  Wie  die  abergläubischen 
Hindu  stets  in  Situationen,  die  ihnen  auffallend  scheinen,  zu 
tun  pflegen,  so  begann  auch  dieser  sofort  die  volkstümlichen 
Formeln  gegen  die  bösen  Geister  herzusagen,  kaum  aber  hatte 
er  den  Mund  geöffnet,  als  ihm  auch  schon  die  Worte  in  der  Kehle 
stecken  blieben  und  er  keinen  Ton  herausbrachte.  Erst  als 
Govinda  die  Hände  sinken  ließ,  drehte  sich  auch  die  Wasser- 
rolle wieder." 


—     HO     — 

Femer:  Der  Fakir  stellte  den  kleinen  Kupferherd  (solche 
sind  oft  in  Indien  in  Gebrauch  und  dienen  zum  Verbrennen  von 
Räucherwerk)  in  die  Mitte  der  Terrasse  und  legte  das  Räucher- 
werk darauf. 

Dann  nahm  er  seine  gewöhnliche  Stellung  ein  und  begann 
seine  Anrufungen.  Als  er  damit  zu  Ende  war,  verharrte  er  in 
seiner  Stellung,  die  linke  Hand  auf  dem  Herzen,  die  rechte  auf 
seinen  Bambusstock  mit  den  sieben  Knoten  gestützt.  Ich  dachte, 
er  werde  wie  früher  einmal  in  kataleptischen  Schlaf  verfallen, 
aber  es  war  nicht  der  Fall.  Von  Zeit  zu  Zeit  drückte  er  seine 
Hand  an  die  Stime.  Plötzlich  gab  es  mir  einen  Ruck.  Eine 
phosphoreszierende  Wolke  schien  sich  inmitten  des  Zimmers  ge- 
bildet zu  haben,  und  mit  großer  Schnelligkeit  zuckten  menschen- 
ähnliche Hände  aus  ihr  hervor.  —  In  einigen  Minuten  wurden 
diese  Hände  weniger  dampfähnlich  und  gewannen  an  Deutlich- 
keit. Manche  waren  leuchtend  und  durchscheinend,  so  daß 
man  durch  sie  hindurch  die  Gegenstände  sehen  konnte,  andere 
wieder  waren  dicht  und  warfen  Schatten,  wie  gewöhnliche 
materielle  Dinge.  Ich  zählte  ihrer  sechzehn.  Ich  woUte  den 
Fakir  fragen,  ob  ich  die  Hände  berühren  könne,  da  trennte  sich 
eine  von  ihnen  los  und  drückte  meine  ausgestreckten  Finger;  — 
sie  war  klein  und  weich,  wie  die  eines  jungen  Weibes.  —  Derlei 
Erscheinungen  dauerten  fast  zwei  Stunden  an;  eine  Hand  brach 
Blumen  ab  und  warf  sie  mir  zu,  eine  andere  fuhr  mir  übers 
Gesicht,  wieder  andere  schrieben  Sätze,  die  einen  Moment  auf- 
leuchteten und  dann  verschwanden,  an  die  Wand.  —  Einige 
der  Worte  notierte  ich  schnell  mit  Bleistift,  zum  Beispiel: 
Dioyavapour  gatwä  (Sanskrit:  ,Ich  habe  mich  mit  einem  flui- 
dischen Körper  bekleidet')." 


IV.  Kapitel. 

Berichte  über  die  Yogins  aus  Reisewerken. 

Eine  so  sonderbare  Gesellschaft  wie  die  Yogins  und  Fakire 
konnte  natürlich  der  Aufmerksamkeit  der  Reisenden  nicht  ent- 
gehen; gehören  sie  doch  zum  Märchenhaftesten  im  Märchen- 
lande Indien !  Schon  die  Griechen,  die  Alexander  den  Großen  auf 


—     III     — 

seinem  Zuge  dahin  begleiteten,  haben  uns  Nachrichten  über  die 
Büßer  gegeben;  aber  auch  die  Missionare  und  andere  Männer, 
die  sich  in  neuerer  Zeit  in  Indien  aufgehalten  haben,  sind  selten 
in  ihren  Reisebeschreibungen  an  den  ,, Heiligen"  mit  Still- 
schweigen vorübergegangen.  Im  folgenden  gebe  ich  nun  eine 
Auswahl  solcher  Berichte;  sie  enthalten  zum  Teil  recht  interes- 
sante Nachrichten  und  geben  zugleich  einen  guten  Maßstab  ab 
für  die  Schärfe  des  Blickes  des  einzelnen  Reisenden. 

1.  Taverniers  Bericht  (ed.  Gen!  1681,  p.  21). 

Den  folgenden  Tag  hatte  ich  eine  andere  Kurzweil,  da  mir 
eine  Troppen  Mahometischer  Fakirs  und  Derwichs  begegnet, 
deren  zehlte  ich  57.  Ihr  Haubt  oder  Vorgesetzter,  wäre  des 
Chagehan-guir  Oberstallmeister,  dessen  Hof  derselbe  damalen, 
als  sein  Groß-Sohn  Sultan  Boulaki  auf  Befehl  seines  Oheims 
Chagehan,  wie  anderswo  gemeldet  werden  solle,  stranguhert 
worden,  quittiert.  Andere  vier  waren  nach  dem  Vorgesetzten, 
die  vornehmsten  dieser  Truppen,  und  auch  am  Hof  des  Cha-gehan 
gewesen.  Die  gantze  Kleidung  dieser  fünff  Dervichs  bestünde 
in  3.  oder  4.  Ehlen  Leinwat  Pomerantzenfarb,  davon  dieselben 
Gürtel  gemacht,  deren  Ende  einer  Seits  hinab  zwischen  den 
Schenkeln  durch,  und  auf  der  andern  Seiten  wiedrum  hinauf  bis 
under  den  Gürtel  gieng,  und  also  vor  und  binden,  was  die  Scham 
erfordert,  bedeckte.  Ein  jeder  hatte  auch  ein  Tigerhaut  auf  der 
Achsel,  under  dem  Kinn  gebunden:  vor  ihnen  her  wurden  8. 
schöne  gesattelte  und  gezäumte  Pferde  geführet,  drey  derselben 
hatten  güldene  Zaum,  und  die  Sättel  mit  güldenen  Spangen 
besetzt,  die  fünff  übrigen  aber  silberne  Zäume,  und  die  Sättel 
mit  silbern  Spangen,  jeder  von  einer  Leoparts-Haut  bedeckt. 
Die  andern  Dervichs  hatten  für  ihre  gantze  Kleidung  allein  ein 
Seil,  so  denselben  an  statt  eines  Gürtels  diente,  daran  ein  Stück- 
lein Leinwat  gebunden  war,  um  ihnen,  wie  den  andern,  die 
Schamglieder  zu  bedecken.  Das  Haar  ihres  Haubts  wäre  in 
Form  wie  Zöpffe  aufgebunden,  und  giengen  um  selbiges  herum, 
so  auf  Manier  eines  Türkischen  Bundsschiene.  Allesamt  waren 
wol  bewaffnet,  mehrentheils  mit  Bogen  und  Pfeüen,  etliche  mit 
Musqueten,  andere  mit  Springstöcken,  und  einer  Gattung 
Waffen,  deren  wir  in  Europa  keine  haben:  das  ist  ein  scharf fes 


—       112      — 

eisen  Blatt,  in  Form  eines  Schüssel-Randes  ohne  Boden,  der- 
selben legen  sie  acht  oder  zehen  über  den  Kopf  um  den  Hals, 
gleich  einem  Überschlag  also  tragend.  Wann  sie  sich  dieser 
gleichsam  flachen  Reiff  bedienen  wollen,  nehmen  sie  solche, 
und  werffens  wider  einen  Mann,  gleich  wie  etwan  bey  uns  mit 
einem  zinnern  Teller  beschieht,  mit  solcher  Stärcke,  daß  wenig 
fehlet,  derselbe  nicht  mitten  entzwey  geschnitten  werde.  Ein 
jeder  hatte  auch  noch  ein  Hörn,  gleichsam  wie  die  Jägerhom, 
damit  bey  dessen  Ankunfft  und  Abreis  an  einem  Ort,  er  ein 
grosses  Gethön  macht,  und  mit  einer  Scharre  oder  eisern  In- 
strument, ohn  gefahr  einer  Mörtelkellen  gleich,  wie  die  Indianer 
gewöhnlich  auf  der  Reise  tragen,  und  damit  den  Platz,  da  sie 
lagern  wollen,  schaben  und  butzen,  da  dann  etliche  pflegen  den 
Staub  auf  einen  Hauffen  zu  machen,  und  sich  dessen,  um  sanfft 
darauf  zu  ligen,  für  Matratzen  und  Haubtküssen,  zu  bedienen. 
Drey  dieser  Dervichs  hatten  lange  Fechtdegen,  die  sie  vermuht- 
lich  von  den  Engländern  und  Holländern  bekommen.  Ihre 
Bagage  bestünde  in  vier  Reis-Kisten,  mit  Arabischen  und  Per- 
sianischen  Büchern,  und  etwas  Kuchengeschirr;  und  hatten  lo. 
oder  12.  Ochsen,  um  die  Krancken  und  Unpäßlichen  zu  tragen. 
Wer  diese  Dervichs  an  dem  Ort,  da  ich  mit  meiner  Kutsche  ge- 
lagert, und  50.  Personen,  so  wol  Landleut,  die  man,  wie  vor- 
gemeldt,  in  der  Reise  mitnimmt,  als  meiner  eigenen  Knechte, 
bey  mir  hatte,  ankommen;  und  als  der  Vorgesetzte  dieser  Ge- 
sellschaft, mein  Geleit  sähe,  fragte  er,  wer  dieser  Aga  wäre,  und 
liesse  mich  hernach  bitte,  ihme  zu  weichen,  weilen  der  Platz 
vor  anderen  da  herum,  mit  seinen  Dervichs  zu  logiren,  bequem 
wäre.  Wie  mir  nun  dieser  Vorgesetzte,  und  die  andern  ihme 
folgende  Dervichs,  nach  ihrem  Stand  beschrieben  worden,  wollte 
ich  demselben  diese  Höflichkeit  gern  beweisen,  und  in  dasjenige, 
darum  dieselbigen  mich  freundlich  ersuchen  lassen,  wilhgen,  wie 
beschehen,  und  ihnen  von  dem  Ort,  den  ich  hatte,  wiche;  sinte- 
malen ein  anderer  Platz  mir  eben  so  gut  gewesen.  Alsobald 
wurde  der  Ort  mit  viel  Wasser  begossen,  und  sauber  und  eben 
gemacht;  und  wie  es  in  Winterszeit,  also  um  etwas  kalt  wäre, 
wurde  für  die  fünft  Dervichs  zwey  Feuer  angezündet,  welche 
sich  in  Mitten  setzten,  und  vor  und  binden  wärmeten.  Noch 
selbigen  Abend,  nachdeme  dieselbigen  zu  Nacht  gessen,  käme 


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—     113     — 

der  Gubernator  der  Stadt,  diesen  5.  Dervichs  Ehr  zu  beweisen, 
und  in  der  Zeit  sie  daselbsten  verharreten,  schickte  er  ihnen 
Reiß  und  anders,  so  sie  zu  essen  pflegen.  Wann  dieselben  an 
einem  Ort  ankommen,  schickte  der  Vorgesetzte  etliche  in  die 
Städte  und  Dörffer  zu  bettlen,  und  die  Nahrung,  so  selbe  mit- 
bringen, und  für  Allmosen  bekommen,  wird  alsobald  in  gleiche 
Portion  under  ihnen  außgetheilt,  da  dann  ein  jeder  sein  Reiß  zu 
kochen,  sorgen  mag:  was  übriget,  geben  sie  alle  Abend  den 
Armen,  und  behalten  nichts  bis  den  folgenden  Tag  .  .  . 

S.  156:  MAn  erzehlet,  daß  in  dem  Orientalischen  Indien 
auf  achtmal  hundert  tausend  Mahometanische,  und  zwölff  mal 
hundert  tausend  abgöttische  Fakirs  seyen,  welches  eine  entsetz- 
liche Menge  ist.  Es  seynd  lauter  Landstreicher  und  Faulentzer, 
welche  das  Werck  durch  einen  falschen  Eifer  verblenden,  und  sie 
bereden,  daß  was  auß  ihrem  Mund  gehe,  eine  Götter- Antwort  seye. 

Es  gibt  underschiedliche  dieser  Mahometanischen  Faquirs. 
Etliche  gehen  fast  gantz  blos  wie  die  abgöttischen  Faquirs, 
haben  keine  beständige  Wohnung,  und  ergeben  sich  allerhand 
Unreinigkeit,  ohne  Schaam.  Sie  bereden  die  Einfaltigen,  daß 
sie  die  Freyheit  haben  allerhand  Böses  zu  thun,  ohne  daß  es 
ihnen  Sünde  seye. 

Es  gibt  andere  Faquirs,  welche  Röcke  tragen  von  so  viel 
Stück  und  underschiedlichen  Farben,  daß  man  nicht  wol  sagen 
kan,  was  es  ist.  Diese  Röcke  gehen  ihnen  bis  auf  die  halben 
Beine,  und  bedecken  die  bösen  Kleider  so  sie  darunder  haben. 
Die  Faquirs  gehen  gemeiniglich  in  Gesellschafft,  und  haben  unter 
ihnen  ein  Oberhaubt  oder  Vorgesetzten,  welcher  durch  seine 
Kleidung,  so  armseliger  und  von  mehr  Stücken,  als  der  andern 
ihre,  ist,  underschieden.  Was  noch  mehr  ist,  so  ziehet  er  eine 
grosse  eiserne  Ketten,  so  ihme  an  einem  Bein  angebunden,  so 
zwey  Stab  lang  und  ziemlich  dick.  Wann  er  sein  Gebät  ver- 
richtet, gschiehet  es  mit  grossem  Getümmel  so  er  mit  seiner 
Ketten  macht,  und  mit  lauter  Stimme,  welche  mit  einer  ge- 
zwungenen Emsthaf ftigkeit ,  welches  ihme  die  Ehrerweisung 
des  Pöbels  zu  wegen  bringt.  Underdessen  bereitet  ihme  und  den 
seinigen,  dieses  Volck  zu  essen,  welches  ihme  an  dem  Ort  wo 
er  sich  aufhaltet,  vorgestellet  wird,  welches  gemeiniglich  auf 
der  Gassen  oder  off  entheben  Platz  geschiehet.    Er  lasset  durch 

Schmidt,   Fakire  und  Fakirtum.  8 


—     114     — 

seine  Jünger  etliche  Teppichte  außspreiten,  und  er  setzet  sich 
darauf  um  denjenigen,  so  ihne  Rahts  fragen,  Gehör  zu  geben. 
Anderseiths  diese  Jünger  gehen  die  grossen  Tugenden  ihres 
Meisters,  in  dem  Lande  außzubreiten,  und  die  Genaden  so  er 
von  Gott  empfange,  welcher  ihme  die  grossen  Geheimnussen 
offenbare,  und  ihme  die  Gewalt  gebe,  den  Betrübten  durch  seine 
gute  Räthe  bey zuspringen.  Das  Volck,  welches  ihme  leichtlich 
glaubt,  und  welches  ihn  heilig  glaubt,  komt  ihn  mit  grosser 
Andacht  zu  besuchen,  und  wann  man  nahe  bey  ihme  ist,  ziehet 
man  die  Schuh  von  Füssen,  und  fallet  nider  ihme  die  seinigen 
zu  küssen.  Damalen  strecket  der  Faquir  seine  Arme  auß,  um 
demütig  zu  scheinen,  und  gibt  seine  Hand  zu  küssen,  nach 
welchemer  er  diejenigen  so  ihne  rahts  fragen,  bey  ihme  nider- 
sitzen macht,  und  verhöret  einen  jeden  absonderlich.  Sie  be- 
rühmen  sich  einen  Prophetischen  Geist  zu  haben,  und  über  alles 
den  unfruchtbaren  Weibern  ein  Mittel  Kinder  zu  bekommen, 
zu  lernen,  und  sich  bey  weme  sie  wollen,  behebt  zu  machen. 

Es  gibt  dieser  Faquir s  so  mehr  als  zwey  hundert  Jünger 
haben,  welche  sie  gemeinüch  mit  der  Trommel  und  dem  Hom 
versamlen,  welches  fast  wie  eines  unserer  Jäger-Hörnern  ist. 
Wann  sie  weggehen,  haben  sie  ihre  Standarten,  Spare,  und  andere 
Waffen,  welche  sie  nahe  bey  ihrem  Meister  in  den  Boden  stecken, 
wann  er  in  einem  Orte  ruhet. 

Die  dritte  Art  dieser  Faquirs  in  den  Orientalischen  Indien, 
seynd  die,  so  von  armen  Eltern  geboren,  und  weil  sie  begehren 
das  Gesetze  wol  zu  wissen,  damit  sie  Moullas  oder  Schrifft- 
gelehrte  abgeben  könten,  begeben  sich  in  die  Mosquees,  alwo 
sie  von  dem  Allmosen  so  ihnen  gegeben  wird,  leben.  Sie  wenden 
die  Zeit  an,  den  Alcoran  zu  lesen,  welchen  sie  auß  wendig  lernen, 
und  wann  sie  noch  zu  dem  Studieren  etHche  kleine  Wissenschafft 
von  den  natürlichen  Sachen,  samt  dem  Exempel  eines  guten 
Lebens  nach  ihrer  Art,  hinzu  thun  können,  können  sie  das  Haubt 
in  den  Mosquees  werden,  und  zu  der  Würde  der  Moullas  und 
Gesatz- Richtern  gelangen.  Diese  Faquirs  haben  ihre  Weiber, 
und  etHche  auß  Andacht  und  grosser  Begierde,  es  dem  Mahomet 
nachzuthun,  haben  bis  auf  drey  oder  vier,  glaubende  Gott  da- 
durch einen  grossen  Dienst  zu  erweisen,  wann  sie  vieler  Kinder 
Vatter  seyen,  welche  dem  Gesatz  ihres  Propheten  nachfolgeten. 


—     115     — 

S.  159:  Der  Ursprung  der  Fakirs  komt  daher,  wie  ich  ge- 
sagt habe,  von  dem  Rhevan,  welchen  Rani  seines  Reichs  be- 
raubet, und  welcher  davon  einen  solchen  Mißfallen  geschöpffet, 
daß  er  sich  entschlossen,  arm  und  aller  Sachen  entblösset,  auch 
gar  nackend  in  der  Welt  herum  zu  irren.  Er  fände  alsobald  viel 
Leute,  welche  ihme  in  diesem  Leben,  so  ihnen  allerhand  Frey- 
heiten  gibt,  nachfolgten;  dann  weilen  sie  als  Heilige  verehret 
werden,  haben  sie  alle  Gelegenheit  in  Händen,  das  Böse,  so  sie 
nur  wollen,  zu  begehen. 

Diese  Fakirs  gehen  gemeiniglich  Häuf fen- Weiß,  deren  jedes 
Häuflein  sein  Ober-Haupt  und  Vorsteher  hat,  und  weilen  sie 
Sommer  und  Winter  blos  gehen,  und  allezeit  auf  harter  Erde 
schlaffen,  und  es  jemalen  kalt  ist,  gehen  die  jungeFakirs  und 
andere  Hey  den,  welche  zum  andächtigsten  seyn,  nach  Mittags 
Küh-  und  anderer  Thiere  Mist  suchen,  an  der  Sonne  getrocknet, 
von  welchem  sie  ihnen  Feuer  machen.  Sie  bedienen  sich  gar 
selten  des  Holtzes,  aus  Forcht,  daß  nicht  darinnen  ein  lebendiges 
Thierlein  gefunden  werde,  welches  man  tödtete;  und  das  Holtz, 
welches  dienet  die  Todten  zu  verbrennen,  ist  von  gewissem  Flöß- 
Holtz,  worinnen  keine  Wurme  wachsen.  Nachdeme  diese  junge 
Fakirs  eine  Menge  dieses  Mists  mit  dürrer  Erden  vermenget, 
zusammen  gesamlet  haben,  machen  sie  unterschiedliche,  grosse 
Feur,  nachdeme  der  Hauffen  groß  ist,  und  zehen  oder  zwölf 
dieser  Fakirs  setzen  sich  um  das  Feuer  herum;  wann  sie  der 
Schlaf  übemimt,  fallen  sie  auf  die  Erden,  auf  welche  sie  Aschen 
streuen,  so  ihnen  an  statt  Madratzen  dienet,  und  sie  haben  keine 
andere  Decken,  als  den  Himmel.  Was  die  anbelangt,  so  Busse 
thun,  von  welchen  ich  bald  reden  werde,  wann  sie  in  der  Nacht 
auf  gleiche  Weise  liegen,  wie  man  sie  den  gantzen  Tag  siehet, 
zündet  man  auf  ein  und  anderer  Seiten  ein  Feuer  an,  ohne  welche 
sie  der  Kälte  nicht  widerstehen  könten,  welches  man  zu  Ende 
dieses  Capitels  in  den  Figuren,  welche  ich  von  den  Büssenden 
gebe,  sehen  wird.  Die  reichen  Heyden  schätzen  sich  glückselig, 
und  glauben,  ihre  Häuser  seyen  mit  himmlischem  Segen  an- 
gefüUet,  wann  sie  etliche  dieser  Fakirs  beherbergen,  welchen  sie 
des  tomehr  verehren,  je  mehr  sie  ein  strenge  Büß- Weise  haben, 
und  der  Ruhm  eines  solchen  Hauffen  ist,  wann  sie  einen  bey 
sich  haben,  der  eine  merckwürdige  Büß  thut,  als  wie  diese,  von 


—     Ii6     — 

welchen  ich  folgendes  reden  werde.  Diese  Truppen  Fakirs  ver- 
samlen  sich  ihrer  etliche  zusammen,  um  in  die  fümehmste 
Pagodes  un  in  öffentliche  Bäder,  welche  in  gewissen  Tagen  des 
Jahres  geschehen,  so  wol  in  dem  Fluß  Ganges,  von  welchem  sie 
über  alles  sehr  viel  halten,  als  auch  in  deme,  so  die  Länder  der 
Portugesen  von  Goa  von  des  Königs  von  Vitapour  scheidet,  wall- 
fahrten zu  gehen.  Etliche  von  den  strengsten  Fakirs  bleiben 
unter  schlimmen  Hütten,  nahe  bey  ihren  Pagodes,  wo  man  ihnen 
in  vier  und  zwanzig  Stunden  ein  mal  um  Gottes  Willen  zu 
essen  gibt. 

Der  Baum,  von  welchem  man  die  Abbildung  zu  Ende  dieses 
Capitels  sehen  wird,  ist  von  gleicher  Art,  wie  der  zu  Gomron, 
und  welchen  ich  in  der  Persischen  Erzehlung  beschrieben  habe. 
Die  Freyen  heissen  solchen  der  Banianen  Baum,  dieweil  an  denen 
Orten,  wo  solche  Bäume  sind,  setzen  sich  die  Heyden,  und 
kochen  darunter.  Sie  verehren  solche  vornehmlich,  und  gemei- 
niglich bauen  sie  ihre  Pagodes  darunter,  oder  nahe  bei  einem 
dieser  grossen  Bäumen.  Den,  welchen  der  Leser  hier  unten  sehen 
wird,  ist  zu  Surate,  und  in  dem  Stammen  dieses  Baums,  welcher 
hol  ist  siehet  man  eine  Mißgeburt  vorges teilet,  welches  wie  eines 
ungestalten  Weibs-Kopf,  welches  wie  sie  sagen,  die  Figur  des 
ersten  Weibs  seyn,  so  sie  Mamaniva  heissen.  Es  versamlen  sich 
alle  Tage  eine  grosse  Menge  Heyden,  so  diese  Mißgeburt  an  hätte, 
bey  welchem  unaufhörlich  ein  Bramin,  zu  dessen  Dienst  ge- 
widmet sich  befindet,  um  das  Allmosen,  so  man  dahin  bringet, 
von  Ris,  Hirs  und  anderm  Geträide  einzusamlen.  Allen  denen 
jenigen,  so  ihr  Gebätt  in  der  Pagode  verrichtet  haben,  so  wol 
Mann-  als  Weibs-Personen,  macht  der  Bramin  von  einer  Gattung 
Zinober  oder  Minien  ein  Zeichen  in  der  Mitten  der  Stirnen,  mit 
welchem  sie  auch  ihre  Götzen  beschmieren;  bey  diesem  Zeichen 
beförchten  sie  sich  nicht,  daß  der  Teuf  fei  ihnen  schade,  dieweil, 
wie  sie  sagen,  sie  unter  dem  Schutz  ihres  Gottes  seyn. 

Ich  will  die  Außlegung  der  Figuren,  welche  unter  der 
Banianen  Baum  sind,  und  mit  No.  i,  2,  3  etc.  bezeichnet  allhier 
machen : 

No.  I.  Ist  das  Ort,  wo  die  Braminen  gemeiniglich  etwelche 
von  ihren  Götzen  baden,  als  wie  Mamaniva,  Sita,  Madedina, 
und  andere  dergleichen,  welche  in  grosser  Anzahl  seynd. 


—     117    — 

No.  2.  Ist  die  Figur  der  Mamaniva,  welche  in  einer  Pagoden  ist. 

No.  3.  Ist  eine  andere  Pagoden  nahe  bey  der  Vorhergehenden. 
Es  ist  eine  Kuh  an  der  Pforten  und  über  jnnen  eine  Vorstellung 
des  Gottes  Ram. 

No.  4.  Ist  eine  andere  Pagoden,  wo  sich  etliche  büssende 
Fakirs  hin  begeben. 

No.  5.  Ist  die  einte  Pagoden  dem  Ram  zugeeignet. 

No.  6.  Ist  die  Form  einer  Gruben,  wo  unterschiedliche 
malen  in  dem  Jahr  sich  ein  Fakir  hin  begiebet,  welcher  kein 
andere  Heiterkeit,  als  durch  ein  kleines  Löchlein  hinein  be- 
kommet. Er  verbleibet  manches  mal  von  9.  biß  10.  Tag  ohne 
Essen  und  Trinken  darinnen,  nachdeme  sein  Andacht,  eine 
Sache,  welche  ich  nicht  leichthin  geglaubet,  wann  ich  es  nicht 
selbst  gesehen  hätte.  Der  Vorwitz  hatte  mich  dahin  bewogen, 
diesen  Büssenden  zu  sehen,  mit  dem  Holländischen  Commandeur 
von  Surate,  welcher  außspahen  liesse,  ob  man  ihnen  so  Tags  so 
Nachts  nicht  zu  essen  brächte.  Man  konte  solches  nicht  ent- 
decken, daß  man  ihme  die  geringste  Nahrung  zubrächte,  und 
er  bliebe  auf  seinem  Hindern  gleich  unsern  Schneidern  sitzen, 
ohne  daß  er  so  Tags  so  Nachts  die  Stelle  änderte.  Dieser,  welchen 
ich  gesehen,  konte  nicht  länger  als  sieben  Tage  von  zehen,  so  er 
ihme  vorgenommen,  verbleiben,  die  weil  die  Hitze  ihn  fast  er- 
stickte wegen  der  Ampeln,  so  darinnen  angezündet  waren.  Die 
andern  Buß-Weisen,  von  welchen  ich  reden  will,  giengen  noch 
weit  über  allen  menschlichen  Glauben,  wann  nicht  viel  tausend 
Menschen  dessen  Zeuge  waren. 

No.  7.  Ist  die  Stellung  eines  Büssenden,  welcher  viel  Jahre 
verbringt,  ohne  sich  weder  Tags  noch  Nachts  niederzulegen. 
Wann  er  schlaffen  will,  lehnet  er  sich  an  ein  Seil,  so  aufgespannet 
ist,  und  in  dieser  fremden  und  ohngelegenen  Weise  fallen  ihnen 
Feuchtigkeiten  auf  die  Beine,  daß  sie  davon  gesch wellen. 

No.  8.  Seynd  zweyer  Büssenden  Stellungen,  welche  biß  auf 
den  Tod  ihre  Arme  außgestreckt  halten,  der  gestalten,  daß  in  den 
Gleichen  so  starke  Hartigkeiten  formieret  werden,  daß  sie  die 
Arme  nicht  mehr  unter  sich  bringen  können.  Ihre  Haare  wachsen 
ihnen  biß  über  die  Gürtel  hinunter,  und  ihre  Nägel  gleichen 
ihren  Fingern  in  der  Lange.  Nachts  und  Tags,  Sommer  und 
Winter  bleiben  sie  gantz  nackend  an  dieser  Stellung,  dem  Regen 


—     Ii8     — 

und  der  Hitze  und  dem  Stechen  der  Fliegen  unterworffen,  ohne 
daß  sie  sich  ihrer  Hände,  solche  zu  vertreiben,  bedienen  könten. 
Was  die  andere  Nothwendigkeiten  des  Lebens  betrifft,  als  wie 
Essen  und  Trinken,  haben  sie  Fakirs  von  ihrer  Gesellschaft, 
welche  nahe  bey  ihnen  seyn,  ihnen  bey zuspringen,  und  sie  im 
Nothfall  zu  bedienen. 

No.  9.  Ist  die  Stellung  eines  andern  Büssenden,  welcher  alle 
Tag  etliche  Stunden  auf  einem  Fuß  bleibet,  in  seinen  Händen 
eine  Kohl-Pfannen  voller  Feuer  haltende,  auf  welche  er  Wey- 
rauch wirfft,  so  er  seinem  Gott  aufopffert,  seine  Augen  währender 
Zeit  auf  die  Sonnen  kehrende. 

No.  10.  und  II.  Seynd  die  Stellungen  zweyer  Sitzend- 
Büssenden,  und  welche  die  Hände  in  die  Lufft  halten. 

No.  12.  Ist  die  Stellung,  in  welcher  der  Blässende  schlaffet, 
ohne  daß  er  immer  mehr  die  Arme  herniederlasse,  welches  ohne 
Z  weif  fei  eine  von  den  grösten  Quaalen  ist,  so  der  menschliche 
Leib  erleiden  kan. 

No.  13.  Ist  die  Stellung  eines  andern  Büssenden,  welchem 
die  Schwachheit  die  Hände  zurück  fallen  machte,  weil  er  die 
Arme  nicht  mehr  biegen  kan,  welche  auß  Abgang  der  Nahrung 
gantz  außgetrocknet  seyn. 

Es  findet  sich  eine  unzahlbare  Menge  anderer  Büssender; 
die  Einten,  welche  in  einer  gantz  widerwärtigen  Stellung  des 
natürlichen  Stands  sich  befinden,  haben  die  Augen  allzeit  gegen 
der  Sonnen  gekehret;  andere,  so  die  Augen  allezeit  zur  Erden 
nieder  geschlagen,  ohne  jemalen  jemanden  in  das  Gesicht  zu 
sehen,  noch  ein  einiges  Wort  zu  reden,  und  ihr  Unterscheid  ist 
so  groß,  daß  man  davon  ein  langes  Gespräche  halten  könte. 

Um  den  Vorwitzigen  mehr  er  es  Vergnügungen  zu  geben, 
und  ihnen  die  Sachen  klärlicher  vor  zu  stellen,  will  ich  noch 
andere  Figuren  dieser  Büssenden,  welche  ich  an  dem  Ort  gantz 
lebhafft  habe  entwerf fen  lassen,  vorstellen.  Die  Schamhaftig- 
keit  hat  gewolt,  daß  ich  die  Theile,  deren  sie  sich  nicht  schämen 
zu  zeigen,  habe  verdecken  lassen;  dann  zu  aller  Zeit,  so  wol  im 
Feld  als  in  der  Stadt,  gehen  sie  gantz  blos,  wie  sie  aus  Mutter 
Leibe  kommen;  und  obwol  die  Weiber  auß  Andacht  sich  denen 
nehern,  um  mit  dem  Eussersten  des  Fingers  das,  so  man  sich 
zu  nennen   schämet,   zu  nehmen,   und   demutigst   zu  küssen. 


—     119     — 

mercket  man  doch  an  ihnen  kein  Zeichen  der  EmpfindHchkeit, 
sondern  im  Gegenstand  ohne  jemand  anzuschauen,  und  die 
Augen  auf  eine  abscheuHche  Weise  verkehrend,  und  könte  man 
sagen,  sie  waren  verzucket. 

2.  Thevenots  Bericht  (ed.  Frankfurt  a.  M.  1693,  p.  130). 

Man  siehet  solche  [ Yogins]  öf f ters  Häuf fen weise  zu  H  a  1  a  b  a  s , 
wo  sie  sich  auf  die  Feste,  die  siecelebriren  wollen,  versammeln, 
und  an  welchen  sie  sich  nebenst  andern  gewissen  Ceremonien  in 
dem  Flusse  Ganges  waschen  müssen.  Diejenigen,  so  kein  Laster 
begehen,  und  einige  Frömmigkeit  von  ihnen  scheinen  lassen, 
werden  von  denen  Heiden  vortrefflich  verehret,  und  die  Reichen 
meinen  viel  Segen  über  sich  zu  ziehen,  dafern  sie  denen,  die  man 
Poenitentz  =  Brüder  nennt,  mit  Hülfe  beispringen.  Ihre 
Poenitentzen  bestehen  in  nichts  anders,  als  daß  sie  viel  Tage 
lang  fasten,  auf  einen  Beine  etliche  Wochen  über  aufgericht 
stehen,  oder  in  ihrem  ganzen  Leben  viel  Monat  die  Arme  Kreutz- 
weiß  hinter  den  Kopf  halten,  oder  sich  bis  auf  eine  gewisse  Zeit  in 
Gruben  verscharren.  Allein  wenn  unter  diesen  Faquirs  ehrliche 
Leute  sind,  so  giebt  es  hingegen  auch  große  Bösewichte,  und  die 
Mogolischen  Fürsten  werden  deßhalben  nicht  ungehalten,  dafeme 
man  diejenigen  die  Gewaltthätigkeiten  verüben  nieder  macht. 

Man  trifft  ihrer  in  Felde  ganz  nackend  mit  Fahnen  und 
Trompeten  an,  welche  den  Bogen  und  Pfeil  in  der  Hand  haltende, 
Allmosen  fordern,  und  wenn  sie  stärker  sind  als  die  Reisenden, 
keinesweges  in  ihr  Belieben  stellen  ob  sie  ihnen  etwas  geben  wollen 
oder  nicht:  diese  elende  Tropfen,  haben  auch  keine  Scheu  vor 
denen  jenigen,  die  sie  verpflegen,  und  ich  habe  deren  in  denen 
Caravanen  gesehen,  die  nur  Gelegenheit  suchten,  denen 
Passagireren  einen  Possen  zu  spielen,  und  Beschwerlichkeit  zu 
verursachen,  ungeachtet  sie  allen  ihren  Unterhalt  von  ihnen 
hatten.  Vor  kurzer  Zeit  befunde  ich  mich  in  einer  Caravane, 
allwo  dergleichen  Pequirs  waren,  die  sich  unterstunden,  alle 
Leute  am  Schlafe  zu  verhindern;  Sie  ließen  nicht  ab,  die  ganze 
Nacht  zu  singen  und  zu  predigen,  und  anstatt  der  Prügelsuppen, 
wormit  ihnen  ein  Stillschweigen  eingetrieben  werden  sollte, 
bäte  man  sie  darumb  auf  das  freundlichste,  und  wurden  darob 
so  unwillig,  daß  sie  ihr  schreien  und  singen  verdoppelten,  und 


—       120      — 

diejenigen,  die  nicht  singen  kunten,  das  übrige  Theil  der  Cara- 
vane  verlachten  und  verspotteten. 

Diese  Faquirs  waren  von  ihren  Superionen,  ich  weiß 
nicht  in  was  vor  eine  mit  Banianen  besetzte  Gegend  abge- 
schickt worden,  um  daselbst  2000  Roupies  nebst  einer  ge- 
wissen Quantität  Reis  und  Butter  einzufordern,  jedoch  mit 
dem  Befehl,  unverichter  Sachen  nicht  wieder  zu  kommen.  Auf 
solche  Art  pflegen  sie  es  in  ganz  Indien  zu  machen,  wo  ihre 
Mummentänze  die  Heiden  gewöhnt  haben ;  ihnen  alles,  was  sie  ver- 
langen ohne  ein tziges  Widersprechen  zugeben.  Unter  denen  Maho- 
metanern  giebt  es  gleicher  Gestalt  viel  Faquirs,  bei  denen  Götzen- 
dienern, die  eben  wie  sie  herum  vagiren  und  noch  viel  leicht- 
fertiger sind ;  Sie  werden  gemeiniglich  auf  einerlei  Art  tractiret. 

S.  132:  Die  Provinz  Ulesser,  die  wir  Bengala  und  die 
Götzenknechte  Jaganat  nennen,  von  wegen  deß  in  der  darinne 
befindlichen  Pagode,  berühmten  und  sogenannten  Götzens,  ist 
nicht  weniger  als  Halabas  den  Glaubens-Punct  betreffende, 
mit  fantastischen  Heiden  bewohnet,  gestalt  dann  ein  klares 
Exempel  hierinne  zur  Probe  dienen  kann.  Als  ein  Faquir  eine 
sonderliche  und  noch  niemaln  gesehene  Andacht,  die  ihme  große 
Mühe  machte  erfinden  wollte,  entschloß  er  sich  mit  seinem  Leibe 
den  ganzen  Bezirk  des  Mogolischen  Reichs  zu  messen,  und  zwar 
von  Bengala  an  bis  nachCabul,  als  dessen  Extremitäten 
von  Südosten  gen  Nord-Westen.  Der  Vorwand,  der  ihn  seinem 
Vorgeben  nach,  darzu  vergleitete,  war,  daß  er  bei  seinem 
Leben  dem  von  mir  allbereit  beschriebenen  Feste  H  u  1  y  einmal 
beiwohnen  wolle,  und  ließ  sich  zu  seiner  Bedienung  mit  aller- 
hand neuen  Lehrlingen  begleiten. 

Die  erste  Aktion,  die  er  bei  dem  Anfang  der  Reise  vor- 
nahm, bestünde  darinnen,  daß  er  sich  mit  seinem  Leibe  längst 
auf  die  Erde  legte,  und  befahl,  die  Länge  desselben  anzumerken ; 
wie  dieses  verichtet  war,  stunde  er  wieder  auf,  und  gab  seinen 
Leuten  sein  Vorhaben  zu  erkennen,  wie  er  nemlich  mit  con- 
tinuirlichen  niederlegen  und  wieder  aufstehen  eine  Reise 
bis  nach  Cabul  thun,  und  jedesmal  nicht  weiter,  als  sein  Leib 
lang  wäre,  gehen  wollte,  ertheilete  auch  seinen  Neulingen  den 
Bescheid  zugleich,  allemal,  wenn  er  sich  niederlegte,  zu  Ende 
seines  Hauptes  in  die  Erde  ein  Merkmahl  zu  machen,  damit  er 


—       121       — 

den  Gang,  den  er  zu  thun  hätte,  vollkömmlich  dernach  einrichten 
könnte.  Dieses  alles  wurde  auf  beiden  Theilen  genau  verichtet, 
und  der  Faquir  vollführe te  täglich  anderthalb  Cos,  das  ist, 
ungefähr  3.  Viertel  Meilen,  und  die  Leute,  so  die  Historie  davon 
erzehlet  haben  ihn  ein  Jahr  nach  seiner  Abreise  allererst  am 
Ende  der  Provinz  Halabas  angetroffen;  Unterdeß  erwiese  man 
ihme  an  allen  Oertern,  wordurch  er  passierte,  alle  ersinnliche 
Ehre,  und  überhäuf fte  ihn  dergestalt  mit  x\lmosen,  daß  er  solche 
unter  die  Armen,  die  ihm  eines  Genießes  wegen  auf  dieser 
Reise  nachfolgten,  aus  theilen  mußte. 

Fra  Paolino's  sehr  interessanten  Bericht  sehe  man  in 
Kapitel  I  nach. 

3.  Sonnerats  Bericht  (I,  218). 

Endehch  haben  die  Indier  auch  noch  die  Mönche,  Büßer 
genannt,  mit  deren  Beschreibung  ich  dieses  Kapitel  enden  will. 
Dieselben  sind  unter  diesem  Volk  eben  das,  was  bei  den  Mogolen 
die  Fakirs.  Aus  Schwärmerei  verlassen  sie  Güter,  Familie,  kurz 
alles,  um  nur  ein  recht  elendes  Leben  zu  führen.  —  Sie  sind 
meist  von  der  Sekte  des  Schi  wen;  und  alles  was  sie  haben,  be- 
steht in  einem  Lingam,  den  sie  beständig  anbeten,  und  in  einer 
Tigerhaut,  auf  der  sie  schlafen.  Sie  kreutzigen  ihren  Leib  mit 
all  der  fanatischen  Wuth  die  nur  immer  erdenklich  ist.  Einige 
zerfleischen  ihren  Körper  durch  unaufhörliche  Ruthenstreiche, 
oder  lassen  sich  mit  einer  Kette  an  den  Stamm  eines  Baumes 
schmieden,  und  bleiben  bis  an  ihren  Tod  daran  gebunden.  Andre 
thun  ein  Gelübde,  lebenslang  in  einer  äußerst  beschwerlichen 
Stellung  zu  bleiben,  wie  z.  B.  ihre  Fäuste  stets  geschlossen  zu 
halten,  so  daß  ihre  Nägel,  die  sie  sich  niemals  abschneiden,  mit 
der  Länge  der  Zeit  endhch  die  Hände  durchwachsen:  Noch 
andre  halten  ihre  Arme  stets  kreuzweise  über  die  Brust,  oder 
über  den  Kopf  ausgestreckt,  so  daß  sie  dieselben  zuletzt  gar  nicht 
mehr  beugen  können.  Diese  unsinnigen  Schwärmer  können  da- 
her weder  essen  noch  trinken,  sondern  müssen  sich  alles  von 
ihren  Schülern  in  den  Mund  stecken  lassen^).    Viele  graben  sich 

1)  Dow,  in  seiner  Abhandlung  zur  Erläuterung  der  Geschichte,  Religion 
und  Staatsverfassung  von  Hindostan,  erzählt  von  den  Fakirn  eben  solche 
Dinge.     Bei    Anlaß  der    deutschen   Übersetzung,    welche   von    derselben    Ao. 


—       122      — 

mit  lebendigem  Leibe  in  die  Erde,  ziehen  nur  durch  eine  kleine 
Öffnung  frische  Luft  an  sich,  und  bleiben  doch  so  lange  unter 
dem.  Boden,  daß  man  sich  höchlich  wundem  muß,  wie  sie  nicht 
ersticken :  Andre  etwas  närrische  sind  damit  zufrieden,  sich  nur 
bis  an  den  Hals  verscharren  zu  lassen.  So  giebt  es  auch  welche, 
die  ein  Gelübd  gethan  haben,  ihr  Lebelang  stets  aufrecht  zu 
stehen:  Diese  stützen  sich  zu  Nachts  nur  an  eine  Mauer  oder 
an  einen  Baum,  und  damit  sie  ja  niemals  schlafen  können, 
schliessen  sie  ihren  Hals  in  gewisse  Maschinen  ein,  die  ziemlich 
einen  Rost  ähnlich  sehen,  und  welche  sie  nie  mehr  von  sich  legen 
können.  Einige  stehen  Stunden  lang  auf  Einem  Fuß,  die  Augen 
gegen  die  Sonne  gekehrt,  und  betrachten  dieselbe  mit  großer 
Anstrengung  des  Geistes.  Andre,  um  es  noch  verdienstlicher  zu 
machen,  halten  den  einen  Fuß  in  die  Luft  ausgestreckt,  stehen 
auch  mit  dem  andern  nur  auf  Einer  Zehe,  und  heben  über  das 
noch  beide  Arme  empor:  In  dieser  Stellung  bleiben  sie  zwischen 
vier  mit  Feuer  gefüllten  Gefässen,  und  schauen  mit  unbeweg- 
lichem BUck  in  die  Sonne.  Einige  erscheinen  vor  allem  Volk 
ganz  nackt;  und  dieß,  um  denselben  zu  zeigen,  daß  sie  keiner 

1773  erschienen,  rückte  Herr  Wieland  in  seinen  Deutschen  Merkur  (May, 
1775,  S.  152  u.  f.)  Unterthänige  Zweifel  gegen  das  klassische  Ansehen  des 
Herr  Dow  in  seiner  Nachricht  von  den  Fakim,  ein. 

Ich  wünschte  wohl  von  Jemand  (sagt  W.),  der  in  der  Wissenschaft  des 
Möglichen  weiter  gekommen  als  ich,  unterrichtet  zu  werden,  ob  es,  natür- 
licher Weise,  möglich  sei:  daß  ein  Mann  seinen  Arm  in  einem  fort  so  lange 
in  die  Höhe  halte,  bis  er  ganz  steif  wird,  und  sein  ganzes  übriges  Leben 
hindurch  in  dieser  Stellung  bleibt?  —  Und  wie  hoch  wohl  der  besagte  Mann 
mit  seinem  steif  emporstehenden  Arm  sein  ganzes  übriges  Leben  bringen 
würde?  —  Ingleichen,  ob  es  möglich  sei:  daß  ein  Mensch  seine  Fäuste  so  feste 
zusammen  drücke  bis  ihm  die  Nägel  in  die  flache  Hand  einwachsen,  und 
auf  der  obern  Hand  wieder  herauskommen?  Kurz,  Herr  Wieland  erklärt 
diese  Fakirischen  Zeichen  und  Wunder  platterdings  für  unmöglich.  Indessen 
hatte  auch  Herr  Dohm  in  seinen  Anmerkungen  zu  Iwes  Reisen  (I  Th.  S.  128, 
129,  130)  eben  diese  Zeichen  und  Wunder  von  eben  diesen  Fakiren  mit  den 
gleichen  Ausdrücken  eingerückt:  Und  nun  erzählt  Herr  Sonnerat  dasselbe 
Ding  neuerdings,  gestehet  aber  bald  unten,  daß  er  es  nicht  mit  eigenen 
Augen  gesehen  habe  .  .  .  Ich  überlasse  es  also  dem  biederen  Leser,  ob  er 
die  Sache  der  Herren  Dow,  Dohm  und  Sonnerat  —  davon  sich  doch  keiner 
als  Augenzeugen  angiebt  —  auf  ihr  und  andrer  älterer  Reisebeschreiber 
Wort  glauben,  oder  nach  der  Regel  gebührender  philosophischer  Hart- 
gläubigkeit, mit  Herrn  Wieland  für  unmöglich  halten  will?    A.  d.  üb. 


—     123     — 

Leidenschaft  mehr  fähig,  daß  sie  wieder  in  den  Stand  der  ersten 
Unschuld  zurückgetreten  seien,  seitdem  sie  ihre  Körper  der  Gott- 
heit geopfert  haben.  Das  Volk  glaubt  auch  wirklich  an  ihre 
vorgebliche  Tugend,  sieht  sie  als  Heilige  an,  und  denkt  daß  sie 
alles  von  Gott  erhalten  was  sie  von  ihm  verlangen.  Da  jeder- 
mann ein  herrliches  Werk  zu  verichten  wähnt,  wenn  er  diesen 
Schwärmern  Gutes  thut,  so  läuft  alles  Volk  zu;  bringt  ihnen  zu 
essen;  steckt  denjenigen  welche  den  Gebrauch  ihrer  Hände  ver- 
schworen haben,  selbst  die  Bissen  in  den  Mund,  und  säubert  sie 
von  ihren  Unflath:  Einige  Weiber  treiben  es  so  weit,  da  sie  die 
Zeugungsglieder  derselben  küssen  und  anbeten,  während  daß 
der  Büsser  unbeweglich  in  seiner  Betrachtung  fortfährt.  In- 
dessen ist  doch  zu  bemerken,  daß  die  Zahl  aller  dieser  fana- 
tischen Thoren  unter  den  Indiern  um  vieles  abgenommen  hat, 
besonders  seitdem  das  Volk  unter  auswärtiger  Herrschaft  und 
Bedrückung  steht.  Der  Einzige,  den  ich  gesejien,  hatte  sich  mit 
einem  Eisen  die  Backen  und  die  Zunge  durchstochen,  und  das- 
selbe mit  einem  andern  Stück  Eisen,  das  ihm  unter  dem  Kinne 
durchging,  un ablöslich  an  den  Mund  geschlossen. 

Vielleicht  hat  ihr  Eifer  darum  nachgelassen,  weil  sie  das 
allgemeine  Elend  der  Nation  schon  für  eine  hinlängliche  Buße 
hielten.  —  Und  in  der  That  ist  es  eben  nicht  nöthig,  sich  durch 
Erfindung  neuer  Leibeskreutzigungen  zu  quälen,  wenn  die 
Natur  und  unsre  Nebenmenschen  alles  dazu  beitragen  uns  zu 
peinigen.  —  Man  darf  sich  nur  den  zerstörenden  Landplagen  der 
einen  und  der  Tieranney  der  andern  überlassen!  Der  Karakter 
dieser  Indischen  Büßer  besteht  hauptsächlich,  in  einer  Un- 
geheuern Masse  von  Hochmuth,  ungemessenem  Stolz  auf  ihr 
eignes  werthes  Selbst,  und  auf  dem  Wahn,  daß  sie  Heilige  sein. 
Daher  vermeiden  sie  sehr  sorgfältig,  daß  sie  ja  von  niemandem 
aus  einem  niedrigen  Stamme  oder  gar  von  Europäern  berührt 
werden,  aus  Furcht  sie  wären  dadurch  verunreinigt.  Selbst  ihr 
weniges  Geräthe  lassen  sie  niemals  betasten,  und  wenn  man  sich 
ihnen  nähern  will,  entfernen  sie  sich  hastig.  Kurz:  Gegen  alle 
und  jede,  die  nicht  ihres  Ordens  sind,  hegen  sie  die  äusserste 
Verachtung  und  sehen  dieselbe  als  profane  Geschöpfe  an.  Auch 
muß  alles,  was  sie  bei  sich  haben,  irgend  ein  Geheimniß  ent- 
halten, und  höchst  verehrungs würdig  sein. 


—       124      — 

Die  Indische  Geschichte  enthält  das  Andenken  einer  ge- 
waltigen Menge  solcher  Büßer,  die  in  den  altem  Zeiten  sehr  be- 
rühmt waren,  und  welche  sich  die  heutigen  rühmen  als  ihre 
Muster  nachahmen. 

4.  Bernier. 

Fran^ois  Bernier  gibt  in  seinen  Voyages,  T.  II,  p.  121  ff. 
(Amsterdam  1709)  folgende  Darstellung  der  Yogins  und  Fakire: 
,,Entre  une  infinite  &  diversite  tres-grande  de  Fakires,  ou 
comme  on  voudra  dire,  de  Pauvres,  Derviches,  Religieux,  ou 
Santons  Gentils  des  Indes,  il  y  en  a  grand  nombre  qui  ont  comme 
une  espece  de  Convens,  oü  il  y  a  des  Superieurs,  &  oü  ils  fönt  une 
Sorte  de  Voeu  de  Chastete,  Pauvrete  &  Obeissance,  &  qui  menent 
une  vie  si  etrange,  que  je  ne  sai  si  vous  le  pourrez  croire.  Ce  sont 
pour  l'ordinaire  ceux  qu'on  appelle  Jauguis,  comme  qui  diroit 
unis  avec  Dieu ;  on  en  voit  quantite  de  tout  nuds  assis  ou  couchez 
les  jours  &  les  nuits  sur  les  cendres,  &  assez  ordinairement 
dessous  quelques-uns  de  ces  grands  arbres,  qui  sont  sur  les  bords 
des  Talabs  ou  Reservoirs,  ou  bien  des  Galeries  qui  sont  autour 
de  leurs  Deüras  ou  Temples  d'Idoles;  II  y  en  a  qui  ont  des 
cheveux  qui  leur  tombent  jusqu'ä  mijambe,  &  qui  sont  entortillez 
par  branches  comme  ce  grand  poil  de  nos  barbets,  ou  plütöt 
comme  les  cheveux  de  ceux  qui  ont  cette  maladie  de  Pologne 
qu'on  appelle  la  Plie.  De  ceux-lä  j'en  ai  veu  en  plusieurs  en- 
droits  qui  tenoient  un  bras  &  quelquefois  tous  les  deux  elevez  & 
tendus  perpetuellement  en  haut  par  dessus  leurs  tetes,  &  qui 
avoient  au  bout  des  doigts  des  ongles  entortillez  qui  etoient  plus 
longs,  Selon  la  mesure  que  j'en  ai  prise,  que  la  moitie  de  mon 
petit  doigt;  leurs  bras  etoient  petits  &  maigres  comme  de  ces 
personnes  qui  meurent  Etiques,  parce  qu'ils  ne  prenoient  pas 
assez  de  nourriture  dans  cette  posture  forcee  &  contre  nature,  & 
ils  ne  les  pouvoient  abbaisser  pour  prendre  quoi  que  ce  soit,  pour 
boire  ni  pour  manger  parce  que  les  nerfs  s' etoient  retirez,  &  les 
jointures  s' etoient  remplies  &  sechees;  aussi  ont-ils  de  jeunes 
Novices  qui  les  servent  avec  des  respects  tres-grands  comme  de 
saints  Personnages.  II  n'y  a  Megere  d'Enfer  si  horrible  ä  voir 
que  ces  gens-lä  tout  nuds  avec  leur  peau  noire,  ces  grands 
cheveaux,  ces  fuzeaux  de  bras  dans  la  posture  que  j'ai  dit,  &  ces 
longs  ongles  entortillez. 


—      125      — 

J'ai  souvent  rencontre  ä  la  campagne,  &  principalement 
sur  les  terres  des  Rajas,  des  bandes  de  ces  Fakires  tout  nuds  qui 
faisoient  horreur  ä  les  voir.  Les  uns  tenoient  leurs  bras  elevez 
dans  la  posture  que  je  viens  de  dire;  les  autres  avoient  leurs 
horribles  cheveux  epars,  ou  bien  ils  les  avoient  liez  &  entortillez 
ä  l'entour  de  leur  tele,  quelques  autres  avoient  des  massues 
d'Hercule  a  la  main,  &  quelques  autres  des  peaux  de  Tygre 
Seches  &  roides  sur  les  epaules.  Je  les  considerois  passer  ainsi 
tous  nuds  effrontement  au  milieu  d'une  grande  Bourgade. 
J'admirois  comme  les  hommes,  les  femmes  &  les  filles  les  re- 
gardoient  indifferement  sans  s'emouvoir  non  plus  que  quand 
on  voit  passer  quelques  Hermites  par  nos  rues,  &  comme  les 
femmes  leur  portoient  meme  l'aumöne  bien  devotement,  &  les 
prenoient  sans  doute  pour  de  Saints  Personnages  bien  plus  sages 
&  bien  plus  honnetes  que  le  reste  des  hommes. 

J'en  ai  veu  un  fameux  assez  long  temps  dans  Dehli  nomme 
Sarmet,  qui  alloit  ainsi  tout  nud  par  les  rues,  &  qui  aima  mieux 
enfin  se  laisser  couper  le  col  que  de  se  vestir,  quelques  menaces  & 
quelques  promesses  que  lui  put  faire  Aureng-Zebe. 

J'en  ai  veu  plusieurs  qui  par  devotion  faisoient  de  longs 
pelerinages  non  seulement  tout  nuds,  mais  chargez  de  grosses 
chaines  de  fer,  comme  Celles  qu'on  met  aux  pieds  des  Elefans; 
d'autres  qui  par  un  voeu  particulier  se  tenoient  les  sept  &  huit 
jours  debout  sur  leurs  jambes,  qui  devenoient  enflees  &  grosses 
comme  leurs  cuisses,  sans  s'asseoir  ni  sans  se  coucher,  ni  sans 
se  reposer  autrement  qu'en  se  penchant  &  s'appuyant  quelques 
heures  de  la  nuit  sur  une  corde  tendue  devant  eux;  d'autres 
qui  se  tenoient  les  heures  entieres  sur  leurs  mains  sans  bran- 
1er,  la  tete  en  bas  &  les  pieds  enhaut,  &  ainsi  de  je  ne  sai 
combien  d'autres  sortes  de  postures,  tellement  contraintes  & 
tellement  difficiles,  que  nous  n'avons  bäteleurs  qui  les  püssent 
imiter;  &  tout  cela,  ce  semble,  par  devotion,  comme  j'ai  dit,  & 
par  motif  de  Religion,  oü  on  n'en  sauroit  seulement  decouvrir 
l'ombre. 

Tout  es  ces  choses  si  extraordinaires,  ä  vous  dire  le  vrai, 
me  surprenoient  fort  dans  le  commencement,  je  ne  savois  qu'en 
dire  &  qu'en  penser;  tantot  je  les  considerois  comme  quelques 
restes,  ou  comme  les  auteurs  de  cette  ancienne  &  infame  Secte 


—       126      — 

Cynique,  sinon  que  je  ne  remarquois  en  eux  que  bnitalite  & 
ignorance,  &  qu'ils  me  sembloient  plütot  des  arbres  qui  se  re- 
muoient  un  peu  d'un  lieu  ä  autre  que  des  animaux  raisonnables ; 
tantöt  je  les  considerois  comme  gens  entestez  de  Religion;  mais, 
comme  j'ai  de  ja  dit,  je  ne  pouvois  remarquer  en  tout  cela  aucune 
ombre  de  vraye  Piete;  tantöt  je  pensois  en  moi-meme  que  cette 
vie  paresseuse,  faineante,  &  independante  de  gueux,  pourroit 
bien  avoir  quelque  chose  d'attrayant;  tantöt  que  la  vanite,  qui 
se  fourre  par  tout,  &  qui  se  trouve  aussi  souvent  sous  le  manteau 
rapetasse  d'un  Diogene,  que  sous  les  bons  habits  d'un  Piaton, 
pourroit  etre  ce  ressort  qui  faisoit  joüer  tant  de  machines ;  &  puis 
faisant  encore  reflexion  sur  la  miserable  &  austere  vie  qu'ils 
menoient,  je  ne  savois  plus  quel  jugement  en  porter. 

II  est  vrai  que  plusieurs  disent  qu'ils  ne  fönt  ces  austeritez 
si  horribles  que  dans  l'esperance  qu'ils  ont  de  renaitre  Rajas, 
ou  dans  un  etat  de  vie  plus  delicieux  que  la  leur;  mais  comme  je 
leur  ai  dit  ä  eux-memes  plusieurs  fois,  comment  peut-on  croire 
qu'un  homme  se  puisse  resoudre  ä  une  si  malheureuse  vie  dans 
l'esperance  d'une  autre  qui  ne  sera  pas  plus  longue,  &  qui  au 
bout  du  conte  n'est  toüjours  que  bien  peu  heureuse,  quand  on 
renaitroit  un  Raja,  ou  un  Jesseingue,  ou  un  Jessomseingue,  qui 
sont  des  plus  puissans  Rajas  des  Indes?  II  faut,  leur  disois  je, 
qu'il  y  ait  quelque  chose  lä-dedans  que  vous  ne  nous  veüilliez  pas 
decouvrir,  ou  que  vous  avoüiez  que  vous  etes  des  fous  achevez. 

Entre  tous  ceux  que  je  viens  de  dire,  il  s'en  trouve  qu'on 
croit  de  vrais  Saints  illuminez  &  parfaits  Jauguis  ou  parfaite- 
ment  unis  ä  Dieu.  Ce  sont  gens  qui  ont  entierement  abandonne 
le  monde,  &  qui  se  retirent  d'ordinaire  ä  l'ecart  dans  quelque 
Jardin  fort  eloigne,  comme  des  Hermites,  sans  jamais  venir  ä  la 
Ville;  si  on  leur  porte  a  manger,  ils  le  regoivent,  sinon,  on  dit 
qu'ils  s'en  passent,  &  on  croit  qu'ils  vivent  de  la  grace  de  Dieu 
dans  les  jeünes  &  dans  les  austeritez  perpetuelles,  &  sur  tout 
abymez  dans  la  meditation;  je  dis  abymez,  car  ils  se  poussent 
si  avant  la  dedans  qu'ils  passent  les  heures  entieres  ravis  en 
extase,  leurs  sens  externes  sans  aucune  fonction,  &  (ce  qui 
seroit  admirable  s'il  etoit  vrai),  voyans  Dieu  meme  comme  un 
certaine  lumiere  tres  blanche,  tres-vive  &  inexplicable,  avec 
une  joye  &  une  satisfaction  non  moins  inexprimable,  suivie  d.'un 


—       12/       — 

mepris  &  d'un  detachement  entier  du  monde,  s'il  est  vrai  ce 
qu'un  de  ceux  qui  pretendoit  pouvoir  entrer  en  cette  extase  &  y 
avoir  entre  plusieurs  fois,  m'en  disoit;  &  s'il  est  vrai  ce  que 
disent  ceux  qui  les  approchent,  &  qui  assurent  la  chose  d'une 
teile  fagon  qu'il  semble  qu'ils  le  croyent  tout  de  bon  comme  s'il 
n'y  avoit  point  de  tromperie;  Dieu  seul  sgait  au  vrai  ce  qui  en 
est,  &  si  dans  cette  solitude  &  dans  ces  jeünes,  rimagination 
affoiblie  ne  se  laisseroit  point  aller  dans  ces  illusions,  ou  si  ce  ne 
seroit  point  quelque  chose  de  ces  especes  d'extases  naturelles, 
oü  Cardan  dit  qu'il  entroit  quand  il  vouloit,  d'autant  plus  que 
je  vois  qu'il  y  a  de  l'artifice  en  ce  qu'ils  fönt,  veu  qu'ils  pre- 
scrivent  des  Regles  pour  se  Her  peu  ä  peu  les  sens ;  car  ils  disent 
par  exemple,  qu' apres  avoir  jeusne  plusieurs  jours  au  pain  &  ä 
l'eau,  il  faut  premierement  se  tenir  seul  dans  un  lieu  retire,  les 
yeux  fichez  en  haut  quelque  temps  sans  branler  aucunement, 
puis  les  ramener  doucement  en  bas,  &  les  fixer  tous  deux  ä 
regarder  en  meme  temps  le  bout  de  son  nez  egalement  &  autant 
d'un  cöte  que  de  l'autre  (ce  qui  est  assez  difficile)  &  se  tenir  lä 
ainsi  bandez  &  attentifs  sur  le  bout  du  nez  jusqu'  ä  ce  que  cette 
lumiere  vienne.  Quoi  qu'il  en  soit,  je  sgai  que  ce  Ravissement, 
&  les  moyens  d'y  entrer,  fönt  le  grand  Mystere  de  la  Cabale  des 
Jauguis,  comme  il  Test  des  Soufys;  je  dis  Mystere,  parce  qu'ils 
tiennent  cela  cache  entr'eux,  &  n'eüt  ete  ce  Pendet  ou  Docteur 
Indou,  que  Danechmend-kan  tenoit  ä  ses  gages,  &  qui  n'osoit 
lui  rien  celer,  &  que  Danechmend-kan  sgavoit  d'ailleurs  les 
Mysteres  de  la  Cabale  des  Soufys,  je  n'en  aurois  pas  tant  de- 
couvert:  je  sgai  de  plus  que  pour  ce  qui  est  de  l'extremite  de  la 
pauvrete,  des  jeünes  &  des  austeritez,  il  faut  qu'il  en  soit  quelque 
chose:  II  ne  faut  pas,  ou  je  suis  bien  trompe,  qu'aucuns  de  nos 
Religieux  ou  Hermites  Europeens  croyent  1' empörter  en  cela 
sur  ces  gens-lä,  ni  meme  en  general  sur  tous  les  Religieux  Asiati- 
ques,  temoins  la  vie  &  les  jeünes  des  Armeniens,  des  Coftes,  des 
Grecs,  des  Nestoriens,  des  Jacobites  &  des  Maronites;  il  faut 
"avoüer  que  nous  ne  sommes  que  des  Novices  aupres  de  tous  ces 
Religieux;  mais  aussi  faut-il  avoüer,  selon  ce  que  j'ai  experi- 
mente,  au  regard  de  ceux  des  Indes,  qu'ils  ne  doivent  pas  etre 
cruellement  tourmentez  de  la  faim,  comme  nous  sommes  nous 
autres  dans  nos  Pais  froids." 


—       128      — 

5.  Fryer. 

In  John  Fryer's  New  Account  of  East  India  and  Persia, 
London  1698,  finden  wir  pp.  95,  102  ff.,  160  und  196  die  folgen- 
den, sehr  interessanten  Schilderungen:  With  these,  by  the 
favour  of  the  present  Mogul,  who  lived  long  in  that  Order,  tili 
he  came  to  the  Throne,  must  he  numbred  the  Fakiers  or  Holy 
Men,  abstracted  from  the  World,  and  resigned  to  God,  for  the 
Word  will  bear  that  Interpretation;  on  this  Pretence  are  com- 
mitted  sundry  Extravagancies,  as  putting  themselves  on  volun- 
tary  Penances.  Here  is  one  that  has  vowed  to  hang  by  the  Heels, 
tili  he  get  Money  enough  to  build  a  Mosch  to  Mahomet,  that  he 
may  be  held  a  Saint.  Another  shall  travel  the  Country  with  an 
Hörn  blowed  afore  him,  and  an  Ox  it  may  be  to  carry  him  and 
his  Baggage,  besides  one  to  wait  on  him  with  a  Peacock's  Tail; 
whilst  he  rattles  a  great  Iron  Chain  fettered  to  his  Foot,  as  big 
as  those  Elephants  are  Foot-locked  with,  some  two  yards  in 
length,  every  Link  thicker  than  a  Man 's  Thumb,  and  a  Palm 
in  length;  his  shaking  this  speaks  his  Necessity,  which  the  poor 
Gentiles  dare  not  deny  to  relieve ;  for  if  they  do,  he  accuses  them 
to  the  Cazy,  who  desires  no  better  opportunity  to  fleece  them: 
For  they  will  not  stick  to  swear  they  blasphemed  Mahomet,  for. 
which  there  is  no  evasion  but  to  deposit,  or  be  cut,  and  made 
a  Moor. 

Most  of  these  are  Vagabonds,  and  are  the  Pest  of  the  Nation 
they  live  in;  some  of  them  live  in  Gardens  and  retired  Places  in 
the  Fields,  in  the  same  manner  as  the  Seers  of  old,  and  the 
Children  of  the  Prophets  did :  Their  Habit  is  the  main  thing  that 
signalizes  them  more  tlian  their  Virtue;  they  profess  Poverty, 
but  make  all  things  their  own  where  they  come;  all  the  heat  of 
the  Day  they  idle  it  under  some  shady  Tree,  at  night  they  come 
in  Troops,  armed  with  a  great  Pole,  a  Mirchal  or  Peacock's  Tail, 
and  a  Wallet;  more  like  Plunderers  than  Beggers;  they  go  into 
the  Market,  or  to  the  Shopkeepers,  and  force  an  Alms,  none  of 
them  returning  without  his  share :  Some  of  them  pass  the  bounds 
of  a  modest  Request,  and  bawl  out  in  the  open  Streets  for  an 
Hundred  Rupees,  and  nothing  less  will  satisfy  these. 

They  are  cloathed  with  a  ragged  Mantle,  which  serves  them 
also  for  a  Matrass,  for  which  purpose  some  have  Lyons,  Tygres  or 


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—      129      — 

Leopards  Skins  to  lay  under  them:  The  Civilest  of  them  wear 
Flesh-coloured  Vests,  somewhat  like  our  Brick-makers  Frocks, 
and  almost  of  that  Colour.  The  Merchants,  as  their  Adventures 
retum,  are  bountiful  towards  them,  by  which  means  some  of 
them  thrive  upon  it. 

These  Field  Conventiclers  at  the  hours  of  Devotion  beat  a 
Drum,  from  them  called  the  Fakiers  Drum;  here  are  of  these 
Strolers  about  this  City  enough  to  make  an  Army,  that  they  are 
almost  become  formidable  to  the  Citizens ;  nor  is  the  Govemour 
powerful  enough  to  correct  their  Insolencies. 

Here  are  out  acted  all  the  boasted  Austerities  I  ever  heard 
of;  I  saw  a  Fakier  of  the  Gentus,  whose  Nails  by  neglect  were 
grown  as  long  as  my  Fingers,  some  piercing  through  the  Flesh. 
Another  grave  Old  Man  had  a  Turbat  of  this  own  Hair  (which 
they  all  Covet)  Sun-burnt  towards  the  ends,  Grey  nearer  the 
roots,  Plaited  like  the  Polonian  Plica,  but  not  so  diseased,  above 
Four  Yards  in  Length. 

Others  with  their  Arms  Dislocated  so,  that  the  didcdnonir, 
of  the  Joints  is  Inverted,  and  the  head  of  the  Bone  lies  in  the 
pit  or  Valley  of  the  Arm;  in  which  Case  they  are  defrauded  of 
their  Nourishment,  and  hang  as  useless  Appendices  to  the  Body ; 
that  unless  relieved  by  Charity,  they  are  helpless  in  all  Offices 
to  themselves. 

Others  Fixing  their  Eyes  upon  Heaven,  their  Heads  hanging 
over  their  Shoulders,  are  uncapable  of  removing  them  from  the 
Posture  they  are  in,  being  accustomed  to  that  uninterrupted 
Rest,  having  contracted  and  stiffned  the  Tendons  of  the  Muscles 
and  Ligaments  of  the  Neck,  that  both  those  belonging  to  the 
Gullet,  or  the  motion  of  the  Head,  are  unserviceable ;  insomuch 
that  no  Aliment,  not  Liquid,  can  pass,  and  that  too  with  much 
difficulty. 

Others  by  continual  Abstinence  bring  themselves  into  a 
Strange  Emaciated  habit  of  Body,  that  they  seem  only  Walking 
Skelitons. 

All  of  them  go  Naked  (some  plump  young  lusty  Fellows) 
except  their  Privities,  and  bedawb  themselves  over  with  Ashes, 
who  with  their  pleited  Hair  about  their  Heads,  look  like  so  many 
Moegara's;  these  wait  on  the  others.    The  Ancientest  of  them 

Schmidt,  Fakire  und  Fakir  tum.  9 


—     130    — 

addict  themselves  to  Reading,  they  live  Six  or  Eight  together^ 
as  they  please,  lie  upon  the  Ground  or  a  Matt,  some  of  them  in 
all  Seasons  abide  the  open  Air. 

At  another  time  a  Gentu  Fakier  was  enjoined  for  Forty 
days  to  endure  the  Purgatory  of  five  Fires ;  there  being  a  great 
resort  by  reason  of  a  Festivity  solemnized  all  that  while;  when 
I  came  early  in  the  Morning  (invited  by  the  novelty  and  in- 
credibility  of  the  thing)  he  was  Seated  on  a  four-square  Stage 
or  Altar,  with  three  Ascents,  some  Two  Feet  high,  and  as  many 
Feet  Square,  ready  to  shew:  While  he  was  in  a  musing  posture^ 
other  Fakiers  (whose  Duty  it  is  daily  to  salute  the  Sun  at  his 
Height,  Rising,  and  Setting,  with  their  Musick  of  long  hoUow 
Canes)  blew  them  for  an  hour,  or  Ghong;  after  which  he  feil  to 
his  Matt  ins,  which  he  continued  tili  the  Sun  began  to  be  warm; 
then  rising  he  Blessed  himself  with  Holy  Water,  and  threw 
himself  along  on  the  lowest  square,  still  muttering  to  himself  on 
his  Knees,  he  at  length,  with  one  Leg  bowed  upright  between  his 
Thighs,  rises  on  the  other,  telling  his  Beads  (which  both  Moormen 
and  Gentus  wear)  which  he  had  in  his  hands  a  quarter  longer, 
and  Stands,  like  a  Goose,  unmoved  all  the  time;  then  casting 
himself  down,  he  exercised  himself,  as  Wrastlers  do  here,  very 
briskly,  but  guarding  the  position  of  his  Leg,  which  he  kept  so 
fixed  as  if  it  had  grown  in  that  nature,  as  well  when  he  rose  as 
grovelled  on  the  ground ;  acting  thus  a  quarter  more,  it  had  the 
same  Operation  as  the  Stork's  Bill  used  for  a  Suppository,  for 
it  brought  him  to  a  Stool;  he  taking  his  Purifying-pot  in  his 
hand,  marched  on  one  side,  where  he  tarried  not  long  before  he 
retuming  took  up  his  Beads  he  had  left;  and  in  this  Interim 
four  Fires  being  kindled  (any  of  them  able  to  roast  an  Ox)  at 
each  Corner  of  the  upper  and  least  Square,  he  having  finished 
some  Fopperies  with  his  Pot,  Scoevola-like  with  his  own  hands 
he  increased  the  Flames  by  adding  combustible  Stuff  as  Incense 
to  it;  when  removing  from  his  Neck  a  Collar  of  great  Wooden 
Beads,  he  made  a  Coronet  of  them  for  his  Head;  then  bowing 
his  Head  in  the  middle  of  the  Flames,  as  it  were  to  worship, 
holding  the  other  Beads  in  his  hands,  with  his  Head  encircled 
between  his  Arms,  his  Face  opposite  to  the  Sun,  which  is  the 
fifth  Fire,  he  mounted  his  Body  with  his  Feet  holt  upright,  and 


—     131     — 

so  continued  standing  on  his  Head  the  space  of  three  hours  very 
steddily,  that  is,  from  Nine  tili  Twelve;  after  which  he  seats 
himself  on  his  Breech  cross-legg'd  after  their  way  of  sitting,  and 
remains  so  without  either  eating  or  drinking  all  the  rest  of  the 
Day,  the  Fires  still  nourished,  and  he  sweating  (being  one  of  a 
good  Athletick  Habit,  and  of  a  Middle  Age),  as  if  basted  in  his 
own  Grease. 

This  is  imagined  to  be  an  Imposture ;  but  if  it  be,  it  would 
make  a  Man  disbelieve  his  own  Eyes:  Others  more  rationally 
impute  the  Heat  from  the  Fires  to  be  allayed  by  that  over- 
powering  one  of  the  Sun;  which  I  cannot  wholly  incline  to,  since 
we  daily  when  abroad  roast  our  Meat  by  Fires  made  in  a  clear 
Day  without  any  shelter:  But  I  rather  conceive  Custom  has 
inured  his  Body  to  it;  for  the  very  Mountebank  Tricks  declare 
it  a  Practice;  and  the  other  I  think  as  feasible  as  to  eat  Fire, 
tread  on  Hot  Irons  (which  is  here  used),  or  for  Cooks  to  thrust 
their  hands  into  sealding  Water  without  Injury. 

Another  Devote  had  made  a  Vow  not  to  lye  down  in  Sixteen 
Years,  but  to  keep  on  his  Feet  all  that  while;  this  came  accom- 
panied  with  two  others  under  the  same  Oath,  the  one  had  passed 
Five,  the  other  Three  Years;  all  Three  of  them  had  their  Legs 
swoln  as  big  as  their  Bodies,  with  filthy  running  Ulcers,  exposed 
to  view  f or  the  greater  Applause :  Standing,  they  leaned  on  Pillows 
hung  in  a  String  from  the  Banyan  Tree,  and  had  a  Pompous 
Attendance  of  such  ragged  Fakiers  their  Admirers,  with  Musick, 
Flags,  and  Mirchals :  The  Eldest  having  undergone  the  compleat 
Term,  to  crown  all,  was  intombed  in  the  same  standing  Posture 
Nine  Days  without  any  sort  of  Food;  and  lest  any  Pretext  of 
that  kind  might  lessen  his  Undertaking,  he  caused  a  Bank  of 
Earth  to  be  heaped  on  the  Mouth  of  his  Cave,  whereon  was  to 
be  sown  a  certain  Grain  which  ears  in  Nine  Days,  which  accor- 
dingly  being  done,  eared  before  his  being  taken  thence.  I  saw 
him  presently  after  his  Resurrection,  in  great  State  raised  on  a 
Throne  under  a  Canopy,  before  which  was  a  Fire  made  in  the 
Pit  he  had  been,  where  he  put  his  Hands,  being  anointed  with 
Oyl,  untouch'd  by  the  Flames:  Which  whether  this  may  discover 
the  Cheat  of  both  this  and  the  other,  that  such  an  Unction  may 
be  to  resist  Fire,  NaturaHsts  have  not  agreed  in;  and  therefore 


—       132      — 

I  judge  this  rather  a  Delusion,  I  having  not  been  present  at 
this  Experiment:  But  that  this  is  none  I  am  assured,  That  the 
Banyans  gave  him  Divine  Honours,  and  saluted  him  prostrate, 
offering  before  him  Rice,  and  throwing  Incense  into  the  Fire: 
He  had  a  Red  Trident  in  his  hand,  and  is  enroUed  one  of  the 
Heroes  or  Demi-Gods  in  their  Superstitious  Kalender. 

Coasting  along  the  Sea-side,  we  came  to  the  Pomoerium  of 
the  greatest  Pagod,  where  near  the  Gate  in  a  Choultry  säte  more 
than  Forty  naked  Jougies,  orMen  united  toGod,  covered  withAsh- 
es,  and  pleited  Turbats  of  their  own  Hair ;  two  above  the  rest  re- 
markable,  one  sitting  with  his  Head  hanging  over  his  Shoulders, 
his  Eyes  shut,  moving  neither  Hands  or  Feet,  but  always  set 
across,  his  Nails  overgrown  like  Talons :  The  other  as  a  check  to 
Incontinency,  had  a  Gold  Ring  fastned  into  his  Viril  Member. 

A  Fakier  is  an  Holy  Man  among  the  Moors;  for  all  who 
Profess  that  Strictness  (for  such  it  should  be)  they  esteem  them 
Sacred;  and  though  before  apparent  Traytors,  yet  declaring  for 
this  kind  of  life,  and  v/earing  a  patch'd  Coat  of  a  Saffron  Colour, 
with  a  pretended  careless  neglect  of  the  World,  and  no  certain 
Residence,  they  have  Immunity  from  all  Apprehensions,  and 
will  dare  the  Mogul  himself  to  his  Face :  Of  this  Order  are  many 
the  most  Dissolute,  Licentious,  and  Prophane  Persons  in  the 
World,  committing  Sodomy,  will  be  Drunk  with  Bang,  and 
Curse  God  and  Mahomet ;  depending  on  the  Toleration  the  Mogul 
indulges  them  with,  having  been  one  himself  in  the  time  of  the 
Contest  among  his  Brethren;  so  securing  himself  tili  they  had 
destroyed  one  another,  and  made  an  easy  passage  for  him  to 
the  Throne;  these  People  Beg  up  and  down  like  our  Bedlams 
with  an  Hörn  and  Bowl,  so  that  they  enter  an  House,  take  what 
likes  them,  even  the  Woman  of  the  House ;  and  when  they  have 
plaid  their  mad  Franks,  away  they  go  to  repeat  them  elsewhere. 
Under  this  Disguise  many  pass  as  Spies  up  and  down,  and  reap 
the  best  Intelligence  for  the  benefit  of  the  Prince  that  Employs 
them. 

Die  ,,Ceremonies  et  Coutumes  religieuses  des  peuples  ido- 
latres",  Amsterdam  1723,  geben  im  zweiten  Teile  des  ersten 
Bandes  p.  32  die  folgende  Schilderung  der  Fakire:  ,,L'on  a  dit 


—     133     — 

de  tout  temps,  que  le  Demon  a  ses  martirs:  mais  il  n'y  a  point 
d'endroit  en  l'Univers,  oü  il  en  ait  plus  que  dans  les  Indes.  On 
y  voit  des  Fakirs,  qui  proprement  sont  les  Religieux  du  pais, 
pratiquer  des  choses,  qui  passent  tout  ce  que  nous  lisons  de  la 
vie  mortifiee,  &  des  penitences  des  anciens  Peres  du  desert. 

Plusieurs  Faquirs  fönt  voeu  de  rester  toute  la  vie  dans  une 
meme  posture,  &  y  restent  en  effet.  Les  uns  ne  se  couchent 
jamais,  ou  demeurent  appuyes  par  dessous  les  aisselles  sur  une 
corde,  ou  sur  un  bätton.  Les  autres  tiennent  toüjours  les  bras 
eleves.  II  y  en  a  qui  cherchent  ä  se  mortifier  par  des  pratiques 
beaucoup  plus  cruelles.  Ils  se  dechirent  le  corps  ä  coups  de 
fouet,  ä  coups  de  couteau.  Ils  se  regardent  comme  n'etant 
plus  de  ce  monde,  &  comme  ils  s'imaginent  d'etre  au-dessus 
de  toutes  les  passions,  &  dans  un  etat  d'innocence,  plusieurs 
d'entr'eux  se  promenent  ou  se  montrent  publiquement  nuds, 
jusqu'  ä  negliger  de  cacher  ce  que  la  bienseance  ne  peut  souffrir 
decouvert. 

Ces  Faquirs  ne  sont  pas  les  seuls  qui  aient  pretendu  etre  ä 
l'abri  des  passions  &  de  tous  les  mouvemens  que  peut  inspirer 
la  nudite.  Vous  avons  eu  les  Adamites,  qui  etoJent  sortis  de  la 
secte  des  Carpocratiens  &  des  Gnostiques.  Ils  s'assembloient 
nuds,  au  rapport  de  saint  Augustin,  &  dans  cet  etat  ils  ecoutoient 
les  lectures  qu'on  leur  faisoit,  prioient,  &  celebroient  les  Sacre- 
mens.  On  a  fait  parier  Saint  Epiphane  un  peu  trop  fortement, 
au  sujet  de  ces  heretiques,  &  on  s'est  servi  de  son  authorite 
pour  prouver  qu'ils  commettoient  dans  leurs  assemblees  toutes 
sortes  d'infamies,  qu'ils  rejettoient  entierement  la  priere. 
Cependant  nous  venons  de  voir  que  Saint  Augustin  dit  positive- 
ment  qu'ils  prioient,  &  Saint  Epiphane  meme  dit  dans  un 
endroit,  qu'ils  suivoient  les  regles  des  Moines,  c'est-ä-dire  la 
continence,  &  qu'ils  condamnoient  meme  le  mariage.  Ainsi  il 
n'y  a  pas  d'apparence  qu'ils  voulussent  d'abord  commettre 
publiquement  tous  les  crimes  que  l'on  leur  impute;  mais  quel- 
ques-uns  pretendent  que  dans  la  suite  ils  se  relacherent,  &  que 
cette  nudite,  qu'ils  regarderent  dans  le  commencement  comme 
un  moien  sur  de  rentrer  dans  l'^tat  d'innocence,  Sc  de  se  con- 
former  ä  Adam  avant  la  chüte,  les  fit  tomber  quelque  tems  apres 
dans  les  derniers  desorders,  ce  qui  paroit  assez  probable. 


—     134     — 

Le  commun  peuple  est  extremement  persuade  de  la  vertu 
&  de  l'innocence  des  Fakirs,  mais  il  faut  pour  cela  qu'ils  lui 
paroissent  etre  entierement  detaches  de  tout  ce  qui  est  capable 
de  f latter  les  sens,  &  ne  plus  prendre  part  aux  choses  de  ce 
monde.  La  plüpart  soütiennent  ce  personnage,  &  jouent  par- 
faitement  leur  role  dans  le  public,  mais  on  les  accuse  de  com- 
mettre  entr'eux  dans  le  particulier  des  crimes  enormes.  Peut- 
etre  aussi  en  dit-on  trop. 

Nous  lisons  dans  le  3.  Li  vre  des  Rois  la  maniere  etrange 
dont  les  Pretres  de  Baal  honoroient  leur  Dieu,  comment  ils 
l'invoquoient,  &  tachoient  d'en  obtenir  quelque  grace  en  se 
donnant  des  coups  de  coüteaux,  &  de  lancettes.  L'Ecriture  nous 
aprend  encore  que  pour  faire  descendre  le  feu  du  Ciel  sur  leurs 
Sacrifices,  ils  se  mirent  le  corps  tout  en  sang.  Les  austerites  des 
Fakirs  peuvent  leur  etre  comparees.  II  y  en  a  meme  qui  fönt 
pis.  Ils  fönt  voeu  de  parcourir  un  certain  nombre  de  lieues  en 
se  roulant  indifferemment  sur  tout  ce  qui  se  presente  en  leur 
chemin,  soit  pierres,  soit  epines:  de  sorte  qu'ils  se  dechirent 
entierement  le  corps,  &  cette  maniere  de  se  mortifier  est  assez 
ordinaire  chez  eux. 

Les  Indiens  ont  une  autre  espece  de  Fakirs,  qui  moins 
austeres,  ou  pour  mieux  dire  moins  extravagans,  s'assemblent 
en  troupe,  &  vont  de  village  en  village  predire  l'abondance,  ou 
menacer  de  la  sterilite,  selon  que  Ton  les  y  regoit  bien  ou  mal. 
Ils  se  melent  aussi  de  dire  la  bonne  avanture,  de  promettre  des 
enfans  ä  ceux  qui  n'en  ont  point,  &  des  maris  ä  Celles  qui  se 
lassent  de  l'etat  de  fille :  mais  ce  sont  de  grands  fripons,  &  il  est 
dangereux  de  se  trouver  avec  eux  en  des  endroits  ecartes,  ä 
moins  que  l'on  ne  soit  en  etat  de  se  defendre :  cependant  ils  sont 
en  veneration  chez  les  Indiens  Idolatres.  Les  Maures  ont  aussi 
des  Faquirs,  qui  ne  valent  pas  mieux  que  les  autres.  Ce  seroit 
un  crime  capital  d'en  battre  un. 

Nous  pourrions  comparer  en  quelque  fagon  la  maniere 
dont  les  Fakirs  debitent  leurs  visions  fanatiques  &  leurs  pre- 
tendues  predictions  ä  celle  des  Prophetes  des  anciens  Juifs,  que 
la  Sainte  Ecriture  appelle,  Filii  Prophetarum,  grex,  vel  chorus 
Prophetarum.  Tels  etoient  ceux  que  Saul  trouva,  &  au  milieu 
desquels  il  prophetisa.    L'Ecriture  dit,  qu'ils  avoient  des  tarn- 


—     135     — 

bours  &  des  trompettes,  &  que  c'etoit  au  son  de  ces  instrumens, 
qu'ils  debitoient  leurs  Propheties, 

Elle  nous  rapporte  aussi,  que  quand  Josaphat,  Joram,  &  le 
Roi  d'Edom  füren t  assemblez  contre  Mesa  Roi  de  Moab,  le 
manque  d'eau  ayant  reduit  leur  armee  ä  la  demiere  extremite; 
Josaphat  fit  venir  Elisee  pour  obtenir  par  ses  prieres  le  secours 
du  ciel,  &  que  ce  Prophete,  avant  que  de  consulter  Dieu,  de- 
manda  un  Chantre. 

Ne  pourroit  on  pas  dire,  pour  justifier  cette  maniere  extra- 
ordinaire  de  consulter  Dieu,  &  lui  donner  une  explication  na- 
turelle, que  nctre  esprit  est  plus  propre  ä  recevoir  les  ordres  du 
Ciel,  &  plus  attentif  ä  sa  voix  quand  il  a,  pour  ainsi  dire,  moins 
de  correspondance  avec  le  corps,  ou  quand  le  corps  est  moins  en 
etat  de  lui  representer  des  choses  capables  de  le  distraire.  Tout 
ce  qui  pouvoit  mettre  les  sens  dans  une  certaine  inaction  ge- 
nerale: Tout  ce  qui  les  empechoit  d'etre  touchez  des  objets  qui 
les  environnoient  rendoit  les  Prophetes  plus  propres  ä  etre 
remplis  de  l'esprit  de  Dieu,  &  rien  ne  pouvoit  mieux  produire 
cet  effet,  que  les  voix,  les  instrumens,  &  generalement  toute  la 
musique,  qui  par  ses  sons  tient  en  quelque  maniere  les  sens  en 
exstase. 

C'est  ainsi  que  les  Fakirs  Indiens,  dont  nous  parlons  en 
cet  Article,  se  servent  des  tambours,  des  trompettes,  &  de  la 
Musique  pour  s'animer  &  pour  debiter  dans  une  exstase  volon- 
taire  ou  artificielle  leurs  pretendues  Propheties.  On  en  voit 
toüjours  quelqu'un  d'entr'eux  qui  entre  en  fureur,  &  repond  par 
des  mouvemens  violens  de  son  corps  ä  la  cadence  precipitee  Sc 
dereglee  de  ces  instrumens.  Lorsqu'ils  se  sont  mis  hors  d'haleine, 
ils  prononcent  certaines  sentences,  que  les  Gentils  prennent  pour 
des  Oracles  &  pour  des  predictions." 


Ives  (Reisen  nach  Indien  und  Persien,  Leipzig  1774,  Teil  I, 
p.  69)  besuchte  während  seines  Aufenthaltes  in  Bombay  eines 
Abends  mit  seinem  Freunde  einen  Yogin,  ,,der  beständig  in 
einerley  Lage  auf  der  Erde  in  der  schattichten  Laube  von  einem 
Kokosbaume  saß.  Sein  Körper  war  mit  Asche  bedeckt;  seine 
langen  schwarzen  Haare  hiengen  in  der  größten   Unordnung 


—     136     — 

herunter.  Als  wir  uns  ihm  näherten,  grüßten  wir  ihn,  und  er 
erwiederte  es  uns  sehr  ehrerbietig,  und  dann  unterhielten  wir 
uns  mit  ihm,  durch  Hülfe  unsers  indianischen  Ochsentreibers, 
der  Englisch  redte,  meistens  von  den  wunderbaren  Wirkungen 
seiner  Gebete,  durch  welche  er  Kranke  gesund.  Schwache  und 
Lahme  stark.  Blinde  sehend,  und  Weiber,  die  man  auf  ihre  ganze 
Lebenszeit  für  unfruchtbar  gehalten  hatte,  fruchtbar  gemacht 
haben  wollte.  Als  wir  bald  im  Begriff  waren  unsem  Abschied  zu 
nehmen,  bot  ich  ihm  ein  Geschenk  von  zwey  Rupees  an,  er  bat 
mich,  sie  auf  die  Erde  zu  werfen,  und  befahl  hierauf  seinem 
Diener,  sie  aufzunehmen.  Dieser  that  es  mit  ein  Paar  eisernen 
Zangen,  und  warf  hierauf  die  Rupees  in  eine  Essigflasche.  Als 
sie  hierinn  ein  w^enig  gelegen  hatten,  nahm  sie  derselbe  Bediente 
wieder  heraus,  wischte  sie  sorgfältig,  und  überlieferte  sie  endlich 
seinem  Herrn,  welcher  zur  Vergeltung  uns  gleich  darauf  einige 
Kuchen  von  seiner  geschmacklosen  Beckerey  schenkte.  Ich 
ersuchte  ihn  hierauf,  daß  er  in  seinem  nächsten  Gebete  auch 
mir  einen  Zuwachs  von  Glückseligkeit  erbitten  möchte.  Er 
erwiederte  mit  einer  sehr  großen  Gelassenheit  in  seiner  Miene: 
Ich  weiß  kaum,  was  ich  für  Sie  bitten  soll;  ich  habe  Sie  oft  ge- 
sehen, und  es  hat  mir  immer  geschienen,  daß  Sie  vollkommen 
gesund  sind ;  Sie  können  in  ihrem  Wagen  fahren,  so  oft  es  Ihnen 
gefällt;  Sie  sind  oft  in  Gesellschaft  einer  sehr  schönen  Dame; 
Sie  sind  immer  gut  gekleidet,  und  auch  fett;  Sie  scheinen  mir  also 
alles  zu  besitzen,  was  zur  Glückseligkeit  nothwendig  seyn  kann. 
Wenn  ich  daher  etwas  für  Sie  bitten  soll,  so  müßte  es  wohl  dieses 
seyn,  daß  Gott  Ihnen  die  Gnade  verleihen  woUe,  die  mannich- 
faltigen  Glückseligkeiten,  womit  er  Sie  begäbet  hat,  zu  verdienen, 
und  dafür  dankbar  zu  seyn.  Ich  antwortete,  daß  ich  mit  diesem 
seinem  Gebete  vollkommen  zufrieden  wäre,  und  hierauf  nahmen 
wir,  nach  gegenseitigen  Complimenten,  von  einander  Abschied. 


Pallebot  de  Saint  Lubin  (bei  Fra  Paolino  p.  296)  sagt, 
einige  der  Yogin's  blieben  so  lange  auf  der  Erde  sitzen,  bis  sie 
sich  nicht  mehr  von  der  Stelle  bewegen  können.  ,, Andere  halten 
den  Arm  so  lange  in  die  Höhe,  daß  sich  zwischen  dem  Armgelenke 
und  dem  Schulterblatt  eine  Anchilosis  formirt,  und  sie  nicht  mehr 


VD 
^ 


^ 

^ 
^ 

fF 


—     ^37     — 

im  Stande  sind,  den  Arm  gerade  zu  biegen.  Einige  falten  immer- 
fort die  Hände  zusammen,  so  daß  ihnen  die  Nägel  durch  das 
Fleisch  wachsen  und  auf  der  andern  Seite  wieder  zum  Vorschein 
kommen.  Diese  schleppen  ungeheure  Ketten  hinter  sich  her; 
jene  halten  schw^ere  Balken  in  die  Luft;  noch  andere  wälzen 
sich  von  hohen  Bergen  herab,  u.  s.  w."  ,,Ich  selbst"  sagt  Fra 
Paolino,  ,,sah  einen  dieser  Menschen,  an  dessen  Vorhaut  eine 
schwere  Kette  hing;  ein  anderer  hatte  seinen  Kopf  bis  über 
den  Hals  in  einen  eisernen  Käfig  gesteckt;  ein  dritter  hatte 
seinen  Arm  so  lange  ans  Feuer  gehalten,  bis  er  vollständig  aus- 
gedorrt war." 

Reginald  Heber  erzählt  in  seinem  Buche  ,, Narrati ve  of  a 
Journey  through  the  Upper  Provinces  of  India",  London  1844, 
Vol.  II,  p.  16  von  einem  Fakir,  der  sich  in  Khanwah  röstete: 
,,As  I  passed  through  the  principal  street  in  my  evening's  walk, 
I  saw  a  very  young  man  naked  and  covered  with  chalk  and 
ashes,  his  hair  wreathed  with  withered  leaves  and  flowers, 
working  with  his  hands  and  a  small  trowel  in  a  hole  about  big 
enough  to  hide  him  if  he  stooped  down.  I  asked  him  if  he  were 
sinking  a  well,  but  a  by-stander  told  me  that  he  was  a  Mussul- 
man  fakir  from  the  celebrated  shrine  near  Agmere,  that  this 
was  his  dwelling,  and  that  he  used  to  make  a  fire  at  the  bottom 
and  cower  over  it.  They  called  this  a  Suttee,  but  explained 
themselves  to  mean  that  he  would  not  actually  kill,  but  only 
roast  himself  by  way  of  penance.  I  attempted,  as  far  as  I  could, 
to  reason  with  him,  but  obtained  no  answer  except  a  sort  of 
faint  smile.  His  countenance  was  pretty  strongly  marked 
by  insanity.  I  gave  him  a  few  pice,  which  he  received  in 
silence,  and  laid  down  on  a  stone,  then  touched  his  forehead 
respectfully,  and  resumed  his  work,  scraping  with  his  hands  like 
a  mole." 

Boeck  erzählt  in  seinem  Buche  ,, Durch  Indien  ins  ver- 
schlossene Land  Nepal"  p.  285  ff.  von  den  ganz  besonders 
wunderlichen  nepalesischen  Asketen  in  der  Nähe  des  Pasch- 
pattinathtempels.     ,, Einer  dieser  wunderlichen   Heiligen   legte 


-     138     - 

sich  z.  B.  flach  auf  die  Erde  und  krümmte  dabei  gleichzeitig 
Arme  und  Beine  wie  ein  Kautschukmann,  sprang  dann  auf,  um 
einige  Minuten  auf  einem  Beine  zu  hocken,  dann  wieder  drehte 
er  sich,  in  die  Hände  klatschend,  wie  ein  Kreisel  herum  und 
blieb  schließlich  mit  hochgehobenen  Händen  stehen  ..." 

Boeck  ,, sträubte  sich  förmlich  das  Haar  vor  Erstaunen  über 
die  dort  verborgenen  Gestalten ;  ich  hatte  doch  in  Asien  bereits 
so  manchen  wunderbaren  Schwärmer  kennen  gelernt,  .  .  .  hier 
aber  fand  ich  neben  den  abenteuerlichsten  religiösen  Bettlern, 
die  sich  bei  diesem  Tempel  ein  Stelldichein  gegeben  hatten,  in 
allen  möglichen  Schlupfwinkeln  Vertreter  jener  entsetzlichen, 
durch  unglaubliche  Mittel  sich  selber  quälenden,  fälschlich 
Fakire  genannten  Büßer,  deren  Vorhandensein  von  vielen  Indien- 
reisenden bereits  geradezu  als  Märchen  bezeichnet  wird,  weil 
denselben  in  Britisch-Indien  durch  Polizeimaßregeln,  auch  wohl 
durch  die  wenig  respektvollen  Blicke,  mit  denen  die  Europäer 
die  Äußerungen  ihres  religiösen  Wahnsinns  in  Augenschein  zu 
nehmen  pflegen,  der  Aufenthalt  verleidet  wird.  Für  brahminische 
Schwärmer  dieser  Art  ist  die  Bezeichnung  Fakir  nicht  am  Platze, 
sondern  je  nach  der  Art  der  Bußübung  einer  der  [p.  283]  auf- 
gezählten Namen  [Yogis,  Dumdis,  Sadhus,  Kakhis,  Nagas, 
Gosains,  Bairagis,  Sanyassis],  während  das  Wort  Fakir  einen 
mohammedanischen  Fanatiker  bezeichnet." 

Boeck  hat  unter  diesen  ,, ungeheuerlichen  Erscheinungen" 
einige  der  ,,fürchternchsten"  p.  287  f.  abgebildet  und  hat  ganz 
Recht,  hinzuzufügen,  wenn  er  die  photographische  Aufnahme 
nicht  selbst  besorgt  hätte,  würde  er  es  kaum  für  möglich  halten, 
,,daß  es  tatsächlich  Hindus  gibt,  die  unausgesetzt  Tag  und  Nacht 
mit  tief  zur  Erde  herunter  gekreuztem  Körper  dastehen  und  dabei 
mit  den  zusammengekrallten  Fingern  die  Erde  berühren,  bis 
der  ganze  Mensch  in  dieser  gekrümmten  Stellung  gewissermaßen 
erstarrt  ist,  bis  seine  Arme  ausdörren,  die  Nägel  der  Finger 
durch  das  Handfleisch  wachsen  und  bis  das  Haar  wie  ein  dicker 
Vorhang  über  das  Gesicht  herüberwächst !  Die  verehrungsvollen 
Besucher  des  frommen  Mannes  haben  dann  große  Mühe,  das 
Haar  zur  Seite  zu  legen,  um  ihm  Reis,  Erbsen,  Früchte  ,  Gebäck 
oder  andere  Lebensmittel  in  den  Mund  zu  stopfen,  die  auf  einem 
Deckchen  vor  ihm  niedergelegt  werden  .  .  . 


—     139     — 

In  diese  Gruppe  der  Stellungsbüßer,  wenn  ich  sie  so  respekts- 
widrig nennen  darf,  gehört  auch  der  hier  [p.  288]  dargestellte, 
der  wirklich  ein  Künstler  genannt  werden  darf,  denn  es  gehört 
schon  immerhin  einige  Akrobatenkunst  dazu,  unentwegt  auf 
einem  einzigen  Beine  zu  hocken,  während  der  Unterschenkel  des 
anderen  in  die  Kniekehle  dieses  Standbeines  eingeschlagen  ist. 
Der  Umstand,  daß  vor  jedem  dieser  Asketen  ein  Deckchen  aus- 
gebreitet ist,  auf  das  die  staunenden  Mitbürger  Kupfermünzen 
oder  Lebensmittel  niederlegen,  die  dann  der  für  den  Büßer 
sorgende  Guru  mit  sichtlicher  Gier  einsammelt  oder  beiseite 
schafft,  legt  freilich  den  Gedanken  nahe,  daß  oft  genug  weniger 
ein  tiefrehgiöser  Entsagungs-  und  Selbstheherrschungsdrang  als 
vielmehr  der  Wunsch  nach  einem  arbeitslosen  und  doch  einträg- 
lichen, noch  dazu  vom  Nimbus  des  Märtyrertums  verklärten 
Leben  für  verworrene  Köpfe  den  Anlaß  zu  einem  so  romanhaften 
Dasein  geben  mag;  hierfür  spricht  auch  die  Tatsache,  daß  der 
mit  kleinen  Fähnchen  gekennzeichnete  Platz,  an  dem  sich  ein 
solcher  Bairagi  aufgehalten  und  gezeigt  hat,  nach  seinem  Weg- 
gange oder  Tode  an  denjenigen  Büßer,  der  am  meisten  dafür 
bietet,  verpachtet  wird. 

Andere  Büßer  nehmen  die  Schmerzen  zu  Hilfe,  die  stechende, 
schneidende  oder  brennende  Gegenstände  hervorbringen  können, 
um  ihre  Gleichgiltigkeit  gegen  die  Leiden  dieser  Welt  zu  be- 
weisen —  oder  um  die  mitleidige  Freigebigkeit  ihrer  Landsleute 
anzurufen.  Bairagis,  die  auf  den  scharfen  Spitzen  langer  eiserner, 
aus  einem  Brett  aufragender  Nägel  kauern  oder  liegen,  sich  an 
scharfen,  durch  die  Rückenmuskien  gezogenen  Haken  an  Ge- 
rüsten von  mehr  als  zwölf  Meter  langen  Stangen  aufhängen 
und  daran  hin-  und  herschwingend  bei  den  Festen  hinter  den 
Tempelkarren  durch  die  Städte  fahren  lassen  oder  die  gleich 
den  Schinto-Feuerpriestern  in  Japan  und  den  Wundermännern 
auf  den  Fidschi-Inseln  über  glühende  Holzkohlen  einhergehen, 
dürfen  sich  zwar  neuerdings  in  Indien  nicht  mehr  öffentlich 
zeigen;  solcher  aber,  die  unausgesetzt  über  ein  Feuer  gebeugt 
dastehen,  habe  ich  wiederholt  gesehen.  Der  von  mir  [p.  288] 
photographisch  wiedergegebene  ist  deshalb  besonders  bemerkens- 
wert, weil  er  gewissermaßen  noch  in  der  Ausbildung  begriffen 
ist,  das  heißt,  er  stützt  das  eine  Knie  und  seine  Arme  auf  ein  an 


—     I40     — 

Seilen  hängendes  Trapez,  bis  er  gelernt  hat,  vollkommen  frei 
auf  dem  anderen  Beine  zu  stehen  und  sich  dabei  von  den  vor  ihm 
brennenden  Holzscheiten  schmoren  zu  lassen;  manche  dieser 
Büßer,  oder  genauer  deren  Wärter,  richten  sogar  heimlich  Affen 
ab,  neues  Brennmaterial  nachzulegen,  was  ihnen  in  den  Augen 
des  Volkes  vermehrte  Heiligkeit  verleiht. 

Es  steht  fest,  daß  sich  in  Südindien  bei  den  zu  Ehren  der 
Bhadra  Kali  veranstalteten  Schwingfesten  arme  Leute  gegen 
gute  Bezahlung  dazu  hergegeben  haben,  sich  zur  Wiederherstel- 
lung Kranker  oder  zur  Entsündigung  Verstorbener  eine  halbe 
Stunde  und  länger  in  der  vorhin  geschilderten  Weise  schwebend 
um  den  Tempel  herumfahren  zu  lassen;  zuvor  war  es  üblich, 
das  Opfer  durch  reichlichen  Genuß  von  Toddy  zu  berauschen 
und  durch  Schläge  auf  den  Rücken  dessen  Fleischteile  zum 
leichteren  Einführen  der  Haken  möglichst  stark  anschwellen  zu 
lassen,  doch  wurden  gewöhnlich  neben  den  Haken  auch  noch 
ein  paar  Gurte  zum  Erleichtem  der  Körperlast  angebracht. 
Auch  bei  dem  Schwingen  eines  an  den  Füßen  aufgehangenen 
Asketen  über  einem  Feuer  sind  allerlei  Vorbereitungen  üblich, 
um  diesen  nach  Möglichkeit  zu  schonen  .  .  .  Die  Schlingen,  in 
denen  die  Füße  eines  derartigen  Büßers  stecken,  sind  gepolstert 
und  so  weit,  daß  der  Büßer  die  Unterschenkel  hindurchstecken 
und  in  den  Kniekehlen  hängen  kann,  wenn  ihm  das  Feuer  gar 
zu  nahe  kommt,  auch  wird  ihm  von  seinem  Guru  ein  Tuch  glatt 
über  den  Haarschopf  und  Schädel  gebunden,  das  dann  ebenso 
wie  der  ganze  Körper  mit  einer  dicken  Schicht  eines  Breies  aus 
Asche  und  Wasser  übertüncht  wird,  die  nach  dem  Trocknen  als 
dichte,  die  Wärme  schlecht  leitende  Kruste  die  Haut  vor  der 
Hitze  der  Flamme  schützt. 

Für  mich  ist  es  gar  keine  Frage,  daß  viele  dieser  Sonder- 
linge aus  völlig  lauteren  Beweggründen  handeln  und  ähnlich 
den  Sanyassis  denken,  die  sich  freiwillig  ihres  Reichtums  und 
Behagens  begeben,  um  sich  als  Besitzlose  nur  noch  religiösen 
Betrachtungen  zu  überlassen  und  von  dürftigen  Almosen  zu 
leben,  und  die  man  auch  nicht  ohne  weiteres  zu  faulen  Bettlern 
und  Tagedieben  rechnen  darf.  Die  Lehre  des  Brahminentums, 
daß  die  Götter  durch  Opfer  und  Bußübungen  sogar  zu  gewissen 
Gnadenbeweisen  gezwungen  werden  können,  treibt  viele  von 


—     141     — 

Unglück  Bedrohte  zu  solchen  Maßregeln,  die  nur  unserem  Gefühl 
als  unbegreiflich  und  abgeschmackt,  dem  Hindu  aber  als  höchst 
zweckmäßig  erscheinen.  Amtlich  verbürgt  ist  z.  B.  die  Leidens- 
zeit, der  sich  Schundra  Bela  [?],  eine  junge  Indierin,  freiwillig 
unterzog,  als  ihr  an  einem  Tage  der  Vater  und  der  angelobte 
Gatte  durch  den  Tod  entrissen  wurde,  und  die  zunächst  durch 
eine  sieben  Jahre  dauernde  Wallfahrt  zu  allen  heiligen  Stätten 
Indiens  Erlösung  von  ihren  Sünden  zu  finden  versuchte,  die  nach 
der  Volksanschauung  diese  Verluste  verschuldet  hatten;  daß  in 
solchen  Fällen  die  Pilgerschaft  durch  die  erstaunlichsten  Er- 
schwerungen, durch  Kriechen,  Hüpfen  oder  Rollen,  durch  Ver- 
meiden von  Hinsetzen  oder  Hinlegen  zu  einem  qualvollen  Buß- 
gange verschärft  wird,  habe  ich  auch  schon  an  anderer  Steile 
erwähnt.  Als  die  junge  Witwe  aber  auch  dadurch  ihre  Seelen- 
ruhe nicht  wieder  gewann,  strafte  sie  sich  im  Gefühl  ihrer  ver- 
meintlichen Schuld  dadurch,  daß  sie  während  der  Tageshitze 
zwischen  fünf  Feuern  hockte,  während  sie  die  kühlen  Nächte  bis 
an  den  Hals  im  Wasser  stehend  zubrachte. 

Auch  die  Willensübungen  des  Gosain  Pranpuri,  der  den  Drang 
spürte,  zu  einem  Radsch-Jogi  erhoben  zu  werden,  sind  behörd- 
lich bezeugt;  volle  zwölf  Jahre  seines  Lebens  brachte  dieser 
regungslos  auf  einem  Fleck  stehend  zu,  in  den  zwölf  folgenden 
hielt  er  auch  noch  die  Arme  empor,  ließ  sich  dann  1V4  Pahr  oder 
3%  Stunden,  an  den  Füßen  im  Geäst  eines  heiligen  Bo-Baumes 
hängend,  über  einem  Kuhdüngerfeuer  hin-  und  herschwingen 
und  schließlich  noch  ebensolange  aufrecht  in  eine  trockene  Sand- 
grube einscharren! 

Bei  diesem  Eingrabenlassen  kommen  wahrscheinlich  seitens 
der  Bairagis  Kunstgriffe  in  Anwendung,  die  auch  die  asketischen, 
sich  mit  unablässigen  Grübeleien  zermarternden  Yogis  benutzen, 
um  möglichst  wenig  durch  physische  Lebenstätigkeiten  von  ihrer 
unausgesetzten  Vertiefung  in  das  höchste  Wesen  und  dem  un- 
hörbaren Flüstern  der  mystischen  Worte  Om  Scham  Bam  Lam 
Ram  Yam  Ham  abgelenkt  zu  werden." 

Daß  das  Dasein  eines  Yogin  selbst  für  Europäer  etwas  An- 
ziehendes und  Nachahmenswertes  besitzen  kann,  ist  in  unseren 
spiritistisch  durchseuchten  Zeiten  nichts  Erstaunliches  mehr. 
Die  englischen  Behörden  dachten  freilich  materieller,  als  sie  den 


—       142      — 

Hauptmann  Seymour  immer  wieder  einfingen  und  ins  Irrenhaus 
steckten,  der,  um  die  Geheimnisse  der  Yogins  so  recht  ab  ovo 
in  sich  aufnehmen  zu  können,  zum  Brahmanismus  sich  bekannte, 
die  Tracht  eines  Samnyäsin  anlegte  und  streng  nach  den  Sat- 
zungen eines  solchen  lebte,  um  schließlich  als  Yogin  zu  sterben. 

* 

Es  hat  natürlich  nie  an  harten  Urteilen  über  die  Yogins  und 
Fakire  gefehlt.  Zu  dem,  was  bereits  in  den  vorstehenden  Reise- 
berichten gesagt  ist,  seien  noch  ein  paar  Stellen  hinzugefügt; 
als  die  fulminanteste  Kapuzinade  das  Urteil  aus  Ehrmann, 
Neueste  Beiträge  zur  Kunde  von  Indien,  Weimar  1806,  III, 

215  ff. : 

,,Die  Joghi  und  die  Fakire,  werden  gewöhnlich  mit  ein- 
ander verwechselt.  Jene  sind  eigentlich  bußfertige  Sünder  und 
Bettelmönche  vom  Volke  der  Hinduer,  letztere  hingegen 
Muhammedaner.  In  Ansehung  der  Sitten,  der  Verstellungskunst, 
und  der  unverschämtesten  Dreistigkeit,  haben  sie  aber  freilich 
einander  nichts  vorzuwerfen.  Man  sieht  diese  Menschen  in 
Menge  auf  den  Straßen,  in  den  Bazars,  auf  den  Marktplätzen, 
kurz  überall.  Stellen  Sie  sich  einen  Wahnsinnigen  vor,  der  das 
Gesicht  und  den  ganzen  Leib  (welcher  vöUig  nackt  und  bloß  ist, 
bis  auf  einen  kleinen  Beutel,  worin  sie  die  Schaamtheile  ver- 
bergen) über  und  über  mit  einem  weißen  Pulver  bestreut  hat; 
dessen  verworrene  nie  durchgekämmte  Haare,  wie  die  Schlangen 
am  Haupte  Megärens,  in  hundert  dicht  verschlungenen 
Büscheln  emporstehen ;  der  von  Zeit  zu  Zeit  fürchterlich  brüllt ; 
sich  wie  ein  Besessener  gebärdet,  mit  großen  festen  Schritten 
einhergeht,  alle  Scheu  und  Scham  gänzlich  bei  Seite  setzt,  und 
seine  feuerrothen  Augen  fürchterlich  im  Kopfe  umherrollt:  so 
erblicken  Sie  in  der  Person  dieses  ekelhaften  schmutzigen  Narren 
das  leibhafte  Bild  eines  Fakirs. 

Jeder  sucht  sich  durch  eine  oder  die  andere  abentheuerliche 
That  hervorzuthun,  und  alle  wetteifern  mit  einander,  die  Blicke 
der  gaffenden  Menge  auf  sich  zu  ziehen,  um  etwas  Geld  von  ihr 
zu  erbetteln.  Einige  machen  sich  kleine  Wunden  an  der  Stirn, 
an  den  Armen,  an  den  Schenkeln,  zeigen  sich  alsdann  von  Blut 
triefend  (wiewohl  es  nicht  unwahrscheinlich  ist,  daß  sie  sich 
auch  mit  anderm  Blute  bestreichen)  dem  Pöbel,  vorzüglich  aber 


—     143     — 

jungen  Frauenspersonen,  und  sammeln  das  Almosen  ein,  was 
ihnen  eben  so  thörichter  als  unverdienter  Weise  gereicht  wird. 
Nicht  selten  sah  ich  einige  dieser  Fakirs  rücklings,  völlig  be- 
wegungslos, und  mit  zugedrückten  Augen  auf  offener  Straße 
liegen,  wenn  gleich  die  Sonne  noch  so  heiß  schien,  und  der  Sand 
unter  ihnen  völlig  durchglüht  war.  In  dieser  Lage  brummten 
sie  einen  oder  den  andern  Gesang  durch  die  Zähne,  und  stellten 
sich,  als  ob  sie,  ganz  in  himmlische  Betrachtungen  vertieft,  die 
Vorübergehenden  gar  nicht  bemerkten;  mittlerweile  blinzelten 
sie  aber  sorgfältig  umher,  ob  ihnen  nicht  vielleicht  Jemand  etwas 
zuwerfe.  So  weit  erstreckt  sich  die  Gaunerei  dieser  Elenden, 
welche  sie  bei  aller  ihrer  Verstellungskunst  dennoch  nicht  ganz 
verheimlichen  können.  Einige  gehen  völlig  nackt  einher. 
Aurengzeb  ließ  einen  derselben  zu  wiederholten  Malen  er- 
innern, er  solle  doch  wenigstens  ein  Stück  Leinwand  um  die 
Lenden  binden,  und  da  er  sich  hierzu  durchaus  nicht  verstehen 
wollte,  so  ließ  er  ihm  den  Kopf  abschlagen. 

Dieses  verabscheuungswürdige  Gesindel,  diese  handfesten 
und  dennoch  stinkfaulen  Heuchler,  ziehen  in  ganzen  Haufen 
umher,  deren  Anzahl  sich,  nach  Angabe  des  Herrn  Dow,  auf 
zehn  bis  zwölf  tausend  Mann  belaufen  soll,  und  machen  es  sich 
zum  Geschäfte,  die  Einwohner  der  Ortschaften,  durch  welche 
sie  der  Weg  führt,  in  Contribution  zu  setzen.  Sie  stehen  in  be- 
sonderer Achtung  bei  den  Frauenspersonen,  und  wenn  sie  in 
den  Häusern  umhergehen,  so  schleichen  sich  die  Männer,  ich 
weiß  nicht  ob  aus  Andachtseifer,  oder  weil  sie  der  Übermacht 
weichen  müssen,  bei  Seite,  und  lassen  sie  ihre  geheimniß vollen 
Unterhandlungen  mit  ihren  Weibern  allein  vollenden,  ungefähr 
auf  eben  die  Art,  wie  es  gewisse  Ehemänner  in  Spanien  machen, 
wenn  ein  Mönch  zu  ihnen  ins  Haus  kommt.  Die  Regierung  läßt 
diese  Schurken,  die  sogleich  mit  der  Rache  des  Himmels  drohen, 
nicht  nur  unbestraft,  sondern  respectirt  sie  sogar  wegen  ihrer 
Scheinheiligkeit;  und  ihre  verblendeten  Verehrer  leiden  lieber 
selbst  Hunger,  als  daß  sie  es  ihnen  an  der  nöthigen  Verköstigung 
fehlen  lassen.  Mithin  kann  jeder,  der  sich  dieser  unthätigen 
Lebensart  widmet,  im  voraus  versichert  sein,  daß  es  ihm  wenig- 
stens nicht  an  dem  nothdürftigsten  Lebensunterhalte  fehlen 
werde,  wenn  er  auch  gleich  keine  Schätze  sammelt.  Salmon  er- 


—     144     — 

zählt,  der  ehemalige  Vicekönig  von  Decan  und  nachherige  Kaiser 
Aurengzeb,  habe  einstmals  die  Fakire  dieses  Landes,  als  ihm 
hinterbracht  worden  sei,  daß  dieselben  in  den  Falten  und  Näthen 
ihrer  Lumpen  viel  Gold  und  Juwelen  verborgen  hätten,  sammt 
und  sonders  nach  der  Hauptstadt  berufen  und  sie  zu  einem 
großen  Gastmahle  einladen  lassen.  Nach  dessen  Beendigung 
ließ  er  so  viele  neue  Kleider  herbeiholen,  als  Gäste  zugegen 
waren,  und  ihnen  dieselben  mit  den  Worten  überreichen,  da  es 
nicht  mehr  als  billig  sei,  daß  Leute,  die  sich  dem  Dienste  Gottes 
auf  eine  so  vorzügliche  Weise  gewidmet  hätten,  wenigstens  an- 
ständig gekleidet  wären,  so  sollten  sie  ihre  Lumpen  ablegen,  und 
von  diesen  neu  verfertigten  Kleidungsstücken  Gebrauch  machen. 
Die  äußerst  bestürzten  Fakire  machten  zwar  tausender  Ein- 
wendungen, und  beriefen  sich  auf  ihre  heiligen  Gebräuche,  die 
ihnen  durchaus  nicht  gestatteten  sich  umzukleiden;  Aurengzeb 
aber  gab  schlechterdings  nicht  nach,  und  die  Heuchelei  dieser 
Elenden  ward  an  den  Tag  gebracht. 

Einige  Jabesi,  Joghi  und  Fakire,  rühmen  sich,  zukünftige 
Dinge  vorher  sagen.  Schätze  graben,  und  Alles,  was  man  nur 
will,  in  Gold  verwandeln  zu  können.  Macht  man  ihnen  den  Ein- 
wurf, daß  der  Kontrast  zwischen  ihrer  Bettelei  und  diesem 
übernatürlichen  Wirkungsvermögen  etwas  stark  sei,  so  sind  sie 
gleich  mit  der  Antwort  fertig,  daß  ihnen  solches  bloß  zum  Besten 
ihrer  Nebenmenschen,  nicht  aber  zu  ihrem  eigenen,  verliehen  sei, 
und  daß  sie  befürchten  müßten,  dasselbe  sogleich  zu  verlieren, 
wenn  sie  es  zu  ihrem  eigenen  Vortheile  mißbrauchten.  Diese 
Kerls,  und  ihre  verblendeten  Anhänger  reden  von  nichts  als 
Entzückungen,  göttlichen  Eingebungen,  Erscheinungen,  Vi- 
sionen, und  anderen  dergleichen  Dingen,  die  nur  die  unver- 
schämteste Betrügerei  aushecken  kann. 

Oman  sagt  (p.  i86)  über  die  Yogins  unserer  Tage:  Die  Tat- 
sache läßt  sich  nicht  leugnen,  daß  die  Yoga-Praxis  von  vielen 
ernsten  Männern  von  fraglos  hoher  Gesinnung  ausgeübt  wird; 
aber  unglücklicherweise  kann  man  dies  von  der  Mehrzahl  der 
Yogins  des  zwanzigsten  Jahrhunderts  nicht  behaupten,  die 
unter  der  Maske  von  Asketen  das  Land  durchziehen  und  von 
der  frommen  Gläubigkeit  der  Masse  leben :  sie  sind  nichts  weiter 
als  unwissende,  wertlose  Betrüger,  ja,  selbst  gefährhche  In- 
dividuen. 


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—     145     — 

Ähnlich  urteilt  Deußen  (Erinnerungen  an  Indien  p.  64 
und  68),  wenn  er  sagt,  daß  die  indischen  Pandits  von  jenen 
,, wohlgenährten  Müßiggängern"  mit  Verachtung  sprechen  und 
damit  wohl  Recht  haben.  ,,Die  echten  Asketen  suchen  die  Ein- 
samkeit auf  und  machen  sich  aus  dem  Europäer  gar  nichts. 
Sehr  verschieden  von  ihnen  sind  diejenigen  Asketen,  welche  die 
Städte  aufsuchen  und  ihre  Bußübungen  zur  Schau  stellen.  Von 
ihnen  traf  ich  in  Calcutta  am  Ufer  des  Hugli  eine  ganze  Anzahl. 
Jeder  sitzt  für  sich  an  seinem  Feuer  fast  ganz  nackt,  mit  Wasser- 
krug, einigen  Lumpen  und  anderen  dürftigen  Habseligkeiten 
umgeben  und  von  einer  Anzahl  Neugieriger  umstanden,  die  ihn 
in  der  Ausübung  seiner  Spezialität  bewundern  und  ihm  einige 
Almosen  spenden.  Ihre  Kunst  läuft  meistens  auf  eine  höchst 
unbequeme  Art  zu  sitzen  hinaus,  in  der  sie  möglichst  lange  aus- 
zuharren suchen.  Einen  sah  ich,  der  auf  einem  Beine  stand, 
während  das  andere  an  einer  Stange  hochgebunden  war;  ein 
anderer  lag  auf  einem  Brette  mit  spitzen  Holznägeln,  noch  andere 
abenteuerliche  Posituren  konnte  man  an  den  Modellen  in  Jaipur 
beobachten.  Fast  alle  haben  den  nackten  Leib  mit  Asche  be- 
schmiert, die  langen  Haare  hängen  wüst  über  das  Gesicht 
herunter,  und  die  Nägel  sind  lang  wie  Adlersklauen.  Der  Ge- 
sichtsausdruck ist  brutal  und  vertiert  und  zeigt  schon,  wie  wenig 
ihre  Askese  auf  geistigen  Motiven  ruht.  Sie  sind  in  der  Tat  nichts 
anderes  als  Bettler,  welche  sich  das  Ansehen  von  Asketen  geben, 
und  stehen  mit  ihren  Künsten  auf  einer  Linie  mit  den  Kerlen 
in  unsern  Jahrmarktsbuden,  welche  Feuer  essen  oder  sich 
Schwerter  bis  in  den  Magen  hinunterschieben.  Wie  diese,  rui- 
nieren sie  durch  ihr  elendes  Gewerbe  sehr  bald  ihre  Gesundheit." 

Von  besonderem  Interesse,  weil  von  einem  eingeborenen 
Inder  stammend,  ist  das  folgende  Urteil:  ,,.  .  .  In  still  later  times 
the  philosophy  of  the  Yoga  System  has  been  completely  lost 
sight  of ,  and  the  System  has  degenerated  into  cruel  and  indecent 
Täntrika  rites,  or  into  the  impostures  and  superstitions  of  the 
so-called  Yogins  of  the  present  day."  (Romesh  Chunder  Dutt, 
History  of  Civilisation  in  Ancient  India,  Revised  Edition, 
I,  288.) 


Schmidt,  Fakire  und  Fakirtum.  lO 


146 


V.  Kapitel. 

Die  Philosophie   des  Yoga. 

Rajendralala  Mitra  weist  in  der  Vorrede  zu  seiner  Über- 
setzung der  Lehrsätze  des  Patanjali  (Yoga  Aphorisms  of  Patan- 
jali  with  the  Commentary  of  Bhoja  Rajä,  Calcutta  1883)  mit 
Recht  darauf  hin,  daß  die  pessimistischen  Lehren  eines  Schopen- 
hauer, eines  Hartmann,  so  große  Sensation  sie  auch  in  Europa 
notwendig  hervorrufen  mußten,  keinerlei  Anspruch  darauf  er- 
heben können,  neu  oder  originell  zu  sein:  die  Lehre  vom  Bösen 
ist  ebenso  alt  als  die  Menschheit,  und  es  würde  weder  Religion 
noch  Philosophie  geben  ohne  die  Furcht  vor  dem  Bösen  hier  und 
im  sogenannten  Jenseits,  woraus  sich  mit  Leichtigkeit  die  Ab- 
kehr von  den  Freuden  und  Lüsten  dieser  Welt  ergab:  Askese 
ist  so  alt  als  Zivilisation.  Auch  die  Leugnung  der  Existenz 
Gottes  ist  keineswegs  neueren  Datums,  und  was  in  dieser  Hin- 
sicht unsere  berühmten  Philosophen  in  der  ,,Welt  als  Wille  und 
Vorstellung"  und  in  der  ,, Philosophie  des  Unbewußten"  geboten 
haben,  ist  im  letzten  Grunde  weiter  nichts  als  ,,Buddhism  vul- 
garised".  Anderseits  beruht  die  Lehre  des  erleuchteten  Sakya- 
Asketen,  des  Buddha,  auf  der  von  Kapila  begründeten,  d.  h.  in 
ein  System  gebrachten  Sämkhy a-Vhiloso^hio^,  deren  älteste  Dar- 
stellung nach  Garbe  wahrscheinlich  erst  dem  fünften  Jahrhundert 
nach  Christi  Geburt  angehört ;  nach  der  indischen  Überlieferung 
ist  aber  das  SämkhyaSysteva  schon  vor  Buddha,  also  vor  dem 
fünften  Jahrhundert  v.  Chr.  bekannt  gewesen  und  hat  ihm  als 
Grundlage  seiner  Lehre  gedient.  Es  kann  hier  die  Frage  un- 
entschieden gelassen  werden,  resp.  es  ist  wohl  unmöglich,  zur 
Evidenz  klarzulegen,  ob  Buddha  sich  bei  dem  Ausbau  seiner 
Lehre  auf  das  Werk  eines  Mannes  oder  auf  die  Anschauungen 
einer  ganzen  Schule  stützte.  Garbe  hält  an  dem  ,,exceptionellen 
Charakter  des  Sänkhya"  fest  (Beiträge  zur  indischen  Kultur- 
geschichte, S.  75),  während  ,,die  anderen  Systeme  indischer 
Philosophie  offenbar  allmählich  entstanden  sind,  d.  h.  ihre 
wichtigsten  Ideen  schon  längere  Zeit  in  Umlauf  waren,  ehe  sie 
von  den  traditionellen  Begründern  der  Systeme  in  die  uns  vor- 


—     147     — 

liegende  Form  eines  abgeschlossenen  Ganzen  gebracht  wurden*'. 
Sicherlich  verdienen  die  Bedenken  eines  so  ausgezeichneten 
Kenners  des  Buddhismus  wie  Oldenberg  alle  Beachtung.  Man 
vergleiche  seine  Ausführungen  in  seinem  ,, Buddha",  sowie  außer 
Garbes  eben  genannten  Aufsatz  denjenigen  in  den  Abh.  d.  bayer. 
Akad.  d.  Wissenschaften  XIX.  Bd.,  III.  Abt.,  S.  519  ff.;  seine 
Sänkhyaphilosophie  S.  5ff. ;  Jacobi,  Der  Ursprung  des  Bud- 
dhismus aus  dem  Sänkhya-Yoga,  NGGW.,  phil.  Kl.  1896,  S.  43  ff.  ; 
Senart,  Melanges  de  Harlez  S.  286  ff.,  Dahlmann,  Nirväna. 
Jedenfalls  leugnet  das  Sämkhya  die  Existenz  eines  höchsten 
Wesens  (tsvaräsiddheh  I,  92),  gerade  so  wie  es  der  Buddhismus 
tut,  der  ja  bekanntlich,  seinem  Prinzip  getreu,  auch  die  Existenz 
der  Seele  bestreitet.  Was  aber  alle  Systeme  gleichermaßen  an- 
erkennen, ist  die  Existenz  des  Leidens  in  jedem  Dasein;  und  die 
Aufhebung  dieses  Leidens  ist  das  einzige  Ziel  aller  indischen 
Systeme.  Entschieden  ein  furchtbarer  Gedanke  ist  es  gewesen 
und  zugleich  die  unbewiesene  Voraussetzung  aller  Philosophie 
in  Indien  mit  Ausnahme  der  materialistischen  Richtung,  daß 
man  an  die  Seelenwanderung  glaubte.  Ein  entsetzlicher  Ge- 
danke in  der  Tat,  diese  unaufhörliche  Wiederkehr  des  Todes, 
der  zum  ersten  Male  im  Satapathahrähmana  auftaucht  und  für 
alle  Zeiten  dem  indischen  Denken  sein  für  uns  so  merkwürdiges 
Gepräge  verliehen  hat!  Wir  vermögen  nicht  mehr  klar  darin 
zu  sehen,  wie  die  Vorstellung  von  der  Seelenwanderung  in  Indien 
aufgekommen  und  eine  pessimistische  Lebensanschauung  den 
frohen  Sinn  des  vedischen  Ariers  verdüstert  hat.  Möglich,  daß 
die  arischen  Eindringlinge  von  den  wilden  Autochthonen  Vorder- 
indiens den  bei  Völkern  niedrigster  Entwicklung  weit  verbrei- 
teten Glauben  an  das  Eingehen  der  menschlichen  Seele  in 
Bäume,  Vögel  oder  Reptilien  übernommen  haben.  Auf  alle 
Fälle  hat  die  felsenfeste  Überzeugung,  daß  alles  Glück  und  alles 
Unglück  hienieden  nur  eine  naturgemäße  Folge  des  karman, 
der  Taten  in  einem  früheren  Dasein,  sei,  dem  indischen  Volke 
die  Kraft  verliehen,  in  bewundernswürdiger  Weise  des  Lebens 
Mühe  und  Plage  zu  ertragen,  wie  es  von  allen  Kennern  gleicher- 
maßen bestätigt  wird.  So  gewinnt  die  Lehre  vom  karman  und 
mit  ihr  die  von  der  Seelenwanderung  die  nicht  immer  richtig 
anerkannte  und  betonte  Bedeutung  einer  sittlichen  Potenz. 

10* 


—     148     — 

Eine  merkwürdige  Übereinstimmung  zwischen  den  indischen 
Philosophen  und  den  modernen  Propheten  des  Pessimismus  ist 
nun  die,  daß  sie  alle  als  einziges  Mittel,  der  Daseinsnot  ledig  zu 
werden,  das  Wissen  angeben,  indem  eben  das  Nichtwissen  als 
letzter  Grund  des  Leidens  statuiert  wird.  So  werden  immer  nur 
wenige  Auserwählte  der  Erlösung  teilhaftig  werden;  Wissen  ist 
nicht  jedermanns  Sache:  und  selbst  der  kleinen  Zahl  der  Adepten 
wird  es  noch  sauer  genug  gemacht,  das  ersehnte  Ziel  zu  erreichen. 
Das  Wissen  ist  nur  mühsam  zu  erfassen;  aber  nicht  genug  da- 
mit :  es  gehört  zu  den  unablässig  betriebenen  Studien  auch  noch 
die  härteste  Askese,  die  Abtötung  des  Fleisches,  die  gänzliche 
Verzichtleistung  auf  die  Freuden  dieser  Welt.  Ein  sehr  alter  Ge- 
danke übrigens,  durch  Meditation,  durch  Versenkung  in  die  Er- 
lösungslehre der  Befreiung  von  den  Banden  des  samsära,  des 
Kreislaufs  der  Geburten,  teilhaftig  werden  zu  können!  Dhyäna, 
Meditation,  begegnet  uns  bereits  im  Rigveda,  ein  uraltes  Inventar- 
stück religiöser  Übung.  Es  gehört  dazu,  daß  man  den  Geist 
unter  gänzlicher  Verzichtleistung  auf  weltliche  Freuden  und 
Sorgen  auf  einen  bestimmten  Punkt  richtet :  der  Kunstausdruck 
dafür  ist  dhäranä,  Beharrlichkeit.  Natürlich  erfordert  dies 
wiederum  eine  gewisse  Summe  von  Feierlichkeit  und  Askese, 
tapas.  So  sind  denn  die  unentbehrlichen  Erfordernisse,  die  be- 
reits im  ältesten  Indien  den  Heiligen  ausmachen,  die  welt- 
entrückte Einsiedelei,  die  Askese,  die  Beharrlichkeit  des  Geistes 
und  die  Meditation,  die  Krone  des  Ganzen. 

In  dem  uns  hier  hauptsächlichst  beschäftigenden  Yoga- 
System  ist  nun  die  Kunst  jener  Versenkung  zur  höchsten  Voll- 
endung gebracht,  wie  schon  der  Name  andeutet:  Yoga  besagt 
nämlich  ,, Abwendung  der  Sinne  von  der  Außenwelt  und  Kon- 
zentrierung des  Denkens  nach  innen".  Im  übrigen  ist  dies  System 
fast  identisch  mit  dem  Sämkhya,  was  schon  der  landläufige  Ge- 
brauch beweist,  von  einem  Sämkhya-Yoga  zu  sprechen.  Nur 
hat  der  Yoga,  um  den  ,, geistlich  Schwachen"  kein  Ärgernis  zu 
bereiten,  den  vom  Sämkhya  abgesetzten  Gott  wieder  auf  den 
Thron  gesetzt  und,  wie  schon  gesagt,  das  Hauptgewicht  auf  die 
Ausbildung  der  Kunst  der  Versenkung  gelegt.  ,,In  less  momen- 
tous  matters  they  differ,  not  upon  points  of  doctrine,  but  in  the 
degree  in  which  the  exterior  exercises,  or  abstruse  reasoning  and 


—     149     — 

study,  are  weighed  upon,  as  requisite  preparations  of  absorbed 
contemplation.  Patanjalts  Yoga-sästra  is  occupied  with  de- 
votional  exercise  and  mental  abstraction,  subduing  body  and 
mind:  Kapila  is  more  engaged  with  investigation  of  principles 
and  reasoning  upon  them.  One  is  more  mystic  and  fanatical. 
The  other  makes  a  nearer  approach  to  philosophical  disquisition, 
however  mistaken  in  its  conclusions"  (Colebrooke,  Essays  I, 

265). 

Noch  einmal:  jene  alten  indischen  Lehren  sind  der  Archetyp 
unserer  modernen  Pessimisten.  Aber  wie  die  heutigen  Vegetarier 
versucht  haben,  Buddha  zu  ihrem  Schutzheiligen  zu  machen, 
der  doch  —  proh  dolor!  —  infolge  des  Genusses  von  Schweine- 
fleisch seinen  Tod  fand,  so  ist  das  Yoga-System  der  Leitstern 
des  Spiritualismus  geworden.  Ich  persönlich  stehe  ja  den  Fin- 
dungen resp.  Erfindungen  unserer  Spiritisten  so  skeptisch  wie 
nur  möglich  gegenüber  und  habe  es  stets  verstanden,  etwaige 
Anhänger  der  Geistertheorie  aus  meinem  Kolleg  über  Buddhis- 
mus hinauszugraueln.  Immerhin  sind  die  Beziehungen  zwischen 
Yoga  und  Spiritualismus  viel  direkter  und  inniger  als  zwischen 
dem  alten  und  neuen  Pessimismus.  Beide  Richtungen  erkennen 
die  Ewigkeit  der  Seele  an;  beide  erkennen  einen  stufenförmigen 
Fortschritt  an,  der  Vollkommenheit  zum  Ziele  hat ;  beide  sprechen 
von  der  Existenz  der  Seele  auf  immer  höherer  Stufe ;  beide  lehren 
die  Möglichkeit,  abgeschiedene  Seelen  zu  zitieren,  daß  sie  sicht- 
bar werden  und  man  mit  ihnen  sprechen  kann ;  beide  behaupten, 
durch  Anhalten  des  Atems  und  andere  Übungen  verborgene 
Kräfte  transzendentalster  Art  erlangen  zu  können.  Im  Mär- 
chenlande Indien  ist  so  etwas  entschuldbar;  im  nüchternen 
Norden  aber  sollte  man  —  nüchterner  sein ! 

Unsere  Hauptquelle  nun  für  die  Kenntnis  der  Yoga-Philo- 
sophie ist  Patanjali's  Yogasütra,  ein  in  vier  Kapitel  mit  zu- 
sammen 194  knapp  stihsierten  Aphorismen  geteiltes  Werk,  das 
auch  unter  dem  Namen  Yogänusäsana  (,, Unterweisung  im  Yoga") 
oder  Yogasästra  (,, Lehrbuch  des  Yoga")  bekannt  ist.  Das  erste 
Kapitel  behandelt  in  51  Aphorismen  die  Art  und  Weise  der 
Meditation  und  heißt  deshalb  Samädhipäda;  das  zweite  heißt 
Sädhanapäda  und  bespricht  in  55  Aphorismen  das  zur  Meditation 
erforderliche  Handwerkszeug;  das  dritte,  Vihhütipäda,  umfaßt 


—     ISO    — 

ebenso  viele  Aphorismen  wie  das  zweite  und  handelt  von  den  ver- 
schiedenen geheimen  Kräften,  die  der  Adept  durch  seine  Prak- 
tiken erlangen  kann;  das  vierte  Kapitel  endlich  heißt  Kai- 
valyapäda  und  spricht  in  33  Aphorismen  von  der  Natur  der  Los- 
lösung der  Seele  von  den  weltlichen  Banden,  was  ja  den  Gegen- 
stand und  das  Ziel  der  anempfohlenen  Praktiken  ausmacht. 

Über  Patanjalis  äußere  Verhältnisse  wissen  wir  —  ab- 
gesehen von  allerlei  Legenden,  denen  man  unmöglich  irgend 
welches  Gewicht  beilegen  kann  —  gar  nichts.  Die  indische  Tra- 
dition hält  ihn  und  den  Grammatiker  gleichen  Namens  für  ein 
und  dieselbe  Person.  Die  Richtigkeit  dieser  Gleichsetzung  als 
gesichert  angenommen,  wäre  unser  Autor  in  das  zweite  Jahr- 
hundert V.  Chr.  zu  setzen. 

Patanjalis  Lehren  haben  auch  in  dem  Gesetzbuche  des 
Manu  und  vor  allem  in  dem  großen  Sammelwerke  indischer 
Geistesarbeit,  dem  Mahähhärata,  ihre  Spuren  hinterlassen,  in 
letzterem  besonders  im  zwölften  Buche:  wird  doch  das  indische 
Hohelied,  die  Bhagavadgitä,  geradezu  als  ,,yogasästra'''  (Lehr- 
buch des  Yoga)  bezeichnet!  Immerhin  muß  betont  werden,  daß 
alles  dies  nur  sekundäre  Quellen  sind,  zu  denen  man  seine  Zu- 
flucht nicht  nehmen  wird,  wenn  man  die  Lehren  des  Yoga  er- 
fassen will.  Dasselbe  gilt  von  der  Behandlung  des  Stoffes  in 
den  späteren  Upanisad's,  den  Puränas  und  den  Werken  der 
sog.   Tantr a-l.itersituT. 

Auch  die  buddhistischen  Texte  wissen  von  ,, Versenkung" 
mancherlei  zu  berichten.  ,,Es  kann  nicht  bezweifelt  werden, 
daß  ausgedehnte  und  methodisch  betriebene  Bemühungen,  Zu- 
stände der  Versenkung  hervorzurufen,  tatsächlich  ein  sehr 
hervortretendes  Element  im  Leben  der  [buddhistischen]  Mönche 
gebildet  haben.  Die  Prosa  wie  die  Poesie  der  heiligen  Texte 
zeugt  überall  davon  .  .  .  Zum  Teil  handelte  es  sich  offenbar 
um  einfache  Übungen  intensivster,  von  pathologischen  Ele- 
menten freier  Konzentration  des  Vorstellens  und  Fühlens  .  .  . 
Neben  Kontemplationen  solcher  Art  aber  standen  offenbar 
mannigfache  pathologische  Zustände  visionären  und  eksta- 
tischen Charakters  sowie  allem  Anschein  nach  auch  eine  ent- 
wickelte Praxis  der  Selbsthypnose.  Die  Bedingungen  für  das 
Zustandekommen   derartiger   Affektionen   waren   überreichlich 


—     151     — 

vorhanden.  Bei  Männern  und  Frauen,  welche  durch  die  Macht 
der  reUgiösen  Idee  den  geordneten  Verhältnissen  häuslicher 
Existenz  entrissen  waren,  konnten  die  körperlichen  Folgen  des 
Lebens  wandernder  Bettler  im  Verein  mit  einer  das  Nerven- 
system erschöpfenden  geistigen  Überreizung  leicht  genug  die 
betreffende  Disposition  hervorrufen.  Wir  hören  von  Hallu- 
zinationen des  Gesichts-  wie  des  Gehörsinnes,  von  ,, himmlischen 
Gestalten"  und  ,, himmlischen  Tönen".  Aus  den  Zeiten,  in  denen 
Buddha  der  Erleuchtung  nachtrachtete,  wird  erzählt,  daß  er 
,, einen  Lichtglanz  und  die  Erscheinung  von  Gestalten"  ge- 
sehen habe,  oder  auch  einen  Lichtglanz  für  sich  allein  und  wieder 
Gestalten  allein.  Auch  die  Erscheinungen  von  Gottheiten  oder 
des  Versuchers,  von  welchen  die  Legenden  so  viel  zu  berichten 
wissen,  lassen  das  Vorkommen  von  Halluzinationen  annehmen. 
Größere  Bedeutung  für  das  geistliche  Leben  der  Buddha- 
jünger als  derartigen  Erscheinungen  wird  den  zu  unzähligen 
Malen  in  den  heiligen  Texten  beschriebenen  ,,vier  Stufen  der 
Versenkung"  (jhäna)  beizumessen  sein.  Wir  dürfen  in  ihnen 
Zustände  der  Ekstase  erkennen,  wie  sie  auch  auf  dem  Boden 
des  abendländischen  religiösen  Lebens  nicht  selten  aufgetreten 
sind,  für  die  aber  der  Organismus  des  Inders  in  ganz  anderem 
Maße  disponiert  ist  als  der  des  Okzidentalen:  ein  lange  anhalten- 
des Abwesendsein,  in  welchem  der  Körper  zur  Regungslosigkeit 
erstarrt,  die  Empfänglichkeit  für  äußere  Eindrücke  aufgehoben 
oder  auf  ein  Minimum  herabgesetzt  ist,  während  der  Geist  in 
überirdischer  Wonne  schwelgt.  In  stillem  Gemach,  noch  häu- 
figer im  Walde,  setzte  man  sich  nieder,  ,,mit  gekreuzten  Beinen, 
den  Körper  gerade  aufgerichtet,  das  Antlitz  mit  wachsamem 
Denken  umgebend".  So  verharrte  man  in  lange  fortgesetzter 
körperlicher  Bewegungslosigkeit  und  befreite  sich  der  Reihe 
nach  von  den  störenden  Elementen  der  ,,Lust  und  bösen  Re- 
gungen", des  ,,Überlegens  und  Erwägens",  der  Freude  und  des 
Leides;  zuletzt  soll  auch  die  Atmung  aufgehört  haben,  d.  h.  in 
Wirklichkeit  offenbar  bis  zur  Unwahmehmbarkeit  reduziert 
worden  sein  .  .  .  Dieser  Zustand  war  es,  in  welchem  das  Gefühl 
hellseherischer  Erkenntnis  des  Weltzusammenhangs  lebendig 
wurde.  Wie  christlichen  Schwärmern  in  Augenblicken  der  Ek- 
stase sich  das  Geheimnis  der  Weltschöpfung  enthüllte,  so  meinte 


—       152       — 

man  hier  die  Vergangenheit  des  eigenen  Ich  in  zahllosen  Perioden 
der  Seelenwanderung  zu  überschauen;  man  meinte  durch  das 
Weltall  die  wandernden  Wesen,  wie  sie  sterben  und  wiedergeboren 
werden,  zu  erkennen;  man  meinte  die  Gedanken  anderer  zu 
durchdringen.  Auch  der  Besitz  von  Wunderkräften,  der  Fähig- 
keit des  Verschwindens  und  Wiederauftauchens,  der  Fähigkeit 
das  eigene  Ich  zu  vervielfältigen,  wird  diesem  Zustande  der  Ver- 
senkung zugeschrieben. 

Mit  den  Jhäna-Ekstasen  finden  wir  weiter,  gewöhnlich  als 
eine  Vorbereitung  auf  dieselben,  als  ein  Mittel  sich  ihrer  zu  be- 
mächtigen, andere  geistliche  Übungen  in  Verbindung  gesetzt, 
bei  denen  die  Annahme,  daß  es  sich  um  Selbsthypnose  handelte, 
kaum  zu  vermeiden  sein  wird.  Man  konstruierte  an  einsamer, 
von  Störungen  freier  Stätte  eine  kreisrunde  Fläche  von  glatt 
gestrichenem,  am  besten  hellrotem  Ton.  Statt  ihrer  konnte  auch 
eine  Wasserfläche,  ein  feuriger  Kreis  —  etwa  ein  angezündeter 
Holzhaufen,  betrachtet  durch  eine  kreisrunde  Öffnung  —  und 
dergleichen  mehr  verwandt  werden.  Ausnahmsweise  begabte 
Individuen  bedurften  solcher  Vorbereitung  nicht;  statt  des 
Tonkreises  beispielsweise  genügte  ihnen  ein  gewöhnliches  Acker- 
feld. Man  setzte  sich  nun  vor  das  betreffende  Objekt  und  be- 
trachtete es  bald  mit  offenen,  bald  mit  geschlossenen  Augen, 
bis  man  das  Bild  gleich  deutlich  vor  sich  sah,  gleichviel  ob  die 
Augen  geöffnet  oder  geschlossen  waren..."  (Oldenberg, 
Buddha,  S.  361 — 366  der  dritten  Auflage.) 

Als  vorläufige  Nachricht  endlich  diene  es,  daß  die  Yoga- 
Lehre  auch  bei  den  Jainas,  den  erfolgreichen  Rivalen  der  Bud- 
dhisten, im  Schwange  ist,  ja,  eine  Weiterentwicklung  erfahren 
hat.  Es  begegnet  uns  da  u.  a.  die  Kunst,  die  Seele  vom  Körper 
loszulösen;  die  Kunst,  die  Seele  in  andere  Körper  eindringen 
zu  lassen  etc. 

Von  den  späteren  Schriften  über  den  Yoga  besitzen  wir  eine 
Liste  mit  39  Werken  von  Hall,  A  Contribution  towards  an 
Index  to  the  BibHography  of  the  Indian  Philosophical  Systems 
p.  8 — 19,  200,  und  eine  solche  mit  150  Nummern  von  Räjen- 
draläla  Mitra,  in  seinen  Yoga  Aphorisms  p.  218  ff.  Von  be- 
sonderer Bedeutung  für  gegenwärtiges  Buch  sind  darunter  drei 
Werke  gewesen:  i)  Vijnänahhiksus,  Yogasärasamgraha,  heraus- 


—     153     — 

gegeben  und  ins  Englische  übersetzt  von  Gangänäth  Jhä,  Bom- 
bay 1894;  2)  die  Gherandasamhitä  ed.  Bombay  1895  mit  eng- 
lischer Übersetzung  von  Sris  Chandra  Vasu;  und  3)  Svätmä- 
räma  Yoglndra's  Hathayogapradlpikä,  mit  englischer  Überset- 
zung herausgegeben  von  Shrinivas  Jyängar,  Bombay  1893. 
Eine  deutsche  Übersetzung  davon  hat  H.  Walter,  München 
1893  geliefert. 

Eine  Darstellung  des  Systems  des  Yoga  kann  billigerweise 
der  Berücksichtigung  des  Sämkhya  nicht  entraten,  da,  wie  ge- 
sagt, dieses  die  Grundlage  von  jenem  bildet.  Wenn  ich  mich  also 
anschicke,  in  ganz  großen  Zügen  den  Inhalt  des  Sämkhya  an- 
zugeben, möchte  ich  noch  einmal  betonen,  daß  dessen  hervor- 
stechendster Zug  die  pessimistische  Lebensauffassung  ist:  alle 
Existenz  ist  Leiden;  alle  Freuden  sind  eigentlich  Schmerzen. 
Das  schlimmste  Leiden  aber  ist  die  Aussicht  auf  den  samsära, 
jenen  Kreislauf  der  Geburten,  welche  zu  beheben  keines  der 
bestehenden  philosophischen  Systeme,  keine  der  verschiedenen 
Religionen  imstande  sind.  Einzig  und  allein  die  Überzeugung, 
daß  eine  absolute  Verschiedenheit  zwischen  Geist  und  Materie 
besteht,  vermag  die  Erlösung  zu  bringen;  und  zwar  einem  jeden 
Menschen  ohne  Unterschied:  auch  hier  fallen  alle  Kasten-  und 
Standesvorzüge  in  nichts  zusammen  —  ein  Vorzug,  den  das 
System  z.  B.  auch  mit  Buddhas  Lehre  gemein  hat  und  der  es 
vorteilhaft  gegen  den  standesbewußten  Vedänta  abstechen  läßt. 
Die  Opferhandlungen  und  sonstigen  frommen  Werke,  die  dieser 
wenigstens  als  Hilfsmittel  zur  Erreichung  der  Erkenntnis  emp- 
fiehlt, werden  im  Sämkhya  geradezu  widerraten:  alle  solche 
guten  Werke  sind  der  Erfassung  der  5äw^Äya- Weisheit,  der 
Erlösung  bringenden  Erkenntnis  nur  hinderlich  —  sehr  un- 
ähnlich dem  Buddhismus,  der  bekanntlich  die  Betätigung  des 
Mitleidens,  der  Wohltätigkeit  im  umfangreichsten  Maße  geübt 
hat.  Anderseits  teilt  das  Sämkhya  mit  der  Lehre  des  Gotamo 
Buddho  die  Forderung,  daß  seine  Anhänger  ohne  Leidenschaft 
(viräga)  sein,  daß  sie  Gleichgiltigkeit  gegenüber  allen  weltlichen 
Dingen  (vairägya)  zeigen  müssen:  ein  Inventarstück  aus  Indiens 
ältester  Zeit!  Wem  wären  nicht  aus  Sakuntalä  die  Einsiedler 
bekannt,  die  der  Welt  gänzlich  entsagt  haben,  um,  mit  einem 


—     154     — 

Bastgewande  bekleidet,  der  Versenkung  obzuliegen?  In  einem 
alten  vedischen  Texte  aus  der  Zeit  der  ersten  Anfänge  des 
Buddhismus  heißt  es  von  ihnen:  ,,Sie  lassen  davon  ab,  nach 
Söhnen  zu  begehren  und  nach  Habe  zu  begehren  und  nach 
weltlichem  Heile  zu  begehren,  und  ziehen  als  Bettler  einher. 
Denn  was  das  Begehren  nach  Söhnen  ist,  das  ist  auch  das  Be- 
gehren nach  Habe ;  was  das  Begehren  nach  Habe  ist,  das  ist  auch 
das  Begehren  nach  weltlichem  Heile ;  Begehren  ist  das  Eine  wie 
das  Andere."  {Satapathahrähmana  XIV,  7,  2,  26  bei  Oldenberg, 
Buddha,  p.  405.)  Und  die  Buddhisten  selber  gingen  ja  ,,von  der 
Heimat  in  die  Heimatlosigkeit"  hinaus,  wie  es  ihr  Stifter  auch 
getan  hatte:  ,,Eng  beschränkt  ist  das  Leben  im  Hause,  eine 
Stätte  der  Unreinheit;  Freiheit  ist  im  Verlassen  des  Hauses". 
,,Wie  der  Vogel,  wohin  er  auch  fliegt,  nichts  mit  sich  trägt  als 
seine  Flügel,  so  ist  auch  ein  Mönch  zufrieden  mit  dem  Kleide, 
das  er  an  sich  trägt,  mit  der  Speise,  die  er  im  Leibe  hat.  Wohin 
er  auch  geht,  überall  trägt  er  seinen  Besitz  mit  sich." 

Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  diese  Verzichtleistung  eine 
durchaus  freiwillige  sein  muß.  Die  Begierden,  die  der  Erfassung 
der  Heilswahrheit  hinderlich  im  Wege  stehen,  werden  ja  nur 
dadurch  gestillt,  daß  man  von  der  gänzlichen  Wertlosigkeit 
ihrer  Objekte  überzeugt  ist,  eine  Erkenntnis,  die  ohne  weiteres 
zur  Entsagung  führt.  Irgend  vv  elcher  Zwang  aber  würde  eine 
Depression  verursachen,  die  den  Geist  wenig  geschickt  zur  Er- 
fassung der  Sämkhya-'Lehxe  machen  würde.  Dazu  gehört  aber 
noch,  daß,  nachdem  man  sie  vernommen  hat,  Reflexion  und 
intensive  Meditation  dazukommt;  und  das  ist  der  Punkt,  wo 
die  Yoga-Praxis  einsetzt.  Trotz  aller  Bereitschaft,  die  frohe 
Botschaft  von  der  Erlösung  anzuhören  und  aufzunehmen, 
können  doch  dem  Geiste  gewisse  angeborene  Mängel  anhaften, 
z.  B.  eine  ,, fehlerhafte  Disposition  zur  Nichtunterscheidung". 
Sie  zu  bekämpfen  resp.  aufzuheben  ist  nun  eben  die  Aufgabe 
des  Yoga,  der  mit  seinen  später  eingehend  zu  besprechenden 
Praktiken  eine  völlige  Konzentration  des  Denkens  erreichen  hilft. 

Jedenfalls  ist  es  keine  leichte  Sache,  die  Erlösungslehre 
aufzunehmen;  es  bedarf  dazu  eines  tüchtig  geschulten  Ver- 
standes, wie  denn  das  gleiche  auch  in  den  übrigen  indischen 
Systemen  der  Fall  ist.  Es  kommt  einem  wie  Hohn  vor,  wenn  der 


—     155     — 

Buddhismus  z.  B.,  der  doch  eingestandenermaßen  nichts  für 
Kinder,  für  ,,geistHch  Arme"  ist,  Angehörigen  aller  Kasten  und 
Stände,  also  auch  dem  stumpfsinnigsten  Südra,  seine  Arme 
öffnet!  Übrigens  befinden  sich  unsere  Missionare  in  einer  ähn- 
lichen Lage,  wenn  sie  den  Buschmännern  die  Lehren  Christi 
vortragen.  Item,  der  Hindu,  der  die  Sämkhya-  oder  sonst 
welche  philosophische  Wahrheit  erfassen  wollte,  mußte  sich 
erst  in  die  harte  Schule  der  Logik  begeben ;  und  was  das  heißen 
will,  kann  man  jetzt  bequem  ersehen,  nachdem  Prof.  Hultzsch 
in  den  Abhandlungen  der  Göttingischen  Gelehrten  Gesellschaft 
den  Tarkasamgraha,  ein  Elementarbuch  der  indischen  Logik 
zur   Belehrung   von    ,, Knaben",    ins   Deutsche   übersetzt   hat! 

Im  Sämkhya  gibt  es  nun  drei  Erkenntnis-  resp.  Beweis- 
mittel (pramäna):  i)  das  ,, Augenscheinliche"  [pratyaksa)  oder 
das  ,, Geschaute"  {drsta),  was  wir  mit  ,,Perzeption"  wiedergeben 
können;  2)  den  ,, Schluß"  (anumäna)  und  3)  das  ,,Wort",  die 
,, Mitteilung  Zuverlässiger"  (sabda,  äptavacana). 

Die  ,,Perzeption"  wird  definiert  als  die  , Feststellung  der 
einzelnen  Objekte  (durch  die  Sinnesorgane)';  genauer:  als  , die- 
jenige Denkfunktion,  welche  (mit  einem  Dinge)  in  Verbindung 
stehend  die  Form  desselben  wiedergibt'.  Diese  Perzeption  kann 
aus  acht  Gründen  versagen:  wegen  zu  großer  Entfernung,  zu 
großer  Nähe,  eines  Fehlers  an  den  Sinnesorganen,  Unaufmerk- 
samkeit, zu  großer  Feinheit,  Dazwischenliegens  von  etwas. 
Unterdrückt  Werdens  (z.  B.  sind  am  Tage  die  Sterne  von  der 
Sonne  unterdrückt)  und  wegen  Vermengung  mit  Gleichartigem 
(so  nimmt  man  z.  B.  die  aus  einer  Wolke  in  einen  Teich  ge- 
fallenen Wassertropfen  oder  die  mit  Kuhmilch  vermischte 
Büffelmilch  als  solche  nicht  wahr).  Man  hat  sich  zu  hüten,  aus 
dem  Mangel  an  Sinneswahrnehmung  auf  die  Nichtexistenz  eines 
Dinges  zu  schließen:  es  würde  einem  sonst  gehen  wie  dem 
Manne,  der,  weil  er  das  Haus  verlassen  hat  und  dessen  Bewohner 
nicht  mehr  sieht,  nun  zu  der  Überzeugung  kommt,  daß  diese 
überhaupt  nicht  existieren!  Die  Seele  aber  sowie  die  unsicht- 
baren Formen  der  Materie  entziehen  sich  der  Wahrnehmung 
mit  den  Sinnen  infolge  ihrer  allzu  großen  Feinheit;  und  zwar 
belehrt  uns  Vijnänahhiksu  in  seinem  Kommentare  zu  I,  109: 
,,  ,[Zu    große]   Feinheit'    bedeutet    jedoch    nicht    atomistische 


-     156    - 

Kleinheit,  weil  [Urmaterie  und  Seele]  alldurchdringend  sind, 
auch  nicht  Unbegreiflichkeit  [oder  Unbeschreibbarkeit],  weil  man 
das  kaum  sagen  kann,  sondern  eine  Eigenschaft  allgemeiner 
Natur,  welche  die  Erkenntnis  durch  Sinneswahmehmung  ver- 
hindert. [Beim  Yogin]  hingegen  findet  eine  Erkenntnis  der  Ur- 
materie, der  Seele  und  [der  für  uns  gewöhnliche  Menschen  un- 
sichtbaren materiellen  Produkte]  durch  Sinneswahrnehmung 
statt,  da  das  durch  die  Konzentration  erworbene  Verdienst 
[die  Kräfte  der  Organe  in  übernatürlicher  Weise]  belebt" 
(Garbe,  Sämkhyapravacanahhäsya  p.  128). 

Den  ,, Schluß"  finden  wir  definiert  als  ,, diejenige  Erkennt- 
nis, die  bei  der  Beobachtung  eines  Merkmals  entsteht"  oder  als 
,,die  aus  der  Beobachtung  der  Zusammengehörigkeit  sich  er- 
gebende Konstatierung  des  Zugehörigen".  Man  schließt  i)  von 
der  Ursache  auf  die  Wirkung  (pürvavat):  z.  B.  wenn  Wolken 
aufsteigen,  steht  Regen  bevor;  2)  von  der  Wirkung  auf  die  Ur- 
sache (sesavat):  z.  B.  die  Flüsse  schwellen  an,  also  hat  es  ge- 
regnet; 3)  vom  Einzelnen  auf  das  Allgemeine,  Induktionsschluß 
(sämänyato  drsta) :  z.  B.  ein  Mangobaum  blüht,  also  ist  die  Blüte- 
zeit der  Mangobäume  überhaupt. 

Die  ,, Mitteilung  Zuverlässiger"  endlich  (oder  die  ,, zuver- 
lässige Mitteilung")  ist  zweifellos  etwas  dem  echten,  ursprüng- 
lichen Sämkhya  Fremdes.  Ein  System,  welches  sich  gern  als 
,, Reflexionslehre"  [mananasästra)  bezeichnet,  weist  damit  allein 
schon  jeden  Autoritätsglauben  weit  von  sich,  den  doch  die 
„Mitteilung"  notwendig  involviert.  Wir  gehen  nicht  fehl,  wenn 
wir  mit  Garbe  darin  ein  Zugeständnis  sehen,  ,,mit  dem  die 
5äw^Äya-Philosophie  die  Anerkennung  ihrer  Orthodoxie  er- 
kaufte", mag  man  nun  unter  der  ,, Mitteilung"  den  Unterricht 
seitens  eines  kompetenten  Lehrers  oder  das  Zeugnis  der  heiligen 
Überlieferung  verstehen.  So  viel  ist  ganz  gewiß:  der  ,, Schluß" 
gilt  im  Sämkhya  als  das  stärkste  Erkenntnismittel.  Heißt  es 
doch  im  sütra  I,  103  ausdrücklich:  ,, Durch  die  induktive  Schluß- 
folgerung stellen  sich  [jene]  beiden  (Urmaterie  und  Seele) 
heraus.*' 


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—     157    — 

Zu  dem  eisernen  Bestände  aller  orthodoxen  Systeme  wie 
nicht  minder  der  ,, Ketzerlehre"  des  Buddhismus  und  Jinismus 
gehört  die  Doktrin  vom  Samsära  und  das  Dogma  vom  Karman. 
Seelen  Wanderung  und  Vergeltung  der  jetzt  begangenen  Taten 
in  der  nächsten  Existenz  sind  zwei  Begriffe,  die  in  Indien  keiner 
Begründung  bedürfen:  es  sind  allgemein  anerkannte  Werte. 
,,Wie  unter  tausend  Kühen  ein  Kalb  seine  Mutter  herausfindet, 
so  folgt  die  früher  getane  Tat  dem  Täter  nach",  sagt  ein  be- 
kannter Spruch.  Kann  man  nun  den  Samsära  rückwärts  ins 
Unendliche  verfolgen,  so  wird  er  anerkanntermaßen  auch  nach 
vorwärts  betrachtet  kein  Ende  haben.  Es  bleibt  im  Leben  des 
Individuums  immer  noch  ein  unaufgebrauchter  Rest  von  guten 
und  bösen  Taten  übrig,  der  zu  einem  neuen  Dasein  führt,  es  sei 
denn,  daß  vermittelst  des  Wissens  diese  Kette  gesprengt  wird. 
,,Die  Anschauung  ist  die",  sagt  Deußen,  System  des  Vedänta 
p.  381,  ,,daß  das  Leben  sowohl  seiner  Qualität  wie  seiner  Quan- 
tität nach  die  genau  abgemessene  und  ihren  Zweck  vollständig 
erfüllende  Sühnung  der  Werke  des  vorigen  Daseins  ist.  Diese 
Sühnung  geschieht  durch  Bhoktrtvam  und  Kartrtvam  (Genießer- 
schaft und  Täterschaft),  wobei  das  letztere  wiederum  unaus- 
bleiblich in  Werke  ausschlägt,  welche  aufs  neue  in  einem  fol- 
genden Dasein  gesühnt  werden  müssen,  so  daß  das  Uhrwerk  der 
Vergeltung,  indem  es  abläuft,  sich  jedesmal  selbst  wieder  auf- 
zieht ;  und  dieses  ins  Unendliche  fort,  —  es  sei  denn,  daß  die  uni- 
verselle Erkenntnis  eintrete,  welche  . . .  nicht  auf  Verdienst  beruht, 
sondern  in  das  Dasein  ohne  Zusammenhang  mit  demselben  hinein- 
bricht, um  es  seinem  innersten  Bestände  nach  aufzulösen,  den 
Samen  der  Werke  zu  verbrennen  und  so  eine  Fortsetzung  der 
Wanderung  für  alle  Zukunft  unmöglich  zu  machen." 

Diese  also  gekennzeichnete,  furchtbare  Macht  des  Karman ^ 
diese  nachhaltig  wirkende  Kraft  des  ,, Unsichtbaren"  {adrsta), 
wie  sie  auch  gern  genannt  wird,  ist  aber  auch  zugleich  der  letzte 
Grund  für  das  gesamte  Universum.  Für  den  Inder  fallen  alle 
uns  geläufigen  Begriffe  Vorsehung,  Zufall,  Schicksal,  göttliche 
Gnade  und  Strafe  etc.  weg.  Gleichwohl  hat  auch  das  Sämkhya 
die  volkstümlichen  Anschauungen  von  Göttern  und  Halbgöttern 
übernommen,  freilich  ohne  ihnen  irgend  welche  hervortretende 
Rolle  einzuräumen :  sogar  die  Götter  stehen  unter  den  Menschen, 


-     158     - 

soweit  diese  die  erlösende  Erkenntnis  gefunden  haben,  wenn  sie 
selber  von  diesem  Ziele  noch  entfernt  sind.  In  diesem  Zusammen- 
hange sei  auch  gleich  der  jivanmukti,  der  Erlösung  bei  Lebzeiten, 
sowie  der  jivanmuktas,  der  bei  Lebzeiten  Erlösten,  gedacht. 
Sie  haben  den  Gegnern  des  Systems  eine  willkommene  Gelegen- 
heit zur  Opposition  gegeben:  müßte  doch  das  Leben  eines 
solchen  Mannes  eigentlich  sofort  nach  Erlangung  der  erlösenden 
Erkenntnis  erlöschen!  Doch  nein!  Ihr  Einwand  wird  mit  einem 
der  im  Sämkhya  so  sehr  beliebten  Gleichnisse  zurückgewiesen, 
mit  dem  von  der  Töpferscheibe  nämlich,  die,  einmal  in  Drehung 
begriffen,  auch  nach  Fertigstellung  des  Topfes  noch  eine  Weile 
sich  weiter  dreht.  ,, Infolge  des  Entstehens  der  Erkenntnis  der 
Wahrheit  ist  die  Menge  der  Werkansammlungen,  obwohl  sie 
anfanglos  ist  und  die  Zeit  für  ihr  Heranreifen  nicht  feststeht, 
nicht  mehr  geeignet  Früchte  —  d.  h.  die  Leiden  einer  neuen 
Existenz  —  zu  zeitigen,  weil  die  Keimkraft  der  Werke  verbrannt 
ist"  (Väcaspatimisra  zu  Sämkhyatattvakammidi  67).  — 

Etwas  Urindisches  ist  auch  die  übertriebene  Wertschätzung 
der  Askese  in  der  5äwMy ^-Philosophie.  Die  Überzeugung, 
daß  selbst  die  Götter  vor  den  Bußübungen  eines  Heiligen  in 
Furcht  geraten  und  um  den  Besitz  ihrer  himmlischen  Güter 
zittern,  ist  eine  uralte  und  ganz  bekannte  Tatsache.  Von  der 
ursprünglichen  Form  dieser  Askese  —  Enthaltsamkeit,  Fasten 
und  Kasteiungen  —  dem  tapas,  ging  man  in  einer  aufgeklärten 
Zeit  zur  geistigen  Askese,  dem  yoga,  über,  indem  man  nun  den 
Schwerpunkt  nicht  mehr  in  die  körperliche  Selbstpeinigung, 
sondern  in  das  innerliche  Kasteien,  die  Konzentration  des 
Geistes,  die  Versenkung,  verlegte. 

Als  einen  der  Fundamentalsätze  haben  wir  nun  im  Sämkhya 
den  nirlsvaraväda,  die  Leugnung  Gottes,  anzusehen,  w^odurch  — 
wie  oben  erwähnt  —  die  Existenz  der  im  übrigen  auch  erst 
gewordenen  und  daher  auch  vergänglichen  Volksgötter  nicht 
berührt  wird.  Unsere  Sämkhya-VhWoso^hen  meinen,  vom  Stand- 
punkte der  Gottesgläubigen  sei  die  Existenz  des  Übels  ein  un- 
lösbares Problem,  und  stets  werde  Gott  der  Vorwurf  treffen, 
grausam  und  parteiisch  zu  sein. 

Sonst  bildet  den  Inhalt  unserer  Philosophie  im  wesent- 
lichen die  Untersuchung  über  das  Verhältnis  der  beiden  von 


—     159     — 

Ewigkeit  zu  Ewigkeit  existierenden,  von  Grund  aus  verschie- 
denen Dinge  ,, Materie"  und  ,, Seelen"  zueinander.  Interessant 
ist  dabei  eine  alte  Inhaltsangabe  des  Systems,  der  zufolge  man 
jene  vier  Sätze  erhält,  die  aus  dem  Buddhismus  als  die  vier 
heiligen  Wahrheiten  bekannt  sind:  i)  das  Leiden;  2)  die  Auf- 
hebung des  Leidens,  3)  die  Ursache  des  Leidens,  4)  der  Weg  zur 
Aufhebung  des  Leidens. 

Wenden  wir  uns  nun  zu  der  Lehre  des  Sämkhya  von  der 
Materie,  so  tritt  uns  zuvörderst  die  Frage  nach  dem  Sein  oder 
Nichtsein  dieser  Welt  der  Erscheinungen  entgegen,  jene  Rätsel- 
frage, die  von  den  ältesten  Zeiten  an  die  indischen  Denker  be- 
schäftigt hat.  Wer  kennt  nicht  die  berühmte  Stelle  der  Chän- 
dogya  Upanisad  (VI,  2,  i,  2):  ,, Seiend,  o  Lieber,  war  dieses  am 
Anfang,  nur  eines,  ohne  ein  zweites.  Einige  sagen  zwar:  ,Nicht- 
seiend  war  dieses  am  Anfang,  nur  eines,  ohne  ein  zweites;  aus 
diesem  Nichtseienden  entstand  das  Seiende.'  Wie  könnte  es  aber 
so  sein,  o  Lieber?  .  .  .  Wie  könnte  aus  dem  Nichtseienden  das 
Seiende  entstehen?  Seiend  vielmehr,  o  Lieber,  war  dieses  am 
Anfang,  nur  eines  ohne  ein  zweites."  Das  S^;;^.My^-System 
lehrt,  daß  nur  solche  Dinge  unreell  sind,  denen  absolute  Nicht- 
realität  zukommt:  dazu  gehören  die  bis  zum  Überdruß  vor- 
geführten Schulbeispiele  Mannshom,  Hasenhom,  Blume  in  der 
Luft,  Sohn  der  Unfruchtbaren.  Die  materielle  Welt  besitzt  also 
Realität;  daß  man  irgend  ein  Objekt  überhaupt  mit  den  Sinnen 
wahrnimmt,  gilt  dem  Sämkhya  als  vollgültiger  Beweis  für  die 
Realität  dieses  Objektes,  sofern  nur  die  Sinne  gesund  sind. 
Übrigens  galt  in  alter  Zeit  die  WirkHchkeit  der  Erscheinungs- 
welt als  etwas  Selbstverständliches;  man  kannte  damals  Sam- 
karas  Theorie  von  der  ,, kosmischen  Illusion"  noch  nicht. 

Wie  wir  wohl  von  ,,der  Erscheinungen  Flucht"  reden,  so 
ist  auch  den  alles  scharf  beobachtenden  Indem  der  unablässige 
Wandel,  die  meist  im  Kreise  verlaufende  Umbildung  der  Dinge 
natürlich  nicht  entgangen;  parinäma,  unaufhörliches  Sich- 
verändern ist  das  Charakteristikum  der  Welt  der  Erscheinungen. 
Es  müßte  sich  also  mit  Notwendigkeit  ein  regressus  in  infinitum 
ergeben,  wenn  man  nicht  hinter  dem  Ganzen  ein  aus  keiner 
Ursache  abzuleitendes  Prinzip  annähme;  und  das  ist  im  Säm- 
khya die  ,, Grundform",  die  ,, Wurzelgrundform",  der  ,, Grund- 


—     i6o     — 

bestand",  die  ,, Wurzelursache",  das  ,,Unentfaltete"  [prakrti, 
mülaprakrti,  pradhäna,  mülakärana,  avyakta)',  mit  einem  Worte: 
die  Urmaterie.  Unser  System  gelangt  zu  diesem  Prinzip  auf 
Grund  der  Erwägung,  daß  alles  Grobe  aus  etwas  Feinerem  ge- 
bildet ist.  So  sind  die  fünf  groben  Elemente  (Erde,  Wasser, 
Feuer,  Luft  und  Äther)  aus  den  sogenannten  feinen  Elementen 
hervorgegangen,  und  diese  wiederum,  als  begrenzte  Dinge,  aus 
etwas  anderem.  Eingedenk  nun  der  Lehre  des  Sämkhya,  der- 
zufolge  die  Objekte  der  Wahrnehmung  und  Empfindung 
einerseits  und  die  die  Objekte  wahrnehmenden  resp.  empfinden- 
den Organe  anderseits,  d.  h.  die  Sinne,  einen  gemeinsamen 
Ursprung  haben,  finden  wir  diesen  im  ahamkära,  d.  h.  in  der 
feinen  Substanz  desjenigen  inneren  Organes,  dessen  Funktion 
darin  besteht,  die  Dinge  in  Beziehung  zu  dem  Ich  (resp.  der 
Seele)  zu  setzen.  Der  ahamkära  seinerseits,  der  ohne  Bezug- 
nahme auf  bestimmte  Objekte  nicht  funktionieren  kann,  ver- 
langt ein  höheres  Prinzip,  die  huddhi,  d.  h.  die  Substanz  des- 
jenigen inneren  Organes,  welches  die  Funktion  der  Feststellung 
und  Unterscheidung  besitzt.  Aber  auch  die  huddhi  ist  noch 
begrenzt :  der  letzte  Grund  der  Dinge  muß  unbegrenzt,  ewig  und 
allgegenwärtig  sein;  und  das  ist  eben  die  Urmaterie.  Während 
alle  Produkte,  alles  ,, Entfaltete"  veranlaßt,  nicht  ewig,  nicht 
allgegenwärtig,  sich  bewegend,  in  der  Vielheit  existierend,  auf 
etwas  beruhend,  sich  auflösend,  in  Verbindung  tretend  und  von 
einem  anderen  abhängig  ist,  besitzt  die  Urmaterie  nichts  von 
diesen  Eigenschaften. 

Trotzdem  nun  die  Urmaterie  etwas  Einheitliches  und  Un- 
teilbares ist,  ist  sie  doch  aus  den  allbekannten  und  berühmten 
drei  guna's,  Konstituenten,  zusammengesetzt.  Ihre  Einheit- 
lichkeit wird  durch  diese  Vielheit  so  wenig  gestört  wie  die  des 
Waldes  durch  die  vielen  darin  wachsenden  Bäume.  Die  Namen 
dieser  drei  gunas,  die  die  Entfaltung  der  Urmaterie  und  damit 
die  Mannigfaltigkeit  des  Universums  erklären,  sind  sattva,  rajas 
und  tamas,  Kunstausdrücke,  die  sich  nicht  übersetzen,  sondern 
nur  umschreiben  lassen.  Nach  Kapila  liegt  die  wichtigste  Eigen- 
schaft aller  Dinge  darin,  daß  sie  entweder  Freude,  oder  Schmerz 
oder  Gleichgültigkeit  erwecken;  Freude  aber  steht  auf  einer 
Stufe  mit  Licht  und  Leichtigkeit  —  Schmerz  mit  Anregung  und 


—     i6i     — 

Beweglichkeit  (Tätigkeit),  die  Apathie  mit  Schwere  und  Hem- 
mung. Alles  Materielle  besteht  nun  aus  drei  Substanzen;  die 
Verschiedenheit  der  Produkte  erklärt  sich  aus  der  verschiedenen 
Mischung  der  drei  Konstituenten,  die  überall  miteinander  im 
Kampfe  liegen  und  ihr  Wesen  je  nachdem  mehr  oder  weniger 
rein  zu  Geltung  bringen.  Das  sattva  äußert  sich  dann  im  Objekt 
durch  Licht  und  Leichtigkeit,  im  Subjekt  als  Tugend,  Wohl- 
wollen, Glück,  Heiterkeit  etc.;  das  rajas  im  Objekt  als  Kraft 
und  Bewegung,  im  Subjekt  als  jede  Art  von  Schmerz,  Angst, 
Leidenschaft,  Bosheit  etc.,  aber  auch  als  Ehrgeiz,  Streben  und 
Tätigkeit;  das  tamas  im  Objekt  als  Schwere,  Starrheit,  Dunkel; 
im  Subjekt  als  Kleinmut,  Furcht,  Stumpfsinn,  Trägheit,  Be- 
wußtlosigkeit etc.  Die  unentfaltete  Urmaterie  ist  nun  der  Zu- 
stand des  stabilen  Gleichgewichtes  der  drei  Konstituenten; 
wird  aber  diese  Ruhe  gestört,  so  fangen  sie  an  miteinander  zu 
ringen,  und  es  entfaltet  sich  die  Welt,  so  daß  zuerst  buddhi,  aus 
dieser  der  ahamkära  etc.  hervorgeht. 

Jene  Ruhestörung  hat  ihren  Grund  in  der  ,, Erschütterung'' 
(ksobha),  die  die  Seelen  resp.  die  Werke  der  beseelten  Wesen, 
die  noch  keine  Vergeltung  gefunden  haben,  auf  die  Urmaterie 
ausüben.  Das  Dasein  der  Seelen  ist  an  sich  evident  und  wird  von 
niemand  bestritten;  immerhin  gibt  das  System  nicht  weniger 
als  vier  Beweise  dafür! 

So  viel  vom  System  des  Sämkhya.  Diese  Ausführungen 
waren  leider  nicht  zu  umgehen,  da  der  Yoga,  der  uns  hier  allein 
näher  angeht,  wie  gesagt  durchaus  auf  dem  Sämkhya  beruht 
und  dessen  Kenntnis  allenthalben  voraussetzt.  Ich  sage  leider, 
denn  jene  Lehren,  die  das  Welträtsel  erklären  sollen,  sind  doch 
nur  zu  oft  geeignet,  ein  Schütteln  des  Kopfes  hervorzurufen! 

Im  Yoga  kann  man  nun  zwei  Hauptteile  unterscheiden, 
wenn  wir  die  Hilfsmittel  zur  Konzentration  des  Geistes  ins  Auge 
fassen:  den  Räjayoga,  der  die  inneren  Übungen  umfaßt  (,, Haupt- 
Yoga")  und  den  Kriyäyoga,  den  ,,Yoga  der  Praxis",  der  sich 
mit  den  äußerlichen  Hüfsmitteln  beschäftigt.  Eine  dritte  Be- 
zeichnung, Hathayoga,  gehört  der  jüngeren  Zeit  an  und  umfaßt 
ebenfalls  die  Hilfsmittel  zur  Konzentration,  allerdings  in  der 
übertriebenen  Form,  wie  sie  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte 

Schmidt,  Fakire  und  Fakirtum.  1 1 


—       l62      — 

herausgebildet  hat.  Es  ist  eine  der  in  Indien  leider  so  beliebten 
törichten  Spielereien,  wenn  man  das  Wort  hatha,  was  nichts 
weiter  als  ,, gewaltsame  Anstrengung"  bedeutet,  in  mystischem 
Sinne  als  „Ein-  und  Ausatmen"  interpretiert,  indem  man  das 
Wort  in  ha  und  tha  zerlegt  und  darin  Bezeichnungen  von  ,, Sonne" 
und  ,,Mond"  sieht,  die  ihrerseits  wieder  das  Ein-  und  Ausatmen 
bezeichnen  sollen!  Tatsächlich  lehrt  die  Benennung  Hathayoga 
natürlich  nur,  daß  es  sich  in  der  darin  abgehandelten  Praxis 
besonders  um  das  Anhalten  des  Atems  zum  Zwecke  der  Kon- 
zentration handelt. 

Über  die  Yoga-Praxis  und  über  die  dadurch  zu  erlangenden 
Wunder kräfte  wird  weiter  unten  die  Rede  sein.  Es  muß  hier 
nur  noch  des  großen  Mißgriffes  gedacht  werden,  den  die  Yoga- 
Philosophie  getan  hat,  indem  sie  den  Gottesbegriff  einfügte  und 
so  ihre  atheistische  Vorlage  in  den  Augen  der  großen  Menge  zu 
heben  suchte.  Aber  die  Gottesidee  in  dem  Zusammenhange  ist 
ebenso  überflüssig  wie  störend.  Gott  hat  mit  der  Entfaltung  der 
Urmaterie  so  wenig  zu  tun  wie  mit  der  Erlösung  der  Menschen; 
alle  Seelen  sind  genau  so  wie  die  ,, besondere  Seele",  wie  ,,Gott", 
anfanglos  und  ewig! 


VI.  Kapitel. 

Yoga-Praxis. 

Für  die  wunderliche  Praxis  des  Yoga,  der  es  übrigens 
durchaus  nicht  etwa  an  Parallelen  fehlt,  müssen  wir  mit  Fug  und 
Recht  ihren  Begründern  die  Verantwortung  überlassen.  Ich 
will  also  an  die  Spitze  dieses  Abschnittes  die  Einleitungsstrophen 
aus  der  Gherandasamhitä  stellen,  um  dann  die  einzelnen  ,, Teile 
des  Yoga"  an  der  Hand  der  Texte  durchzugehen. 

1 .  Einst  kam  Candakäpäli  zu  Gheranda's  Einsiedlerhütte,  ver- 
neigte sich  demütig  und  voll  Liebe  vorGheranda  und  fragte  ihn: 

2.  ,,Herr  des  Yoga,  ich  wünschte  jetzt  den  Ghatastha-Yoga, 
die  Ursache  der  Erkenntnis  der  Wahrheit,  zu  vernehmen.  Ge- 
bieter des  Yoga,  sage  an,  Herr!" 


—     i63     — 

3.  ,,Gut,  gut,  Großarmiger,  daß  du  mich  danach  fragst. 
So  will  ich  dir  denn  erzählen,  mein  Lieber;  höre  aufmerksam  zu. 

4.  Es  gibt  keine  Fessel  gleich  der  Mäyä ;  es  gibt  keine  andere 
Kraft  als  den  Yoga;  es  gibt  keinen  anderen  Verwandten  als  das 
Wissen;  es  gibt  keinen  Feind  weiter  als  den  Dünkel. 

5.  Wie  man  auf  Grund  des  Alphabetes  die  Wissenschaft 
erfaßt,  so  wird  auch  die  Erkenntnis  der  Wahrheit  erlangt,  nach- 
dem man  sich  den  Yoga  angeeignet  hat, 

6.  Aus  den  wohl  vollbrachten  und  den  schlecht  vollbrachten 
Taten  entsteht  der  ,,Topf"  der  Beseelten;  aus  dem  Topfe  ersteht 
das  Karman,  und  so  dreht  sich  (das  Dasein)  wie  ein  Schöpfrad. 

7.  Wie  das  Schöpfrad,  von  Ochsen  getrieben,  sich  nach 
oben  und  unten  dreht,  so  dreht  sich  die  Seele  infolge  des  Karman 
zwischen  Geburt  und  Tod. 

8.  Wie  ein  ungebrannter  Krug,  der  im  Wasser  steht,  sich 
alsbald  auflöst,  so  auch  der  menschliche  Körper.  Man  brenne 
ihn  also  im  Feuer  des  Yoga  und  sorge  für  seine  Läuterung. 

Vertrauen  wir  uns  nun  wieder  der  Führung  Oman's  an, 
der  p.  174  ff.  etwa  das  Folgende  ausführt : 

Die  Beobachtung  der  Tätigkeit  der  Lunge  in  Form  des  Ein- 
und  Ausatmens  ist  in  Indien  selbstverständlich  uralt,  auch  wenn 
sie  nicht  bezeugt  wäre.  Jedem  Kenner  der  altindischen  Speku- 
lation, wie  sie  in  den  Upanisad's  niedergelegt  ist,  sind  die  zahl- 
losen Stellen  geläufig,  in  denen  mit  dem  ,, Aushauch"  {präna) 
operiert  wird.  Der  Odem  ist  der  Träger  des  Lebens,  das  Leben 
selbst ;  er  wird  mit  dem  Winde,  dem  kosmischen  Lebenshauche 
auf  eine  Stufe  gestellt  und  als  Symbol  Brahman's  angesehen, 
worüber  man  sich  am  besten  bei  De ußen.  Sechzig  Upanishads 
-des  Veda,  unterrichten  kann.  Die  eingeatmete  Luft  ist  Leben 
oder  enthält  doch  wenigstens  das  Lebenselement  in  feiner  Ge- 
stalt :  denn  Luftentziehung  bedeutet  den  Tod,  und  mit  der  letzten 
Ausatmung  wird  der  lebende  Körper  zum  Leichnam.  Diese  Luft 
dringt  nun  in  das  Gehäuse  des  Körpers  ein,  durchdringt  es  und 
ist  in  der  Brust,  dem  Magen,  der  Beckenhöhle  etc.  zu  finden. 
Aber  dieser  Lebensodem  ist  offensichtlich  nicht  stagnierend. 
Er  besitzt  eine  Art  von  Bewegung,  wenn  er  durch  die  Nasen- 
löcher ein-  und   durch   dieselben  Öffnungen  ausgeatmet  wird. 


II 


—     164    — 

Einige  der  größeren  und  leichter  sichtbaren  Einzelheiten  im 
Bau  der  Lunge  mit  ihren  verzweigten  Röhren  mögen  bekannt 
gewesen  sein,  vielleicht  auch  die  Herzkammern  mit  den  großen 
verbundenen  Gefäßen,  welche  den  Gedanken  an  Kanäle  für  die 
Bewegungen  des  präna,  des  Lebenshauches  und  an  Zentren  für 
seine  Auf  Sammlung  nahelegten.  Indem  nun  die  indischen  Philo- 
sophen in  der  ihnen  eigenen  absonderlichen  Weise  über  den 
geheimnisvollen  Vorgang  der  Atmung,  vorgeblich  einem  Gesetz 
des  gesamten  Universum;  über  das  unbezweifelte  Vorhanden- 
sein von  Luft  in  vielen  Teilen  des  Körpers  und  über  den  kargen 
Vorrat  an  ihnen  geläufigen  anatomischen  Tatsachen  nach- 
dachten, schlössen  und  lehrten  sie,  daß  zusammen  mit  der  Luft 
die  als  feiner  Äther  vorgestellten  ursprünglichen  Naturkräfte  im 
menschlichen  Körper  in  einer  Menge  von  röhrenartigen  Gefäßen 
(nädi)  kreisten,  die  vom  Nabel  ausgingen. 

Die  Funktionen  dieser  imaginären  Kanäle,  die  den  feinen 
Äther  durch  das  materielle  System  leiten,  werden,  wie  man  sich 
denken  kann,  mit  Zuversicht,  wenn  auch  etwas  unbestimmt, 
beschrieben.  Wenn  wir  diesen  rein  spekulativen  Anatomen 
glauben  dürfen,  teilen  sich  diese  nädVs  wieder  und  wieder,  bis 
ihre  Gesamtsumme  gerade  72  000  ausmacht.  Nach  anderen, 
ebenso  kompetenten  Autoritäten  erreicht  die  Summe  aller  dieser 
Kanäle  die  Zahl  727  210  201 ;  sie  haben  ihren  Ursprung  nicht 
im  Nabel,  sondern  im  Herzen.  [So  z.  B.  in  der  Prasna-Upanisad, 
bei  Deußen  p.  565:  ,,Im  Herzen  aber  wohnt  der  Ätman;  daselbst 
sind  jene  hundert  und  eine  Adern i) ;  zu  jeder  einzelnen  von  ihnen 
gehören  je  hundert  [Zweigadern];  und  der  Nebenzweigadem 
sind  jedesmal  zweiundsiebzig  tausend". 2)]  Indem  sich  diese  ver- 
zweigten Gefäße  an  verschiedenen  Punkten  durchschneiden,  bilden 
sie  Gewebe,  die  als  padma  oder  kamala  (,, Lotus")  bekannt  sind 
und  als  Kraftzentralen  für  die  Betätigung  der  physiologischen 
Funktionen  dienen.  Innerhalb  dieses  Systems  gibt  es  dann  auch 
noch  Zentren  für  die  moralischen  und  intellektuellen  Kräfte. 

Auf  dieser  Grundlage,  die  reine  Einbildung  ist,  wird  nun 
eine  Wissenschaft  der  willkürlichen  Regelung  und  Leitung  des 
Laufes  des  Lebenshauches  die  vielfältigen  Kanäle  des  mensch- 

1)  Chändogya-Upanisad  VIII,  6,  6. 

2)  Brhadäranyaka-Upanisad  II,   i,  19. 


-     165     - 

liehen  Organismus  entlang  aufgebaut,  zu  dem  Zwecke,  daß  der 
Atem  auf  den  Geist  einen  möglichst  wenig  peinvollen  Einfluß 
ausübt ;  das  Böse  zu  verringern,  —  welches  durch  die  Tatsache 
begangen  wird,  daß  die  Seele  und  der  subtile  Leib  Gäste  in  einem 
fleischlichen  Hause  sind  —  und  so  die  Seele  zu  einer  Selbst- 
Realisation  zu  bringen  resp.  ihre  Identität  mit  dem  höchsten 
Selbst  zu  erkennen. 

Die  Praktiken,  die  im  Zusammenhang  mit  dieser  Lehre 
anempfohlen  und  geübt  werden,  um  der  samädhi'^)  teilhaftig  zu 
werden,  haben  die  Tendenz,  den  Geist  vollständig  von  den 
Gegenständen  und  Ereignissen  der  Umgebung  abzulenken,  wo- 
bei ein  Zustand  von  Selbst-Hypnose  oder  Trance  herbeigeführt 
werden  kann. 

Jene  so  einsichtsvoll  ersonnenen  Übungen,  die  von  den 
Yoga-Lehrern  vorgeschrieben  werden,  bestehen  in  lange  fort- 
gesetzter Unterdrückung  des  Atmens  und  in  der  Ausführung  der 
Funktion  der  Atmung  durch  besondere,  bis  ins  einzelnste  vor- 
geschriebene Arten  der  Ein-  und  Ausatmung  je  nachdem  durch 
das  rechte  oder  linke  Nasenloch.  Dazu  kommen  nicht  weniger 
als  vierundachtzig  Arten,  sich  zu  setzen  und  die  Körperhaltung 
zu  variieren;  die  häufige,  ja  selbst  millionenfache  Wiederholung 
der  mystischen  Silbe  om  im  stillen,  die  lange  andauernde  Kon- 
zentration des  Gesichtssinnes  auf  nahe  Gegenstände,  z.  B.  den 
Nabel  oder  die  Nasenspitze,  verbunden  mit  einem  ebenso 
strengen  Zwange  über  die  Gehörsnerven  in  lange  ausgedehnten 
Anstrengungen,  auf  Laute  in  den  Ohren  selbst  zu  achten. 

Ferner  gehört  zu  der  Yoga-Praxis  die  Meditation,  die  bei 
Swami  Vivekananda  wie  folgt  beschrieben  wird:  ,, Stelle 
dir  auf  dem  Handrücken  einen  Lotus  von  einigen  Zoll  vor  und 
Tugend  als  sein  Zentrum,  den  Stengel  als  Wissen.  Die  acht 
Blumenblätter  des  Lotus  sind  die  acht  Kräfte  des  Yogin.  Die 
Staubfäden  und  Pistille  im  Innern  sind  das  Verzichten.  Wenn  der 
Yogin  die  äußeren  Kräfte  verwirft,  wird  er  zum  Heile  gelangen. 
So  sind  die  acht  Blumenblätter  des  Lotus  die  acht  Kräfte,  aber 
die  im  Innern  befindlichen  Staubfäden  und  Pistille  sind  die 
äußere  Verzichtleistung  auf  alle  diese.   Drinnen  im  Lotus  denke 

^)  Max  Müller  übersetzt  samädhi  mit  ,, meditative  absorption",  Svami 
Vivekananda  mit  ,,super-consciousness",   Monier-Williams  mit  „trance". 


—     i66     — 

dir  den  Goldenen,  Allmächtigen,  Unberührbaren,  Ihn,  dessen 
Name  ist  Om,  den  Unaussprechlichen,  umgeben  von  strahlendem 
Licht.    Meditiere  darüber!"  (p.  91.) 

Aus  allen  diesen  Übungen  zusammengenommen  ergibt  sich 
dann  unschwer  jener  Zustand  der  Selbst-Hypnotisierung  und 
Ekstase,  d.  h.  der  Aufhebung  des  Bewußtseins,  die  zur  Ver- 
wischung der  Sinnesbeziehungen  zur  materiellen  Welt  führt  und 
von  beseligenden  Visionen  begleitet  ist,  wie  das  z.  B.  auch  von 
christlichen  Heiligen  zur  Genüge  bekannt  ist. 

Es  ist  wohl  ganz  sicher i),  daß  viele  der  unter  dem  allge- 
meinen Begriff  Hypnotismus  zusammengefaßten  Phänomene 
seit  altersgrauen  Zeiten  den  Indem  bekannt  waren  und  daß  die 
Frommen  unter  ihnen,  von  mächtigen  neurotischen  Impulsen 
angetrieben,  die  unbeschreiblichen  Freuden  des  ekstatischen 
Zustandes  versuchten  —  vielleicht  häufiger  als  in  anderen 
Ländern  —  und  sich  in  der  wundersamen  Welt  verloren, 
die  sie  in  ihren  Trance- Visionen  herzauberten.  Ein  recht  in- 
disches Beginnen,  ganz  kongenial  dem  Charakter  der  Hindu- 
Träumer  ! 

Soweit  geht  denn  auch  die  Verständlichkeit  und  Berech- 
tigung des  Yoga;  aber  was  darüber  hinausgeht,  der  Anspruch 
auf  die  bekannten  acht  Zauberkräfte  etc.,  gehört  einfach  in 
das  Gebiet  des  Schwindels.  Es  ist  sehr  interessant,  in  dieser 
Hinsicht  das  Urteil  eines  Hindu-Hypnotiseurs  unserer  Tage  zu 
hören.  Bei  Vairagyananda,  Hindu-Hypnotismus,  lesen  wir 
in  der  Übersetzung  von  Harry  Bondegger  p.  22  ff.:  ,,Alle  die 
Wunder  der  Fakire  sind  darauf  zurückzuführen,  daß  der  betr. 
Operator  seinen  Willen  auf  die  hier  angedeutete  Weise  erzogen 
hatte  und  so  imstande  war,  die  angestaunten  Phänomene  seinem 
atemlos  lauschenden  Publikum  nur  vorzugaukeln.  Die  Menschen 
nehmen  eine  gewaltige  Willenskraft  sofort  instinktiv  wahr  und 
verhalten  sich  zu  dem  Besitzer  einer  solchen  einer  langen  Ge- 
wohnheit zufolge  nachgiebig,  so  daß  es  einem  willensstarken 
Yogin  nicht  schwer  fällt,  die  Imagination  seiner  Zuhörer  und 
Zuschauer  zur  intensives ten  Tätigkeit  zu  reizen.  Deren  astralen 
Sinne  öffnen  sich  momentan,  und  sie  nehmen  die  suggerierten 

1)  Oman  drückt  sich  hier  etwas  vorsichtiger  aus:  ,,I  should  be  in- 
clined  to  conclude"  (p.  179). 


—     i6y     — 

Bilder  ihrer  Phantasie  oder  Aura  wahr,  die  sie  in  ihrer  Unkennt- 
nis mit  den  Dingen  der  physischen  Welt  verwechseln. 

Der  Yogin  hypnotisiert  sein  Publikum  ohne  dessen  Ein- 
willigung und  Wissen.  Voll  neugieriger  und  abergläubischer 
Scheu  sehen  die  Zuschauer  auf  ihn.  Sie  versetzen  sich  durch  ihre 
gespannte  Aufmerksamkeit,  die  auf  ihn  gerichtet  ist,  in  seelischen 
Rapport  mit  ihm.  Unwillkürlich  machen  sie  sich  im  Zustand 
der  Spannung  gedankenleer,  und  es  fällt  dann  dem  Yogin  leicht, 
in  ihnen  Illusionen  hervorzurufen.  Der  Umstand,  daß  das  Publi- 
kum aus  vielen  Personen  besteht,  die  alle  dasselbe  denken  und 
erwarten,  erzeugt  einen  kraftvollen  psychischen  Strom,  der  dem 
Fakir  die  Arbeit  wesentlich  erleichtert. 

Der  Verfasser  behauptet  nicht,  daß  alle  physiologischen 
Kunststücke  der  indischen  Gaukler  auf  Sinnestäuschungen  be- 
ruhen. Er  weiß  selbst,  bis  zu  welchem  wunderbaren  Grade  der 
Mensch  durch  Hatha  Yoga  den  Leib  und  dessen  Funktionen 
beherrschen  kann.  Aber  fast  alle  Phänomene,  die  den  mecha- 
nischen Gesetzen  der  Natur  widersprechen,  existieren  nur  als 
Trugbilder  in  der  Aura  des  visionierenden  Publikums,  dessen 
Kraft  der  Phantasie  oder  Imagination  effektvoll  arbeitet. 

Die  phänomenale  Echtheit  der  Fakir- Vorführungen  wird 
dem  Leser  durch  zahlreiche  Protokolle  bewiesen,  welche  die 
notariell  beglaubigten  Unterschriften  zahlreicher  Mitglieder  der 
britischen  Aristokratie,  vieler  Offiziere  der  Armee  und  anderer 
angesehenen  Personen  tragen. 

So  lesen  wir  in  einem  Bericht,  wie  ein  Fakir  ein  Garnknäuel 
in  die  Luft  warf.  Es  flog  so  hoch,  bis  es  vor  den  Augen  des  be- 
stürzten Publikums  verschwand.  Während  seines  Fluges  wickelte 
es  sich  auf.  Ein  Ende  des  Knäuels  blieb  am  Erdboden,  während 
das  andere  Ende  anscheinend  bis  in  die  Wolken  hineinreichte. 
Nun  gebot  der  Fakir  einem  Jungen  hinaufzuklettern.  Der  Knabe 
gehorchte  und  kletterte  anscheinend  so  schnell,  daß  man  ihn 
bald  nicht  mehr  sehen  konnte.  Sofort  befahl  ihm  der  Fakir, 
wieder  umzukehren,  ohne  trotz  mehrfacher  Wiederholung  des 
Befehles  Gehorsam  zu  finden.  Da  ergriff  er  wütend  ein  Messer 
und  kletterte  dem  Knaben  nach.  Nach  einer  kurzen  Pause  er- 
wartungsvollsten Stillschweigens  hörte  man  in  der  Luft  einen 
entsetzlichen  Schrei,  und  die  blutigen  Glieder,  Kopf  und  Rumpf 


—     i68     — 

des  Jungen  kamen  einzeln  heruntergeflogen.  Das  Publikum 
nahm  eine  drohende  und  entrüstete  Haltung  an,  so  daß  sich  der 
zurückkehrende  Fakir,  anscheinend  um  sein  Leben  besorgt, 
bewogen  fühlte,  sein  Verbrechen  wieder  gutzumachen.  Er 
setzte  die  Glieder  des  Jungen  zusammen,  murmelte  einige 
Mantrams  und  beschrieb  mit  dem  Finger  geometrische  Figuren 
in  der  Luft.  Sogleich  fügte  sich  der  zerstückelte  Leichnam  zu- 
sammen, und  der  Knabe  sprang  fröhlich  lachend  wieder  auf. 

Diese  Vorführung,  welche  von  verschiedenen  Yogins  viele- 
mal  veranstaltet  wurde,  wurde  in  einem  Protokoll  bis  in  jede 
Einzelheit  beschrieben  und  von  den  Zuschauern  nach  genauer 
Durchsicht  unterzeichnet.  Wie  überrascht  waren  alle,  als  ihnen 
ein  amerikanischer  Journalist  mehrere  photographische  Auf- 
nahmen derselben  Vorstellung  zeigte.  Auf  jedem  Bilde  konnte 
man  den  Fakir  und  Jungen  behäbig  schmunzelnd  auf  einer 
Matte  sitzen  sehen.  Von  anderen  Dingen  war  nichts  zu  ent- 
decken. 

Der  Fakir  war  während  der  ganzen  Sitzung  nicht  von 
seiner  Matte  aufgestanden,  hatte  in  Wirklichkeit  die  Vorgänge 
unter  Konzentration  seiner  Aufmerksamkeit  nur  erzählt  und 
das  faszinierte  Publikum  hatte  alle  Wunder  nur  in  der  eigenen 
Phantasie  leibhaftig  geschaut. 

Auf  die  tote  photographische  Platte  konnte  sich  der  Ein- 
fluß des  Magiers  nicht  erstrecken.  Es  gibt  dafür  nur  eine  Er- 
klärung: der  Hindu  psychologisiert  oder  hypnotisiert  seine  Zu- 
hörer. Er  bringt  deren  Geist  in  einen  derartigen  Zustand,  daß 
Vorstellung  weiter  nichts  als  Einbildung  repräsentiert. 

Über  die  Methode  der  Praxis  des  Hathayoga  ein  paar  Worte 
zur  Übersicht;  alles  weitere  findet  man  in  den  einzelnen  Ab- 
schnitten. 

Wie  jedes  ernste  indische  System,  so  hat  auch  die  Yoga- 
Philosophie,  um  es  noch  einmal  zu  sagen,  als  Ziel  die  Erlösung 
des  Individuums  von  der  Seelenwanderung.  Die  erlösende  Er- 
kenntnis —  kein  gläubiges  Hinnehmen,  sondern  mühselig  er- 
worbenes Wissen  —  wird  durch  allerlei  äußere  Hilfsmittel  ge- 
fördert, unter  denen  das  regungslose  Verweilen  an  ein  und  dem- 
selben Orte  und  in  einer  ganz  bestimmten  Stellung  eine  besondere 


(7^ 


00 


—     169     — 

Rolle  spielt.  Frühzeitig  haben  wir  also  die  stille  Zelle,  die  nur 
das  Allernotwendigste  enthält,  um  die  Gedanken  des  Insassen 
nicht  abzulenken,  und  ihn  vor  dem  Wechsel  der  Witterung,  vor 
feindlichen  Tieren  und  Menschen  zu  schützen  vermag.  Dazu 
ein  Vorbereitungsdienst  in  Form  von  Diätvorschriften,  die  dem 
Novizen,  ganz  in  Übereinstimmung  mit  den  Lehren  der  Ärzte, 
nur  die  einfachsten  Speisen  als  zuträglich  erlauben,  und  Läute- 
rungsregeln z.  T.  absonderlicher  Art.  Der  Novize,  der  mit  den 
großen  Geboten  und  Observanzen  vertraut  ist  und  überhaupt 
die  unumgänglichen  Vorbedingungen  zum  Mönchstume  erfüllt 
hat,  kann  nun  im  Frühling  oder  Herbst  —  natürlich  immer  unter 
der  Aufsicht  eines  Lehrers  —  zur  Übung  der  Posituren  {äsana) 
verschreiten.  Es  steht  einem  jeden  frei,  sich  für  eine  derselben 
zu  entscheiden :  von  den  8  400  000  Stück,  die  Gott  Siva  erfunden 
hatte,  sind  in  unseren  Quellen  zweiunddreißig,  fünfzehn,  vier 
resp.  zwei  beschrieben  und  empfohlen,  während  das  Prinzip  bei 
allen  dasselbe  ist:  man  soll  in  den  Stand  versetzt  werden,  ohne 
Beschwerden  zu  empfinden  längere  Zeit  in  ein  und  derselben 
Stellung  zu  verharren.  Wird  bei  diesen  Posituren  kaum  die  Blut- 
zirkulation beeinflußt,  so  ist  anderseits  auf  den  therapeutischen 
Wert  hinzuweisen,  den  sie  (und  die  meisten  anderen  Yoga- 
Praktiken)  in  den  Augen  der  Meister  haben:  auf  die  Definition 
folgt  in  der  Regel  eine  Lobpreisung  der  Heilkraft  der  betreffen- 
den Übung.  Vor  allem  heißt  es,  daß  durch  die  Posituren  das 
Verdauungsfeuer  angefacht  und  mancherlei  Krankheiten  des 
Unterleibes  etc.  geheilt  werden.  Wohl  ganz  mit  Recht  vermutet 
Walter,  daß  die  Texte  sich  nicht  immer  damit  begnügen,  dem 
Yogin  das  eine  große  Ziel  vor  Augen  zu  halten,  die  Vereinigung 
mit  Brahma,  sondern  daß  sie  gleichzeitig  an  das  Verlangen  nach 
körperlichem  Wohlbehagen,  ja  an  die  Eitelkeit  appeUieren! 
Jedenfalls  haben  die  äußeren  Erfolge,  die  dem  eifrigen  Adepten 
so  zuversichtlich  in  Aussicht  gestellt  werden,  nicht  zuletzt  die 
berühmten  acht  Zauberkräfte,  mit  der  Erlösung  herzlich  wenig 
zu  tun. 

Wie  dem  nun  sein  möge  —  nehmen  wir  an,  der  Yogin  habe 
sich  mit  der  einen  oder  anderen  Positur  genügend  vertraut  ge- 
macht, auch  seinen  Leib  von  einem  etwaigen  Überfluß  an 
Phlegma  oder  Fett  durch  die  sechs  Reinigungsmittel  Dhauti, 


—     I/o    — 

Basti,  Neti,  Trätaka,  Laukiki  (Nauli)  und  Kapälabhäti  befreit; 
so  kann  er  nun  darangehen,  Atemgymnastik  zu  betreiben, 
pränäyäma,  wie  der  Kunstausdruck  lautet.  Der  Atem  soll  kon- 
zentriert werden,  und  zwar  am  Brahmarandhra,  als  Vorberei- 
tung zur  Konzentrierung  des  Geistes.  Inwieweit  hierbei  Unsinn 
mit  Methode  vorgetragen  wird,  wollen  wir  nicht  weiter  unter- 
suchen; die  Wahrscheinlichkeit,  daß  die  Meister  und  ihre  Jünger 
keine  klare  Vorstellung  von  den  Einzelheiten  des  Atmungs- 
prozesses gehabt  haben,  ist  groß.  Der  Atem  gelangt  durch  drei 
Kanäle  in  den  Körper,  durch  Idä,  Pingalä  und  Susumnä,  d.  h. 
durch  das  rechte  und  linke  Nasenloch  und  die  Luftröhre.  Der 
Atem  gelangt  durch  Idä  und  Pingalä  in  die  Nabelgegend,  von 
wo  aus  ihn  72  000  Kanäle  durch  den  ganzen  Körper  verteilen. 
In  das  obere  Ende  der  Susumnä  gelangt  der  Atem  ohne  weiteres ; 
im  unteren  Ende  jedoch  stehen  dem  Hindemisse  in  Gestalt  von 
Unreinigkeiten  wie  Galle,  Phlegma  etc.  sowie  vor  allem  die 
Kundali  entgegen,  die  da  unten  schläft  und  erst  geweckt  werden 
muß,  bevor  die  eingeatmete  Luft  an  ihr  vorbei  und  in  die  Su- 
sumnä gelangen  kann.  Das  zu  erreichen,  dient  eben  Pränäyäma. 
Der  durch  Druck  aufwärts  gebrachte  Apäna  vereinigt  sich  dann 
mit  dem  durch  Druck  abwärts  gebrachten  Präna,  und  beide  ge- 
langen nun  zum  Brahmarandhra,  worauf  Stillstand  in  der  Tätig- 
keit des  Atems  eintritt. 

Herr,  dunkel  ist  der  Rede  Sinn!! 

Um  die  böse  Kundali  zu  wecken,  übt  man  auf  den  Kanda 
einen  Druck  mit  der  dafür  eigens  vorgeschriebenen  Binde  aus, 
facht  durch  bestimmte  Atemübungen  das  Verdauungsfeuer  an 
oder  übt  die  mudrä's  resp.  eine  davon.  Die  behebteste  ist  wohl 
die  khecan  genannte  Art,  bei  der  die  durch  besondere  Behand- 
lung verlängerte  (sagen  wir  lieber:  dehnbar  gemachte)  Zunge 
in  den  Nasenrachenraum  hineingesteckt  und  die  Stelle  zwischen 
den  Augenbrauen  starr  fixiert  wird.  Es  kommt  also  dabei 
darauf  an,  den  an  das  untere  Ende  der  Susumnä  gelangenden 
Atem  durch  deren  Eingang  zu  drücken,  statt  ihn  sich  wieder 
durch  Idä  oder  Pingalä  entfernen  zu  lassen :  das  geschieht  durch 
Druck  auf  den  Anus,  das  Perinaeum  etc.  Walter  (p.  XXVII) 
versäumt  nicht,  bei  dieser  Gelegenheit  zu  betonen,  daß  er  ,,im 
Gegensatz  zur  phantastischen  Interpretation  modemer  Theo- 


—   I/I   — 

sophen"  den  rein  physisch  materiellen  Charakter  des  Präna  im 
Hathayoga  außer  Zweifel  setzen  möchte.  Als  Kuriosum  sei  noch 
erwähnt,  daß  auch  den  mudrä's  noch  alle  möglichen  Kräfte 
zugesprochen  werden:  sie  sollen  gut  sein  gegen  Auszehrung, 
Unterleibsleiden,  Aussatz,  Runzeln  und  graues  Haar  [!!],  was 
doch  wirklich  ganz  überflüssig  ist,  wenn  man  sich  erinnert,  daß 
ja  schon  die  vorbereitenden  Übungen  den  Adepten  zu  einem 
wahren  Ausbund  von  Gesundheit,  Schönheit  und  Jugendfrische 
gemacht  haben  müssen! 

Es  ist  aber  nicht  genug  damit,  durch  fortgesetzte  Übung  die 
Fertigkeit  erlangt  zu  haben,  den  Atem  in  die  Susumnä  zu  bringen : 
man  muß  ihn  nun  auch  ,, vernichten"  (Laya).  Das  Vorstellungs- 
vermögen und  das  Atmen  sind  die  Ursachen  des  Bewußtseins; 
man  vernichte  eins  davon,  so  sind  auch  die  beiden  anderen  ver- 
nichtet. Um  das  zu  erreichen,  kann  man  entweder  die  Khecari 
ausführen,  bis  man  in  den  Yoga-Schlaf  versinkt,  oder  man  ver- 
senkt sich  in  den  Näda,  den  mystischen  Laut,  was  nach  H  IV,  66 
das  Beste  ist:  ,,Die  von  dem  erhabenen  Ädinätha  (  =  Siva)  er- 
wähnten 12  500  000  zählenden  Vemichtungsmethoden  führen 
zwar  auch  zum  Erfolg ;  aber  unter  allen  Methoden  halten  wir  die 
des  Nädänusamdhäna  (Versenkung  in  den  Näda)  für  die  vor- 
treffhchste".  In  irgend  einer  Positur  befindlich  soll  der  Adept 
sich  Nase,  Mund,  Augen  und  Ohren  zuhalten  und  auf  den  im 
Innern  der  Susumnä  erklingenden  Laut  achten.  Nach  Lösung 
des  Brahmagranthi  erklingt  im  ,, Äther  des  Herzens",  ein  nicht 
durch  Anschlagen  hervorgebrachter  Laut;  nach  Lösung  des 
Visnugranthi  im  Äther  des  Halses  ein  trommelartiger  Laut,  des- 
gleichen im  Äther  zwischen  den  Augenbrauen;  und  endlich 
nach  Lösung  des  Rudragranthi  ein  flötenartiger  Laut  am 
Brahmarandhra.  Außerdem  sind  noch  eine  ganze  Reihe  anderer 
Laute  bekannt:  von  Muscheln,  Glocken,  Bienen  etc.  Die  Ver- 
senkung in  einen  dieser  Laute  ist  die  letzte  Station  vor  der  Er- 
lösung; aber  erst  wenn  völlige  Stille  eingetreten,  das  Bewußt- 
sein mit  dem  Näda  eins  geworden  resp.  ,, vernichtet"  ist,  erst 
dann  ist  das  ,,ahani  brahma"  erreicht,  die  DuaUtät  aufgehoben. 
,,Dann  kennt  der  Yogin  weder  Geruch,  noch  Geschmack,  noch 
Farbe,  noch  Tastgefühl,  noch  Laut,  noch  sich  selbst,  noch  einen 
Andern.    Sein  Geist  schläft  nicht,  auch  wacht  er  nicht,  ist  von 


Erinnerung  und  Vergessen  befreit;  er  geht  nicht  zu  Grunde, 
auch  entsteht  er  nicht;  wer  Samädhi  erreicht  hat,  der  ist  erlöst" 
(H  IV,  109/110). 

Überflüssig,  zu  bemerken,  daß  man  diese  Töne  und  diese 
Art  Erlösung  viel  müheloser  erleben  kann,  ohne  sich  jahrelang 
mit  Posituren  und  Atemgymnastik  zu  quälen:  in  der  Hypnose 
kann  man  alle  Arten  des  Näda,  genau  in  der  Reihenfolge,  wie  der 
Hathayoga  sie  angibt,  in  jedem  beliebigen  Teile  des  Körpers 
vernehmen !  Hüten  wir  uns  also,  die  Künste  der  Yogins  irgend- 
wie zu  hoch  zu  bewerten;  wenn  irgendwo,  so  ist  das  nil  admirari 
hier  am  Platze! 

Wie  man  aus  dem  vorstehenden  ersieht,  haben  sich  die 
Lehrer  der  Yoga-Philosophie  eine  ganz  absonderliche  Anatomie 
des  Menschen  zurechtgelegt.  Da  in  den  Vorschriften,  die  den 
Inhalt  des  gegenwärtigen  Kapitels  ausmachen,  öfters  darauf 
Bezug  genommen  wird,  ist  es  vielleicht  manchem  Leser  ganz 
erwünscht,  wenigstens  die  wichtigsten  der  hier  in  Betracht 
kommenden  Kunstausdrücke  kennen  zu  lernen;  ich  gebe  sie 
also  in  alphabetischer  Reihenfolge.  Viel  mehr  findet  man  bei 
Walter,  p.  XXX  ff. 

Brahmarandhra,  die  Öffnung,  durch  welche  Brahman  resp. 
der  Ätman,  in  den  Körper  gelangt;  eine  der  Schädelnähte. 
Die  Stelle  wird  meist  ganz  deutlich  bezeichnet :  zwischen  den 
Brauen  inmitten  der  Stirn  ,, weilt  das  Unerkennbare"  oder 
,,wird  das  Bewußtsein  vernichtet"  (H  IV,  48).  Das  wäre 
also  die  Stirnnaht,  Sutura  frontalis;  Walter  p.  VI  bringt 
aber  Stellen,  denen  zufolge  das  Brahmarandhra  anderwärts, 
etwa  an  der  Vorderhauptfontanelle,  zu  suchen  wäre.  Wie 
dem  nun  sei  —  es  spielt  in  den  Übungen  der  Yogin's  deshalb 
eine  so  große  Rolle,  weil  es  die  Endstation  für  den  Atem 
auf  seinem  Wege  durch  die  Susumnä  ist. 
Cakra  ,, Kreis"  bezeichnet  die  sechs  oder  sieben  angeblich 
lotusartig  geformten  mystischen  Kreise,  in  die  der  Yogin 
den  Körper  behufs  methodischer  Konzentration  des  Geistes 
vom  Kopf  bis  zum  Anus  einteilt.  Sechs  muß  als  die  ka- 
nonische Zahl  angesehen  werden.  Dvivedi,  Yoga  Sütra 
P-  53,  behauptet,  sie  seien  ,,supposed  to  be  plexuses  formed 
by  nerves  and  ganglia  at  different  places  in  the  body". 


—     173     — 

Wahrscheinlich  aber  handelt  es  sich  hierbei  wieder  um 
ganz  willkürliche,  phantastische  Annahmen,  worauf  schon 
die  Tatsache  hinzuweisen  scheint,  daß  für  die  verschiedenen 
Cakra's  bestimmte  Farben  (gelb,  grün,  blau,  rot,  weiß)  an- 
gegeben werden. 

Candra  ist  nicht  nurSynonymon  von  Idä,  sondern  bezeichnet 
auch  eine  gewisse  Stelle  am  Ende  des  Susumnä-Kanales, 
und  zwar  zwischen  den  Augenbrauen  links.  Hier  wird  eine 
Flüssigkeit  abgesondert,  die  Soma  oder  Götterschnaps 
(Amaraväruni)  genannt  wird;  erzeugt  wird  diese  durch 
die  Wärme,  die  beim  Eindringen  der  Zungenspitze  in  den 
Nasenrachenraum  bei  der  Ausführung  der  Khecari-Praktik 
hervorgebracht  wird.  Jene  Soma-Flüssigkeit  wird  geradezu 
als  Nektar  des  Candra  bezeichnet,  der  aus  der  Höhlung 
oberhalb  der  uvula  herabträufelt.  Von  diesem  kostbaren 
Safte,  der  trotz  seiner  Unappetitlichkeit  in  überschwäng- 
lichen  Ausdrücken  gefeiert  wird,  darf  kein  Tropfen  verloren 
gehen,  denn  er  ist  der  Lebenssaft:  sein  Verlust  bedeutet  den 
Tod,  und  sobald  er  über  ein  gewisses  Gebiet  hinausgeht, 
wird  er  von  dem  Verdauungsfeuer  absorbiert.  Dies  zu  ver- 
hüten gebraucht  der  Yogin  den  Jälandharabandha  oder  die 
Viparitakarani,  wobei  der  Kopf  tiefer  zu  liegen  kommt  als 
der  Nabel.  Es  handelt  sich  hier  offenbar  um  weiter  nichts 
als  um  eine  Schleimhautentzündung  und  die  damit  ver- 
bundene reichlichere  Absonderung  von  Flüssigkeit  im 
oberen  Teile  des  Nasenrachenraumes,  hervorgerufen  durch 
das  Einführen  der  Zunge  dorthin.  Mit  der  Zeit  verschwindet 
der  Reiz,  so  daß  das  Sekret  weniger  reichlich  ist :  der  Candra 
ist  dann  ,,fest"  geworden.  Die  Speicheldrüsen  helfen  gewiß 
noch  mit;  wenigstens  ist  nicht  einzusehen,  woher  der  Yogin 
genügend  Stoff  bekommen  sollte,  um  sich  den  Leib  von  der 
Fußsohle  bis  zum  Kopfe  mit  Soma  salben  zu  können,  wie 
es  H  IV,  53  vorgeschrieben  wird. 

Granthi  (,, Verschlingung")  gibt  es  in  der  Susumnä  drei;  sie 
sind  nach  den  Göttern  der  indischen  Trinität  genannt  und 
heißen  dementsprechend  Brahmagran thi,  Visnugranthi  und 
Rudragranthi.  Sie  hindern  zwar  den  Atem  bei  seinem 
Durchgang  durch  die  Susumnä  nicht,  wohl  aber  dient  ihr 


—     1/4     — 

Lösen  dazu,  die  Entstehung  der  Töne  in  den  betreffenden 
Cakra's  zu  fördern. 

Idä,  mit  den  Synonymen  Candra  und  Soma,  erscheint  als  hnks- 
seitiger  Kanal,  nicht,  wie  Wilson  in  seinem  Sanskrit- 
wörterbuche wollte,  als  rechtsseitiger.  Sie  entspringt  wie 
alle  anderen  Kanäle  in  der  Nabelgegend,  am  Kanda,  und 
führt  zum  Kopfe,  indem  sie  und  Pingalä  in  die  Susumnä 
münden,  die  ihrerseits  Nabel  und  Kopf  in  gerader  Linie 
verbindet.  So  kommt  es  denn  auch,  daß  der  Atem  in  die 
Idä  gelangt,  wenn  man  mit  dem  linken  Nasenloche  atmet; 
in  die  Pingalä,  wenn  es  mit  dem  rechten  geschieht.  Diese 
beiden  Kanäle  nun,  deren  Schilderung  bei  den  Yogins  der 
Wirklichkeit  so  wenig  wie  nur  möglich  entspricht,  sind  die 
Carotis  laeva  und  dextra  unserer  Anatomen. 

Kanda.  Eine  bestimmte  Stelle  im  Unterleibe,  eine  Spanne 
oberhalb  des  Pudendum  (zwischen  Nabel  und  Penis),  vier 
Fingerbreiten  (drei  Zoll)  im  Durchmesser,  weich,  glänzend 
und  durch  ein  gürtelartiges  Kleidungsstück  bezeichnet 
(H  III,  113).  Der  Kommentar  zu  dieser  Stelle  zitiert  das 
Goraksasatakam,  wo  es  heißt  (15  nach  Walter):  ,,Über 
dem  Penis  und  unter  dem  Nabel  ist  die  Kandayoni,  gleich 
einem  Vogelei.  Dort  entspringen  die  72  000  Kanäle".  Wal- 
ter vermutet  wohl  mit  Recht,  daß  es  sich  bei  diesem  für 
die  Yoga-Praxis  allerdings  sehr  wichtigen^)  Organe  nur  um 
ein  Phantasieprodukt  der  Yogins  handele,  da  an  der  an- 
gegebenen Stelle  nichts  existiert,  worauf  die  Beschreibung 
paßte. 

Kund  all  (mit  den  Synonymen  Kuiilängl,  Kundalinl,  Bhujangl, 
Sakti,  Isvan,  Arundhaü,  Phanävaü,  Mahäsakti  und  Para- 
mesvarl)  wird  als  schlangenähnlich,  gekrümmt  und  achfach 
(oder  bloß  dreieinhalbfach)  geringelt  beschrieben.  Da  sie 
mit  ihrem  Gesicht  den  Eingang  zur  Susumnä  verdeckt  und 

1)  Hier  soll  die  Kundali  verweilen,  deren  , .Erweckung"  für  den  Yogin 
ja  so  sehr  wichtig  ist.  Auch  die  indischen  Ärzte  kennen  Gefäße,  die  in 
der  Nähe  des  Nabels  entspringen  und  wenigstens  zum  Teil  der  Luftzirku- 
lation dienen;  auch  ist  ihnen  die  Vorstellung  geläufig,  daß  sich  in  diesen 
Kanälen  Unreinigkeiten  ansammeln  und  die  Zirkulation  hemmen  können. 
Die  drei  Hauptkanäle  —  soweit  die  Praxis  des  Hathayoga  in  Betracht 
kommt  —  sind  Idä,  Pingalä  und   Susumnä.     Vergl.  s.  v. 


—     175     — 

morgens  und  abends  i  V2  Stunden  lang  aus  Pingalä  Nahrung 
zu  sich  nimmt,  sonst  aber  schläft,  versperrt  sie  dem  Atem, 
der  aus  Idä  und  Pingalä  durch  die  Susumnä  nach  dem 
Brahmarandhra  gelangen  will  resp.  soll,  den  Weg  und  muß 
deshalb  geweckt  werden,  wozu  der  Yogin  gewisse  Posituren, 
Atemübungen  oder  das  über  dem  Kanda  getragene  Klei- 
dungsstück benutzt.  Es  wird  damit  ein  Druck  auf  die- 
jenige Stelle  des  Unterleibes  ausgeübt,  in  der  die  Kundali 
sich  aufhält,  worauf  diese  sich  ausstreckt,  in  die  Susumnä 
hineingeht  und  so  dem  Atem  den  Weg  freigibt.  Wie  wichtig 
die  Kundali  den  Yoga-Lehrern  erscheint,  kann  man  daraus 
ermessen,  daß  es  Hill,  i  heißt:  ,,Wie  der  Schlangenfürst 
die  Welten  mit  ihren  Gebirgen  und  Wäldern  umschließt, 
so  umfaßt  (die  Lehre  von  der)  Kundali  alle  Yogalehren"; 
und  Gh  III,  50:  ,, Solange  sie  im  Leibe  schläft,  ist  man  wie 
ein  Vieh;  Wissen  ergibt  sich  so  lange  nicht,  und  wenn  man 
zehn  Millionen  Yoga-Übungen  vollbringt".  Räm  Prasäd  , 
Nature's  Finer  Forces  p.  189,  sagt  darüber:  ,,This  power 
sleeps  in  the  developed  organism.  It  is  that  power  which 
draws  in  gross  matter  from  the  mother  organism  through 
the  umbilical  cord  and  distributes  it  to  the  different  places, 
where  the  seminal  präna  gives  it  from.  When  the  child 
separates  from  the  mother  the  power  goes  to  sleep".  Es 
ist  uns  vorläufig  versagt,  das  Geheimnis  zu  ergründen; 
nach  Walter  p.  XIV  ist  die  Kundali  in  Zusammenhang  mit 
der  Sakti  des  Purusa  zu  bringen  und  enthält  in  ihrem  Namen 
eine  Anspielung  auf  Siva,  den  obersten  der  Yogins,  dessen 
Frau  u.  a.  auch  Kundalini  heißt. 
Nädi  bedeutet  im  Hathayoga  immer  nur  Röhre,  Kanal,  während 
man  sonst  in  Indien  damit  Arterien,  Venen,  Nerven  und 
Lymphgefäße  versteht;  und  zwar  seit  alten  Zeiten:  in  der 
Chändogya  Upanisad  heißt  es  VIII,  6,  die  Adern,  die  vom 
Herzen  ausgingen,  seien  braun,  weiß,  blau,  gelb  und  rot. 
Ihr  Ursprung  ist  bald  ins  Herz,  bald  in  den  Nabel  resp.  den 
Kanda  verlegt  worden.  Walter  weist  darauf  hin,  daß  diese 
letztere  Vorstellung  vielleicht  ihre  Entstehung  der  Beobach- 
tung der  Adern  des  Mesenterium  oder  der  bei  korpulenten 
Personen   ganz    deutlich    durch   die    Haut   schimmernden 


—     176    — 

Venen  des  Unterleibs  zu  verdanken  habe.  —  Die  in  Frage 
kommenden  Kanäle  dienen  hier  zum  Durchgang  des  Atems. 
Es  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  Susruta,  einer  der 
ältesten  indischen  Ärzte,  von  diesen  drei  Kanälen  nichts 
weiß.  Er  war  aber  mit  der  Anschauung  vertraut,  daß  die 
Arterien  dazu  dienen,  die  Luft  im  Körper  zirkulieren  zu 
lassen.  Das  Pulsfühlen  hatte  in  Indien  den  Zweck,  fest- 
zustellen, ob  die  Luft  sich  normal  durch  den  Körper  be- 
wegte, wozu  man  auch  die  beiden  Halsschlagadern  befühlte. 
Selbst  ein  Laie  blieb  also  der  Vorstellung  nicht  lange  fern, 
daß  sich  rechts  und  links  vom  Halse  eine  starke  Luftader 
befände,  die  man  dann  leicht  mit  den  Nasenlöchern  resp. 
der  Nasen-Rachenhöhle  in  Verbindung  bringen  konnte. 
Wenn  dem  Yogin  der  weitere  Verlauf  der  drei  Kanäle  hinter 
den  Rippen,  also  vom  Schlüsselbein  abwärts,  mangels  an 
genaueren  anatomischen  Kenntnissen  verborgen  bleiben 
mußte,  so  lag  es  für  ihn  doch  nahe,  anzunehmen,  daß  auch 
im  Brustkasten  das  Verhältnis  von  Idä  und  Pingalä  zu 
Susumnä  dasselbe  blieb  wie  vorher.  ,,Was  den  Unterleib 
betrifft",  sagt  Walter  p.  X,  ,,so  ist  es  zum  Mindesten 
merkwürdig,  daß  der  Yogin  den  Kanda,  in  dessen  Um- 
gegend sämtliche  Nädi,  also  auch  Idä,  Pingalä  und  Susumnä 
entspringen,  halbwegs  zwischen  Nabel  und  pudendum  ver- 
legte, also  auf  eine  Fläche  ungefähr  horizontal  mit  dem 
fünften  Lendenwirbel,  und  daß  in  Wirklichkeit  auf  der 
Höhe  zwischen  dem  vierten  und  fünften  Lendenwirbel  die 
aorta  abdominalis  sich  in  die  beiden  arteriae  iliacae  ver- 
zweigt. Ich  glaube,  es  liegt  durchaus  nicht  außerhalb  des 
Bereichs  der  Möglichkeit,  daß  diese  anatomische  Tatsache 
schon  in  ziemlich  früher  Zeit  zur  Kenntnis  des  einen  oder 
des  andern  Yogin  gelangte,  der  natürlich  nichts  Eiligeres 
zu  tun  hatte,  als  dieselbe  auf  seine  Weise  zu  deuten  und 
seiner  Theorie  zu  Nutze  zu  machen.  Er  hielt  eben  die  aorta 
abdominalis  für  die  Fortsetzung  der  trachea". 

Pingalä  (mit  dem  Synonymon  Sürya)  ist  der  rechtsseitige  Kanal, 
der  in  das  untere  Ende  der  Susumnä  mündet.  Vgl.  unter  Idä. 

Präna,  der  aufwärtsgehende  Atem,  im  Gegensatz  zu  Apäna, 
dem  abwärtsgehenden.    Von  der  aus  den  Upanisads  be- 


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—     177    — 

kannten  Fünfteilung  weiß  die  Yoga-Lehre  nichts  mehr; 
auch  die  alte  Sage  von  Prajäpati,  der  sich  in  Luft  ver- 
wandelte, um  seine  eben  erschaffenen  Geschöpfe  zu  beleben, 
dies  aber  erst  dann  ermöglichte,  als  er  sich  in  fünf  Teile 
teilte, den  präna,apäna,  samäna,  udäna  und  vy  äna — auch  diese 
alte  Sage  ist  im  Yoga  unbekannt,  so  gut  wie  die  Gleich- 
setzung des  präna  mit  der  Allseele.  Hier  handelt  es  sich 
einfach  um  den  physiologischen  Vorgang  des  Atmens, 
welches  zu  regeln  und  zu  unterbrechen  die  Aufgabe  des 
Yogin  ist;  püraka,  recaka  und  kumhhaka  sind  die  dabei  in 
Betracht  kommenden  termini  technici.  Püraka  ist  das  Ein- 
ziehen der  Außenluft,  gleichgültig,  ob  es  mit  dem  rechten 
oder  linken  Nasenloch  oder  mit  beiden  oder  mit  dem  Munde 
geschieht ;  Recaka  ist  das  Ausatmen  in  eben  derselben  Weise, 
Kumhhaka  endlich  das  Hemmen  des  Atems. 
Susumnä  (mit  den  Synonymen  Pascima,  Brahmanädl,  Sünya- 
padam,  Brahmarandhra,  Mahäpatha,  Smasäna,  Sämbhavi, 
Madhyamärga,  Agni  und  Pascimapathin),  eine  sehr  alte 
Bezeichnung  für  den  mittleren  Kanal,  der  vom  Herzen  aus- 
geht und  zum  Kopfe  führt.  Später  wird  sein  Ursprung, 
entsprechend  der  veränderten  Anschauung,  in  die  Nabel- 
gegend verlegt;  sein  Kopfende  ist  die  obere  Rachenhöhle, 
seine  Fortsetzung  nach  unten  ist  die  Trachea  und  weiterhin 
—  nach  Ansicht  der  Yogins  —  die  Aorta  abdominalis. 
Irrtümlich  gibt  das  Petersburger  Sanskritwörterbuch  Su- 
sumnä mit  Carotis  wieder;  es  gibt  aber  eine  rechte  und 
linke  Carotis,  während  Susumnä  als  einheitliches  Ganzes 
anerkannt  ist.  Man  hat  auch  an  das  Rückgrat  gedacht; 
Anquetil  du  Perron  sagt  (Indische  Studien  II,  48): 
,, Spina  media  dorsi  in  cuius  medio  vena  sushumnä  est", 
und  Räm  Prasäd  hat  diese  ,, Rückgrattheorie"  in  seinem 
Buche  Nature's  Finer  Forces  neuerdings  (1890)  verfochten. 

* 

I.   Yama. 

Von  den  acht  Bestandteilen  der  Yoga-Praxis  steht  yama 
an  der  Spitze.  Es  gehören  dazu  die  fünf  großen  Gebote,  die  aller- 
dings negativ  ausgedrückt  erscheinen:  nicht  töten  resp.  schä- 

Schmidt,  Fakire  und  Fakirtum.  12 


-     1/8     - 

digen,  nicht  lügen,  nicht  stehlen,  nicht  unkeusch  leben  und  keine 
Geschenke  annehmen ;  ein  Moralkodex,  der  in  Indien  bei  anderen 
Sekten  häufig  genug  wiederkehrt .  Die  Vorstellung  vomGeschlechts  - 
leben  muß  jeder,  der  ein  vollkommener  Yogin  werden  will, 
schon  deshalb  aufgeben,  weil  die  Seele  kein  Geschlecht  hat;  und 
Geschenke  annehmen  ist  so  schlimm  wie  Stehlen.  Es  vernichtet 
die  Unabhängigkeit  der  Seele  und  macht  den  Empfänger  zu 
einem  bloßen  Sklaven.  Diese  großen  Gebote  sind  ganz  all- 
gemein zu  halten,  von  Männern,  Weibern  und  Kindern,  ohne 
Rücksicht  auf  Ort,  Zeit  und  Stellung;  man  verletzt  sie  nicht 
nur  dadurch,  daß  man  sich  Verfehlungen  dagegen  zuschulden 
kommen  läßt,  sondern  auch  dadurch,  daß  man  solche  veranlaßt 
oder  gutheißt.  Wer  das  erste  Gebot,  nicht  zu  töten  noch  lebende 
Wesen  zu  schädigen,  befolgt,  in  dessen  Nähe  schwindet  alle 
Feindseligkeit,  so  daß  selbst  Tiere,  die  von  Natur  wild  sind,  vor 
seinen  Augen  friedlich  werden  und  z.  B.  Tiger  und  Lamm  vor 
einem  solchen  Yogin  miteinander  spielen.  Wer  nicht  lügt,  tut 
es  auch  im  Traume  nicht  mehr,  weder  mit  Worten,  noch  in  Ge- 
danken; und  wenn  er  zu  jemand  sagt:  ,,Sei  gesegnet",  so  ist  er 
gesegnet;  oder  wenn  ein  Mann  krank  ist  und  jener  spricht:  ,,Sei 
gesund",  so  ist  er  es  auf  der  Stelle.  —  Aus  der  Enthaltsamkeit 
folgt  Energie.  Ein  keusches  Gehirn  besitzt  furchterregende 
Stärke  und  gigantische  Willenskraft;  ohne  sie  gibt  es  keine 
Geistesstärke.  Alle  Männer  von  gigantischer  Gehimfunktion 
sind  sehr  enthaltsam,  da  Keuschheit  eine  wunderbare  Kontrolle 
über  den  Menschen  abgibt.  Führende  Geister  sind  immer  sehr 
enthaltsam  gewesen. 

Die  Zahl  dieser  ,, großen  Gebote"  finden  wir  später  von  fünf 
auf  zehn  erhöht;  wenigstens  heißt  es  Hathayogapradipikä  I,  17 
(bei  Walter  p.  3):  ,,Ahinisä  (nicht  töten),  Wahrheitsliebe,  Ehr- 
lichkeit, Keuschheit,  Geduld,  Festigkeit,  Mitleid,  Aufrichtigkeit, 
Mäßigkeit  im  Essen,  Reinheit;  dies  sind  die  zehn  großen  Ge- 
lübde (yama).'' 

2.   Niyama  (,, Observanz"). 

Als  Observanzen  oder  kleine  Gelübde  finden  wir  für  den 
Y^ogin  genannt  innere  und  äußere  Läuterung,  Genügsamkeit, 
Askese,  Studium  und  Verehrung  der  Gottheit  (Yogasütrall,  32), 


—     179     — 

wozu  H  I,  17  (bei  Walter  p.  3)  noch  Inbrunst,  Gläubigkeit, 
Freigebigkeit,  Bescheidenheit  und  Opfer  kommen. 

Die  äußerhche  Läuterung  hält  den  Körper  rein ;  ein  schmut- 
ziger Mensch  wird  niemals  ein  Yogin  sein.  Natürlich  ist  die 
innere  Läuterung  viel  wertvoller  als  die  äußerliche;  aber  es  sind 
beide  notwendig,  und  eine  ohne  die  andere  ist  nutzlos.  Es  ergibt 
sich  dann  Abneigung  gegenüber  dem  eigenen  Körper,  und  es 
unterbleibt  die  Vermischung  mit  anderen  Körpern.  Was  andere 
Leute  ein  schönes  Antlitz  nennen,  wird  dem  Yogin  als  ein  Tier- 
kopf erscheinen,  wenn  keine  Intelligenz  dahinter  steckt;  und 
was  die  Welt  ein  ganz  gewöhnliches  Gesicht  nennt,  wird  er 
himmlisch  nennen,  wenn  Geist  daraus  spricht.  Die  Läuterung 
bewirkt,  daß  die  Sattva-Qualität  vorwiegt ;  das  Herz  wird  fröh- 
lich, der  Geist  wird  konzentriert,  die  Organe  besiegt,  und  die 
Realisation  des  Ätman  in  die  Wege  geleitet.  —  Genügsamkeit 
bringt  hervorragendes  Glück,  und  das  Ergebnis  der  Askese,  der 
Abtötung  des  Fleisches,  ist  die  Aneignung  von  besonderen 
Kräften  in  den  Körperorganen  in  Gestalt  von  gesteigerter  Seh- 
schärfe, Hören  auf  weite  Entfernungen  etc.,  was  bisweilen  ganz 
unvermittelt  eintritt. 

Handlungen,  die  zur  Läuterung  dienen,  finden  wir  ein- 
gehend genug  in  unseren  Texten  beschrieben.  Es  sind  z.  T. 
recht  törichte  und  unappetitliche  Dinge,  z.  T.  aber  auch  solche, 
die  noch  heute  und  für  uns  alle  Beachtung  heischen.  Hören  wir 
die  Originale! 

Die  sieben  Hilfsmittel  (sädhana)  sind  nach  Gh.  I,  9:  i.  Läute- 
rung, 2.  Kräftigung,  3.  Festigung,  4.  Härtung,  5.  Leichtmachung, 
6.  Perzeption  und  7.  Isolation  des  Körper-Topfes. 

Die  Läuterung  (kodhana)  geschieht  durch  die  sechs  Hand- 
lungen [s.  u.];  gekräftigt  wird  der  Körper  durch  die  Posituren 
(äsana)',  durch  die  mudrä's  erfolgt  seine  Festigung,  durch 
pratyähära  seine  Härtung;  durch  pränäyäma  Leichtmachung, 
durch  Meditation  Perzeption  des  Selbst  und  durch  die  Versen- 
kung Isolation;  und  das  istzweifellos  dieErlösung  (Gh.  I,  10 — 11). 

Zur  Läuterung  (sodhana)  gehören  die  folgenden  sechs,  oben 
schon  angedeuteten  Handlungen,  die  Gh.  I,  12  aufgezählt 
werden:  i.  dhauti,  2.  hasti,  3.  neti,  4.  laukikt,  5.  trätakam  und 
6.  kapälahhäti. 

12* 


—     i8o     — 

I.  dhauti  (Gh.  I,  13 — 44). 

13.  Indem  man  eine  vierfache  dhauti  vornimmt,  nämlich 
a)  antardhauti,  b)  dantadhauti,  c)  hrddhauti  und  d)  mülasodhanam, 
macht  man  damit  den  Körper-Topf  rein  von  Schmutz. 

a)  14.  Die  antardhauti  (,, innere  Reinigung"),  die  der  Reini- 
gung des  Körper-Topfes  von  Schmutz  dient,  ist  wieder  in  vier 
Unterarten  geteilt,  und  zwar  a)  vätasära,  ß)  värisära,  y)  vahnisära 
und  ())  bahiskrtam.  Ihre  Besprechung  steht  Gh.  I,  15 — 24 
wie  folgt: 

a)  15.  vätasära  (Fig.  39) :  Man  ziehe  ganz  langsam  mit  dem 
Munde,  wie  mit  einem  Krähenschnabel,  Luft  ein,  lasse  sie  in 
den  Bauch  dringen  und  stoße  sie  langsam  auf  dem  hinteren  Pfade 
wieder  aus. 

16.  vätasära  ist  höchst  geheim  zu  halten ;  es  macht  den  Leib 
rein  von  Schmutz,  läßt  alle  Krankheiten  schwinden  und  bringt 
das  (Verdauungs-)Feuer  im  Körper  zum  Wachsen. 

ß)  17.  värisära  (Fig.  40):  Man  fülle  den  Mund  bis  an  den 
Hals  mit  Wasser,  trinke  es  langsam,  lasse  es  auf  halbem  Wege 
sich  bewegen  und  stoße  es  nach  unten  aus  dem  Leibe  aus. 

18.  värisära  ist  höchst  geheim  zu  halten ;  es  macht  den  Leib 
rein  von  Schmutz;  und  wenn  man  es  eifrig  vornimmt,  bringt 
man  einen  Götterleib  zustande. 

19.  värisära  ist  die  höchste  Läuterung;  wer  sie  eifrig  vor- 
nimmt, reinigt  den  Schmutzleib  und  bringt  einen  Götterleib 
zustande. 

y)  20.  vahnisära  oder  agnisära  (Fig.  44):  Man  bringe  den 
Nabelknoten  hundertmal  an  das  Schienbein;  das  ist  die  Läuterung 
agnisära,  die  den  Yogins  Erfolg  im  Yoga  verleiht,  die  Krank- 
heiten des  Leibes  vertreibt  und  das  Feuer  im  Magen  mehrt. 

21.  Diese  Läuterung  ist  höchst  geheim  zu  halten  und  bleibt 
selbst  für  Götter  schwer  zu  erlangen.  Durch  diese  bloße  Läute- 
rung allein  bekommt  man  sicherlich  einen  Götterleib. 

6)  22.  bahiskrtam  (Fig.  37):  Indem  man  die  käki  mudrä'^) 
vollbringt,  fülle  man  Wind  in  den  Bauch,  halte  ihn  dort  eine 
halbe  Nachtwache  lang  und  lasse  ihn  dann  auf  halbem  Wege 
hinausgehen.  Diese  Läuterung  ist  höchst  geheim  zu  halten  und 
darf  niemals  ausposaunt  werden. 

1)  S.  unter  mudrä. 


—     i8i     — 

23.  Indem  man  bis  an  den  Nabel  im  Wasser  steht,  ziehe 
man  die  Sakti-nädt  heraus,  reinige  sie  mit  beiden  Händen,  bis 
der  Schmutz  abgegangen  ist,  und  führe  sie  dann  wieder  in  den 
Leib  ein,  nachdem  sie  abgewaschen  worden  ist. 

24.  Dieses  Abwaschen  ist  geheim  zu  halten  und  selbst  für 
Götter  schwer  zu  erreichen;  durch  diese  bloße  Läuterung  allein 
bekommt  man  sicherlich  einen  Götterleib. 

25.  Solange  der  Mensch  nicht  die  Fähigkeit  hat,  den  (Atem) 
eine  halbe  Nachtwache  anzuhalten,  so  lange  kommt  auch  die 
große  Läuterung  hahiskrtam  nicht  zustande. 

b)  dantadhauti  (Gh.  I,  26 — 35,  Fig.  36,  46,  47,  50,  52): 
Hierzu  rechnen  die  Yoga-Gelehrten  nicht  nur,  wie  man  aus  dem 
Namen  schließen  könnte,  die  Reinigung  der  Zähne,  sondern 
auch  die  der  Zunge,  der  beiden  Ohröffnungen  und  der  Stirn- 
vertiefungen.   Also: 

27.  Man  reibe  die  Zahnwurzeln  mit  Katechu-Harz^)  und 
(oder)  reiner  Erde,  bis  man  die  Unsauberkeit  entfernt  hat. 

28.  Diese  Zahnreinigung  ist  eine  wichtige  Läuterung  für 
die  Yogin's  bei  der  Yoga-Praxis.  Der  Yoga-Kenner  vollbringe 
sie  beständig,  und  zwar  morgens,  zur  Erhaltung  der  Zähne.  Sie 
gilt  bei  den  Yogin  s  viel  unter  den  Handlungen  der  Säube- 
rung etc. 

29.  Nun  will  ich  danach  die  Vornahme  der  Reinigung  der 
Zunge  vortragen.  Altern,  Sterben,  Krankheiten  etc.  dürfte 
ihre  Verlängerung  beseitigen. 

30.  Man  führe  drei  Finger,  Zeige-,  Mittel-  und  Ringfinger 
vereint  in  den  Hals  hinein,  reibe  die  Zunge  tüchtig  und  entferne 
nach  und  nach  durch  das  Reiben  die  Schleimunsauberkeit. 

31.  Man  reibe  sie  immer  wieder  mit  frischer  Butter  und 
melke  sie,  nachdem  man  ihre  Spitze  mit  einem  eisernen  Instru- 
mente nach  und  nach  immer  weiter  herausgezogen  hat. 

32.  Das  tue  man  beständig  mit  Sorgfalt  beim  Aufgang  und 
Untergang  der  Sonne ;  und  wenn  das  beständig  so  gemacht  wird, 
dürfte  die  Zunge  lang  werden. 

33.  Die  beiden  Ohröffnungen  reinige  man  unter  Verwendung 
des  Zeige-  und  Ringfingers.    Durch  beständige,  sorgfältige  Aus- 


1)  Von  der  Acacia  Catechu. 


—       l82       — 

fühning  bringt  man  das  Erklingen  der  besonderen  (mystischen) 
Töne  (im  Ohr)  hervor. 

34.  Mit  dem  Daumen  der  rechten  Hand  reinige  man  die 
Stirn  Vertiefung ;  damit  beseitigt  man  bei  eifriger  Ausführung 
Schädigungen  durch  den  Schleim.  Die  Gefäße  werden  dadurch 
rein,  und  der  göttliche  Blick  entsteht. 

c)  hrddhauti  (,, Läuterung  des  Herzens";  Fig.  34,  41,  48). 

35.  Tag  für  Tag,  nach  dem  Schlafen,  nach  dem  Essen  und 
am  Ende  des  Tages  nehme  man  die  hrddhauti  vor, 

36.  die  dreifach  ist,  je  nachdem  es  sich  um  Läuterung  mit 
einem  Stengel,  durch  Vomieren  oder  mit  einem  Tuche  handelt. 

37.  Man  führe  den  Stengel  einer  Musa,  der  Gelb  würz  oder 
auch  eines  Rohres  in  die  Brust  ein  und  ziehe  ihn  dann  langsam 
wieder  heraus. 

38.  Schleim  und  Galle,  ebenso  (andere)  ünreinigkeit  stößt 
man  so  auf  dem  oberen  Pfade  aus  und  beseitigt  sicher  durch  die 
Vornahme  der  Stengelläuterung  Herzkrankheiten. 

39.  Nach  Beendigung  des  Essens  trinke  der  Verständige 
Wasser,  so  daß  der  Mund  bis  an  den  Schlund  gefüllt  ist,  richte 
den  Blick  ein  Weilchen  nach  oben  und  speie  dann  das  Wasser 
wieder  aus.  Durch  die  beständige,  sorgfältige  Ausführung  be- 
seitigt man  Schleim  und  Galle. 

40.  Man  verschlucke  langsam  ein  vier  Daumen  breites, 
dünnes  Stück  Zeug  und  hole  es  dann  wieder  heraus:  das  wird 
unter  den  Läuterungsarten  genannt. 

41.  Gulma,  Fieber,  Milzsucht,  Aussatz,  Schleim  und  Galle 
verlieren  sich,  Gesundheit,  Kraft  und  Fülle  treten  ein,  wenn  man 
das  Tag  für  Tag  macht. 

d)  Mülasodhana  (,, Reinigung  des  Anus"),  Gh.  42 — 44: 

42.  Der  Abwind  ist  so  lange  in  Unordnung,  als  man  den 
Anus  nicht  reinigt ;  deshalb  nehme  man  mit  aller  Sorgfalt  die 
Reinigung  des  Anus  vor. 

43.  Mit  dem  Stengel  der  Milzwurz^)  oder  mit  dem  Mittel- 
finger reinige  man  sorgfältig  immer  wieder  das  Pudendum,  auch 
mit  Wasser. 

44.  Man  verhütet  damit  Härte  der  Eingeweide  und  ver- 
meidet Indigestion  und  Dyspepsie;  es  ist  die  Veranlassung  von 

1)  Gelb  würz,  Curcuma  longa. 


-     i83     - 

gutem  Aussehen  und  guter  Konstitution  und  entflammt  die 
Sphäre  des  (Verdauungs)feuers. 

Die  Lehre  von  der  dhauti  ist  im  Hathayoga  viel  kürzer 
gefaßt:  ,,Man  verschlucke  langsam  ein  vier  Daumen  breites  und 
fünfzehn  Hand  langes  angefeuchtetes  Stück  Zeug  auf  die  vom 
Lehrer  vorgeschriebene  Weise  [d.  h.  am  ersten  Tag  eine  Hand 
lang,  am  zweiten  Tag  zwei  usw.].  Dann  ziehe  man  dasselbe 
wieder  heraus;  dies  wird  die  Dhauti-Übung  genannt.  Husten, 
Asthma,  Milzkrankheit,  Aussatz  und  zwanzig  Phlegmakrank- 
heiten weichen  durch  die  Macht  der  Dhauti-Übung.  Daran  ist 
kein  Zweifel."    (H.  H,  24,  25;  bei  Walter  p.  14.) 

2.  Basti  (Gh.  I,  45 — 49;  Fig.  38  und  70). 

45.  hasti  gilt  als  zweifach:  jalahasti  (wässerige  hasti)  und 
suskahasti  (trockene  hasti).  Die  wässerige  hasti  nehme  man  im 
Wasser  vor,  die  trockene  hasti  immer  auf  dem  Trockenen. 

46.  Die  jalahasti  führe  man  aus,  indem  man  in  der  utkata- 
Positur  den  Anus  zusammenzieht  und  ausdehnt,  während  man 
bis  an  den  Nabel  im  Wasser  steht. 

47.  Man  verhütet  damit  Harnkrankheiten,  Konstipationen 
und  Störungen  des  Windes;  der  Leib  wird  frei,  und  der  Betref- 
fende wird  (an  Schönheit)  dem  Liebesgotte  gleich. 

48.  In  der  pascimatäna-V osHmt  bewege  man  langsam  den 
Unterleib  abwärts  und  ziehe  den  Anus  vermittelst  der  asvint- 
mudrä  zusammen  und  dehne  ihn  aus.    (Das  ist  suskahasti.) 

49.  Wenn  man  das  sorgfältig  ausführt,  gibt  es  keine  Störung 
im  Unterleibe,  man  mehrt  das  Bauchfeuer  und  behebt  Flatulenz. 

H.  n,  26 — 28  (bei  Walter  p.  14  f.)  heißt  es  darüber:  ,, Nach- 
dem man  ein  Rohr  in  das  Rectum  eingeführt  hat,  und  während 
man  bis  zum  Nabel  im  Wasser  in  der  Stellung  des  Utkutäsana 
verweilt,  ziehe  man  die  Anusgegend  zusammen ;  dieses  Waschen 
heißt  die  Basti-Übung.  Gulma,  Milzkrankheit,  Wassersucht,  so- 
wie alle  Krankheiten  von  Luft,  Galle  und  Phlegma  werden  durch 
die  Macht  der  Basti-Übung  vernichtet.  Die  im  Wasser  aus- 
geführte Basti-Übung  gewährt  Ruhe  der  Körperelemente ^),  der 
Sinnesorgane  und  der  Geistesfähigkeiten,  Schönheit,  helles  Auf- 
flackern des  Verdauungsfeuers  und  verhindert  die  Anhäufung 
sämmtlicher  humores." 

1)  Chylus,  Blut,  Fleisch,  Fett,  Knochen,  Mark,  Same. 


—    184   — 

3.  Neti  (Gh.  I,  50—51;  Fig.  35). 

50.  Man  führe  eine  spannlange  dünne  Schnur  in  die  Nasen- 
löcher und  lasse  sie  dann  aus  dem  Munde  herauskommen.  Das 
nennt  man  die  neti-Vraktik. 

51.  Durch  die  Ausführung  der  neti-üandhing  erlangt  man 
die  Zauberkraft  khecarl,  es  schwinden  die  Störungen  des  Schlei- 
mes, und  man  bekommt  den  göttlichen  Bhck  (Clairvoyance). 

H.  II,  29 — 30  (bei  Walter  p.  15):  ,,Eine  recht  glatte 
Schnur,  eine  Spanne  lang,  stecke  man  zu  einem  Nasenloch 
hinein  und  bringe  sie  zum  Munde  wieder  heraus.  Dies  wird  von 
den  Vollendeten  Neti  genannt.  Neti  reinigt  den  Kopf,  verleiht 
einen  scharfen  Blick  und  bewältigt  die  Menge  von  Krankheiten, 
die  oberhalb  des  Schlüsselbeines  entstehen." 

4.  Laukiki  (Gh.  I,  52;  Fig.  i). 

52.  Man  lasse  mit  nicht  geringer  Geschwindigkeit  den  Unter- 
leib nach  beiden  Seiten  sich  bewegen;  dabei  behebt  man  sämt- 
liche Krankheiten  und  mehrt  das  Körperfeuer. 

In  der  Hathayogapradipikä  heißt  die  Praktik  Nauli  oder 
Naulika  und  wird  II,  33 — 34  (bei  Walter  p.  16)  wie  folgt  be- 
schrieben: ,,Mit  der  Schnelligkeit  eines  raschen  Strudels  bewege 
man  mit  gebeugten  Schultern  den  Unterleib  nach  links  und 
rechts.  Dies  wird  von  den  Vollendeten  Nauli  genannt.  Nauli, 
diese  Krone  der  Übungen  des  Hatha,  bringt  in  Ordnung  das 
Aufflammen  eines  langsamen  Verdauungsfeuers  und  die  weitere 
Verdauung,  schafft  Wonne  und  beseitigt  (eig.  trocknet  aus) 
sämtliche  Krankheiten  der  drei  humores." 

5.  Trätakam  (Gh.  I,  53—54)  Fig.  45). 

53.  Man  blicke  auf  ein  kleines  Ziel,  ohne  die  Augen  zu 
schließen  oder  zu  öffnen,  bis  Tränen  kommen :  das  wird  von  den 
Weisen  trätakam  genannt. 

54.  Wenn  man  das  sorgfältig  ausführt,  ergibt  sich  sicherlich 
die  (Zauberkraft)  sämbhavl;  es  schwinden  die  Augenkrankheiten, 
und  es  entsteht  der  göttliche  Blick. 

In  H.  (II,  31 — 32;  bei  Walter  p.  15)  ist  die  Beschreibung 
fast  gleichlautend;  über  den  in  Aussicht  gestellten  Lohn  heißt 
es:  ,,Es  verleiht  Befreiung  von  Augenkrankheiten  und  ist  die 


-     185     - 

Türe  für  (das  Fortgehen  von)  Trägheit  usw.  Sorgfältig  muß 
das  Trätaka  verheimhcht  werden  gleich  einem  Korb,  der  Gold 
enthält." 

6.  Kapälabhäti  (Gh.  I,  55— 60;  Fig.  51). 
55.  Mit  den  Unterarten  a)  vätakrama,  b)  vyutkrama  und 
c)  sttkära  führe  man  die  bhälabhäW^)  dreifach  aus,  womit  man 
Störungen  des  Schleimes  abwendet. 

a)  56.  Man  fülle  den  Mund  durch  die  idä {-Rohre)  [das  hnke 
Nasenloch]  ein  und  atme  ihn  durch  die  pingalä{-RÖhTe)  [das 
rechte  Nasenloch]  aus;  dann  wieder  fülle  man  ihn  durch  die 
pingalä  ein  und  durch  candra  [  =  das  linke  Nasenloch]  aus. 

57.  Indem  man  das  Einfüllen  und  Ausatmen  vornimmt, 
ohne  jedoch  durch  Hastigkeit  (die  Luft)  zu  erschüttern,  behebt 
man  bei  sorgfältiger  Ausführung  die  Störungen  des  Schleimes. 

b)  58.  Man  ziehe  mit  den  Nasenlöchern  Wasser  ein  und  stoße 
es  dann  wieder  mit  dem  Munde  aus.  Indem  man  dies  Trinken 
immer  wieder  vornimmt,  ergibt  sich  vyutkrama,  womit  man 
die  Störungen  des  Schleimes  beseitigt. 

c)  59.  Unter  sit-Machen  trinke  man  mit  dem  Munde 
(Wasser)  und  stoße  es  aus  den  Nasenlöchern  wieder  aus.  So 
wird  man  bei  eifriger  Ausführung  dem  Liebesgotte  gleich.  (Fig.  7. ) 

60.  Der  Leib  wird  frei;  man  verhütet  Störungen  des  Schlei- 
mes ;  es  kommt  kein  Greisenalter,  und  Fieber  entsteht  gar  nicht. 

H.  II,  35  (bei  Walter  p.  16)  heißt  es  darüber:  ,, Gleich  dem 
Blasbalg  eines  Schmiedes  atme  man  hastig  aus  und  ein.  Dies 
wird  Kapälabhäti  genannt  und  beseitigt  die  Phlegmakrank- 
heiten." 

3.  Die  Posituren  (äsana). 
Kein  Geringerer  als  Gott  Siva  selbst  soll  die  Posituren  ge- 
lehrt haben,  und  zwar  nicht  weniger  denn  8  400  000  Stück,  wie 
wir  aus  Gh.  II,  i  und  dem  Goraksasatakam  9  (bei^^Walter  p.  6) 
erfahren.  Ihre  Zahl  entspricht  derjenigen  der  Lebewesen  auf 
Erden.  Von  diesen  8  400  000  gelten  nur  84  als  die  besten,  und 
nur  32  davon  werden  Gh.  II,  2  als  der  Menschheit  heilbringend 
bezeichnet  und  ebendort  3 — 6  kurz  namhaft  gemacht,  während 
die  eingehende  Beschreibung  von  7 — 45  reicht. 

1)  Des  Metrums  wegen  synonymisch  für  kapälabhäti  gebraucht. 


—     i86     — 

I.  Siddhäsana  (die  vollkommene  Positur;  Fig.  2). 

Indem  man  unbeweglich,  die  Sinnestätigkeit  konzentrierend 
und  mit  starrem  Blick  den  Raum  zwischen  den  Augenbrauen 
fixierend  (dasitzt),  presse  man  das  eine  Fußende  fest  an  die 
Stelle  des  Perinaeum,  den  andern  Fuß  lege  man  auf  den  Penis 
und  setze  das  Kinn  auf  die  Herzgegend.  Dies  heißt  die  siddha- 
Positur,  die  die  Torflügel  zur  Erlösung  sich  öffnen  macht. 
(Gh.  II,  7,  fast  wörtlich  mit  H  I,  35  übereinstimmend.) 

H.  I,  36 — 41  (bei  Walter  p.  6/7)  fährt  fort:  ,, Dasselbe  nach 
anderer  Meinung:  Man  lege  den  linken  Fußknöchel  über  den 
Penis  und  über  diesen  den  anderen  Fußknöchel;  dies  ist  Sid- 
dhäsana. 

37.  Dies  nennen  einige  Siddhäsana,  andere  Vajräsana, 
Muktäsana  und  Guptäsana. 

38.  Gleichwie  die  Vollendeten  unter  den  Yama  zuerst  die 
Mäßigkeit  im  Essen  nennen,  unter  den  Niyama  die  Ahimsä  (die 
Schonung  lebender  Wesen),  so  kennen  sie  unter  allen  Äsana  als 
erstes  einzig  das  Siddhäsana. 

39.  Von  den  84  Äsana  soll  man  stets  das  Siddhäsana  üben, 
welches  die  72  000  Nädi's  von  Unreinigkeiten  säubert. 

40.  Wenn  ein  Yogin  zwölf  Jahre  lang  über  die  Allseele 
(ätman)  nachdenkt  und  Mäßigkeit  im  Essen  übt,  so  erlangt  er 
durch  fortwährendes  Üben  des  Siddhäsana  die  Vollendung. 

41.  Was  sollen  die  vielen  andern  Äsana,  wenn  einmal  das 
Siddhäsana  geglückt  ist,  wenn  bei  sorgfältigem  Kevalakum- 
bhaka  der  Atem  gehemmt  wird? 

2.  Padmäsana  (die  Lotus-Positur;  Fig.  2). 
Man  lege  den  rechten  Fuß  auf  den  linken  Schenkel  und 
ebenso  den  linken  Fuß  auf  den  rechten  Schenkel  mit  der  Rück- 
seite i),  ergreife  mit  beiden  Händen  in  bekannter  Weise  fest  die 
beiden  großen  Zehen,  lege  das  Kinn  auf  die  Herzgegend  und 
betrachte  die  Nasenspitze:  das  nennt  man  das  Padmäsana, 
welches  Krankheiten  und  Untergang  behebt.  (Gh.  II,  8;  fast 
identisch  mit  H.  I,  44.) 


1)  So  nach  dem  Kommentare  des  Brahmänanda  zur  Hathayogapra- 
dipikä,  der  pascimena  bhägena  prsthabhägeneti  hat  und  das  folgende  vi- 
dhinä  zum  Nächsten  zieht;  Walter  übersetzt  pascimena  vidhinä  mit  „nach 
der  letzten  Regel",  was  wohl  nicht  richtig  ist. 


-     i87    - 

H.  I,  45/46  (bei  Walter  p.  jß)  gibt  auch  noch  eine  ab- 
weichende Beschreibung  nach  Matsyendranätha,  die  folgender- 
maßen lautet:  ,,Man  strecke  die  Füße  aus,  so  daß  die  Schenkel 
mit  Gewalt  zusammengedrückt  werden,  lege  die  Hände  aus- 
gestreckt auf  die  Mitte  der  Schenkel  (und  zwar  so,  daß  die  flache 
rechte  Hand  auf  die  flache  linke  zu  liegen  kommt,  Kom.);  dann 
richte  man  die  Augen  auf  die  Nasenspitze,  lege  die  Zunge  an 
die  Wurzel  der  beiden  oberen  (vordersten)  Schneidezähne, 
drücke  das  Kinn  auf  die  Brust  und  lasse  den  Atem  langsam 
heraus. 

47.  Diese  ist  das  Padmäsana,  das  alle  Krankheiten  ver- 
nichtet. Es  ist  nicht  für  jeden  leicht  ausführbar,  wird  aber  von 
den  Weisen  auf  Erden  schon  erlangt." 

3.  Bhadräsana  (die  edle  Positur;  Fig.  4). 

Man  (lege)  die  Fersen  aufmerksam  kreuzweise  unter  die 
Testikeln,  halte  die  großen  Zehen  mit  beiden  Händen  auf  dem 
Rücken  fest  uad  blicke,  nachdem  man  (vorher)  die  jälamdhara- 
mudrä  eingenommen  hat,  auf  die  Nasenspitze.  Das  ist  die 
bhadra-Positur,  die  alle  Krankheiten  vernichtet.    (Gh.  II,  10.) 

H.  I,  53 — 55  (bei  Walter  p.  9):  ,,Man  lege  die  Fußknöchel 
unter  das  scrotum  an  die  beiden  Seiten  des  fraenum  praeputii, 
den  linken  Fußknöchel  an  die  linke  Seite,  den  rechten  an  die 
rechte ; 

54.  und  die  Füße,  die  an  den  Seiten  ruhen,  fasse  man  fest 
und  unbeweglich  mit  den  Händen;  dies  ist  das  Bhadräsana,  das 
alle  Krankheiten  vernichtet. 

55.  Vollendete  Yogin's  nennen  dies  auch  Goraksäsana." 

4.  Muktäsana  (die  freie  Positur;  Fig.  5). 

Man  lege  den  linken  Knöchel  an  die  Aftergegend  und  den 
linken  darüber,  während  Körper,  Kopf  und  Hals  eine  gerade 
Linie  bilden.  Das  ist  die  Zauberkräfte  verleihende  mukta- 
Positur.    (Gh.  II,  11.) 

In  H.  fehlt  diese  Positur. 

5.  Vajräsana  (Zement-Positur;  Fig.  6). 

Indem  man  die  beiden  Beine  (fest)  wie  Zement  mit  den 
beiden  Unterschenkeln  neben  den  Anus  setzt,  ist  dies  die  vajra- 
Positur,  die  den  Yogin's  Zauberkräfte  verleiht.  (Gh.  II,  12; 
fehlt  in  H.) 


—     i88     — 

6.  Svastikäsana  (die  glückverheißende  Positur ;  Fig.  8). 
Der  Yogin  lege  beide  Fußsohlen  zwischen  Knie  und  Schen- 
kel,  wobei   er  mit   geradem   Körper   dasitzt,   das   nennt   man 
svastikam.    (Gh.  II,  13;  fast  identisch  mit  H.  I,  19.) 

7.  Sirnhäsana  (die  Löwen-Positur;  Fig.  9.) 

Man  lege  die  beiden  Knöchel,  indem  sie  nach  oben  ge- 
richtet werden,  kreuzweise  unter  das  scrotum,  die  Hände, 
auf  der  Erde  befindlich,  tue  man  auf  die  Kniee,  halte  den  Mund 
geöffnet  und  blicke  unter  der  Ausführung  der  jälamdhara-mudrä 
auf  die  Nasenspitze.  Das  ist  die  Löwen-Positur,  die  alle  Krank- 
heiten vernichtet.    (Gh.  II,  14 — 15.) 

Bei  H.  I,  50 — 52  (Walter  p.  8)  lautet  die  Beschreibung: 
,,Man  lege  die  Fußknöchel  unter  das  scrotum  an  die  beiden 
vSeiten  des  fraenum  praeputii,  und  zwar  den  linken  Knöchel  an 
die  rechte  Seite,  den  rechten  an  die  linke. 

51.  Die  Hände  lege  man  auf  die  Knie  und  strecke  die  Finger 
aus;  mit  geöffnetem  Munde  (und  heraushängender  Zunge, 
Kom.)  vertiefe  man  sich  in  den  Anblick  der  Nasenspitze. 

52.  Dies  ist  das  Sirnhäsana,  gerühmt  von  den  hervorragend- 
sten Yogin;  und  dieses  vorzüglichste  Äsana  verhilft  zur  Aus- 
führung der  drei  Bandha." 

8.  Gomukhäsana  (Kuhgesicht-Positur;  Fig.  10). 

Nachdem  man  die  beiden  Füße  auf  die  Erde  gesetzt  hat, 
bringe  man  sie  bei  fester  Körperhaltung  nach  der  Rückseite. 
Dies  ist  gomukha  (Kuhgesicht),  weil  es  das  Aussehen  eines  Kuh- 
gesichtes hat.    (Gh.  II,  16.) 

In  H.  I,  20  (bei  Walter  p.  3)  heißt  es:  ,,Man  lege  den 
rechten  Fußknöchel  auf  die  linke  Seite  des  Rückens  und  den 
linken  auf  die  rechte  ..." 

9.  Viräsana  (Helden-Positur;  Fig.  11). 

Man  lege  den  einen  Fuß  so,  daß  er  auf  dem  einen  Schenkel 
ruht;  ebenso  danach  auf  den  andern i);  das  gilt  als  die  Helden- 
Positur.    (Gh.  II,  17.) 

H.  I,  21  liest  fast  genau  so  wie  Gh.,  hat  aber  statt  des 
fascäd  der  letzteren  corum,  so  daß  die  Übersetzung  nun  lautet 

1)  Chandra  Vasu  übersetzt  das  itarasmims  tathä  pascäd  des  Textes 
mit  ,,the  other  foot  to  be  turned  backwards",  was  unmöglich  ist. 


—     i89     — 

(bei  Walter  p.  3):  ,,Man  lege  einen  Fuß  auf  den  einen  Schenkel, 
und  den  andern  Schenkel  auf  den  andern  Fuß  ..." 

10.  Dhanuräsana  (Bogen-Positur ;  Fig.  12). 

Man  strecke  die  beiden  Beine  auf  dem  Fußboden  in  Form 
eines  Stockes  aus,  erfasse  das  Fußpaar  hinten  mit  den  Händen 
und  strecke  den  Leib  ähnlich  wie  einen  Bogen,  so  wird  dies  die 
Bogen-Positur  genannt i). 

H.  I,  25  dem  Sinne  nach  damit  identisch:  ,,Mit  den  Händen 
erfasse  man  die  großen  Zehen  und  spanne  den  Bogen  bis  zum 
Ohr  .  .  .  d.  h.  die  eine  Hand  strecke  man  aus,  und  die  andere  ziehe 
man  bis  zum  Ohr  hinauf"  (Walter  p.  4). 

II.  Saväsana  (Toten-Positur;  Fig.  13). 

Das  Ruhen  auf  dem  Erdboden  mit  nach  oben  gerichtetem 
Antlitz  wie  ein  Leichnam  ist  die  Toten-Positur.  Sie  benimmt  die 
Ermüdung  und  bewirkt  Ausruhen  des  Geistes  (Gh.  II,  19;  fast 
genau  übereinstimmend  mit  H.  I,  32  =  Walter  32). 

12.  Guptäsana  (die  versteckte  Positur;  Fig.  14.) 

Man  bringe  die  beiden  Füße  zwischen  Knie  und  Schenkel, 
verberge  (auf  diese  Weise)  die  Füße  und  setze  den  Anus  auf  die 
Füße,  so  kennt  man  dies  als  die  versteckte  Positur.  (Gh.  II,  20; 
fehlt  in  H.) 

13  Matsyäsana  (die  Fisch-Positur). 

Man  nehme  die  Lotuspositur  ein  mit  Weglassung  (der 
Armkreuzung),  lagere  sich  mit  dem  Gesicht  nach  oben  und  stütze 
den  Kopf  mit  den  Ellbogen:  das  ist  die  Krankheiten  tötende 
Fisch-Positur.    (Gh.  II,  21;  fehlt  in  H.) 

14.  Matsyendräsana  (die  Positur  nach  Matsyendra; 

Fig.  17). 
Man  steht  da,  indem  man  den  Bauch  wie  die  Rückseite  zu 
behandeln  sich  bemüht  (?),  lege  den  linken  Fuß  unter  Krüm- 
mung des  Körpers  auf  das  rechte  Knie  und  dahin  den  rechten 
Ellbogen,  sowie  das  Gesicht  auf  die  rechte  Hand,  während  der 


1)  Das  Sanskrit  dieser  Strophe  ist  schrecklich,  resp.  der  Herausgeber 
hat  flüchtig  gearbeitet.  Statt  des  sinnlosen  nigadya  yogi  muß  die  in  die 
Noten  versetzte  Lesart  nigadyate  vai  genommen  werden. 


—     190    — 

Blick  zwischen  die  Augenbrauen  gerichtet  ist.  Diese  Sitzweise 
heißt  die  des  Matsyendra.    (Gh.  II,  22/23.) 

In  H.  I,  26/27  (bei  Walter  p.  4)  haben  wir  eine  ,, Positur 
nach  Matsyanätha",  die  offenbar  derjenigen  nach  Matsyendra 
entsprechen  soll:  ,,Man  ergreife  den  rechten  an  die  Wurzel  des 
linken  Schenkels  gebrachten  Fuß  (mit  der  linken  Hand,  Kom.) 
und  den  linken  an  die  Außenseite  des  rechten  Knies  gelegten 
Fuß  (mit  der  rechten  Hand,  Kom.)  und  drehe  den  Körper  (die 
linke  Seite  nach  vornen,  Kom.);  dies  ist  das  von  Srimatsyanätha 
gelehrte  Äsana. 

27.  Das  Matsyendräsana  facht  das  Verdauungs teuer  an, 
verleiht  den  Menschen  eine  Waffe  zur  Bekämpfung  der  Schar 
heftiger  Krankheiten  ..." 

15.  Goraksäsana  (die  Positur  nach  Goraksa^) ;  Fig.  16). 

Man  lege  die  Füße  nach  oben  gerichtet  und  sichtbar  ge- 
stellt (?)^)  zwischen  Knie  und  Schenkel,  bedecke  die  Knöchel 
sorgsam  mit  den  Händen,  deren  Rücken  nach  oben  gerichtet  ist, 
ziehe  den  Hals  zusammen  und  blicke  auf  die  Nasenspitze:  das 
nennt  man  die  Goraksa-Positur,  die  den  Yogin's  Zauberkräfte 
verleiht.  (Gh.  II,  24 — 25;  fehlt  in  H.) 
16.   Pascimottänäsana   (die  Positur   ,, Rücken  nach  oben"; 

Fig-  15). 
Man  strecke  die  beiden  Füße  stockgleich  auf  dem  Boden  aus, 

wobei  die  Stirn  mitten  auf  das  Kniepaar  gelegt  wird,  und  halte 
die  Füße  sorgsam  mit  den  Händen.  Diese  Sitzweise  der  Yogin- 
Fürsten  nennt  man  Pa^cimottäna.    (Gh.  II,  26.) 

In  H.  I,  28/29  (bei  Walter  p.  5)  heißt  diese  Positur  Pasci- 
matäna:  ,,Wenn  man  die  Füße  gleich  Stöcken  auf  dem  Boden 
ausstreckt,  mit  den  Händen  die  beiden  Fußspitzen  ergreift  und 
die  Stirn  auf  die  Kniee  legend  (in  dieser  Stellung)  verweilt,  so 
nennt  man  dies  Pa^cimatäna. 

29.  Dieses  unter  den  Äsana  hervorragende  Pascimatäna 
macht,  daß  der  Atem  durch  Pa^cima  geht,  befördert  die  Ver- 
dauung und  bringt  bei  den  Menschen  Magerkeit  des  Bauches  und 
Gesundheit  hervor." 

1)  Goraksa  erscheint  H  I,  4  und  5  als  berühmter  Lehrer  im  Hathayoga. 

2)  vyaktasamsthitau.  Der  englische  Übersetzer  hat  ,,placed  in  a  hid- 
den  way". 


—     191     — 

17-  Utkatäsana  (die  hohe  Positur;  Fig.  i8)i). 

Mit  den  beiden  großen  Zehen  stütze  man  sich  auf  die  Erde; 
die  Knöchel  sind  in  der  Luft,  während  man  den  Anus  darauf- 
legt.   Das  muß  man  als  utkatäsana  erkennen.     (Gh.   II,   27.) 

Dieselbe  Beschreibung,  aber  in  Prosa  und  kürzer,  gibt 
Brahmänanda  in  seinem  Kommentare  zu  H.  II,  26. 

18.  Sarnkatäsana  (die  gefährliche  Positur;  Fig.  19). 
Man  setze  den  hnken  Fuß  und  das  Kniestück  auf  den  Erd- 
boden, umschlinge  den  linken  Fuß  mit  dem  rechten  Fußstock 
und  (lege)  das  Handpaar  auf  das  Kniepaar.    Das  ist  die  gefähr- 
liche Positur.    (Gh.  II,  28.    Fehlt  in  H.) 

19.  Mayüräsana  (die  Pfauen-Positur;  Fig.  20). 

Man  stütze  beide  Hände  2)  auf  die  Erde,  wobei  man  die 
Nabelgegend  auf  die  Ellbogen  setzt,  und  sitze  aufrecht,  gerade 
wie  ein  Stock.  Diese  Sitzweise  nennt  man  die  Pfauen-Positur. 
Hat  man  eine  Menge  schlechte  Nahrung  genossen,  so  verwandelt 
sie  die  hehre  Pfauen-Positur  restlos  in  Asche;  sie  erzeugt  das 
Verdauungsfeuer,  hilft  (selbst)  das  kälaküta(-Gift)  verdauen,  be- 
seitigt schnell  alle  Krankheiten  wie  Gulma,  Fieber  etc.  und  läßt 
die  Störungen  in  den  humores  weichen.  (Gh.  II,  29/30;  fast 
identisch  mit  H.  I,  30/31,  bei  Walter  p.  5.  Letzterer  liest  statt 
Fieber  Wassersucht). 

20.  Kukkutäsana  (die  Hahnen-Positur;  Fig.  21). 

Wenn  man  in  der  Lotussitzung  begriffen  die  beiden  Hände 
zwischen  Knie  und  Schenkel  (bringt)  und  auf  den  Ellbogen 
ruhend  hoch  dasitzt,  so  ist  dies  die  Hahnen-Positur.   (Gh.  II,  31.) 

Etwas  abweichend  H.  (I,  23,  bei  Walter  p.  4):  , »Während 
man  in  der  Stellung  des  Padmäsana  verweilt,  bringe  man  die 
Hände  zwischen  Knie  und  Schenkel  und  stütze  sie  dann  auf  den 
Boden  ..." 

21.  Kürmäsana  (die  Schildkröten-Positur;  Fig.  22). 

Wenn  man  die  beiden  Knöchel  energisch  in  beliebiger  Reihen- 
folge unter  das  scrotum  (drückt),  wobei  Körper,  Haupt  und 
Hals  gerade  sind,  so  nennt  man  das  die  Schildkröten-Positur. 
(Gh.  II,  32.) 

1)  H  II,  26  soll  nach  Walter  p.  XXX  utkutäsana  stehen  und  , »hockend, 
kauernd"  bedeuten.     Meine  Ausgabe  (Bombay   1893)  liest  aber  utkata. 

2)  Die  gute  Lesart  karadvayena,  die  auch  H.  hat,  steht  natürlich 
wieder  in  den  Noten,  während  der  Text  metrisch  falsch  karataläbhyäm  liest? 


—       192      — • 

H.  I,  22  (bei  Walter  p.  4)  heißt  es:  ,, Energisch  versperre 
man  mit  den  beiden  Fußknöcheln  in  behebiger  Reihenfolge  den 
anus  ..." 

22.   Uttänakürmäsana   (Positur  der  ausgestreckten  Schild- 
kröte; Fig.  23). 

Man  nehme  die  Hahnen-Positur  ein,  halte  den  Nacken  mit 
beiden  Händen  fest  und  liege  ausgestreckt  wie  eine  Schildkröte. 
Das  ist  die  Uttänakürma-Positur.  (Gh.  II,  33  ^  H.  I,  24;  bei 
Walter  p.  4.) 

23.  Mandükäsana  (die  Frosch-Positur;  Fig.  24). 

Man  bringe  die  Fußsohlen  nach  dem  Rücken  und  berühre 
beide  große  Zehen,  wobei  man  das  Kniepaar  nach  vorn  bringt: 
damit  führt  man  die  Frosch-Positur  aus.    (Gh.  II,  34.) 

Fehlt  in  H.  wie  alle  folgenden  Posituren. 
24.    Uttänamandükäsana    (die  Positur   des   ausgestreckten 

Frosches;  Fig.  25). 

Man  nehme  die  Froschstellung  ein,  halte  den  Kopf  mit 
den  Ellbogen  und  liege  ausgestreckt  wie  ein  Frosch:  das  ist  die 
Positur  Uttänamandüka.    (Gh.  II,  35.) 

25.  Vrksäsana  (die  Baum-Positur;  Fig.  26). 

Man  setze  den  rechten  Fuß  auf  die  Wurzel  des  linken 
Schenkels  und  stehe  auf  der  Erde  wie  ein  Baum :  das  kennt  man 
als  die  Baum-Positur.    (Gh.  II,  36). 

26.  Garudäsana  (die  Positur  des  Garuda^);  Fig.  27). 

Man  presse  den  Erdboden  mit  den  Ober-  und  Unterschenkeln, 
stütze  den  Kopf  fest  mit  den  beiden  Knien  und  lege  das  Hände- 
paar auf  die  Kniee:   das  heißt  Garuda-Positur.     (Gh.  II,   37.) 
27.  Vrsäsana  (die  Stier-Positur;  Fig.  28). 

Man  setze  das  perinaeum  auf  den  rechten  Knöchel,  auf  die 
linke  Seite  den  andern  Fuß  und  berühre  den  Boden  umgekehrt, 
so  ist  das  die  Stier-Positur.    (Gh.  II,  38.) 

28.  Salabhäsana  (die  Eidechsen-Positur;  Fig.  29). 

Wenn  man  mit  dem  Gesicht  nach  unten  daliegt,  das  Hände- 
paar auf  der  Brust,  während  man  sich  mit  den  Handtellern  auf 
die  Erde  stützt  und  die  Füße  in  der  Luft  und  zwar  eine  Elle 
hoch  sind,  so  nennen  die  Fürsten  unter  den  Heiligen  diese  Sitz- 
weise ,, Eidechse".    (Gh.  II,  39.) 

1)  Garuda  ist  der  Vogel,  auf  dem  Visnu  reitet. 


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CT) 


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—     193     — 

29-  Makaräsana  (die  Delphin-Positur;  Fig.  30). 

Wenn  man  mit  dem  Gesicht  nach  unten  dahegt,  die  Herz- 
gegend auf  die  Erde  legt,  die  Füße  ausgestreckt  werden  und  man 
den  Kopf  im  Armpaar  hält,  so  ist  das  die  Delphin-Positur,  die 
das  Körperfeuer  anfacht.    (Gh.  II,  40.) 

30.  Usträsana  (die  Kamel-Positur;  Fig.  31). 

Wenn  man  mit  dem  Gesicht  nach  unten  daliegt,  das  Fuß- 
paar hochrichtet,  auf  den  Rücken  legt  und  mit  beiden  Händen 
festhält  und  die  Haut  des  Unterleibes  tief  einzieht,  so  nennen 
die  Yogin's  diese  Sitzweise  die  des  Kameles.    (Gh.  II,  41.) 

31.  Bhujamgäsana  (die  Schlangen-Positur;  Fig.  32). 
Man  lege  die  Füße  etc.  bis  zum  Nabel  nieder  auf  die  Erde 

und  halte  sich  mit  den  Handflächen  an  dem  Fußboden  an, 
während  man  den  Kopf  wie  eine  Schlange  aufrichtet.  Es  wächst 
dadurch  beständig  das  Körperfeuer,  es  schwinden  alle  Krank- 
heiten, und  es  wacht  infolge  der  Ausführung  der  Schlangen- 
Positur  die  Göttin  Schlange^).    (Gh.  II,  42 — 43.) 

32.  Yogäsana  (die  Versenkungs-Positur;  Fig.  33). 
Man  richtet  die  Beine  nach  oben,  setzt  sie  auf  die  Knie, 

setzt  das  Händepaar  mit  dem  Handrücken  nach  oben  auf  den 
Sitz,  zieht  den  Atem  vermittelst  des  püraka  ein  und  blickt  die 
Nasenspitze  an.  Das  ist  die  Versenkungs-Positur  der  Yogin's 
bei  der  Ausführung  der  Versenkung.    (Gh.  II,  44 — 45.) 

Nach  H.  I,  17  (bei  Walter  p.  3)  machen  die  Posituren  den 
ersten  Teil  des  Hathayoga  aus  und  bewirken  Ruhe,  Gesundheit 
und  Leichtigkeit  der  Glieder. 

Die  Lehre  von  den  mudrä's. 

Die  mudrä  genannten  Übungen  unterscheiden  sich  bei  aller 
äußerlichen  Ähnlichkeit  mit  den  ,, Posituren"  von  diesen  doch 
dadurch,  daß  sie  ein  wichtiges  Hilfsmittel  bei  der  Atemgym- 
nastik bilden,  während  diese  nur  vorbereitend,  als  Training 
wirken.  Eine  Übersetzung  des  Kunst ausdrucks  zu  finden  dürfte 
schwer  halten;  Walter  hat  dafür  p.  XXXII  ,,eine  Art  von 
Atemübungen  im  Yoga",  ohne  damit  den  Begriff  zu  erschöpfen. 
Wir  müssen  jedenfalls  bei  der  Lektüre  der  verschiedenen  De- 
finitionen —  zehn  bei  H.,  fünfundzwanzig  bei  Gh.  —  immer  im 

1)  Die  kundall  genannte  Präna-^akti. 
Schmidt,  Fakire  und  Fakirtum.  I3 


—     194     — 

Auge  behalten,  daß  es  sich  hier  um  Praktiken  handelt,  die  aus- 
schließlich der  Atemtechnik  zugute  kommen  sollen.  Selbst- 
verständlich gehören  auch  sie  zu  den  Dingen,  die  wunderbare 
Kräfte  verleihen  und  nicht  ausposaunt  werden  dürfen,  was 
H.  III,  8/9  so  ausgedrückt  wird:  ,, Diese  von  Siva  verkündigten 
wunderbaren  Übungen,  welche  die  acht  übernatürlichen  Kräfte 
verleihen,  bei  aUen  Vollendeten  besonders  beliebt  und  selbst 
von  den  Marut's  schwer  zu  erreichen  sind,  müssen  sorgfältig 
geheim  gehalten  werden  gleich  einem  Juwelenkorbe;  wie  über 
den  Liebesgenuß  mit  einem  Weib  aus  guter  Familie  soU  man 
gegen  andere  darüber  nicht  sprechen." 

I.  Mahämudrä  (Gh.  III,  6—8;  H.  III,  lo— 18). 

Man  presse  die  Anus-Gegend  fest  und  sorgfältig  an  den  linken 
Knöchel,  strecke  den  rechten  Fuß  aus,  halte  die  große  Zehe  in 
der  Hand,  ziehe  die  Kehle  zusammen,  blicke  zwischen  die  Augen- 
brauen und  fülle  die  Luft  vermittelst  der  Einatmungen  ein. 
Das  heißt  mahämudrä. 

Sie  beseitigt  bei  der  Ausführung  Schwindsuchtshusten, 
Konstipation,  Milzsucht,  Indigestion,  ebenso  Fieber  und  (über- 
haupt) alle  Krankheiten. 

In  H.  III,  15  wird  anempfohlen,  diese  Übung  erst  mit  der 
linken  Seite  des  Körpers  und  dann  auch  mit  der  rechten  aus- 
zuführen, bis  die  Anzahl  der  Übungen  auf  beiden  Seiten  gleich 
ist;  unter  den  vielen  Wirkungen  wird  auch  erwähnt,  daß  selbst 
schreckliches  Gift  eingenommen  wie  Ambrosia  verdaut  wird. 

2.  Nabhomudrä  (Gh.  III,  9;  fehlt  in  H.;  Fig.  42). 
Wo  auch  immer  der  Yogin  weilen  mag,  immer,  bei  aUen 
Handlungen  soll  er  die  Zunge  nach  oben  strecken  und  den  Atem 
anhalten.    Das  ist  die  nabhomudrä,  die  den  Yogin's  die  Krank- 
heiten vernichtet. 

3.  Uddiyänamudrä  oder  °bandha  (Gh.  III,  lo/ii;  H.  III, 

55—60;  Fig.  43). 
Man  führe  am  Bauche  oberhalb  des  Nabels^)   den  pasci- 
matäna^)  aus.    Weil  infolgedessen  der  große  VogeP)  unermüd- 


1)  Auch  unterhalb:  s.  die  entsprechende  Stelle  in  H! 

2)  S.  unter  den  Posituren  Nr.   16. 

3)  Bezeichnung  für  Atem. 


—    T95     — 

lieh  auffliegt,^)  ist  dies  der  uddiyäna-bandha,  der  Löwe  für  den 
Elefanten  Tod.  Vor  jedem  anderen  bandhana  [  =  mudrä]  ist 
das  uddiyäna  ausgezeichnet;  wenn  man  uddiyäna  gehörig  aus- 
führt, ergibt  sich  die  Erlösung  ganz  von  selbst. 

In  H.  (bei  Walter  p.  29)  heißt  es  darüber:  Weil  durch 
diesen  Bandha  der  in  der  Susumnä  gebundene  Atem  auffliegt, 
wird  derselbe  von  den  Yogin  Uddiyäna  genannt. 

56.  Wodurch  der  große  Vogel  (d.  h.  der  Atem)  unermüdlich 
auffliegt,  das  ist  Uddiyäna;  hier  wird  es  Bandha  genannt. 

57.  Am  Bauch  führe  man  sowohl  oberhalb  des  Nabels  (als 
auch  unterhalb,  Kom.)  den  Pascimatäna  aus  (d.  h.  man  ziehe 
an  diesen  Stellen  den  Bauch  ein).  Dies  ist  der  Uddiyänabandha, 
der  den  Todeselephanten  abhält.  2) 

58.  Wer  dieses  dem  Lehrer  speziell  gehörende  und  immer 
von  ihm  gelehrte  Uddiyäna  fortwährend  übt,  wird,  selbst  wenn 
er  alt  ist,  wieder  jung. 

59.  Oberhalb  wie  unterhalb  des  Nabels  übe  man  fleißig  den 
Täna  sechs  Monate  lang,  so  wird  man  sicher  den  Tod  besiegen ..." 

4.  Jälandhara  (Gh.  III,  12 — 13;  H.  III,  70 — 73;  Fig.  49). 

Man  drücke  den  Hals  zusammen,  indem  man  das  Kinn  auf 
die  Herzgegend  legt.  Ist  der  Jälandhara-bandha  ausgeführt,  so 
findet  eine  Verbindung  der  sechzehn  ädhära's  statt  ^);  auch  ist 
die  Jälandhara-mudrä  die  Vemichterin  des  Todes.  Der  voll- 
endete Jälandhara  verleiht  den  Yogin 's  Vollendung;  wer  ihn 
sechs  Monate  ausführt,  ist  ohne  Zweifel  ein  Vollendeter. 

H.  (bei  Walter  p.  31):  ,,....  Er  versperrt  die  Menge  der 
Nädi's  und  hält  den  abwärtsgehenden  Soma^)  auf.  Daher  heilt 
der  Jälandhara-bandha  auch  die  Menge  der  Halsübel. 

72.  Wenn  der  Jälandhara  mit  seinem  charakteristischen 
Zusammendrücken  des  Halses  vollbracht  ist,  so  fällt  kein  Soma 
ins  Feuer,  und  der  Atem  wird  nicht  unruhig. 

1)  uddänam  kurute. 

2)  Hier  irrt  Walter;  meine  Ausgabe  wenigstens  liest  wie  Gh.  mrtyu- 
mätangakesari,  was  echt  indisch  gesagt  ist:  der  Tod  wird  dabei  mit  einem 
Elefanten,  der  bandha  mit  einem  Löwen  verghchen,  der  als  der  grimmigste 
Feind  des  Elefanten  gilt. 

3)  S.  die  Definition  von  H! 

*)  Die  aus  dem  Nasenrachenraum  sich  absondernde  Feuchtigkeit. 

13* 


—     196    — 

73-  Durch  das  Zusammendrücken  des  Halses  schließt  man 
bei  dem  Jälandhara^)  fest  die  beiden  Nädi's  (Idä  und  Pingalä). 
Das  Cakra,  in  welchem  dies  geschieht,  heißt  Madhyacakra  und 
ist  die  Verbindung  der  sechzehn  Ädhära^)." 
5.  Mülabandha  (Gh.  III,  14 — 17;  H.  III,  61 — 69;  Fig.  53). 

Man  (drücke)  die  Ferse  des  linken  Fußes  gegen  das  peri- 
naeum  und  ziehe  es  zusammen;  dann  presse  man  verständig 
den  Nabelknoten  sorgfältig  gegen  das  Schienbein^)  und  stelle 
eine  feste  Verbindung  des  Penis  mit  dem  rechten  Fußknöchel 
her.  Diese  das  Alter  vernichtende  mudrä  wird  als  mülabandha 
bezeichnet.  Der  Mann,  welcher  über  das  Meer  der  Wiederge- 
burten zu  fahren  verlangt,  soll  diese  mudrä,  in  der  Einsamkeit 
wohl  verborgen,  ausüben.  Infolge  der  Ausführung  dieses  bandha 
ergibt  sich  sicherlich  Vollkommenheit  des  Atemwindes:  daher 
möge  man  das  mit  Eifer,  schweigend  und  unter  Vermeidung  von 
Lässigkeit  ausüben. 

H.  (bei  Walter  p.  30):  ,,Mit  der  Ferse  das  perinaeum 
drückend,  ziehe  man  den  anus  zusammen  und  bringe  den 
Apäna  aufwärts  .  .  . 

62.  Den  abwärtsgehenden  Apäna  bringt  man  mit  Gewalt 
zum  Aufwärtsgehen  durch  Zusammendrücken  .  .  . 

63.  Den  anus  mit  der  Ferse  drückend  presse  man  mit  Ge- 
walt verschiedene  Male  den  Atem  zusammen,  so  daß  die  Luft 
wieder  und  wieder  aufwärts  geht  ..." 

6.  Mahäbandha  (Gh.  III,  18—20;  H.  III,  19—25; 

Fig-  54)- 
Man  verschließe  die  Öffnung  des  anus  mit  dem  Knöchel 

des  linken  Fußes,  drücke  mit  Sorgfalt  verständig  diesen  Knöchel 
mit  dem  rechten  Fuße,  bewege  ganz  langsam  die  Ferse,  ziehe 
langsam  das  perinaeum  zusammen  und  halte  den  Atem  ver- 
mittelst Jälandhara  an.  Das  wird  als  Mahäbandha  bezeichnet. 
Er  ist  der  höchste  bandha;  er  vernichtet  Alter  und  Sterben; 
kraft  dieses  bandha  bringt  man  alles  Erwünschte  zustande. 


1)  So  die  genaue  Übersetzung  nach  dem  Kommentare. 

2)  Große  Zehe,  Fußknöchel,  Knie,  Schenkel,  fraenulum  praeputii,  puden- 
dum,  Nabel,  Herz,  Nacken,  Hals,  uvula,  Nase,  die  Stelle  zwischen  den 
Augenbrauen,  Stirne,  Scheitel,  Brahmarandhra. 

3)  So  nach  der  englischen  Übersetzung;  merudande  im  Urtexte. 


—     197     — 

H.  (bei  Walter  p.  24):  ,,Die  Ferse  des  linken  Fußes  drücke 
man  an  das  perinaeum,  zugleich  lege  man  den  rechten  Fuß  auf 
den  linken  Schenkel. 

20.  Man  atme  ein,  drücke  das  Kinn  fest  auf  die  Herz- 
gegend, drücke  den  Atem  zusammen  und  konzentriere  den  Geist 
auf  die  Mitte  (  =  susumnä,  Kom.). 

21.  Nachdem  man  den  Atem  so  lange  als  möglich  an- 
gehalten hat,  atme  man  langsam  wieder  aus.  Wenn  man  dies 
auf  der  linken  Seite  geübt  hat,  übe  man  es  auch  auf  der  rechten  ." 
7.   Mahävedha   (Gh.  III,   21 — 24;  H.   III,   25 — 31;  Fig.  55). 

Wie  die  Schönheit,  Jugend  und  Anmut  der  Frauen  ohne 
Mann  (nutzlos)  sind,  so  auch  Mülabandha  und  Mahäbandha 
ohne  Mahävedha.  Im  Mahäbandha  befindlich  vollbringe  man 
den  Uddänakumbhaka.  Dies  nennt  man  den  Mahävedha,  der 
den  Yogin's  Vollendung  verleiht.  Der  Yogin,  der  Tag  für  Tag 
Mahäbandha  und  Mülabandha  in  Verbindung  mit  Mahävedha  aus- 
führt, versteht  sich  am  besten  auf  den  Yoga.  Er  hat  keine  Furcht 
vor  dem  Tode ;  das  Alter  kommt  nicht  zu  ihm.  Gar  sorgfältig  ist 
dieser  Bandha  von  den  trefflichsten  Yogin's  geheim  zu  halten. 

H.  (bei  Walter  p.  25):  ,,Wie  ein  mit  lieblicher  Gestalt  aus- 
gestattetes Weib  ohne  Mann,  so  sind  auch  Mahämudrä  und 
Mahäbandha  fruchtlos  ohne  Vedha. 

27.  Die  beiden  Hände  flach  auf  den  Boden  stützend, 
schlage  man  (mit  der  Ferse,  Kom.)  langsam  die  beiden  Hinter- 
backen; ist  nun  der  Atem  über  die  beiden  Gefäße  (Candra  und 
Sürya)  hinausgekommen,  so  wird  er  sich  in  der  Mitte  (Susumnä) 
weiterbewegen. 

29.  Dieser  Mahävedha  verleiht,  wenn  man  ihn  übt,  großen 
Erfolg;  als  Mittel  gegen  Runzeln,  graue  Haare  und  Zittern  wird 
er  von  den  ausgezeichnetsten  Yogin  verehrt. 

30.  Diese  drei  sollen  sehr  geheim  gehalten  werden;  sie  ver- 
nichten Alter  und  Tod,  vermehren  das  Verdauungsfeuer  und  ver- 
leihen übernatürliche  Kräfte  wie  Animä  usw. 

31.  Diese  Übungen  sollen  täglich  ausgeführt  werden,  acht- 
mal alle  drei  Stunden;  sie  verleihen  (dem  Übenden)  großes  Ver- 
dienst, und  wenn  sie  anfangs  mit  Maß  ausgeführt  werden,  ver- 
nichten sie  immer  eine  Menge  von  Sünden  bei  denen,  welche  die 
richtige  Methode  besitzen." 


—    198    — 

8.  Khecari  (Gh.  III,  25—32;  H.  III,  32  ff;  Fig.  56). 

Man  schneide  das  Gefäß  unterhalb  der  Zunge  ein,  bewege 
sie  beständig,  melke  sie  mit  frischer  Butter  und  ziehe  sie  mit 
einem  eisernen  Instrumente  (lang). 

26.  Indem  man  das  beständig  so  ausführt,  wird  die  Zunge 
verlängert,  bis  sie  zwischen  die  Augenbrauen  reicht:  dann  ist 
die  Khecari  fertig. 

27.  Dann  lasse  man  die  Zunge  ganz  allmählich  an  den 
Gaumen  sich  anlegen,  bis  die  Zunge,  verkehrt  gerichtet,  in  die 
Schädelhöhle  eindringt,  wobei  der  Blick  zwischen  die  Augen- 
brauen gerichtet  ist.    Das  ist  die  mudrä  Khecari. 

28.  (Dann)  gibt  es  keine  Ohnmacht,  keinen  Hunger,  keinen 
Durst,  keine  Lässigkeit,  keine  Krankheit,  nicht  Alter  noch  Tod ; 
man  bekommt  einen  Götterleib; 

29.  Der  Körper  wird  nicht  vom  Feuer  verbrannt,  der  Wind 
trocknet  ihn  nicht  aus,  die  Wasser  feuchten  ihn  nicht,  keine 
Schlange  beißt  ihn. 

30.  Anmut  stellt  sich  am  Körper  ein,  Samädhi  ergibt  sich 
sicherlich;  die  Zunge  kostet  Nektar  an  der  Vereinigung (sst eile) 
von  Mund  und  Schädel; 

31.  dann  Tag  für  Tag  die  Wonne,  die  sich  aus  den  ver- 
schiedenen Geschmacksarten  ergibt :  zuerst  salzigen  und  scharfen, 
danach  bittern  und  zusammenziehenden; 

32.  frische  Butter,  Thee,  Milch,  saure  Milch,  Buttermilch, 
Honig,  den  Geschmack  von  Weinbeeren;  und  schließlich  ent- 
steht Nektar-Geschmack  auf  der  Zunge. 

H.  (bei  Walter  p.  26):  ,,Die  umgebogene  Zunge  wird  in 
die  Rachenhöhle  gebracht,  der  Blick  auf  die  Stelle  zwischen  den 
Augenbrauen  gerichtet,  so  entsteht  die  Khecari. 

33.  Durch  Schneiden,  Hinundherbe  wegen  und  Melken  ver- 
längere man  nach  und  nach  die  Zunge.  Wenn  man  dann  im- 
stande ist,  damit  die  Stelle  zwischen  den  Augenbrauen  zu  be- 
rühren, so  ist  die  Khecari  (resp.  die  Vorbereitung  dazu)  voll- 
bracht. 

34.  Man  nehme  ein  sehr  scharfes,  glattes,  reines  Messer, 
gleich  einem  Euphorbia-Blatt  imd  mache  damit  einen  haar- 
breiten  Einschnitt. 


—     199     — 

30.  Dann  reibe  man  die  Stelle  mit  Pulver  aus  Steinsalz  und 
Terminalia  ein,  und  nach  sieben  Tagen  mache  man  wieder  einen 
haarbreiten  Einschnitt. 

36.  Auf  diese  Weise  verfahre  man  beständig  darauf  be- 
dacht sechs  Monate  lang;  nach  sechs  Monaten  ist  das  sehnen- 
artige Band  der  Zungen wurzel  (das  Zungenband)  verschwunden. 

37.  Nachdem  man  die  Zunge  rückwärts  gebogen  hat,  bringe 
man  sie  mit  dem  Dreipfad  (tripatha)^)  in  Berührung  .  .  . 

38.  Mit  der  Zunge  aufwärts  gerichtet  (d.  h.  in  der  Höhlung 
oberhalb  des  Gaumens,  Kom.)  verweile  man  einen  halben 
Kshana  (  =  2  Min.)  lang.  Der  Yogin  wird  auf  diese  Weise  von 
Gift,  Krankheit,  Tod,  Alter  usw.  befreit. 

39.  Derjenige,  welcher  mit  der  Khecari  Mudrä  vertraut  ist, 
kennt  nicht  Krankheit,  Tod,  Erschöpfung,  Schlaf,  Hunger, 
Durst,  Ohnmacht. 

40.  Wer  die  Khecari  kennt,  wird  von  Krankheit  nicht  ge- 
plagt, vom  Karma  nicht  befleckt,  vom  Tode  nicht  getötet  .  .  . 

42.  Wer  durch  die  Khecari  die  Höhlung  oberhalb  der  uvula 
versiegelt  hat,  von  dem  geht  kein  Tropfen  verloren,  wie  von 
einem  Mann,  der  von  seiner  Geliebten  umfangen  ist  ..." 

9.  Viparitakarani  (Gh.  HI,  33 — 36,  H.  HI,  79 — 82; 

Fig.  57)- 

Die  Sonne  wohnt  in  der  Nabelgegend,  der  Mond  an  der 
Gaumenwurzel.  Die  Sonne  verschlingt  den  Nektar,  und  daher 
kommt  der  Mensch  in  die  Gewalt  des  Todes. 

34.  Man  bringe  die  Sonne  nach  oben  und  führe  den  Mond 
nach  unten :  das  ist  die  mudrä  Viparitakarani,  die  in  allen  Tantra- 
Schriften  geheim  gehalten  wird. 

35.  Man  stelle  den  Kopf  auf  die  Erde  und  ebenso  das  Hände- 
paar, und  verweile  aufmerksam  mit  hochgerichteten  Beinen, 
standhaft.    Das  gilt  für  Viparitakarani. 

36.  Man  vollbringe  diese  mudrä  beständig ;  dann  vernichtet 
man  Alter  und  Tod,  wird  vollendet  unter  allen  Menschen  und 
kommt  selbst  beim  Weltuntergange  nicht  in  Not. 

H.  (bei  Walter  p.  32):  ,,Der  oberhalb  des  Nabels  befind- 
liche Bhänu  [die  Sonne]  sei  oben,  der  unterhalb  des  Gaumens 


1)  Die  Stelle,  wo  die  drei  großen  Hauptröhren  zusammentreffen. 


—       200 


befindliche  Sasin  [Mond]  sei  unten.    Diese  Viparita  genannte 
Übung  ist  durch  die  Anweisung  des  Lehrers  zu  erlernen. 

80.  Dem,  der  beständig  auf  die  Übung  bedacht  ist,  vermehrt 
sie  das  Verdauungsfeuer.  Der  Übende  soll  reichliche  Nahrung 
bekommen. 

81.  Hat  er  nur  geringe  Nahrung  (zu  sich  genommen),  so 
brennt  das  Feuer  bloß  kurze  Zeit.  Mit  dem  Kopfe  nach  unten 
und  den  Füßen  nach  oben  bleibe  er  am  ersten  Tag  einen  Kshana 
(=  4  Min.)  lang. 

82.  Jeden  Tag  übe  er  dies  einen  Kshana  länger,  so  wird 
man  nach  sechs  Monaten  an  seinem  Körper  weder  Runzeln 
noch  graue  Haare  sehen;  wer  es  einen  Yäma  (=  3  Stunden)  lang 
übt,  der  besiegt  den  Tod." 

10.  Yonimudrä  (Gh.  HI,  37 — 44;  fehlt  in  H.;  Fig.  58). 
Nachdem  man  die  Siddhäsana-'Positnv  eingenommen  hat, 
schließe  man  die  Ohren,  Augen,  Nase(nlöcher)  und  Mund  mit  den 
Daumen,  Zeigefingern,  Mittelfingern,  Ringfingern i)  etc. 

38.  Man  ziehe  die  Luft  vermittelst  der  käkl-mudrä  ein  und 
vereinige  sie  mit  dem  Abhauch  (apäna),  meditiere  verständig 
über  die  sechs  Kreise  und  bringe,  indem  man  (die  mystischen 
Silben)  hum  und  hamsa  (wiederholt),  damit 

39.  die  Göttin  zum  Bewußtsein,  die  eingeschlafen  ist,  die 
Bhujamgini  .  .  .^) 

42.  Die  yoni-mudrä  ist  höchst  geheim  zu  halten  und  ist 
selbst  für  die  Götter  schwer  zu  erreichen.  Wem  aber  ihre  Er- 
reichung einmal  geglückt  ist,  der  befindet  sich  ja  dann  in  Samädhi. 

43.  Mit  den  Sünden,  deren  sich  der  Brahmanenmörder, 
Leibesfruchtabtreiber,  Schnapstrinker  und  Schänder  des  Bettes 
seines  Lehrers  schuldig  macht,  befleckt  man  sich  nicht,  wenn 
man  die  yoni-mudrä  ausführt. 

44.  Alle  die  furchtbaren  Sünden  und  kleinen  Sünden 
schwinden  infolge  der  Ausführung  der  yoni-mudrä.  Darum  ver- 
wende man  Eifer  auf  sie,  wenn  man  nach  der  Erlösung  verlangt. 
II.  Vajroli-mudrä  (Gh.  III,  45—48;  H.  III,  83—92;  Fig.  59). 


1)  Die  englische  Übersetzung  hat:    ,,  .  .  .  the  upper  lip  with  the  fore 
fingers,  and  the  lower  hp  with  the  httle  fingers." 

2)  Die  Kundali. 


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—       20I       — 

Man  stütze  sich  mit  den  beiden  Handflächen  auf  die  Erde, 
strecke  das  Fußpaar  hoch  und  den  Kopf  in  die  Luft,  um  die 
Sakti  zu  erwecken  und  ein  langes  Leben  zu  erreichen.  Das 
nennen  die  Heiligen  vajroll-mudrä. 

46.  Diese  Praktik  ist  die  vorzüglichste,  die  Ursache  der 
Erlösung  für  die  Yogin's ;  diese  Praktik  bringt  den  Yogin's  Heil 
und  verleiht  ihnen  Vollendung. 

47.  Dank  dieser  Praktik  tritt  sicherlich  Vollendung  in  be- 
zug  auf  die  Tropfen  i)  ein ;  und  wem  diese  sehr  mühevolle  Tropfen- 
Vollendung  geglückt  ist,  was  glückt  dem  nicht  alles  auf  dem 
Erdenrunde ! 

48.  Wenn  man  diese  mudrä  ausübt,  erlangt  man  trotzdem 
bestimmt  jegliche  Vollendung,  wenn  man  auch  zahlreichen  Ge- 
nüssen hingegeben  ist. 

H.  (bei  Walter  p.  33):  ,,Duas  res,  quas  quilibet  adipisci 
non  potest,  hoc  loco  commemorabo;  quarum  una  est  lac,  altera 
femina  obsequiosa. 

85.  Inter  coitum  yogi  contractione  semen  lente  ascendere 
cogat,  quomodo  et  vir  et  femina  vajrolim  adipisci  possunt. 

86.  Calamo  idoneo  yogi  intente  paulatimque  in  penis 
foramen  .  .  .  spiret,  spiritui  viae  faciendae  causa. 

Sy.  Guttam  in  pudenda  feminae  casuram  exercitatione 
reverti  cogat;  si  autem  ceciderit  propria  gutta,  eam  reverti 
cogat  servetque. 

d>d>.  Yogi  ita  guttam  servans  mortem  vincet;  nam  ut  gutta 
lapsa  mortem,  eodem  modo  retenta  vitam  indicat. 

8g.  Gutta  servata  odor  iucundus  exoritur  in  corpore;  unde 
timor  mortis,  dum  gutta  servatur  in  corpore? 

90.  In  animo  semen  virile,  in  semine  vita  nititur;  diligenter 
igitur  animus  semenque  servanda  sunt  ..." 

Als  Unterarten  der  Vajroli  wenden  H.  HI,  92  die  Sahajoli 
und  Amaroll  bezeichnet,  ,,weil  sie  zum  nämlichen  Resultat 
führen".    Ihre  Beschreibung  lautet  bei  Walter  p.  33  f.: 

Sahajoli  (H.  III,  93 — 95). 
Nachdem  sie  gute  aus  verbranntem  Kuhdünger  bestehende 
Asche  mit  Wasser  gemischt  haben,  sollen  sich  der  Mann  und  das 


1)  „Retention  of  seed". 


202       — 


Weib  nach  dem  Vajroli-coitus  einreiben,  und  dann  in  beliebiger 
Stellung  kurze  Zeit  müßig  dasitzen. 

94.  Diese  immer  zuverlässige  Übung  wird  von  den  Yogin 
Sahajoli  genannt;  sie  verleiht  Schönheit  und  führt,  obgleich  sie 
mit  Genuß  verbunden  ist,  zur  Erlösung. 

95.  Möge  dieser  Yoga  gelingen  den  Verdienstvollen,  den 
Ausharrenden,  denen,  die  die  Wahrheit  sagen,  den  nicht  Nei- 
dischen, nicht  aber  den  Mißgünstigen. 

Amaroli  (H.  III,  96 — 103). 
Den  ersten  Somastrom  läßt  man  vorüber,  weil  er  zu  viel  Galle 
enthält;  den  letzten,  weil  er  zu  saftlos  ist,  dagegen  gibt  man 
sich  ab  mit  dem  kühlen  mittleren  Strom.    Das  ist  die  Amaroli 
nach  der  von  Käpälika  herrührenden  Meinung  Khanda's. 

97.  Wenn  man  beständig  Aman  (Soma)  trinkt,  täglich  das 
Nasya^)  übt  und  Vajroli  richtig  ausführt,  so  heißt  das  Amaroli. 

98.  Die  durch  die  Übung  herausgetretene  Cändri  (Soma) 
vermische  man  mit  Kuhdüngerasche  und  lege  die  Mischung  auf 
den  oberen  Teil  des  Körpers;  so  wird  man  helläugig. 

99.  Viri  semine  peritia  usu  comparata  hausto  femina,  si 
menstrua  quoque  eodem  modo  (Vajroli)  servare  potest,  Yogini 
appellatur. 

100.  Menstruorum  sine  dubio  ea  nihil  perdet ;  in  eins  corpore 
näda  cum  anusvära  jungitur. 2) 

loi.  Gutta  menstruisque  in  corpore  coniunctis  femina 
exercitatio  ne,  quae  vajroli  appellatur,  omnem  siddhim^)  ad- 
ipiscitur. 

102.  Quae,  quum  menstrua  ascendere  coegerit,  ea  supra 
servare  potest,  Yogini  est;  et  praeterita  et  futura  noscit;  certe 
Khecari  fit  (i.  e.  facultatem  in  aere  incedendi  adipiscitur). 

103.  Durch  den  Yoga  der  Vajroli  erlangt  man  auch  körper- 
liche Vollendung.  Dieser  heilbringende  Yoga  führt  zur  Er- 
lösung, während  er  zugleich  mit  Genuß  verbunden  ist. 


1)  Nach  dem  Kommentare  wird  dadurch  vermittelst  des  Atems  Aman 
(Soma)  in  die  Nase  gebracht. 

*)  Näda  ist  der  innere  Laut,  den  man  bei  einer  bestimmten  Yoga- 
Übung  vernimmt;  er  soll  mit  Om  identisch  sein,  dessen  m  dann  der  anu- 
svära wäre. 

3)  Vollendmig. 


—      203      — 

12.    Sakticälani-mudrä   (Gh.    III,    49 — 60;    H.   III,   104  ff; 

Fig.  60). 

49.  Die  höchste  Göttin,  Kundali,  ruht  schlafend  im  Rectum, 
die  Ätma-Sakti;  sie  hat  die  Gestalt  einer  Schlange  und  besitzt 
drei  und  ein  halbe  Windung. 

50.  So  lange  sie  im  Leibe  schläft,  ist  Jiva  wie  ein  Vieh;  so 
lange  kommt  kein  Wissen,  ob  man  schon  zehn  Millionen  Yoga- 
Übungen  vollbringt. 

51.  Wie  man  ein  Torweg  mit  dem  Schlüssel  gewaltsam 
öffnet,  so  bringt  man  durch  das  Aufwecken  der  Kundalini  die 
Tür  Brahman's  zum  Klaffen. 

52.  Den  Nabel  mit  einem  Tuche  umwunden  und  nicht 
nackt  draußen  befindlich,  sondern  in  einem  geheimen  Gemach 
verweilend  übe  man  das  Sakticälana. 

53.  Eine  Elle  in  der  Länge  messend,  in  der  Breite  vier  Zoll, 
weich,  weiß  und  zart:  das  sind  die  Merkmale  des  Tuches  zum 
Umgürten.  Im  Besitz  eines  solchen  Tuches  verbinde  man  es 
mit  der  Hüftschnur. 

54.  Man  bestreiche  den  Körper  mit  Asche,  nehme  die 
5*W^Ä(^-Positur  ein,  ziehe  die  Luft  durch  die  Nasenlöcher  ein 
und  vereinige  sie  kräftig  mit  dem  Abwinde. 

55.  So  lange  ziehe  man  langsam  vermittelst  der  Asvini- 
mudrä  die  Schamgegend  zusammen,  bis  die  Luft  in  der  Su- 
sumnä  entlang  geht  und  sich  kräftig  kundgibt .  .  . 

57.  Ohne  das  Sakticälana  gelingt  die  Yonimudrä  nicht ;  darum 
übe  man  zuerst  das  Cälana  und  studiere  dann  die  Yonimudrä. 

H.  (bei  Walter  p.  35  f.)  gibt  in  104 — 112  zunächst  eine 
mystische  Schilderung  der  Kundali,  die  in  105  fast  ganz  mit 
Gh.  (51)  übereinstimmt,  und  fährt  dann  fort:  ,,Kanda  ist  eine 
Spanne  oberhalb  [des  Rectum],  4  angula  (  =  3  Zoll)  im  Durch- 
messer, weich,  glänzend  und  durch  ein  gürtelartiges  Kleidungs- 
stück bezeichnet. 

114.  Man  nehme  die  Stellung  des  Vajräsana  ein,  halte  mit 
den  Händen  beide  Füße  in  der  Nähe  der  Fußknöchel  fest  und 
drücke  den  Kanda  stark. 

115.  In  dem  Vajräsana  verweilend,  ,, bewege"  der  Yogin 
die  Kundali,  darauf  führe  er  den  Bhasträkumbhaka  aus  und 
wecke  die  Kundali  auf. 


—      204      — 

ii6.  Man  drücke  den  Sürya^)  zusammen  und  ,, bewege" 
die  Kundali ;  wie  sollte  sich  dann  selbst  einer,  der  sich  im  Rachen 
des  Todes  befindet,  noch  vor  dem  Tode  fürchten? 

117.  Durch  das  Hinundherbe  wegen  gelangt  jene  auf  die 
Dauer  von  zwei  muhürta  (  =  1V2  St.)  ohne  Gefahr  in  die  Susumnä 
und  wird  etwas  aufwärts  gezogen. 

118.  Dadurch  verläßt  die  Kundali  sicher  die  Mündung  der 
Susumnä,  und  der  Atem  geht  von  selbst  in  die  Susumnä. 

119.  Darum  ,, bewege"  man  immer  die  ruhig  schlummernde 
ArundhatP),  denn  durch  das  Bewegen  derselben  wird  der  Yogin 
von  Krankheiten  befreit. 

120.  Der  Yogin,  durch  den  die  Sakti  bewegt  wird,  wird  der 
acht  Zauberkräfte  teilhaft  werden.  Wozu  sollte  ich  noch  mehr 
sagen?  Den  Tod  besiegt  er  spielend  ..." 

13.  Tadägi-mudrä  (Gh.  III,  61;  fehlt  inH.;  Fig.  61  und  62). 

Wenn  man  die  Pascimottäna-Positur  vornimmt  und  den 
Bauch  in  die  Form  eines  Wasserloches  bringt,  so  ist  das  die 
hohe  mudrä  Tadägi,  die  Alter  und  Tod  vernichtet. 

14.  Mändüki -mudrä  (Gh.  III,  62 — 63;  fehlt  in  H.;  Fig.  63). 

Man  mache  den  Mund  verschlossen,  bewege  die  Zungen- 
spitze (gegen  den  Gaumen)  und  koste  langsam  den  Nektar.  Das 
kennt  man  als  die  Mändüki-mudrä. 

63.  Wer  beständig  die  Mändüki  ausführt,  bei  dem  entstehen 
keine  Runzeln  und  keine  grauen  Haare;  er  hat  ewige  Jugend, 
und  das  Haar  wird  nicht  reif. 

15.  Sämbhavi-mudrä  (Gh.  III,  64—67 ;  H.  IV,  36— 37;  Fig.  64). 

Indem  man  den  Raum  zwischen  den  Augen  ansieht,  be- 
trachte man  Ätmäräma.  Das  ist  die  Sämbhavi-mudrä,  die  in 
allen  Tantra-Schriften  geheim  gehalten  wird. 

65.  Die  Veden,  profanen  Schriften  und  Puräna's  sind  wie 
gemeinschaftliche  Hetären;  diese  Sämbhavi-mudrä  aber  bleibt 
verborgen  wie  eine  ehrbare  Frau.^) 

66.  Der  wahrhch  ist  der  Anfangsherr,  der  Näräyana  selbst, 
der  der  schöpferische  Brahman,  der  die  Sämbhavi-mudrä  kennt. 


1)  Das  in  der  Nabelgegend  befindliche  Feuer. 

2)  =  Kundali. 

3)  ==  H  IV.   35. 


—      205      — 

67.  Wahr,  wahr,  und  nochmals  wahr  hat  man  gesprochen, 
wenn  man  sagt,  o  großer  Herr :  Wer  die  Sämbhavi  kennt,  der  ist 
Brahman;  nicht  anders. 

H.  (bei  Walter  p.  42):  ,,Man  richte  das  Auge,  dasselbe 
weder  auf-  noch  zumachend,  auf  eme  Stelle  an  der  Oberfläche 
des  Körpers,  die  dem  entspricht,  was  im  Innern  wahrzunehmen 
ist  (d.  h.  man  fixiere  einen  der  mystischen  Kreise).  Dies  ist  die 
Sämbhavi  Mudrä,  die  in  den  heiligen  Schriften  bewahrt  wird  .  .  . 

37.  Wenn  der  Yogin  Bewußtsein  und  Atem  auf  das  inner- 
lich Wahrnehmbare  konzentriert  hat  und  mit  gesenktem  Kopf . .  . 
und  unbeweglichem  Augapfel  die  Stelle  außerhalb  des  Körpers 
betrachtet  und  doch  nicht  betrachtet  (denn  in  Wirklichkeit  ist 
ja  seine  ganze  Aufmerksamkeit  auf  das  innerlich  Wahnehmbare 
gerichtet),  so  entsteht  diese  Mudrä  Sämbhavi,  die  bloß  durch  die 
Gunst  des  Lehrers  zu  erlangen  ist,  und  es  entspringt  jene  höchste, 
seligmachende  Wirklichkeit,  deren  Kennzeichen  die  Erlösung  ist. 

16.  Pärthividhäranä-mudrä  (Gh.  III,  68 — 71;  fehlt  in  H.; 

Fig.  65). 
Die  Sämbhavi  ist  besprochen  worden;  höre  nun  von  den 
fünf  Dhäranä's.     Wenn  man  die   Dhäranä  erreicht  hat,   was 
glückt  einem  dann  nicht  auf  dem  Erdenrunde! 

69.  Dadurch  kann  man  mit  dem  Menschenleibe  die  Himmel 
besuchen  und  verlassen;  man  kann  mit  Gedankenschnelle  hin- 
gehen, wohin  man  will,  und  wandelt  in  der  Luft;  nicht  anders. 

70.  The  Prithivi-Tattva  has  the  color  of  orpiment  (yellow), 
the  letter  la  is  its  secret  symbol  or  seed,  its  form  is  four-sided, 
and  Brahma  is  its  presiding  deity.  Place  this  Tattva  in  the  heart, 
and  fix  by  Kumbhaka  the  Präna-Väyus  and  the  Chitta  there 
for  the  period  of  five  ghatikas  (2V2  hours).  This  is  called 
Adhodhävana.  By  this,  one  conquers  the  Earth  and  no  earthy- 
elements  can  injure  him;  and  it  causes  steadiness.^) 

71.  Wer  die  Pärthividhäranä-mudrä  beständig  ausführt, 
der  wird  selbst  zum  Todbesieger  und  wandelt  als  Vollendeter 
auf  Erden. 


1)  Ich  gebe  hier  die  englische  Übersetzung,  da  ich  bei  der  Beschaffen- 
heit der  Stelle  im  Original  ohne  einheimischen  Kommentar  nicht  in  der 
Lage  bin,  einen  befriedigenden  Sinn  herauszubekommen. 


—     2o6     

17.  Ämbhasi  Dhäranämudrä  (Gh.  III,  72 — 74;  fehlt  in  H.  ; 

Fig.  66). 
Einer  Muschel  oder  dem  Monde  ähnlich,  weiß  wie  Jasmin, 
hinreichend  glänzend,  mit  dem  Buchstaben  v  als  dem  Symbole 
ihres  Nekters  versehen,  immer  in  Verbindung  mit  Vsniu  —  so 
ist  das  Wesen  (der  ämbhasi).  Wenn  man  dabei  fünf  ghatikäs 
den  Atem  samt  dem  Denken  verborgen  festhält,  so  ist  das  die 
ämbhasi  dhäranä,  die  unerträgliche  Qualen  und  Sünden  fort- 
nimmt. 

73.  Der  Yoga-Kenner,  der  diese  höchste  ämbhasi  dhäranä 
versteht,  findet  selbst  in  tiefem,  grausigem  Wasser  keineswegs 
den  Tod. 

74.  Diese  höchste  mudrä  aber  ist  sorgfältig  geheim  zu  halten ; 
wird  sie  ausposaunt,  so  schwindet  die  Vollendung;  wirklich,  ich 
sage  die  Wahrheit. 

18.  Ägneyi  Dhäranämudrä  (Gh.  III,  75 — 76;  fehlt  in  H. ; 

Fig.  67). 

Was  sich  am  Nabel  befindet,  einem  Indragopa^)  (an  Farbe) 
gleicht,  als  Symbol  r  hat,  Dreiecksgestalt  besitzt,  aus  Glut 
besteht,  leuchtend,  rot,  mit  Rudra  verbunden  ist  und  Vollendung 
verleiht  —  in  diesem  Tattva  halte  man  den  Atem  samt  dem 
Denken  fünf  ghatikäs  verborgen  an :  das  ist  die  Feuer-Dhäranä, 
die  die  tiefe  Furcht  vor  dem  Todesgotte  beseitigt. 

76.  Wenn  der  Adept  in  brennendes,  flammendes  Feuer 
fällt,  bleibt  er  dank  dieser  mudrä  am  Leben  und  wird  nicht  des 
Todes  teilhaftig. 

19.  Väyavi  Dhäranämudrä  (Gh.  III,  "]"] — 79;  fehlt  in  H. ; 

Fig.  68). 

Was  (an  Farbe)  einer  Menge  schwarzer  Augensalbe  gleicht, 
von  rauchfarbigem  Aussehen  ist,  aus  Sattva  besteht,  den  Buch- 
staben y  (als  Symbol)  besitzt  und  als  (Schutz-)Gottheit  Isvara 
hat,  in  diesem  Tattva  halte  man  den  Atem  samt  dem  Denken 
fünf  ghatikäs  verborgen  an.  Das  ist  die  väyavi  dhäranä,  die 
(den  Adepten)  in  der  Luft  wandeln  macht. 

78.  Diese  höchste  mudrä  aber  vernichtet  Alter  und  Tod; 
man  stirbt  nicht  vom  Winde ;  sie  ist  die  Spenderin  des  Wandeins 
in  der  Luft. 


1)  Coccinella  oder  Leuchtkäfer. 


—      207      — 

79-  Sie  ist  nicht  jedem  beliebigen  Hinterlistigen  und  Glau- 
benslosen anzuvertrauen.  Geschieht  es  aber  doch,  so  schwindet 
die  Vollkommenheit  .  .  . 

20.   Äkäsi  Dhäranämudrä   (Gh.   III,   80 — 81;   fehlt  in  H. ; 

Fig.  69). 

Was  dem  trefflichen,  reinen  Wasser  im  Meere  gleicht,  den 
hohen  Glanz  des  Himmels  hat,  als  Gottheit  den  Sadäsiva  und 
als  Symbol  den  Laut  h  besitzt,  in  diesem  Tattva  halte  man  den 
Atem  samt  dem  Denken  fünf  ghatikäs  verborgen  an.  Damit 
vollbringt  man  die  Äther-Dhäranä,  die  die  Torflügel  zur  Er- 
lösung sich  öffnen  macht. 

81.  Wer  die  mudrä  Äkäsi  Dhäranä  kennt,  der  ist  ein  Yoga- 
Kenner;  zu  ihm  kommt  der  Tod  nicht,  und  (selbst)  beim  Welt- 
untergang gerät  er  nicht  in  Verlegenheit. 

21.  Asvini -mudrä  (Gh.  III,  82 — 83;  fehlt  in  H.). 

Wenn  man  die  Öffnung  des  Anus  immer  wieder  zusammen- 
zieht und  ausdehnt,  so  ist  das  die  asvini  mudrä,  die  das  Er- 
wachen der  Sakti  bewirkt. 

83.  Die  asvini  mudrä  ist  sehr  wichtig;  sie  beseitigt  die 
Krankheiten  des  Rectum,  bewirkt  Stärkung  der  Kraft  und  ver- 
hindert einen  vorzeitigen  Tod. 
22.   Päsini -mudrä  (Gh.  III,  84—85;  fehlt  in  H.;  Fig.  71). 

Man  tue  die  Füße  in  fester  Umschhngung  wie  eine  Schlinge 
hinter  den  Hals.  Das  ist  eben  die  päsini  mudrä,  die  das  Er- 
wachen der  Sakti  bewirkt. 

85.  Die  päsini  ist  eine  große  mudrä,  die  Stärkung  der  Kraft 
bereitet.    Sie  muß  von  den  Adepten,  die  nach  Vollendung  ver- 
langen, eifrig  ausgeführt  werden. 
23.  Käki -mudrä  (Gh.  III,  86—87;  fehlt  in  H.;  Fig.  72.) 

Wenn  man  ganz  langsam  mit  dem  Munde  wie  mit  einem 
Krähenschnabel  die  Luft  trinkt,  so  ist  das  die  käkl-mudrä,  die 
alle  Krankheiten  beseitigt. 

87.  Die  käki-mudrä  ist  eine  hohe  mudrä,  die  in  allen  Tantra- 
Texten  geheim  gehalten  wird.    Bloß  ihr  ist  es  zu  danken,  daß 
(der  betr.  Adept)  wie  eine  Krähe  nicht  krank  wird. 
24.  Mätangini  -mudrä  (Gh.  III,  88 — 91;  fehlt  in  H. ;  Fig.  73). 

Indem  man  im  Wasser  steht,  welches  bis  zum  Halse  reicht, 
ziehe  man  durch  die  Nasenlöcher  Wasser  ein  und  lasse  es  aus 


—     2o8      — 

dem  Munde  wieder  heraus.    Dann  wiederum  ziehe  man  es  mit 
dem  Munde  ein 

89.  und  gebe  es  dann  durch  die  Nasenlöcher  wieder  von 
sich.  So  tue  man  immer  und  immer  wieder;  das  ist  die  hohe 
mätangini  mudrä,  die  Alter  und  Tod  vernichtet. 

90.  An  einem  einsamen,  menschenleeren  Orte  befindlich 
vollbringe  man  mit  konzentrierten  Gedanken  die  mätangini 
mudrä;  dann  wird  man  wie  ein  Elefant. 

91.  Wo  auch  immer  ein  solcher  Yogin  weilt,  er  erlangt  un- 
endliches Glück.  Darum  soll  man  mit  allem  Eifer  jene  hohe 
mudrä  vollziehen. 

25.  Bhujamgini- mudrä  (Gh.  III,  92 — 93;  fehlt  in  H.;  Fig.  74). 

Wenn  man  den  Mund  etwas  vorstreckt  und  die  Luft  mit 
der  Kehle  einzieht,  so  ist  das  die  Bhujagi-mudrä,  die  Alter  und 
Tod  vernichtet. 

93.  So  viele  Krankheiten  im  Leibe  sind,  besonders  Indi- 
gestion etc.,  das  alles  beseitigt  schnell  die  bhujamgini-mudrä, 
wo  (sie  ausgeführt  wird). 

Es  folgt  dann  in  Gh.  III,  94 — 100  noch  eine  zusammen- 
fassende, allgemeine  Lobpreisung  der  mudrä's,  von  ihren  heil- 
kräftigen Wirkungen  etc.,  die  auch  bei  H.  etwas  Entsprechen- 
des hat. 

4.  Pratyähära. 

Die  ,, Zurückziehung  der  Sinne  von  den  Sinnesobjekten", 
wie  die  sinngemäße  Übersetzung  von  pratyähära  lautet,  oder 
kürzer  ,, Konzentration",  bildet  eine  weitere  Stufe  in  der  Ent- 
wicklung des  Yoga- Adepten ;  durch  ihre  bloße  Kenntnis  gehen 
alle  Feinde  der  Erlösung,  wie  z.  B.  Lust,  zugrunde,  heißt  es 
Gh.  IV,  i;  und  sie  fährt  dann  fort: 

2.  Wohin  auch  immer  der  bewegliche,  unbeständige  Geist 
abschweift,  man  lenke  ihn  von  dort  ab  und  bringe  ihn  unter 
seine  eigene  Botmäßigkeit. 

3.  Wohin  auch  immer  der  Blick  sich  richtet,  dorthin  eilt 
der  Geist.  Daher  ziehe  man  ihn  zurück  und  bringe  ihn  unter 
seine  eigene  Botmäßigkeit. 

4.  Hervorheben  oder  Verdunkeln,  HebUch  Anzuhörendes 
oder  Furcht  Bereitendes  —  man  lenke  den  Geist  davon  ab  imd 
bringe  ihn  unter  seine  eigene  Botmäßigkeit. 


00 


5 

CT 

CT 


—      209      — 

5-  Was  kalt  oder  auch  warm  ist,  wenn  man  in  Berührung 
damit  tritt  —  man  ziehe  den  Geist  davon  zurück  und  bringe  ihn 
unter  seine  eigene  Botmäßigkeit. 

6.  An  welchen  Düften  der  Geist  hängt,  an  Wohlriechendem 
oder  Übelriechendem  —  man  ziehe  ihn  davon  zurück  und  bringe 
ihn  unter  seine  eigene  Botmäßigkeit. 

7.  Wenn  der  Geist  sich  irgend  einem  Schmecken,  von 
Süßem,  Sauerem,  Bitterem  etc.  zuwendet,  so  ziehe  man  ihn 
davon  zurück  und  bringe  ihn  unter  seine  eigene  Botmäßigkeit. 

* 

5.   Pränäyäma  (Anhalten  des  Atems). 

Durch  die  Praktiken,  die  das  Anhalten  des  Atems  aus- 
machen, wird  man  nach  Gh.  V,  i  gottgleich,  und  vier  Erforder- 
nisse gehören  dazu,  um  einen  ganzen  Erfolg  davon  zu  haben: 
ein  günstiger  Platz,  eine  angemessene  Zeit,  mäßige  Nahrung  und 
viertens  die  Reinigung  der  Kanäle.  Allerdings  sind  das  alles 
Bedingungen,  die  der  Yogin  überhaupt  erfüllen  muß,  so  daß 
wir  sie  auch  in  anderem  Zusammenhange  in  den  einschlägigen 
Texten  finden.  Immerhin  mögen  sie  hier  einen  Platz  bekommen. 
Der  Platz  für  den  Yogin  (Gh.  V,  3 — 7;  H.  I,  12 — 14). 

Man  mache  mit  dem  Yoga  keinen  Anfang  in  einem  (von 
der  Heimat)  weit  entfernten  Lande,  im  Walde,  in  der  Residenz 
des  Königs,  mitten  unter  den  Leuten;  geschieht  es  aber  doch, 
so  vernichtet  er  den  Erfolg. 

4.  In  einem  fernen  Lande  fehlt  das  Vertrauen ;  im  Walde 
mangelt  es  an  Beschützern,  und  inmitten  der  Leute  ist 
Öffentlichkeit.    Darum  soll  man  diese  drei  meiden. 

5.  In  einer  schönen  Gegend,  einem  gerecht  regierten  Lande, 
wo  es  Almosen  genug  und  keine  Störungen  gibt,  baue  man  sich 
eine  Hütte,  die  mit  Einfriedigungen  umgeben  ist. 

6.  Innerhalb  der  Einfriedigung  sei  ein  Brunnen  und  ein 
Teich ;  die  Hütte  sei  nicht  zu  hoch  und  nicht  zu  niedrig  und  frei 
von  Insekten. 

7.  So  baue  man  sie,  gehörig  mit  Kuhmist  bestrichen  und 
der  (Fenster- )öffnungen  entbehrend,  und  so  übe  man  an  ver- 
steckter Stelle  pränäyäma. 

In  H  (bei  Walter  p.  2)  heißt  es:  „In  einem  wohlregierten, 
rechtschaffenen  Lande,  an  einem  ruhigen,  mit  Lebensmitteln 

Schmidt,  Fakire  und  Fakirtum.  I4 


—      2IO 


wohl  versehenen  Ort,  in  einer  einsamen  Zelle,  die  auf  eine  Ent- 
fernung von  einer  Bogenlänge  von  Felsen,  Feuer  und  Wasser 
abliegt,  soll  der  Hathayogin  wohnen. 

13.  Die  Zelle  sei  mit  einer  kleinen  Türe  versehen,  aber  ohne 
Fenster,  Vertiefung  und  sonstige  Öffnungen;  sie  sei  weder  zu 
hoch,  noch  zu  tief,  noch  zu  lang;  sie  sei  vorschriftsmäßig  mit 
Kuhmist  dick  bestrichen  und  frei  von  jeglichem  Ungeziefer. 
Außen  sei  sie  durch  Laube,  Altar  und  Brunnen  verschönt  und 
von  einer  Mauer  umgeben ;  so  wird  von  den  Vollendeten,  welche 
den  Hathayoga  üben,  das  Aussehen  einer  Yogazelle  geschildert. 

Die  Zeit  für  die  Ausübung  des  Yoga 
wird  in  Gh.  V,  8 — 15  dahin  bestimmt,  daß  der  angehende  Yogin 
Winter,  kühle  Jahreszeit,  Sommer  und  Regenzeit  meiden  soll; 
vielmehr  soll  er  im  Frühling  oder  Herbst  (März — April  resp. 
September — Oktober)  mit  seinen  Übungen  beginnen.  Dann  hat 
er  Erfolg  und  bleibt  von  Krankheiten  verschont. 

Mäßigkeit  im  Essen  (Gh.  V,  16 — 22). 

Wer  ohne  Mäßigkeit  im  Essen  mit  dem  Yoga  beginnt,  den 
suchen  mannigfache  Krankheiten  heim,  und  er  hat  in  keiner 
Weise  mit  dem  Yoga  Glück. 

17.  Der  Yogin  esse  Reisspeise  oder  Gerstenmehl,  ferner 
Weizenmehl,  Mungo-Bohnen,  mäsa-Bohnen^),  Kichererbsen  etc., 
gesäubert  und  ohne  Spelzen   .    .    .^) 

21.  Wenn  er  reine,  recht  süße,  geschmeidige  und  wohl- 
schmeckende Speise  mit  Vergnügen  genießt,  wobei  die  eine 
Hälfte  des  Magens  leer  bleibt,  so  kennt  man  das  als  Mäßigkeit 
im  Essen. 

22.  Mit  Speise  fülle  man  die  eine  Hälfte  des  Magens  an, 
mit  Wasser  das  dritte  Viertel,  den  vierten  Teil  spare  man  für 
das  Regulieren  des  Atems. 

Bei  H  (Walter  p.  9,  10)  lauten  die  entsprechenden  Vor- 
schriften I,  58,  62,  63:  ,, Unter  mäßiger  Nahrung  versteht  man 
milde  und  süße  Speise,  von  der  aber  bloß  drei  Viertel,  und  zwar 
nur  um  das  Leben  zu  fristen,  genossen  werden. 


1)  Phaseolus  radiatus. 

2)  Es  folgen  in  Str.  18 — 20  eine  ganze  Reihe  Pflanzen,  von  denen  gut 
zu  essen  ist. 


^ 


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1 


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211       — 

62.  Passende  Nahrung:  Gute  Speisen  aus  Weizen,  Reis, 
Gerste,  sästika^);  ferner  Milch,  zerlassene  Butter,  Sandzucker, 
frische  Butter,  Zucker,  Honig,  getrockneter  Ingwer,  die  fünf 
Gemüse,  deren  erstes  die  Patola-Frucht^)  ist,  Mudga  [  --  Mungo- 
bohne] u.  a.  und  reines  Wasser ;  das  paßt  für  einen  großen  Weisen. 

63.  Nährende,  süße,  fette,  aus  Milch  bestehende,  die  drei 
humores  des  Körpers  unterhaltende,  angenehme,  passende 
Speise  soll  der  Yogin  zu  sich  nehmen. 

Unter  den  verbotenen  Speisen  erscheinen  in  Gh.  V,  23  ff. 
eine  ganze  Reihe  von  Pflanzen  und  ihren  Produkten,  die  einzeln 
namhaft  zu  machen  deshalb  keinen  Zweck  hat,  weil  viele  davon 
sich  kaum  werden  identifizieren  lassen;  ganz  abgesehen  davon, 
daß  die  Lesarten  des  Textes  gewiß  verbesserungsfähig  sind. 
Daß  sich  die  verschiedenen  Regeln  auch  widersprechen  können, 
zeigt  z.  B.  Gh.  V,  26,  wo  frische  Butter,  zerlassene  Butter, 
Zucker  etc.  verboten  werden,  die  in  H.  I,  62  ausdrücklich  er- 
laubt werden! 

H,  (bei  Walter  p.  9)  kennt  als  unpassende  Speisen : ,, Beißen- 
des (wie  die  Kürbisart  Momordica  Charantia,  Kom.),  Saures  (wie 
die  Tamarindenfrucht),  Scharfes  (wie  der  Pfeffer),  Salziges, 
Heißes  (wieSyrup,  Kom.),  Haritasäka  (eine  Gemüseart),  sauem 
Reisschleim,  Sesamöl,  Sesam,  Senf,  berauschende  Getränke, 
Fische,  Fleischsorten  wie  Ziegenfleisch,  geronnene  Milch,  Butter- 
milch, Kulattha  (eine  Hülsenfrucht),  Judendorn,  Ölkuchen,  Asa 
foetida,  Knoblauch  usw. 

60.  Unpassende  Nahrung  soll  der  Yogin  kennen ;  es  sind  von 
ihm  ferner  zu  meiden:  Warmes,  Rauhes,  Versalzenes,  Saures, 
verdorbene  Speisen,  Säkotkata  [brennender  Pfeffer]." 

Reinigung  der  Kanäle  (Gh.  V,  32  ff.;  H.  I,  4  ff.)- 
32.  Der  Yogin  sitze  auf  einem   Kusa-Gras-Sitz,   oder  auf 

einem  Antilopenfelle,  oder  auf  einem  Tigerfelle,  oder  auf  einer 

wollenen  Decke,  oder  auf  der  Erde,  mit  dem  Gesicht  nach  Osten 

oder  Norden. 

35.  Wenn   die  Kanäle   von  Unreinigkeiten   angefüllt   sind, 

kann  der  Wind  in  ihnen  nicht  entlang  gehen.   Wie  kann  also  das 


1)  In  sechzig  Tagen  reifendes  Getreide. 

2)  Trichosanthes  dioeca. 


14* 


—      212      — 

Anhalten  des  Atems  glücklich  ausgeführt,  wie  kann  die  Kennt- 
nis der  Wahrheit  erlangt  werden? 

36.  Darum  bemühe  man  sich  zunächst  um  die  Reinigung 
der  Kanäle  und  dann  um  das  Anhalten  des  Atems.  Die  Reinigung 
der  Kanäle  wird  als  zweifach  bezeichnet:  als  samanu  imd 
nirmanu. 

37.  Erstere  wird  vermittelst  [Rezitation  des]  Bija  aus- 
geführt, diese  durch  die  Läutenmgshandlungen  [s.  diese,  oben 
p.  179  ff] .  .  . 

38.  39.  Der  Yogin  setze  sich  auf  seinen  Sitz  und  führe  die 
Lotus-Positur  aus,  nehme  die  Verehrung  des  Meisters  vor,  ganz 
wie  es  ihm  von  diesem  gesagt  worden  ist,  und  vollziehe  die 
Reinigung  der  Kanäle,  um  den  Pränäyäma  richtig  vornehmen 
zu  können. 

40.  Indem  er  dann  über  das  Wind-Symbol  [den  Buchstaben  y  ] 
meditiert,  der  von  Farbe  rauchig  ist  und  Tejas  enthält,  soll  der 
Verständige  mit  dem  Candra-Kanale  [dem  linken  Nasenloche] 
die  Luft  einziehen,  indem  er  das  Symbol  sechzehnmal  wiederholt. 

41.  Vermittelst  Kumbhaka  halte  er  ihn  so  lange  an,  als 
man  braucht,  vierundsechzigmal  jenes  Symbol  zu  wiederholen, 
und  stoße  dann  die  Luft  aus  dem  Sürya-Kanale  [dem  rechten 
Nasenloche]  in  der  Zeit  von  zweiunddreißig  solchen  Wieder- 
holungen wieder  aus. 

42.  Nachdem  man  von  der  Nabelgegend  das  Feuer  sich 
hat  erheben  lassen,  meditiere  man  über  das  mit  der  Erde  ver- 
bundene Tejas  und  ziehe  mit  dem  Sürya-Kanale  [dem  rechten 
Nasenloche]  während  einer  sechszehnmaligen  Wiederholung  des 
Feuersymbols  [r]  die  Luft  ein; 

43.  vermittelst  Kumbhaka  halte  man  ihn  so  lange  an,  als  man 
braucht,  um  vierundsechzigmal  jenes  Symbol  zu  wiederholen, 
und  stoße  dann  die  Luft  aus  dem  Sasin-Kanale  [dem  linken 
Nasenloche]  in  der  Zeit  von  zweiunddreißig  solchen  Wieder- 
holungen wieder  aus. 

44.  Man  meditiere  über  das  Mondrund  an  der  Nasenspitze, 
welches  von  Glanz  erfüllt  ist,  ziehe  die  Luft  mit  sechzehn- 
maliger Wiederholung  des  Symbols  tha  vermittelst  der  idä  [des 
linken  Nasenloches]  ein, 


—      213      — 

45-  und  halte  sie  so  lange  an,  als  man  br£iucht,  um  vier- 
undsechzigmal  das  Symbol  va  zu  wiederholen.  Dann  meditiere 
man  über  den  Nektar,  der  zum  Fließen  gebracht  wird ;  stelle  sich 
vor,  daß  er  durch  die  Gefäße  geläutert  wird,i)  und  stoße  die 
Luft  unter  zweiunddreißigmaliger  Wiederholung  des  Lautes 
la  .  .  .  wieder  aus. 

46.  Nachdem  man  diese  also  beschaffene   Reinigung  der 
Gefäße  vorgenommen  hat,  setze  man  sich  in  irgend  einer  Positur 
fest  hin  und  beginne  mit  dem  eigentlichen  pränäyäma." 
Die  verschiedenen  Arten  des  Kumbhaka. 

Gh.  V,  47  zählt  acht  Arten  des  Kumbhaka  auf;  nämlich 
sahita,  süryabheda,  ujjäyl,  sltali,  hhastrikä,  hhräman,  mürchä 
und  kevali. 

1)  sahita  (Gh.  V,  48 — 60): 

48.  sahita  wird  als  zweifach  bezeichnet :  als  a)  sagarbha  und 
b)  nirgarhha.  Der  erst  er  e  wird  ausgeführt  unter  Aussprechung 
des  Symbols;  der  andere  ist  ohne  dieses. 

a)  49.  Nun  will  ich  dir  zuerst  die  sagarbha- Anhdltmig  des 
Atems  schildern.  Man  setze  sich  mit  dem  Gesicht  nach  Osten 
oder  Norden  auf  einen  bequemen  Sitz, 

50.  gedenke  an  (Gott)  Brahman  mit  der  Qualität  Rajas, 
von  roter  Farbe,  in  Gestalt  des  Lautes  a,  und  ziehe  die  Luft  mit 
dem  linken  Nasenloch  ein  unter  sechzehnmaliger  Wiederholung 
(von  am). 

51.  Am  Ende  des  Einatmens  und  zu  Beginn  des  Anhaltens 
ist  aber  der  uddlyänabandha  auszuführen.  Man  meditiere  über 
den  aus  (der  Qualität)  Sattva  bestehenden  (Gott)  Hari,  den 
schwarzfarbigen,  in  Gestalt  des  Lautes  u, 

52.  und  halte  (den  Atem)  vermittelst  Kumbhaka  unter 
vierundsechzigmaliger  Wiederholung  (des  Lautes  u)  an.  Indem 
man  dann  an  den  aus  (der  Qualität)  Tamas  bestehenden,  weiß- 
farbigen (Gott)  Siva  in  Gestalt  des  Lautes  ma  denkt, 

53.  atme  man  während  zweiunddreißigmaliger  Wieder- 
holung (des  Lautes  ma)  wieder  nach  Vorschrift  aus.    Immer 


1)  ,,In  the  meanwhile  imagine  (or  contemplate)  that  the  nectar  flowing 
from  the  moon  at  the  tip  of  the  nose  runs  through  all  the  vessels  of  the 
body,  and  purifies  them.  Thus  contemplating,  let  him  expel  the  air  by 
repeating  thirty-two  times  the  Prithivi-Bija  [-Erdsymbol]  {lam)." 


—      214      — 

wieder  ziehe  man  die  Luft  dem  mit  rechten  Nasenloche  ein,  halte 
sie  vermittelst  Kumhhaka  an 

54.  und  stoße  sie  aus  dem  linken  Nasenloche  dann  wieder 
aus,  mit  Wiederholung  des  betreffenden  Symbols.  Immer  wieder 
aber  führe  man  das  vorwärts  und  rückwärts  der  Reihe  nach  aus. 

55.  Am  Ende  des  Einatmens  folgt  das  Anhalten,  wobei 
man  die  beiden  Nasenflügel  mit  dem  Daumen,  dem  Ring-  und 
dem  kleinen  Finger  schließt,  ohne  Zeige-  und  Mittelfinger  (zu 
benutzen). 

b)  56.  Die  nirgarhha-AnhdMMng  des  Atems  aber  geschieht 
ohne  Symbol,  wobei  man  die  Fläche  der  linken  Hand  auf  das 
linke  Knie  legt. 

57.  Das  Einatmen,  Anhalten  und  Ausstoßen  der  Luft 
dauert  von  ein  bis  hundert  (Wiederholungen  des  betr.  Symbols). 
Die  beste  Zahl  ist  zwanzig,  die  mittlere  sechzehn, 

58.  die  geringste  zwanzig  Wiederholungen i):  so  sind  die 
pränäyamä's  als  dreifach  bekannt.  Bei  der  geringsten  entsteht 
Hitze,  bei  der  mittleren  Schwanken  des  Körpers; 

59.  bei  der  besten  verläßt  man  den  Fußboden:  so  ist  das 
Merkmal  der  (mit  pränäyäma  verbundenen)  Vollendung  ein  drei- 
faches. Infolge  von  Atemhaltung  schwebt  man  in  der  Luft,  die 
Krankheiten  verschwinden, 

60.  man  erweckt  die  Energie  (Sakti),  es  ergibt  sich  manon- 
mani,  im  Herzen  entsteht  Wonne,  und  glücklich  wird,  wer  den 
Atem  anhält. 

[H.  II,  71  sagt  nur,  daß  der  Kumbhaka  aus  zwei  Klassen 
bestehen  solle:  aus  sahita  und  kevala.] 
2.  Süryabheda  -Kumbhaka  (Gh.  V,  61 — 71  =  H.  II,  48 — 50). 

61 Man  ziehe  die  äußere  Luft  mit  aller  Kraft  durch 

den  Sonnenkanal  (das  rechte  Nasenloch)  ein 

62.  und  halte  sie  mit  vielem  Eifer  vermittelst  Kumbhaka 
und  der  jälandhara-Praktiken;  und  zwar  soll  man  Kumbhaka 
so  lange  ausführen,  bis  der  Schweiß  aus  Zehen  und  Haaren 
kommt  .... 


1)  Nach  der  englischen  Übersetzung  verhalten  sich  dann  Einatmen, 
Anhalten  und  Ausatmen  wie  20  :  80  :  40  resp.  16:  64  :  32  resp.  12  :  48  :  24 
Sekunden. 


—      215      — 

69.  Mit  dem  linken  Nasenloch  atme  man  danach  fest  und 
mit  ungehemmtem  Ungestüm  aus. 

70.  Dann  ziehe  man  die  Luft  wieder  mit  dem  rechten  Nasen- 
loch ein,  halte  sie  nach  Vorschrift  an,  atme  sie  aus  und  vollziehe 
(diesen  süryabheda)  in  dieser  Reihenfolge  immer  wieder. 

71.  Er  vernichtet  Alter  und  Tod,  erweckt  die  Kraft  der 
Kundali  und  mehrt  das  Körperfeuer. 

H.  (bei  Walter  p.  18):  48.  ,,Auf  einem  angenehmen  Sitz 
verweile  der  Yogin  in  einem  Äsana  [einer  Positur]  und  ziehe 
langsam  die  äußere  Luft  durch  die  rechte  Nädi  [Nasenloch]  ein. 

49.  Man  verrichte  den  Kumbhaka,  bis  der  Atem  gehemmt 
ist  von  den  Haaren  bis  zu  den  Zehenspitzen,  dann  atme  man 
langsam  durch  die  linke  Nädi  die  Luft  wieder  aus. 

50.  Dieses  vortreffliche,  immer  und  immer  wieder  zu  übende 
Süryabhedana  reinigt  den  Kopf,  vernichtet  Atemkrankheiten 
und  beseitigt  die  durch  Würmer  hervorgebrachten  Störungen." 

3.  Ujjäyi-Kumbhaka  (Gh.  V,  72 — 75;  H.  II,  51 — 53). 

72.  Man  ziehe  die  Luft  mit  beiden  Nasenlöchern  ein  und 
halte  sie  im  Munde  an,  ziehe  die  Luft  aus  Lunge  und  Kehle 
ebenfalls  ein  und  halte  sie  im  Munde  an. 

73.  Nachdem  man  den  Mund  gereinigt  i)  und  wieder  ge- 
schlossen (?)  hat,  vollziehe  man  danach  den  jälandhara,  übe  nach 
Kräften  den  Kumbhaka  und  halte  ohne  Hemmnis  den  Atem  an. 

74.  Wenn  man  den  ujjäyi-Kumhhaka  ausführt,  erreicht 
man  alle  Ziele ;  es  gibt  keine  Schleimkrankheiten,  keine  harten 
Winde,  keine  Indigestion, 

75.  keine  Dysenterie,  keine  Schwindsucht,  keinen  Husten, 
kein  Fieber,  keine  Milzsucht.  Zur  Vernichtung  von  Alter  und 
Tod  vollziehe  man  den  ujjäyt- Kumbhaka. 

H.  (bei  Walter  p.  18):  ,,51.  Den  Mund  schließend  ziehe 
man  langsam  den  Atem  durch  die  beiden  Nädi  [Nasenlöcher] 
ein,  so  daß  er  hörbar  zwischen  Hals  und  Herzen  stecken  bleibe. 

52.  Wie  zuvor  halte  man  den  Atem  an  und  atme  durch  die 
Idä  [das  linke  Nasenloch]  wieder  aus;  dies  heilt  Phlegmakrank- 
heiten im  Hals  und  facht  das  Körperfeuer  (d.  h.  das  Verdauungs- 
feuer) an. 


1)  i.  e.  expelled  air  through  mouth. 


—      2l6      — 

53.  Dieser  Ujjäyl  genannte  Kumbhaka  soll  gehend  oder 
stehend  ausgeführt  werden;  er  vernichtet  die  Wassersucht  der 
Nädl  und  die  bis  zu  den  Dhätu  [Grundstoffen]  vordringenden 
Schäden." 

4.  Sitali-Kumbhaka  (Gh.  V,  76 — yy;  H.  II,  57 — 58). 

76.  Mit  der  Zunge  ziehe  man  die  Luft  an  und  fülle  sie  lang- 
sam in  den  Bauch;  führe  einen  Augenblick  den  Kumbhaka  aus 
und  stoße  sie  aus  beiden  Nasenlöchern  wieder  aus. 

77.  Der  Yogin  vollbringe  immerdar  den  glückverheißenden 
SUali-Kumbhaka;  dann  zeigt  sich  bei  ihm  weder  Indigestion 
noch  Phlegma  noch  Galle. 

H.  (bei  Walter  p.  19):  ,,57.  Mit  (herausgestreckter,  Kom.) 
Zunge  ziehe  der  Weise  den  Atem  ein,  führe  den  Kumbhaka  wie 
oben  beschrieben  aus  (Süryabhedana,  Kom.)  und  lasse  den 
Atem  langsam  durch  die  Nasenlöcher  wieder  heraus. 

Dem  Kom.  zufolge  soll  die  Zunge  dem  unteren  Teil  eines  Vogelschnabels 
gleich  gemacht  werden. 

58.  Krankheiten  wie  Gulma,  Milzkrankheit,  femer  Fieber, 
Gallsucht,  Hunger,  Durst,  Gift  überwindet  der  Sitali  genannte 
Kumbhaka." 

5.  Bhastrikä-Kumbhaka  (Gh.V,  yS — 80;  H.  II,  59 — 67. 

78.  Wie  der  Blabalg  der  Schmiede  sich  der  Reihe  nach 
hebt  und  senkt,  so  ziehe  man  den  Wind  durch  beide  Nasenlöcher 
langsam  ein. 

79.  Nachdem  man  das  zwanzigmal  gemacht  hat,  führe  man 
den  Kumbhaka  aus ;  bei  dessen  Beendigung  stoße  man  den  Wind 
wie  oben  gesagt  nach  Vorschrift  aus. 

80.  Dreimal  vollziehe  der  Weise  diesen  Bhastrikä-Kum- 
bhaka; dann  gibt  es  keine  Krankheit  und  keine  Mühsal,  sondern 
Gesundheit  alle  Tage. 

H  (bei  Walter  p.  19  f.)'  ,,59-  Die  beiden  gewaschenen 
Fußsohlen  lege  man  auf  die  beiden  Schenkel,  so  wird  daraus  das 
Padmäsana,  das  alle  Sünden  vernichtet. 

60.  Nachdem  der  Weise  das  Padmäsana  richtig  eingenom- 
men hat,  so  aber,  daß  Nacken  und  Bauch  eine  gerade  Linie 
bilden,  schließe  er  sorgfältig  den  Mund  und  lasse  den  Atem 
durch  die  Nase  heraus. 


—      21/       — 

6i.  So  daß  der  Atem  zwischen  Herz  und  Hals  (und  zwar) 
bis  zum  Kopf  hin  hörbar  stecken  bleibe,  ziehe  man  schnell  die 
Luft  bis  zum  Herzlotus  ein. 

62.  Immer  wieder  soll  man  auf  diese  Weise  ausatmen  und 
einatmen,  wie  der  Blasbalg,  der  durch  einen  Schmied  kräftig 
gehandhabt  wird. 

63.  So  möge  er  mit  Einsicht  den  in  seinem  Körper  befind- 
lichen Atem  in  Bewegung  bringen.  Zeigt  sich  Müdigkeit  im 
Körper,  so  atme  er  durch  Sürya  [das  rechte  Nasenloch]  ein. 

64.  Während  der  Bauch  mit  Luft  angefüllt  ist,  halte  man 
schnell  mit  allen  Fingern  außer  Mittelfinger  und  Zeigfinger  die 
Nase  fest  zu. 

65.  Nachdem  man  den  Kumbhaka  vorschriftsgemäß  aus- 
geführt hat,  atme  man  durch  die  Idä  [das  linke  Nasenloch]  die 
Luft  aus.  Dies  befreit  von  überflüssiger  Luft,  Galle  und  Phlegma 
und  belebt  das  Körperfeuer. 

66.  Dieser  Kumbhaka  weckt  schnell  die  Kundali,  reinigt, 
macht  glücklich,  ist  heilsam  und  beseitigt  alle  Hindemisse  wie 
Phlegma  usw.,  die  sich  am  Eingang  der  Brahmanädi  (Susumnä) 
ansammeln. 

67.  Er  löst  die  drei  im  Körper  (i.  e.  in  der  Susumnä,  Kom.) 
befindlichen  Granthi^).  Daher  sollte  dieser  Bhasträ  genannte 
Kumbhaka  ganz  besonders  geübt  werden." 

6.  Bhrämari -Kumbhaka  (Gh.  V,  81—85;  H.  II,  68). 

81.  Wenn  Mittemacht  vorüber  ist,  nehme  der  Yogin  an 
einem  Orte,  wo  es  keinen  Laut  von  lebenden  Wesen  gibt,  das 
Einatmen  und  Anhalten  des  Atems  vor,  indem  er  beide  Ohren 
mit  den  Händen  bedeckt. 

82.  Dann  hört  er  im  rechten  Ohr  einen  inneren,  glück- 
verheißenden Ton:  zuerst  den  Ton  der  Grille;  dann  weiter  den 
Ton  der  Laute; 

83.  weiterhin  den  Ton  der  Wolke  [=  Donner],  der  Trommel, 
der  Biene,  der  Glocke,  des  Gongs,  des  Weberschiffs,  der  Pauke, 
der  Kriegstrommel  etc.  So  entsteht  bei  beständiger  Übung  ein 
verschiedenartiger  Ton ; 


1)  Es  gibt  deren  drei;  der  Yogin  muß  sie  durch  seine  Atemgymnastik 
lösen.     Vgl.  Walter  XVII  f. 


—       2l8       — 

84.  schließlich  gibt  es  ein  Tönen  ohne  .Anschlag  (anähata 
sabda);  in  dessen  Erklingen  weilt  Licht,  in  dem  Lichte  weilt 
der  Geist. 

85.  Dann  geht  der  Geist  in  die  Auflösung  ein,  und  das  ist 
dann  die  höchste  Stätte  Visnu's.  So  erlangt  der  Mann,  dem  die 
hhräman  geglückt  ist,  glücklich  die  Versenkung. 

H  (bei  Walter  p.  20):  ,,So  schnell,  daß  es  hörbar  wird, 
atme  man  mit  dem  Summen  einer  männlichen  Biene  ein,  und 
langsam  mit  dem  Summen  einer  weiblichen  Biene  atme  man 
aus.  Durch  diese  fleißige  Übung  entsteht  in  der  Seele  der  großen 
Yogin  eine  gewisse  selige  Wonne." 

7.  Mürchä-Kumbhaka  (Gh  V,  86—87;  H  II,  69). 

86.  Nachdem  man  mit  Leichtigkeit  Kumbhaka  ausgeführt, 
den  Sinn  auf  die  Stelle  zwischen  den  Augenbrauen  gerichtet 
und  alle  Sinnesgegenstände  aufgegeben  hat,  ergibt  sich  die 
glückverleihende  Geistesbetäubung. 

Sy.  Infolge  der  Verbindung  des  Geistes  mit  dem  Ätman 
entsteht  sicherlich  Wonne.  So  entsteht  durch  beständige  Übung 
mannigfache  Wonne,  und  so  gelangt  man  auf  Grund  der  Übung 
zur  Vollkommenheit  der  Versenkung. 

H  (bei  Walter  p.  20):  ,, Nachdem  man  eingeatmet  hat, 
nehme  man  allmählich  die  Jälandhara-Stellung  ein,  und  atme 
langsam  aus;  dies  wird  Mürcchanä  genannt,  betäubt  den  Geist 
und  macht  glücklich." 

8.  Kevaii-Kumbhaka  (Gh  V,  88—101). 
S^.  Ergibt  sich  nicht  infolge  des  Atmens  der  ajapäS^i^Mchl'^) 
Mit  dem  Laute  ham  geht  der  Atem  aus,  mit  dem  Laute  sah  geht 
er  wieder  ein. 

89.  Einundzwanzigtausend  und  sechshundert  ist  die  Zahl 
des  Gebetes  namens  ajapä,  die  der  Lebende  Tag  und  Nacht 
immerdar  murmelt.^) 

90.  Wie  der  Hamsa  am  Perinaeum  weilt,  so  auch  im  Lotus 
Herz,  so  auch  in  dem  Nasenlöcherpaar:  mit  drei  (Stätten)  trifft 
der  Hamsa  zusammen. 


1)  :=  hamsa-Spruch.      Die   nächsten  Worte  geben    die  Erklärung,    wie 
man  hamsa  (=  Gans,  Schwan)  erhält. 

2)  Also  in  der  Minute  fünfzehn  Atemzüge. 


—      219      — 

91.  Sechsundneunzig  Zoll  (in  der  Länge)  mißt  der  Leib  (des 
Atems)  in  Hinsicht  auf  seine  Betätigung;  der  aus  dem  Körper 
herausgehende  in  der  Regel  zwölf  Zoll. 

92.  Beim  Singen  ist  er  sechszehn  Zoll  lang,  beim  Essen 
zwanzig,  beim  Gehen  vierundzwanzig,  im  Schlafe  dreißig; 

93.  bei  der  Begattung  gilt  er  für  sechsunddreißig  Zoll  lang, 
und  bei  körperlicher  Anstrengung  für  noch  länger.  Wenn  die 
Anzahl  seiner  Bewegungen  geringer  wird,  wächst  das  Leben. 

94.  Schwinden  des  Lebens,  sagt  man,  tritt  ein,  wenn  (diese 
Anzahl)  übermäßig  groß  wird  und  der  Atem  wind  aus  dem 
Innern  herausgegangen  ist.  Deshalb  tritt  der  Tod  auf  keinen 
Fall  ein,  so  lange  sich  der  Atem  im  Körper  befindet. 

95.  In  der  Verbindung  des  Topfes  [  --  Leibes]  mit  der 
Atemluft  besteht  das  Kevala-Kumhhaka  .  .  .^) 

98.  Am  ersten  Tage  halte  man  den  Atem  ein-  bis  vier- 
undsechzigmal  an  und  führe  die  Kevali  achtmal.  Wache  für 
Wache,  Tag  für  Tag  aus;  oder  aber  fünfmal;  und  wie  das  ge- 
macht wird,  will  ich  dir  sagen: 

99.  Frühmorgens,  mittags,  zur  Abendzeit,  um  Mitternacht 
und  im  vierten  Teile  der  Nacht.  Oder  man  führe  es  dreimal  des 
Tages  aus  (früh,  mittags  und  abends)  .  .  . 

In  H  (II,  71  ff.,  bei  Walter  p.  21)  heißt  es,  daß  der  Kum- 
bhaka  aus  zwei  Klassen  bestehe,  nämlich  aus  Sahita  und  Kevala. 
,,72.  Man  übe  Sahita,  bis  Kevala  geglückt  ist,  welcher  darin 
besteht,  daß  man  leicht  den  Atem  hemmen  kann,  ohne  Berück- 
sichtigung von  Recaka  und  Püraka. 

73.  Dieser  Kevalakumbhaka  wird  Pränäyäma  genannt, 
wenn  Kumbhaka  allein,  d.  h.  ohne  Berücksichtigung  des  be- 
sonderen Recaka  oder  Püraka,  ausgeführt  wird. 


1)  Die  englische  Übersetzung  lautet  danach:  „All  Jivas  [Lebewesen] 
are  constantly  and  unconsciously  reciting  this  Ajapä  Mantra,  only  for  a 
fixed  number  of  times  every  day.  But  a  Yogi  should  recite  this  consciously 
and  counting  the  numbers.  By  doubHng  the  number  of  Ajapä  (i.  e.  by  30 
respirations  per  minute)  the  state  of  Manonmani  (fixedness  of  mind)  is 
attained.  There  are  no  regulär  Rechaka  and  Püraka  [Aus-  und  Einatmen] 
in  this  process."  Der  gedruckte  Sanskrittext  verträgt  sich  nicht  mit  dieser 
Übersetzung;  anderseits  muß  ich  gestehen,  das  mir  daß  Verständnis  der 
Strophen  95 — 97  versagt  geblieben  ist. 


—       220      — 

Wenn  man  nach  dem  öfinen  der  Susumnä  die  Atemgeräusche  in  der 
Susumnä  hört,  so  ist  das  ein  Zeichen,  daß  der  Kevalakumbhaka  geglückt 
ist.     Xom. 

74.  Ist  Einer  durch  den  Kevalakumbhaka  fähig  geworden, 
nach  Beheben  den  Atem  anzuhalten,  so  gibt  es  für  ihn  nichts 
schwer  Erreichbares  in  den  drei  Welten. 

75.  Er  gelangt  sicher  zum  Ziel  des  Räjayoga.  Durch  den 
Kumbhaka  wird  die  Kundali  geweckt,  und  in  Folge  des  Erwachens 
der  Kundali  wird  die  Susumnä  von  Hindernissen  befreit  und 
Hathayoga  mit  Erfolg  gekrönt. 

76.  Ohne  Hathayoga  gelingt  der  Räjayoga  nicht,  ohne 
Räjayoga  gelingt  der  Hathayoga  nicht,  daher  soll  man  bis  zum 
Ende  beide  üben. 

77.  Hat  man  das  Atemhemmen  vermittelst  des  Kumbhaka 
vollbracht,  so  mache  man  den  Geist  (von  der  Sinnen  weit)  un- 
abhängig. Durch  eine  solche  Übungsmethode  erreicht  man  das 
Ziel  des  Räjayoga. 

78.  Schlankheit  des  Leibes,  ruhiger  Gesichtsausdruck, 
Offenbarung  des  Näda^),  klare  Augen,  Gesundheit,  Beherr- 
schung der  Elemente,  Verdauungsfeuer,  Reinheit  der  Nädi;  dies 
sind  die  Kennzeichen  des  Hathayoga." 

Unter  der  Zahl  der  Kumbhakas  hat  H  (II,  54 — 56  und  70; 
bei  Walter  p.  19  und  21)  noch  zwei  weitere,  Sltkärl  und  Plävinl, 
deren  Beschreibung  folgendermaßen  lautet:  ,,Mit  dem  Munde 
mache  man  den  Laut  ,,sit"  (d.  h.  man  lege  die  Zunge  zwischen 
die  Lippen  und  ziehe  die  Luft  ein.  Komm.)  und  durch  die  Nase 
atme  man  aus.  Durch  das  Ausführen  dieser  Übung  wird  man 
ein  zweiter  Kämadeva  [Liebesgott].  Er  wird  gleich  (an  Zauber- 
macht) dem  Kreise  der  Yogini  und  ist  imstande  die  sichtbare 
Welt  zu  vernichten.  In  ihm  entstehen  weder  Hunger,  noch 
Durst,  noch  Schlaf,  noch  Trägheit.  Durch  diese  Vorschrift  wird 
der  Körper  stark  und  der  vorzügliche  Yogin  sicher  vor  allen 
Angriffen  auf  diesem  Erdenrund  bewahrt." 

Plävini: 

,,Wenn  der  Yogin  seinen  Bauch  mit  eingeatmeter,  vor- 
züglicher Luft  füllt,  so  schwimmt  er  gleich  einem  Lotusblatt 
leicht  auf  tiefem  Wasser." 


1)  Des  ErkUngens  gewisser  Töne  bei  den  Atemübungen. 


—       221       — 

6.   Dhyäna   (Kontemplation). 

Unter  den  acht  Bestandteilen,  die  zur  Yoga-Praxis  gehören, 
bilden  die  drei  letzten  —  dhäranä,  ,, Festlegung  des  Denk- 
organs", d.  h.  das  Fixieren  des  infolge  des  Zurückziehens  der 
Sinne  von  den  Sinnesgegenständen  nicht  mehr  irritierten 
Denkens  auf  den  Nabel,  die  Nasenspitze  etc.;  dhyäna,  ,, Kontem- 
plation" und  samädhi,  ,, Versenkung"  —  den  eigenthchen  Kern 
des  Yoga,  seine  Inneres:  diese  inneren  ,, Teile"  {antaranga) 
machen  den  Räjayoga  aus.  Hatten  wir  in  den  Posituren  und 
ähnlichen  Praktiken  nur  Hilfsmittel  zum  Training,  so  handelt 
es  sich  jetzt  um  rein  innerliche  Übungen  des  Denkens,  um  seine 
Konzentration. 

Die  Gherandasamhitä  zerlegt  VI,  i  die  Kontemplation  in 
drei  Unterarten:  eine  grobe,  lichte  und  subtile  (sthüla,  jyotis 
und  süksma),  von  denen  die  erste  sich  auf  Gestalten,  z.  B.  die 
Person  des  Lehrers,  bezieht;  die  zweite  bezieht  sich  auf  Licht- 
komplexe, die  dritte  auf  Punkte. 

I.  Sthüladhyäna  (Gh.  V,  2 — 14). 

2.  Man  stelle  sich  im  Herzen  seines  eigenen  Leibes  das 
trefflichste  Nektarmeer  vor,  in  dessen  Mitte  aber  eine  Insel  aus 
Perlen,  deren  Sand  aus  schönen  Edelsteinen  besteht; 

3.  in  allen  vier  Himmelsgegenden  einen  mit  vielen  Blüten 
bedeckten  nipa-Baum^),  und  daß  sie  von  einer  Menge  von  nipa- 
Hainen  wie  mit  einem  Walle  umgeben  ist; 

4.  ferner  von  mälati-,  mallikä-,  jäti-,  kesara-,  campaka-, 
pärijäta-  und  sthalapadma-Bäumen^),  die  mit  ihrem  Dufte  die 
Himmelsgegenden  ergötzen. 

5.  Mitten  darunter  stelle  sich  der  Yogin  einen  herzerfreuen- 
den Wunschbaum  vor  mit  vier  Zweigen,  die  den  vier  Veden 
entsprechen;  beständig  von  Blüten  und  Früchten  bedeckt. 

6.  Bienen  summen  dort,  und  Kokilas  singen.  Dort  steUe 
er  sich  beharrlich  einen  Pavillon  aus  kostbaren  Edelsteinen  vor. 

7.  Darinnen  aber  sei  nach  der  Vorstellung  des  Yogins  ein 
überaus  reizendes  Ruhebett,  und  dort  stelle  er  sich  seine  Schutz- 


1)  Nauclea  Kadamba. 

2)  Jasminum  grandiflorum,  Jasminum  Sambac,  Muskatbaum,  Rottleria 
tinctoria,  Michelia  Champaka,  Erythrina  indica  und  Hibiscus  mutabilis. 


—       222        — 

gottheit  vor,  eine  Kontemplation,  wie  sie  ihm  von  seinem  Lehrer 
gesagt  worden  ist. 

8.  Wie  die  Gestalt  dieses  Gottes  ist,  wie  sein  Schmuck  und 
sein  Vehikel,  darüber  denkt  er  beständig  nach:  das  kennt  man 
als  sthüla-dhyäna. 

Eine  andere  Art: 

9.  An  dem  Pericarpium  in  einem  tausendblättrigen  Lotus 
denke  man  sich  einen  mit  zwöf  Deckblättern  versehenen  Lotus.  .  . 

10.  von  weißer  Farbe,  großer  Leuchtkraft  und  mit  den 
zwölf  Symbolen  ha,  sa,  ksa,  ma,  la,  va,  ra,  yu,  ha,  sa,  kha  und 
phre  der  Reihe  nach  beschrieben. 

11.  Darinnen  aber,  am  Pericarpium,  sei  ein  Linienhaus 
(Dreieck)  a,  ka,  kha  mit  den  drei  Ecken  ha,  la,  ksa,  und  dadrin 
steht  Om. 

12.  Dort  stelle  man  sich  eine  reizende,  aus  Näda  und  Bindu 
bestehende  Bank  vor;  darauf  befindet  sich  ein  Schwanenpaar 
und  ein  Schuh. 

13.  Dort  stelle  man  sich  den  Lehrer  als  Gott  vor,  mit  zwei 
Armen  und  drei  Augen,  als  weißgekleideten  Gott,  mit  weißen 
Parfüms  und  Salben, 

14.  einem  Kranze  aus  weißen  Bäumen,  begleitet  von  der 
roten  5akti.  Auf  Grund  der  Vorstellung  eines  solchen  Lehrers 
ergibt  sich  das  sthüla-dhyäna. 

2.  Jyotirdhyäna  (Gh.  VI,  15 — 18). 

15.  ...  Durch  das  Jyotir-  (oder  Tejo-)dhyänam  erlangt  man 
Vollkommenheit  im  Yoga  und  sieht  den  Ätman  leibhaftig. 

16.  Am  Perinaeum  ist  die  Kundalini,  an  Aussehen  und  Ge- 
stalt wie  eine  Schlange ;  dort  befindet  sich  der  Jivätman  von  der 
Form  der  Flamme  einer  Lampe.  Man  stelle  sich  diesen  als  das 
aus  Licht  bestehende  Brahma  vor,  so  ist  dies  Tejodhyäna. 

17.  Im  Nabelrund  befindet  sich  die  mit  Feuer  verbundene 
Sonnenscheibe:  man  betrachte  dies  große,  alles  durchdringende 
Licht,  so  ist  das  eben  Tejodhyäna. 

Eine  andere  Art: 

18.  Das  seinem  Wesen  nach  in  Om  bestehende  Licht 
zwischen  den  Brauen,  oberhalb  des  Manas,  betrachte  man  als 
mit  Flammenreihen  verbunden:  das  ist  eben  Tejodhyäna. 


—       223       — 

3-  Süksma-dhyäna  (Gh.  VI,  19 — 23). 

19.  Wenn  jemandes  Kundali  auf  Grund  eines  großen  Glück- 
falls erwacht  ist 

20.  und  nach  Verbindung  mit  dem  Ätman  aus  den  Augen- 
höhlen hinausgegangen  ist,  wandelt  sie  auf  der  Hauptstraße^) 
und  wird  infolge  ihrer  großen  Beweglichkeit  nicht  gesehen. 

21.  Vermittelst  der  sämbhavl  mudrä  hat  der  Yogin  Erfolg 
bei  dem  Kontemplations-Yoga.  Dieses  Süksma-dhyäna  ist  ge- 
heim zu  halten;  selbst  für  die  Götter  ist  es  schwer  erreichbar. 

22.  Hundertmal  besser  als  das  Sthüla-dhyäna  nennt  man 
das  Tejodhyäna;  hunderttausendmal  besser  als  das  Tejodhyäna 
ist  das  allervorzüglichste  Süksma-dhyäna. 

23.  So  habe  ich  dir,  o  Canda,  den  sehr  schwer  zu  erreichen- 
den Kontemplations-Yoga  vorgetragen.  Weil  dabei  der  Ätman 
leibhaftig  erscheint,  darum  ist  die  Kontemplation  etwas  ganz 
Besonderes. 

7.  Samädhi  („Versenkung";  Gh  VIT,  i— 16;  H  IV,  i  ff.). 
Im  System  des  Yoga  ist  die  Versenkung  derjenige  Ab- 
schluß, in  dem  das  Denken  und  das  Objekt  des  Denkens  völlig 
in  eins  zusammenfließen.  Natürlich  wissen  die  Inder  auch  hier 
noch  verschiedene  Grade  zu  eruieren  und  kommen  von  der  Ver- 
senkung, in  der  noch  Bewußtsein  vorhanden  {samprajnäta),  das 
noch  mit  Keimen  behaftet  ist  (sabija),  zu  derjenigen  höheren 
Form,  die  als  bewußtlos  (asamprajnäta)  oder  keimlos  (nirbija) 
bezeichnet  wird. 

Die  Gherandasarnhitä  läßt  sich  darüber  folgendermaßen  aus : 

1.  Samädhi  ist  der  Höhepunkt  des  Yoga  und  wird  (nur) 
durch  einen  großen  Glücksfall  erreicht.  Man  gewinnt  sie  dank 
dem  Mitleiden  des  Lehrers  und  infolge  der  innigen  Verehrung 
desselben. 

2.  Der  Yogin,  welcher  Vertrauen  zum  Wissen,  Vertrauen  zu 
seinem  Lehrer,  Vertrauen  zu  sich  selbst  und  einen  mit  jedem 
Tage  mehr  erleuchteten  Geist  besitzt,  der  gelangt  sogleich  zu 
der  sehr  schönen  Praktik  (der  Samädhi). 

3.  Nachdem  er  den  Geist  von  seinem  Gefäße  abgesondert 


1)  „Astral  Light"  erklärt  der  englische  Übersetzer. 


—       224      — 

hat,  soll  er  Einssein  mit  dem  Parätman  herstellen :  das  erkenne 
er  als  Samädhi,  als  Befreitsein  von  allen  Zuständen  etc. 

4.  ,,Ich  bin  Brahma  und  kein  anderer;  Brahma  ist  ich;  ich 
empfinde  keinen  Kummer ;  ich  bin  der  Gestalt  nach  Sein,  Denken 
und  Wonne;  für  immer  erlöst,  durch  mich  selbst  existierend." 

5.  (Je  nachdem  Samädhi)  durch  sämbhavi-,  khecarl-,  bhrä- 
man-  oder  yoni-mudrä  (erreicht  wird,)  ist  sie  vierfach:  i.  dhyäna, 
2.  näda,  3.  rasänanda  und  4.  layasiddhi. 

6.  Fünfteilig  wird  sie  durch  den  Bhakti-Yoga,  sechsteilig 
durch  Manomürchä.  So  ist  dieser  Räjayoga  sechsfach;  nach 
seinen  einzelnen  Teilen  möge  man  ihn  kennen  lernen. 

1.  Dhyänayoga-Samädhi. 

7.  Nachdem  man  die  sämbhavl-mudrä  vorgenommen  hat, 
bringe  man  den  Ätman  zur  Perzeption;  und  nachdem  man 
Brahma  als  in  einem  Punkte  bestehend  erblickt  hat,  richte  man 
den  Geist  darauf. 

8.  Bring  den  Ätman  in  den  Äther  hinein  und  bringe  den 
Äther  in  den  Ätman  hinein;  wenn  man  den  Ätman  als  Äther 
erblickt,  bemerkt  man  sonst  nichts  weiter.  Ganz  aus  beständiger 
Wonne  bestehend  befindet  sich  der  Mensch  dann  in  Samädhi. 

2.  Nädayoga-Samädhi. 

9.  Man  führe  den  bhrämari-Kumbhaka  aus,  wobei  man  den 
Wind  mit  mäßiger  Geschwindigkeit  einatmet,  und  stoße  die 
Luft  ganz  langsam  wieder  aus;  dann  erkhngt  der  Laut  der 
Biene. 

10.  Wenn  man  den  innerlichen  Bienenlaut  vernommen  hat, 
richte  man  den  Geist  darauf.  Dabei  ergibt  sich  Samädhi  und 
daher  die  Überzeugung:  ,,Ich  bin  Wonne!" 

11.  Wenn  infolge  der  Ausführung  der  khecari-mudrä  die 
Zunge  nach  oben  gerichtet  ist,  erreicht  man  glücklich  Samädhi 
und  kann  auf  die  gewöhnlichen  Praktiken  verzichten. 

3.  Rasänandayoga-Samädhi. 

12.  Nachdem  man  die  yoni-mudrä  fertiggebracht  hat,  ist 
man  selbst  aus  Sakti  zusammengesetzt  und  wandelt  im  schönen 
Affekt  der  Liebe  im  Paramätman. 

4.  Layasiddhiyoga-Samädhi. 

13.  Nachdem  man  ganz  Wonne  geworden  ist,  stelle  man 
sich   Einssein    mit   Brahma   vor   und   Zweitlosigkeit    in    dem 


—      225      — 

Gedanken:     ,,Ich    bin    Brahma."      Dadurch    ergibt    sich    Sa- 
mädhi. 

5.  Bhaktiyoga-Samädhi. 

14.  In  seinem  Herzen  meditiere  man  über  die  Wesenheit 
seiner  Schutzgottheit  und  stelle  sich  vermittelst  liebevoller  Ver- 
senkung vor,  daß  sie  im  höchsten  Grade  erquickend  wirkt. 

15.  Unter  Wonne  tränen  und  -schauem  ergibt  sich  dann 
Nichtexistenz  der  Zustände;  daraus  folgt  Samädhi,  und  es  folgt 
Manonmani. 

6.  Räjayoga-Samädhi. 

16.  Nachdem  man  zur  Betäubung  des  Geistes  gelangt  ist, 
verbinde  man  den  Geist  mit  dem  Ätman.  Infolge  der  Vereinigung 
mit  dem  Paramätman  erreicht  man  Samädhi. 


Die  Hathayogapradipikä  kennt  diese  Unterscheidung  nicht, 
sondern  gibt  in  IV,  82  ff.  (bei  Walter  p.  49  ff.)  folgende  mehr 
allgemein  gehaltene  Darstellung: 

82.  ,,Der  Yogin  halte  die  Ohren  mit  den  Händen  zu,  und 
wenn  er  einen  Laut  hört,  so  konzentriere  er  seinen  Geist  darauf, 
bis  er  selbst  unbeweglich  wird. 

83.  Dieser  Näda  [Laut],  in  den  man  sich  versenkt,  schließt 
jeden  äußeren  Laut  aus.  Wenn  ein  Yogin  nach  14  Tagen  alle 
Unruhe  überwunden  hat,  so  wird  er  glückselig. 

84.  Zu  Anfang  der  Übung  wird  ein  lauter  verschiedenartiger 
Näda  vernommen,  dann  bei  fortgesetzter  Übung  ein  feinerer 
und  feinerer. 

85.  Zuerst  (d.  h.  wenn  der  Atem  zum  Brahmarandhra  ge- 
langt, Komm.)  klingt  es  wie  vom  Meere,  von  einer  Wolke 
(d.  h.  Donner),  einer  großen  Trommel  und  einem  Jharjhara,  in 
der  Mitte  wie  von  einem  Mardala,  einer  Muschel,  einer  Glocke, 
einem  Kähala. 

86.  Endlich  wie  der  Ton  eines  Glöckchens,  eines  Rohres, 
einer  Laute,  einer  Biene.  Diese  mannigfachen  Laute  hört  man 
in  der  Mitte  des  Körpers. 

^y.  Nachdem  man  die  großen  Laute,  wie  die  von  Wolke 
und  großer  Trommel,  gehört  hat,  empfindet  man  immer  feinere 
Laute. 

Schmidt,  Fakire  und  Fakirtum.  IC 


—      226      — 

88.  Hat  der  Geist  den  lauten  Ton  aufgegeben,  so  ergötze 
er  sich  an  dem  leisen  und  umgekehrt ;  aber  man  soll  den  leicht- 
zerstreuten Geist  nicht  auf  etwas  Anderes  richten. 

89.  Auf  welchen  Laut  auch  immer  sich  der  Geist  zuerst 
richte,  in  den  soll  er  sich  ganz  versenken,  mit  dem  soll  er  ver- 
nichtet werden. 

90.  Wie  die  Blütensaft  trinkende  Biene  sich  nicht  um  den 
Duft  kümmert,  so  verlangt  auch  der  in  den  Näda  versenkte  Geist 
nicht  nach  den  Sinnesgegenständen. 

91.  Jener  spitze  Näda-Stachel  ist  wohl  imstande  den  im 
Sinnengarten  umherwandernden  brünstigen  Elephanten,  den 
Geist,  zu  zähmen. 

92.  Durch  die  Banden  des  Näda  gefesselt  legt  der  Geist 
seine  Unruhe  ab  und  gelangt  zu  vollkommener  Unbeweglichkeit, 
gleich  dem  Vogel,  dessen  Flügel  gebrochen  sind. 

93.  Der  nur  auf  Eines  gerichtete  Geist,  der  die  Yoga- 
herrschaft zu  erlangen  wünscht,  soll,  nachdem  er  allem  Denken 
entsagt  hat,  sich  ganz  in  den  Näda  versenken. 

94.  Der  Näda  ist  die  Schlinge  zum  Einfangen  der  Geistes- 
antilope und  der  Jäger  zum  Erlegen  derselben. 

95.  Er  ist  dem  Pferd,  d.  h.  dem  Geist  des  Yogin,  der  Quer- 
balken. Daher  sollte  der  Yogin  beständig  auf  die  Versenkung 
in  den  Näda  bedacht  sein. 

96.  Gerade  wie  das  ,, gebundene"  von  seiner  Beweglichkeit 
befreite  Quecksilber  durch  die  Absorption  von  Schwefel  dazu 
gelangt,  in  den  unabhängigen  Äther  zu  kommen,  so  gelangt  auch 
der  gefesselte  Geist  durch  die  Absorption  des  Näda  zu  Brahma. 

97.  Gerade  wie  die  Schlange  durch  das  Hören  eines  Lautes 
schnell  Alles  vergißt,  mit  gespannter  Aufmerksamkeit  horcht 
und  nirgends  mehr  hinläuft,  so  auch  der  Geist. 

98.  Im  Holz  ist  das  Feuer  thätig,  mit  dem  Holz  hört  es  auf; 
auf  den  Näda  ist  das  Bewußtsein  gerichtet,  mit  dem  Näda  wird 
es  vernichtet. 

99.  Wenn  einer  sich  auf  das  Auflegen  des  Pfeiles,  d.  h.  das 
Hemmen  des  Athems,  versteht,  so  wird  es  ihm  leicht,  die  Anti- 
lope zu  erlegen,  d.  h.  das  durch  Versenkung  in  die  verschiedenen 
Näda,  wie  ghanta  (Glocke)  usw.  starrgewordene  Bewußtsein  zu 
vernichten. 


—       22/       — 

100.  Wird  der  Anähatadhvani  vernommen,  so  muß  das 
innerste  Wesen  dieses  Lautes  erfaßt  werden,  worein  sich  dann 
der  Geist  versenke.  So  wird  das  Bewußtsein  vernichtet.  Dies 
ist  des  Vishnu  höchster  Ort. 

loi.  So  lange  der  Laut  gehört  wird,  dauert  auch  das  Bilden 
des  Äthers.  Die  lautlose  Stelle  heißt  Parabrahma  und  Para- 
mätma. 

102.  Was  in  der  Form  des  Näda  gehört  wird,  das  ist  die 
Sakti;  der  den  Tattva  ein  Ende  bereitende  Formlose  aber  ist 
Brahma. 

103.  Alle  Mittel  von  Hatha  und  Laya  führen  zum  Erfolg 
im  Räjayoga;  wer  den  Räjayoga  erklommen  hat,  der  wird  den 
Tod  überwinden. 

104.  Der  Geist  ist  der  Same,  Hatha  das  Feld,  höchste  Ent- 
sagung das  Wasser.  Durch  diese  drei  entsteht  sofort  die  Zauber- 
liane Unmani. 

105.  Immer  wird  durch  Versenken  in  den  Näda  die  Menge 
der  Sünden  vernichtet ;  und  im  Brahma  werden  sicher  Bewußtsein 
und  Athem  vernichtet. 

106.  Den  Näda  der  Muschel  und  der  Dundubhi-Trommel 
hört  der  Yogin  nimmer,  (denn)  durch  die  Unmani  wird  der 
Körper  sicher  wie  ein  Stück  Holz  (d.  h.  er  wird  sehr  bald  kata- 
leptisch). 

107.  Von  allen  Zuständen  befreit,  von  allen  Gedanken  ver- 
lassen ist  nun  der  Yogin  gleich  einem  Todten,  aber  erlöst. 

108.  Der  Yogin,  der  Samädhi  erreicht  hat,  wird  vom  Tode 
nicht  verzehrt,  vom  Karaia  nicht  gequält  und  von  keinem 
Andern  erreicht. 

109.  Der  Yogin,  der  Samädhi  erreicht  hat,  kennt  weder 
Geruch,  noch  Geschmack,  noch  Farbe,  noch  Tastgefühl,  noch 
Laut,  noch  sich  selbst,  noch  einen  Andern. 

iio.  Sein  Geist  schläft  nicht,  auch  wacht  er  nicht,  ist  von 
Erinnerung  und  Vergessen  befreit;  er  geht  nicht  zu  Grunde, 
auch  entsteht  er  nicht;  wer  das  (i.  e.  Samädhi)  erreicht  hat,  der 
ist  erlöst. 

III.  Der  Yogin,  der  Samädhi  erreicht  hat,  kennt  weder 
Kälte  noch  Wärme,  weder  Glück  noch  Unglück,  weder  Ehre  noch 
Verachtung. 

15- 


—       228       — 

112.  Wer  gesund  und  im  wachen  Zustand  gleich  einem 
Schlafenden  verweilt  und  weder  ein-  noch  ausathmet,  der  ist 
sicher  erlöst. 

113.  Der  Yogin,  der  Samädhi  erreicht  hat,  ist  unverletzlich 
für  alle  Waffen,  von  Sterblichen  nicht  zu  überwältigen,  un- 
angreifbar für  Zauberei. 

114.  So  lange  der  umherziehende  Athem  sich  nicht  in  der 
Sushumnä  bewegt,  so  lange  nicht  durch  das  feste  Hemmen  des 
Athems  der  Näda  ertönt,  so  lange  nicht  bei  der  Meditation  die 
der  eigenen  Natur  gleiche  Wesenheit  entsteht,  so  lange  spricht 
man  (blos)  von  Wissen,  und  Alles  ist  trügerisches  eitles  Ge- 
schwätz." 


Nachtrag. 

Übersetzung  von  S.   201/2. 

84.  Zwei  Dinge,  die  nicht  jeder  beliebige  bekommen  kann, 
will  ich  hier  erwähnen :  das  eine  davon  ist  Milch,  das  andere  eine 
willfährige  Frau. 

85.  Der  Yogin  zwinge  beim  Koitus  den  Samen  durch  Zu- 
sammenziehung, daß  er  langsam  ansteigt,  auf  welche  Weise 
Mann  und  Frau  die  Vajroli  en-eichen  können. 

86.  Mit  einem  geeigneten  Rohre  blase  der  Yogin  sorgsam 
und  langsam  in  die  Öffnung  des  Penis,  um  demx  Winde  einen 
Weg  zu  bahnen. 

87.  Er  zwinge  durch  Übung  den  Tropfen,  der  in  den  Schoß 
der  Frau  fallen  will,  umzukehren ;  wenn  aber  der  eigene  Tropfen 
schon  gefallen  ist,  zwinge  er  ihn  umzukehren  und  behalte  ihn. 

8S.  Der  Yogin,  der  so  den  Tropfen  bewahrt,  wird  den  Tod 
besiegen;  denn  wie  der  gefallene  Tropfen  den  Tod  bedeutet, 
ebenso  bedeutet  der  zurückgehaltene  das  Leben. 

89.  Wenn  der  Tropfen  bewahrt  wird,  entsteht  am  Körper 
ein  angenehmer  Duft;  woher  Furcht  vor  dem.  Tode,  so  lange 
der  Tropfen  im  Körper  behalten  \\drd? 

90.  Auf  den  Geist  stützt  sich  der  männliche  Same,  auf  den 
Samen  das  Leben;  daher  sind  Geist  und  Samen  sorgfältig  zu 
bewahren  .  .  . 


4* 


—      229      

99-  Wenn  die  Frau,  nachdem  sie  vermittelst  ihrer  durch 
Übung  erlangten  Erfahrenheit  den  Samen  des  Mannes  aufge- 
nommen hat,  auf  dieselbe  Weise  [durch  Vajroli]  auch  das 
Menstrualblut  behalten  kann,  heißt  sie  Yogini. 

100.  Sie  wird  ohne  Zweifel  vom  Menstrualblut  nichts  ver- 
lieren; in  ihrem  Körper  vereinigt  sich  näda  mit  anusvära. 

loi.  Wenn  Tropfen  und  Menstrualblut  im  Körper  ver- 
einigt werden,  erlangt  die  Frau  durch  die  Vajroli  genannte 
Übung  jegliche  Vollendung. 

102.  Diejenige,  welche  das  Menstrualblut  oben  behalten 
kann,  nachdem  sie  es  zum  Steigen  gezwungen  hat,  ist  eine 
Yogini;  sie  kennt  Vergangenheit  und  Zukunft,  und  wird  sicher- 
lich eine  Khecari  (d.  h.,  erlangt  die  Fähigkeit,  in  der  Luft  zu 
wandeln). 


Im  gleichen  Verlage  erschien: 

Geschichte  der  öfFentlichen 
Sittlichkeit  in  Rußland 

Von  Bernhard  Stern 

2  Bände  mit  50  Illustrationen.     Über  1000  Seiten. 
Preis   15  M.     In  Originalbänden   18  M. 

Jeder  Band  ist  für  sich  abgeschlossen  und  einzeln  käuflich: 
I.  M.  7. — ,  geb.  M.  9. — ;  IL  M.  10. — ,  geb.  M.  12. — 

Dieses  Buch  schließt  sich  in  mehr  als  einer  Beziehung  an 
Sterns  großes  kulturgeschichtliches  Werk:  „Medizin,  Aber- 
glaube und  Geschlechtsleben  in  der  Türkei"  (2  Bände, 
854  Seiten,  Verlag  von  Herm.  Barsdorf)  an,  da  es  dem  Leser 
gleichfalls  in  gewaltigen  Zügen  die  Leidenschaften, 
Sitten,  Gebräuche,  sowie  das  so  scharf  einschneidende 
Sexualleben  mit  seinen  Auswüchsen  und  Ungeheuer- 
lichkeiten, die  erotische  Literatur  usw.  eines  mächtigen 
östHchen  Reiches  vor  Augen  führt. 

Aber  dies  neue  Werk  umfaßt  noch  weitere  Gebiete  und 
ist  dank  dem  fast  verwirrenden  Reichtum  seines  Inhalts  eine 
wahrhaft  grundlegende  Geschichte  der  Zivilisation  in 
Rußland,  ein  Werk,  das  bisher  noch  von  niemandem  ge- 
schrieben wurde,  ja  das  noch  keiner  zu  schreiben  in  irgend- 
einer Sprache  unternommen  hat.  Von  der  Fülle  seines 
Inhalts  geben  die  nachfolgenden  Andeutungen  sowie  das  am 
Ende  befindliche  Inhaltsverzeichnis  Kenntnis.  Stern  schil- 
dert auf  historischer  Basis  die  Entwickelung  der  Kultur, 
Bildung  und  Sittlichkeit,  führt  uns  zurück  in  die  heid- 
nischen Zeiten  und  Sitten  und  geleitet  uns  dann  stufen- 
weise durch  die  Fortschritte  des  Zarenreiches  bis  zu  den 
Epochen,  da  Rußland  christlich,  da  es  endlich  europäisch 
wurde.  Dann  aber  entwickelt  er  vor  unseren  Augen  das  krasse 
Bild  der  Macht  der  Finsternis,  die  noch  heute  Rußland  gefangen 


hält.  Dies  zeigt  sich  nicht  nur  im  Volksaberg-lauben,  sondern 
auch  in  den  noch  überaus  zahlreich  erhaltenen,  unleugbar  un- 
erschütterten heidnischen  Gebräuchen  und  Vorstellung-en.  Die 
weite  Verbreitung  solcher  Heiden-Sitten  durch  das  ganze  russische 
Völkergemisch  lernen  wir  kennen,  da  der  Verfasser,  wie  in 
seinem  Buche  über  die  Türkei,  immerfort  historische  und  ethno- 
graphische Parallelen  und  Vergleiche  heranzieht. 

Eingehend  werden  in  einigen  Kapiteln  die  Kirche  und 
das  Mönchtum  und  ihr  Einfluß  auf  die  Kultur  und  Sittlichkeit 
in  Rußland  behandelt,  daran  schließt  sich  eine  Schilderung  des 
Sekten  Wesens,  namentlich  jener  Sekten,  welche  unter  religiösem 
Deckmantel  erotische  Ziele  verfolgen;  z.  B.  die  Sekte  der 
„Lichtauslöscher",  der  ,, Heilenden",  der  „Erzeuger 
von  Gottesmüttern  und  Erlösern";  auch  die  Sekte  der 
,,Skopzen"  wird  von  neuen  Gesichtspunkten  betrachtet.  Andere 
Kapitel  behandeln  die  geradezu  furchtbare  russische 
Grausamkeit,  das  Weib,  das  intime  Geschlechtsleben, 
sexuelle  Entartungen,  die  Sittlichkeit  des  Hofes,  des 
Adels  und  des  Volkes,  Hochzeitsbräuche,  Ehebruch, 
Prostitution,  Syphilis,  die  erotische  Literatur  usw.  Mit 
alledem  ist  der  Inhalt  dieses  groß  angelegten  und  in  ernster 
Arbeit  durchgeführten  Werkes  nicht  erschöpft.  Der  Ver- 
fasser konnte  aus  dem  Vollen  schöpfen,  denn  er  begab  sich 
bei  dieser  Arbeit  wieder  einmal  zurück  auf  seinen  heimat- 
lichen Boden  und  war  daher  in  der  Lage,  das  Werk  vor- 
wiegendauf russischem,  wenig  oder  gar  nicht  beachtetem, 
den  Nichtrussen  überhaupt  schon  aus  Unkenntnis  der  russi- 
schen Sprache  ganz  unzugänglichem  Quellenmaterial  aufzubauen. 
Doch  hat  er  auch  alles  verwendbare  Material  anderer,  nicht- 
russischer Autoren  gewissenhaft  zu  Rate  gezogen  und  dies 
durch  Fußnoten  Seite  um  Seite  kenntlich  gemacht.  Ein  um- 
fangreiches Namen-  und  Sachregister  wird  dies  hoch- 
interessante und  bedeutende  Werk,  das  für  den  P'orscher  auf 
dem  Gebiete  der  Kultur-  und  Sittengeschichte  eine  unerschöpf- 
liche Fundgrube  bildet  und  für  jeden  gebildeten  Laien  eine 
ebenso  fesselnde  wie  belehrende  Lektüre  sein  wird,  abschließen. 

Der  Reichtum  dieses  epochemachenden  Werkes,  das  eine 
einzige,  furchtbare  Anklage  gegen  Rußland  bildet,  kann 
durch  die  nachfolgenden  Kapitelüberschriften  nur  an- 
gedeutet, nicht  erschöpft  werden! 

Vielfachen  Wünschen  entsprechend  wurde  auch  bei  diesem 
Werke  die  Bandzahl  nur  durch  einen  [^)  resp.  zwei  (**)  Sterne 
bezeichnet,  es  ist  daher  jeder  Band  ohne  weiteres  einzeln 
käuflich  und  trägt  den  Charakter  eines  in  sich  abgeschlossenen 
Buches. 


Der  erste  Band  *  umfaßt: 

I.  Kultur  und  Aberglaube,  i.  Die  russische  Kultur.  2.  Der 
Barbier  als  Erzieher.  3.  Dekorative  Bildung.  4.  Aberglaube 
und  Verbrechen.  5.  Geister,  Zauberer  und  Hexen.  6.  Heiden- 
tum und  Orthodoxie.  II.  Kirche,  Klerus  und  Sekten. 
7.  Religion  und  Popentum.  8.  Unsitten  im  Mönch  tum.  9.  Hei- 
ligenkult und  Mystizismus.  10.  Sektenwesen.  11.  Erotische 
Sekten  und  Flagellanten.  12.  Selbstverstümmler  und  Skopzen. 
III.  Russische  Laster.  13.  Ehrbegriff,  Duell  und  Verbrechen. 
14.  Lügensucht.  15.  Diebstahl.  16.  Korruption.  17.  Trunk- 
sucht. 18.  Bettelwesen.  IV.  Russische  Vergnügungen. 
19.  Jagd  und  Hazardspiele.  20.  Kirchenfeste  und  Volksfeste. 
21.  Hofnarren  und  Maskeraden.  22.  Tanz  und  Bälle.  23.  Musik 
und  Theater.  24.  Rauchen  und  Tabakbuden.  25.  Bäder. 
V.  Russische  Leiden.  26.  Schicksalsglaube  und  Selbstmord. 
27.  Feuer,  Hunger  und  Pestilenz.  28.  Medizin  und  Aberglaube. 
29.  Räuberwesen  und  Revolutionen. 


Der  zweite  Band  **  umfaßt: 

VI.  Russische  Grausamkeit,  30.  Grausamkeit  der  Herr- 
schenden. 31.  Grausamkeit  in  der  Verwaltung.  32.  Todes- 
strafen und  Gliederstrafen.  33.  Prügelstrafe  und  Züchtigungs- 
instrumente. 34.  Gefängnisse,  Verbannung,  Folter.  35.  Sklaven- 
sinn und  Leibeigenschaft.  36.  Grausamkeit  des  Volkes. 
37.  Grausamkeit  im  Familienleben.  VII.  Das  Weib  und  die 
Ehe.  38.  Geschichte  der  russischen  Frau.  39.  Stellung  der 
Frau  bei  den  nichtrussischen  Völkern  Rußlands.  40.  Frauen- 
raub und  Frauenmarkt.  41.  Schönheitsideal,  Schminke  und 
Liebe.  42.  Hochzeitsbräuche  und  -lieder  der  Russen,  43.  der 
nichtrussischen  Völker  Rußlands.  44.  Ehescheidung.  45.  Ehe- 
bruch. 46.  Uneheliche  Kinder,  krimineller  Abortus  und  Kindes- 
mord. VIII.  Geschlechtliche  Moral.  47.  Erziehung  der 
Jugend.  48.  Schamgefühl  und  Keuschheit.  49.  Probenächte. 
50.  Koitus  und  Religion.  51.  Snochatschestwo.  IX.  Prosti- 
tution, Gleichgeschlechtliche  Liebe,  Syphilis.  52.  Un- 
sittlichkeit  des  Hofes.  53.  Öffentliche  Prostitution.  54.  Onanie, 
Päderastie,  Sodomie.  55.  Syphilis.  X.  Folkloristische  Do- 
kumente. 56.  Sittlichkeitsgesetze.  57.  Das  erotische  und 
obszöne  Element  in  Literatur  und  Illustration.  58.  Lexikalisches 
Intermezzo.  59.  Erotische  und  skatologische  Lieder,  Sprüche, 
Rätsel.    60.  Erotische  und  obszöne  Anekdoten  und  Erzählungen. 

Register. 


Im  Verlage  von  Hermann  Barsdorf  in  Berlin  W.  30  erschien: 

GESCHICHTE  der  ÖFFENTLICHEN 

SITTLICHKEIT  IN  RUSSLAND. 

Von  BERNHARD  STERN. 

Verfasser  von  „MEDIZIN,  ABERGLAUBE  UND  GESCHLECHTSLEBEN  IN  DER  TÜRKEL 

2  Bände.  Lexikon-Format.  Über  1000  Seiten.  Mit  50 
teils  farbigen  Illustrationen  und  dem  Porträt  des  Autors, 

Elegant  brosch.  M.  15. — .  In  2  Originalbänden  M.  18. — . 
Dasselbe;  Liebhaber- Ausgabe  in  Quart  (2  Bände) 
broschiert  M.  25. — .    In  Pergament -Bänden  M.  40. — . 

Jeder  Band  der  einfachen  Ausgabe  ist  abgeschlossen  und  einzeln  käuflich! 

INHALT  UND  EINZELPREISE: 

♦  KULTUR  UND  ABERGLAUBE    —   DIE  RUSSISCHE  KIRCHE, 

DER  KLERUS  UND  DIE  SEKTEN  —  RUSSISCHE  LASTER  — 

RUSSISCHE  VERGNÜGUNGEN  —  RUSS.  LEIDEN.  502  Seiten  mit 

29  teils  farbigen  lUustr.     Eleg.  brosch.  M.  7.—.  Originalband  M.  9. — . 

**  RUSSISCHE  GRAUSAMKEIT  —  WEIB  UND  EHE  —  GE- 
SCHLECHTLICHE MORAL  —  UNSITTLICHKEIT  (Prostitution, 
Bordelle,  Badewesen,  Onanie,  Päderastie,  Sodomie,  Syphilis  usw.)  — 
DIE  DOKUMENTE  DER  UNSITTLICHK^ElT  (Sittlichkeitsgesetze, 
Unsittlichkeit  in  Kunst  und  Literatur,  Lexikalisches,  geheime  obszöne 
Lieder,  erotische  Erzählungen,  Sprichwörter,  Rätsel  usw.).  Register 
über  beide  Bände.  Über  500  Seiten  mit  22  interessanten  Illustrationen 
u.  d.  Porträt  d.  Autors.    Eleg.  brosch.  M.  10.—.    Originalband  M.  12.—. 

Sterns  Werk  Ober  die  Geschichte  drr  Öffentlichen  Sittlichkeit  resp.  Unsittlichkeit  in  Rufeland 
ist  das  erste,  das  irgrendeine  Literatur  auf  diesem  Gebiete  aufzuweisen  hat.  Stern,  der  selbst 
Russe  von  Geburt  ist,  konnte  eine  Reihe  wichtiger  russischer  Quellen  benutzen,  die  bisher 
unbekannt  waren.  Er  schildert  in  lebendi|ren  Farben  und  mit  dem  schonungslosen  Eifer  des 
Wahrheitssuchers.  Sein  Buch  ist  in  hohem  Grade  aktuell!  Man  verlange  ausführlichen  Prospekt ! 

DER  MARQUIS  DE  SADE  UND  SEINE  ZEIT, 

Ein  Beitrag  zur  Kultur-  und  Sittengeschichte  des  18.  Jahrhunderts  mit 
besonderer  Beziehung  auf  die  Lehre  von   der   Psychopathia  sexualis. 

Von  Dr.  EUGEN  DÜHREN. 

4.  Aufl.    544  Seiten.    1906.    Eleg.  brosch.  M.  10.—,  geb.  M.  11.50 

Dasselbe:  Liebhaber-Ausgabe  in  Quart  (1901)  M.  20. — . 

Dühfens  Werk  über  den  berüchtigten  Verfasser  der  Justine  und  Juliette  ist  das  gnmdlegende  und  umfas- 
sendste Werk,  das  in  irgend  einer  Sprache  existiert.  Indem  der  Verfasser  stets  die  Zeit  und  die  Menschen, 
die  Sitten  und  Gebräuche  des  18.  Jahrhunderts  zur  Erklärung  des  Lebens  und  der  Werke  des  Marquis  de 
Sade  schildert,  wird  sein  Buch  ein  kultur-  und  sittengeschichtliches  Dolniment  allerersten  Ranges,  an  dem 
kein  Gebildeter  achtlos  vorübergehen  kann,  der  sich  für  die  Lehre  der  Psychopathia  sexualis  interessiert. 


Im  Verlage  von  Hermann  Barsdorf  in  Berlin  W.  30  erschien: 

MEDIZIN,  ABERGLAUBE  UND  GE- 
SCHLECHTSLEBEN IN  DER  TÜRKEI. 

Mit  Berücksichtigung  der  moslemischen  Nach- 
barländer und  ehemaligen  Vasallenstaaten,  nnn 

Von  BERNHARD  STERN. 

2  Bände.    Lexikonformat.    854  Seiten,    ä  Band  Mk.  10. — . 
In  Leinw.  geb.  ä  Mk.  12. — .  In  1  eleg.  Halbf ranzbd.  Mk.  24.—. 

Jeder  Band  ist  abgeschlossen  und  einzeln  käuflich! 

Dasselbe:  Liebhaberausgabe  in  Quart,  nur  in  20  numerierten 
Exemplaren  gedruckt^  M.  30. — .   —  Nur  komplet  lieferbar  1 

INHALT: 

Kapitell— 24:  MEDIZIN  UND  ABERGLAUBE  (Orientalische  Kurpfuscher,  Spezialisten  für 
Augenleiden,  Wahnsinn,  Chirurgen,  Barbiere,  Heilmittel,  Totenbräuche,  Krankheitszauber, 
Amulette,  Knoblauch,  Mandragora,  Beschwörungen,  Poltergeister,  Vampyre,  Mystische  Krank- 
heitsursachen, Das  Jahr  und  seine  Tage,  Vorbedeutung,  Zahlenaberglaube,  Die  Tierwelt  in  der 
Krankheitsmystik  usw.).  —  Kapitel  25 — 57:  GESCHLECHTSLEBEN  (Liebe  und  Liebeszauber, 
Ehe  im  Islam,  Frauen  Mohammeds,  Pflichten  und  Rechte  der  moslem. Eheleute,  Ehescheidung, 
Ehebruch,  Hochzeitsgebräuche,  Beschaffenheit  der  Braut  und  des  Bräutigams,  Sexuelles  Lexikon, 
Menstruation,  Schamgefühl  und  Keuschheit,  Lasterhaftigkeit,  Prostitution,  Das  Vorgehen  beider 
Geschlechtsfunktion,  deren  Arten,  Päderastie  und  Sodomie,  Eunuchen  und  Perversitäten,  Onanie 
und  künstliche  Instrumente,  Geschlechtskrankheiten,  Impotenz,  Fruchtbarkeit  u.  Unfruchtbarkeit, 
Abortus,  Hebeammen,  Gebräuche  i.  d.  Schwangerschaft,  Die  Niederkunft,  Die  Wöchnerin,  Mutter- 
milch u.  Ammen,  Das  Kind,  Knaben  u.  Mädchen,  Mißgeburten  und  Namensgebung,  Beschneidung). 

Sterns  Werk  über  den  Orient  ist  von  der  gesamten  Presse  als  das  grundlegende, 
erschöpfendste  anerkannt.  Es  birgt  für  den  Kultur-  und  Sittenforscher,  wie 
für  den  gebildeten  Laien  eine  unerschöpfliche  Fundgrube!   oooooo 

GESCHICHTE  der  ÖFFENTLICHEN 
SITTLICHKEIT  IN  DEUTSCHLAND.. 

Von  Dr.  WILHELM  RUDECK. 

2.  vermehrte  und  verbesserte  Auflage. 

514  Seiten  mit  58  hochinteressanten  Illustrationen.   Broschiert  M.  10.—. 
Leinwandband  M.  11.50.     Halbfranzband  M.  12. — . 

INHALT:  DIE  öffentliche  Sittlichkeit  im  gewöhnlichen  verkehr  (Bade- 
wesen, Prostitution,  Kleidung,  Vergnügungen  und  Spiele,  Stammbücher,  Erziehung  der  Jugend, 
Sprichwörter.  Volkslieder).  DIE  ÖFFENTLICHE  SITTLICHKEIT  BEI  FESTEN  (die  grüßen 
Feste  des  Jahres,  die  Hochzeit).  DIE  ÖFFENTLICHE  SITTLICHKEIT  IM  RECHT,  IN  DER 
KIRCHE,  IN  KUNST  UND  LITERATUR    (Theater,  Flugschriften,  Literatur  usw.).   O  o  O  O 

Rudecks  interessantes  Werk,  das  erste,  welches  eine  zusammenhängende  Darstellung  der 
Geschichte  der  öffentlichen  Sittlichkeit  in  Deutschland  brachte,  fand  gleich  in  der  ersten  Auflage 
großen  Beifall  und  hat  sich  jetzt  in  seiner  erweiterten  Gestalt  in  der  Gunst  all  derer  befestigt,  die 
sich  für  Kultur-  und  Sittengeschichte  interessieren.  Es  ist  ein  aufklärendes  Werk,  doppelt  nützlich 
in  einer  Zeit,  die  denunzierende  Sittlichkeitsvereine  und  Sittlichkeitskonferenzen  züchtetu.  zeitigt. 

SPAMERSCHE  BUCHDRUCKEREI  IN  LEIPZIG 


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